Warum keine Partei, kein Präsident und kein Erlöser dich rettet
von Dawid Snowden
Vorbemerkung
In diesem Buch berufe ich mich auf Gedanken von Philosophen und Psychologen, und wenn ich einen von ihnen zitiere oder seine Einsicht aufgreife, so bedeutet das nicht, dass ich sein gesamtes Werk oder seine Weltanschauung teile. Kein Denker hat in allem recht behalten, und mancher, der in einer Frage tief sah, irrte in der nächsten gründlich. Mir geht es nicht um Gefolgschaft, sondern um die Mühe, die Spreu vom Weizen zu trennen und das Sinnvolle vom Sinnentleerten zu scheiden. Ich nehme von jedem, was der Sache dient, und lasse liegen, was ihr nicht standhält.
I. Das letzte Übel im Fass
Die Hoffnung stirbt zuletzt. Kaum ein Satz wird so oft und so beifällig wiederholt, und kaum einer gilt so selbstverständlich als wahr. Hoffnung erscheint als das Edelste, was der Mensch in sich trägt, als Quelle von Kraft, Ausdauer und seelischer Festigkeit, und tatsächlich besitzt sie diese Kraft. Sie hilft, Krisen zu überstehen, Rückschläge zu verkraften und selbst unter schweren Bedingungen nicht vollständig zu zerbrechen. Die psychologische Forschung bestätigt diese Wirkung in großer Zahl, denn Menschen, die für ihre Zukunft eine Aussicht erkennen, bewältigen Belastungen nachweislich besser als jene, die jede Erwartung auf Besserung verloren haben. Hoffnung ist in diesem Sinne eine lebenswichtige Ressource, und niemand sollte sie leichtfertig verachten.
Und doch trägt sie, wie beinahe jeder seelische Mechanismus, eine verborgene Kehrseite. Schon der antike Mythos, aus dem unsere Vorstellung von ihr stammt, kannte diese Doppelnatur. Als Pandora das Fass öffnete, das die Götter den Menschen geschenkt hatten, entwichen ihm alle Übel der Welt, und einzig die Hoffnung blieb darin zurück. Die fromme Auslegung sieht in diesem Verbleib einen Trost, gleichsam das letzte Gut, das dem Menschen erhalten wurde. Friedrich Nietzsche hat in Menschliches, Allzumenschliches diese Auslegung mit einem einzigen Gedanken umgestürzt und das Zurückgebliebene nicht als Geschenk, sondern als das hinterhältigste aller Übel gedeutet. Zeus habe dem Menschen die Hoffnung gerade deshalb gelassen, damit dieser, so sehr er auch gequält werde, sein Leben nicht wegwerfe, sondern fortfahre, sich immer von neuem quälen zu lassen. Sie sei, schrieb Nietzsche, in Wahrheit das übelste der Übel, weil sie die Qual der Menschen verlängert.
Dieser Gedanke ist der Ausgangspunkt meiner Überlegungen. Ich behaupte damit nicht, dass Hoffnung wertlos sei, denn das wäre ebenso einseitig wie ihre kritiklose Verehrung. Ich behaupte etwas Genaueres und Unbequemeres. Hoffnung wird in dem Augenblick gefährlich, in dem sie aufhört, ein Antrieb zur Veränderung zu sein, und beginnt, die Veränderung selbst zu ersetzen. Aus der Kraftquelle wird dann ein Beruhigungsmittel, aus dem Funken, der zum Handeln treibt, ein Schlafmittel, das jedes Handeln überflüssig erscheinen lässt. Der Mensch hofft nicht mehr, um tätig zu werden, sondern er hofft, damit er nicht tätig werden muss. An genau dieser Stelle verwandelt sich die zuversichtlichste aller Empfindungen in einen Mechanismus der Lähmung, und die Mauern des Käfigs, in dem ein Mensch sitzt, beginnen ihm als bloß vorübergehende Unannehmlichkeit zu erscheinen, die ein anderer schon beseitigen werde.
Dieser andere trägt in der deutschen Gegenwart wohlbekannte Namen. Wer sich von den herrschenden Verhältnissen betrogen fühlt, richtet seine Erwartung gern auf eine Kraft, die als Bruch mit dem Bestehenden auftritt, auf die AfD und ihre Galionsfigur Alice Weidel, auf das Bündnis um Sahra Wagenknecht oder, im selben Bedürfnis nur anders gefärbt, auf die Basis und auf jede weitere Bewegung, die sich als endlich ehrliche Alternative anpreist. Ich nehme keine dieser Kräfte zum Gegner und keine zum Verbündeten, denn mein Gegenstand ist nicht ihr Programm, sondern die Erwartung, die der Einzelne an sie heftet. Eben diese Erwartung, so lautet die These der folgenden Kapitel, ist die feinste Fessel von allen, und der Satz, der diesem Buch den Namen gibt, gilt für jede Partei und jede Figur gleichermaßen. Keine von ihnen wird dich retten.
II. Wenn die Kraftquelle zum Beruhigungsmittel wird
Um zu verstehen, wie aus einer Tugend eine Fessel wird, muss man den Menschen so betrachten, wie die Verhaltensforschung ihn beschreibt, und nicht so, wie er sich selbst gern sähe. Das Gehirn bevorzugt grundsätzlich den Weg des geringsten Widerstandes. Handeln kostet Kraft, Veränderung erzeugt Unsicherheit, und Verantwortung bedeutet, ein Risiko zu tragen, dessen Ausgang niemand kennt. Solange auch nur die Aussicht besteht, ein Missstand könne sich von selbst auflösen, sinkt die Bereitschaft, die mit seiner Lösung verbundenen Konflikte, Opfer und Gefahren auf sich zu nehmen. Hoffnung liefert in dieser Lage etwas außerordentlich Bequemes, nämlich das angenehme Bild einer besseren Zukunft, ohne dass in der Gegenwart auch nur ein einziger Schritt getan werden müsste.
So entsteht ein Zustand, den man in nahezu jedem Bereich des gesellschaftlichen Lebens beobachten kann. Menschen erkennen Fehlentwicklungen mit großer Klarheit, sie beklagen Ungerechtigkeiten, sie kritisieren Entscheidungen und empören sich über wachsende Einschränkungen ihrer Freiheit, und dennoch bleibt ihr eigenes Verhalten unverändert. Der Grund dafür liegt selten in mangelnder Einsicht oder fehlendem Wissen, denn das Problem ist meist längst erkannt. Er liegt in einem stillen seelischen Schutz, der die unbequeme Frage abwehrt, welchen eigenen Beitrag man selbst zu leisten hätte. Die Hoffnung auf eine künftige Lösung senkt den empfundenen Druck der Gegenwart so weit ab, dass aus dem dringenden Handlungsbedarf eine ruhige Erwartung wird. Man muss nichts tun, weil man hofft, und man hofft, gerade weil man nichts tun will. In dieser doppelten Bewegung verbirgt sich der ganze Mechanismus, dem die folgenden Kapitel nachgehen.
III. Die ausgelagerte Verantwortung
Sobald der Mensch der unbequemen Frage nach dem eigenen Beitrag ausweicht, braucht er eine Stelle, an die er die Verantwortung abtreten kann, und diese Stelle liegt stets außerhalb seiner selbst. Die nächste Wahl werde die Wende bringen, die nächste Partei das Versäumte nachholen, der nächste Politiker endlich aufräumen, und die nächste Bewegung den ersehnten Durchbruch erzwingen.
Die Namen wechseln mit den Jahreszeiten der Politik, doch die seelische Bewegung dahinter bleibt immer dieselbe, denn sie verlagert die Last des Handelns auf eine vermeintliche Autorität und befreit den Einzelnen von der bedrückenden Erkenntnis, dass womöglich er selbst gefordert wäre. Es ist gleichgültig, welchen Namen diese Autorität trägt. Ob die Hoffnung sich an die AfD oder an die Basis heftet, an einen Putin, einen Trump oder einen Orbán, oder, in einer älteren Schicht desselben Bedürfnisses, an eine Kirche, einen Engel oder eine Gottheit, ändert an ihrer Funktion nicht das Geringste. Was diese Adressaten verbindet, ist nach meiner Überzeugung nicht ihr Programm und nicht ihre Richtung, sondern die Rolle, die ihnen zugewiesen wird, denn sie alle dienen demselben Zweck, nämlich die eigene Untätigkeit erträglich zu machen.
Die Psychologie kennt für die seelische Spätfolge dieser Auslagerung einen Begriff, der hier wörtlicher zutrifft, als den meisten lieb sein dürfte. Martin Seligman und Steven Maier beschrieben in den sechziger Jahren die erlernte Hilflosigkeit, jenen Zustand, in dem ein Lebewesen, das wiederholt die Erfahrung macht, dem Geschehen nichts entgegensetzen zu können, schließlich auch dann nicht mehr handelt, wenn ein Ausweg offensteht. Die spätere Forschung hat dieses Bild verfeinert und in einem entscheidenden Punkt sogar umgekehrt, denn nach heutiger Deutung ist die Passivität nicht das Erlernte, sondern die ursprüngliche Reaktion auf anhaltende, scheinbar unkontrollierbare Belastung, und erlernt wird im Gegenteil die Erfahrung der eigenen Wirksamkeit, die diese Lähmung erst durchbricht.
Für unseren Zusammenhang bedeutet das nichts Geringeres, als dass der Mensch nicht erst zur Untätigkeit erzogen werden muss, sondern in sie zurückfällt, sobald ihm niemand mehr zeigt, dass sein Tun einen Unterschied macht. Wer über Jahre lernt, dass die eigene Stimme verhallt und die eigene Anstrengung nichts bewegt, hört irgendwann auf, Alternativen überhaupt noch zu erwägen. Er richtet seine Hoffnung nach außen, weil ihm das Vertrauen nach innen abhandengekommen ist, und die Hoffnung wird ihm dann nicht zum Aufbruch, sondern zum Trostpflaster über der eigenen Ohnmacht.
IV. Die Erschöpfung als Methode
Zu dieser inneren Lähmung tritt eine äußere, die in modernen Gesellschaften eine entscheidende Rolle spielt, nämlich die fortgesetzte Erschöpfung des Menschen. Der größte Teil der Bevölkerung verbringt den überwiegenden Teil seines Lebens damit, den eigenen Unterhalt zu sichern, und Arbeit, Rechnungen, Pflichten, Behördengänge und finanzielle Sorgen binden so viel Aufmerksamkeit und Kraft, dass am Abend kaum etwas übrig bleibt. Nach einem langen Arbeitstag besitzen die wenigsten noch die geistige Frische, sich mit den grundlegenden Fragen ihres Gemeinwesens auseinanderzusetzen. Sie funktionieren innerhalb ihrer Routinen, erfüllen, was von ihnen verlangt wird, und versuchen, den nächsten Tag zu überstehen, ohne nach den Ursachen zu fragen, die ihre Lage bestimmen.
Die verbleibende Zeit, jene Stunden also, die nach der täglichen Verausgabung übrig bleiben, wird meist mit Unterhaltung, mit den sozialen Medien, mit Nachrichten und Serien gefüllt. Diese Beschäftigungen erfüllen eine echte seelische Aufgabe, denn sie senken den Stress und verschaffen eine kurze Entlastung, und gerade darin liegt ihre Tücke. Sie wirken wie der Rausch, der den Abhängigen für einen Abend ruhiger werden lässt, ihn am nächsten Morgen aber unverändert in dieselbe Lage zurückwirft, in der er sich erneut um den Stoff bemühen muss, der ihn betäubt.
Die Ablenkung lindert das Unbehagen, ohne seine Quelle auch nur zu berühren, und sie verhindert eben dadurch die tiefere Auseinandersetzung mit den Ursachen. Der Mensch kommt erschöpft nach Hause, sucht Erholung und findet Zerstreuung, und am folgenden Morgen beginnt derselbe Kreislauf von vorn. Aus Tagen werden Wochen, aus Wochen Jahre und aus Jahren ein ganzes Leben, in dem die Hoffnung auf Besserung beständig fortbesteht, während sich nichts verändert und die Bereitschaft zu wirklicher Veränderung mit jedem Jahr weiter abnimmt. Nicht weil die Probleme unsichtbar wären, sondern weil die seelischen Kosten ihrer Lösung als zu hoch erscheinen.
Dass Herrschaft sich der Betäubung bedient, ist keine neue Beobachtung. Seit jeher dient die jenseitige Verheißung als Trost, der das Leiden erträglich macht, statt seine Bedingungen zu beseitigen, und nicht ohne Grund hat man sie mit einem Rauschmittel verglichen, das beruhigt, ohne zu heilen. Was einst die Aussicht auf ein besseres Jenseits leistete, leistet heute ein dichteres und wirksameres Netz aus permanenter Zerstreuung, das den Menschen rund um die Uhr umgibt. Der Befund bleibt derselbe. Eine Bevölkerung, die ihre letzte Kraft in der Zerstreuung verausgabt, besitzt keine mehr, um die Verhältnisse zu befragen, unter denen sie sich verausgabt.
V. Die Angst vor dem Verlust
Selbst wer die Erschöpfung überwindet und die Lähmung durchschaut, stößt auf ein letztes, tief verwurzeltes Hindernis, das die Verhaltensökonomie genauer vermessen hat als jede frühere Menschenkunde. Daniel Kahneman und Amos Tversky haben in ihren Arbeiten zur Entscheidung unter Unsicherheit gezeigt, dass der Mensch einen Verlust deutlich schwerer gewichtet als einen gleich großen Gewinn. Der drohende Wegfall des Vorhandenen schmerzt stärker, als die Aussicht auf etwas Besseres lockt, und diese Schieflage der Empfindung prägt unzählige Entscheidungen, ohne dass wir uns ihrer bewusst würden. Sie erklärt, warum Menschen in Verhältnissen ausharren, die sie als ungerecht, belastend oder unwürdig empfinden. Nicht weil sie diese Verhältnisse gutheißen, sondern weil die Ungewissheit eines Bruchs ihnen bedrohlicher erscheint als das vertraute Leiden, an das sie sich gewöhnt haben.
So entsteht eine Lage, die der eines Gefangenen gleicht, der die Abläufe seiner Anstalt bis in die kleinste Einzelheit kennt und gerade in dieser Vertrautheit eine perverse Form von Sicherheit findet. Die bekannte Last wiegt leichter als die unbekannte Freiheit. Und diese Rechnung ist keineswegs nur eingebildet, denn die Risiken des Widerspruchs sind in vielen Fällen sehr real. Wer seine Existenzgrundlage gefährdet sieht, wer finanzielle Verpflichtungen trägt, weil das System sie ihm abverlangt, wer eine Familie zu versorgen hat oder bereits beobachten musste, wie abweichende Meinungen mit gesellschaftlicher Ausgrenzung, mit Hausdurchsuchungen, mit dem Entzug von Kindern oder mit Haft beantwortet werden, entwickelt eine verständliche Scheu vor jedem Risiko.
Die Angst vor dem Verlust der Arbeit, vor sozialer Vereinsamung, vor finanziellen Nachteilen oder vor staatlichen Sanktionen kann dazu führen, dass ein Mensch selbst dann schweigt, wenn er die Verhältnisse innerlich längst verurteilt hat. Statt den riskanten Weg des offenen Widerstands zu gehen, der mit Kontopfändung, Kindesentzug oder Haft enden könnte, weicht er auf das scheinbar Gefahrlose aus und sucht seine Lösung in den Parteisystemen, die ihn jedoch allein in der Hoffnung halten, weil sich durch diese Wahl für die Herrschaft nichts zu ihrem Nachteil verändert. An dieser Stelle bin ich zur Vorsicht verpflichtet, denn die Schwere dieser Folgen setzt keinen abgestimmten Vorsatz voraus, sondern erklärt sich aus der abschreckenden Wirkung, die jede Macht entfaltet, sobald der Preis des Widerspruchs hoch genug erscheint. Und in genau diesem Klima der wohlbegründeten Furcht wird die Hoffnung auf eine äußere Rettung zur willkommensten aller Entlastungen, weil sie das Schweigen rechtfertigt, ohne es Schweigen zu nennen.
VI. Keine Hoffnung ohne Furcht
Dass Hoffnung und Furcht in dieser Weise zusammenwirken, ist kein Zufall, sondern liegt in ihrer gemeinsamen Wurzel. Baruch de Spinoza hat in seiner Ethik mit größter Klarheit ausgesprochen, dass es keine Hoffnung ohne Furcht und keine Furcht ohne Hoffnung gibt. Beide nannte er unbeständige Regungen, die aus der Vorstellung eines ungewissen Ausgangs entspringen, und beide entstehen demselben Mangel, nämlich dem Mangel an klarer Erkenntnis. Wer hofft, fürchtet im selben Atemzug, dass das Erhoffte ausbleibe, und wer fürchtet, hofft zugleich, dass das Gefürchtete sich nicht erfülle. Spinoza zog daraus einen für dieses Buch entscheidenden Schluss, denn nicht das eine gegen das andere zu setzen befreit den Menschen, sondern allein das Begreifen der Ursachen, das beide Regungen zugleich auflöst. Solange der Mensch von Hoffnung und Furcht hin und her geworfen wird, ist er nicht der Urheber seines Lebens, sondern der Spielball seiner Vorstellungen, und ebendiese Abhängigkeit verband Spinoza ausdrücklich mit dem Aberglauben und mit der willigen Knechtschaft jener, die sich lieber lenken lassen, als selbst zu erkennen.
Die moderne Psychologie hat denselben Vorgang in nüchternere Worte gefasst. Leon Festinger beschrieb in seiner Theorie der kognitiven Dissonanz das Unbehagen, das entsteht, wenn Überzeugung und Verhalten auseinanderfallen. Wer einen Missstand klar erkennt und dennoch nichts gegen ihn unternimmt, gerät in eben diesen inneren Widerspruch, und weil der Mensch ihn schwer erträgt, sucht er nach einer Erzählung, die ihn auflöst. Er redet sich ein, die nächste Wahl werde alles wenden, die richtigen Leute kämen schon noch an die Macht, oder die Entwicklung korrigiere sich am Ende von selbst. Solche beruhigenden Geschichten senken den Druck augenblicklich, ohne dass sich auch nur das Geringste an den Tatsachen ändern müsste. Hoffnung und Furcht, von Spinoza als Geschwister erkannt, finden hier ihre praktische Verbindung, denn die Furcht vor den Kosten des Handelns wird durch die Hoffnung auf eine fremde Lösung so weit gemildert, dass der innere Widerspruch verstummt und der Mensch in seiner Untätigkeit ruhen kann.
VII. Der Austausch der Schauspieler
Eine Herrschaft, die von dieser Mechanik weiß, muss die Hoffnung nicht fürchten, sie muss sie nur regelmäßig erneuern. Sinkt das Vertrauen in die handelnden Gesichter zu tief, so genügt es, die Gesichter auszutauschen und die Hoffnung dadurch frisch zu halten, ohne an den Verhältnissen selbst etwas zu ändern. Es verhält sich wie bei Coca-Cola, das in immer neuer Aufmachung dasselbe gezuckerte Wasser auf den Markt wirft, damit die vertraute Käuferschaft erhalten bleibt, während das Zuckerwasser um keinen Deut gesünder wird.
Nicht anders steht es um den Vorstand eines maroden Unternehmens, der ausgewechselt wird, damit die Belegschaft glaubt, nun werde alles besser, während der Betrieb dieselben unbrauchbaren Erzeugnisse herstellt und am Ende dennoch zugrunde geht. Der Wechsel der „Puppe" erzeugt das Gefühl eines Neuanfangs, und dieses Gefühl ist die eigentliche Ware, denn es kauft Geduld, ohne Leistung erbringen zu müssen. Darin liegt, wie ich meine, eine der ältesten Techniken der Machterhaltung, nämlich den verständlichen Wunsch nach Veränderung durch das bloße Versprechen von Veränderung zu sättigen.
In der Gegenwart hat diese Technik wirksame Verstärker gefunden. Wo früher die Verheißung von Kanzel und Thron getragen wurde, übernehmen heute Multiplikatoren mit großer Reichweite die Aufgabe, einer Partei, einer Figur oder einer Bewegung den Anschein des Rettenden zu verleihen. Ich vergleiche dieses Anpreisen mit den betrügerischen Wellen, die man von wertlosen Spekulationsobjekten kennt, bei denen bezahlte Stimmen ein Erzeugnis ohne inneren Wert so lange bewerben, bis genügend Menschen es kaufen und der Anstieg jenen Gewinn bringt, der von Anfang an das einzige Ziel war.
Auf ähnliche Weise, so meine Lesart, wird die Begeisterung für die jeweils neueste Hoffnung des Wahlvolks geschürt, gleich ob sie Weidel heißt und unter dem Zeichen der AfD auftritt oder ob sie Wagenknecht heißt und ihr eigenes Bündnis trägt, damit die Menschen ihre Erwartung in sie legen und in ebendieser Erwartung verharren. Das Erzeugnis, das hier beworben wird, ist nicht die Person, sondern das Gefühl, endlich einen gefunden zu haben, der es richten werde, und dieses Gefühl verkauft sich umso besser, je lauter es angepriesen wird. So wird die Verantwortung ein weiteres Mal nach außen gereicht, und der Einzelne muss nichts weiter tun, als zu warten, bis er alt und grau geworden ist, ohne dass die erhoffte Wende ihn je erreicht. Es ist meine ausdrückliche Überzeugung und nicht ein erwiesener Tatbestand, dass viele dieser Begeisterungen weniger gewachsen als hergestellt sind, doch wer einmal gesehen hat, wie schnell sich Stimmung kaufen lässt, wird den Verdacht nicht mehr los.
VIII. Die Droge Hoffnung
An diesem Punkt tritt die Verwandtschaft der Hoffnung mit der Sucht in ihrer ganzen Schärfe hervor. Wie jede Droge lindert sie ein unangenehmes Gefühl, ohne dessen Ursache zu beseitigen, und wie jede Droge verlangt sie nach Wiederholung. Auch der Abhängige kennt die zerstörerischen Folgen seines Tuns sehr genau, und dennoch setzt er den Konsum fort, weil die kurze Erleichterung unmittelbarer wirkt als die ferne Einsicht in den Schaden. Der Stoff beseitigt nicht die Not, sondern allein ihr Symptom, und ebenso verhält es sich mit der Hoffnung, sobald sie zur dauerhaften Ersatzhandlung geworden ist. Sie beruhigt, sie vertröstet und sie stabilisiert, während die Verhältnisse, die das Leiden erzeugen, unangetastet weiterbestehen. Nietzsches Pandora kehrt hier in nüchterner Gestalt wieder, denn das letzte Übel im Fass erweist sich als das ausdauerndste, gerade weil es sich als Trost verkleidet.
Diese Eigenschaft macht die Hoffnung zu einem überaus brauchbaren Werkzeug der Herrschaft, und die Geschichte zeigt, dass Mächtige aller Art es seit jeher genutzt haben. Dauerhafte Herrschaft wird selten allein durch offene Gewalt aufrechterhalten, denn Gewalt erzeugt Widerstand und Unterdrückung weckt Fluchtgedanken. Hoffnung dagegen erzeugt Geduld, und Geduld ist der bequemste Verbündete jeder Macht. Schon Hochstapler im Priestergewand verstanden es, Menschen mit der Ankündigung eines Naturschauspiels wie einer Sonnenfinsternis zu beeindrucken und ihre vermeintliche Verbindung zu höheren Mächten zu beweisen. Solange die Beherrschten überzeugt sind, ihre Lage werde sich bald durch neue Parteien, neue Staatslenker oder eine höhere Fügung bessern, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass sie die bestehenden Strukturen grundsätzlich angreifen oder eigene Wege suchen. Der angesammelte Unmut wird kanalisiert und in folgenlose Erwartung umgeleitet, und die Aussicht auf eine künftige Lösung wirkt dabei oft stärker als die handgreifliche Erfahrung der gegenwärtigen Not. Die Herde bleibt ruhig, weil sie hofft, und sie wird weiter geschoren, weil sie ruhig bleibt.
IX. Die eingepflanzte Ohnmacht
Damit dieser Kreislauf sich von selbst trägt, genügt es nicht, dem Menschen eine äußere Hoffnung anzubieten, man muss ihm zugleich den Glauben an die eigene Kraft nehmen. Hier wirkt die feinste und zugleich wirksamste Komponente des ganzen Mechanismus, denn dem Einzelnen wird beständig eingeredet, er sei zu gewöhnlich, zu ungebildet und zu beschränkt, um sein eigenes Leben zu ordnen, geschweige denn die Welt zu verändern. Die Veränderung, so lautet die stille Botschaft, sei eine Sache der Politiker und der Fachleute des Systems, und der gewöhnliche Mensch habe sich auf das Hoffen und das Abwarten zu beschränken. Wer diese Botschaft lange genug hört, beginnt sie zu glauben, und der Zweifel an den eigenen Fähigkeiten wird ihm zur zweiten Natur.
Diese eingepflanzte Selbstabwertung ist die Vollendung der erlernten Ohnmacht, von der ein früheres Kapitel sprach. Solange ein Mensch sich selbst für unfähig hält, etwas zu bewegen, wird er tatsächlich nichts bewegen, nicht weil ihm die Mittel fehlten, sondern weil er sie gar nicht erst zu ergreifen wagt. Er übernimmt damit freiwillig jene Rolle des Unmündigen, die ihm zugewiesen wurde, und bestätigt durch sein Verharren genau das Urteil, das ihn lähmt. Die Hoffnung auf die Experten und die Mächtigen ist in dieser Lage nicht mehr Ausdruck eines Vertrauens, sondern das Eingeständnis eines Misstrauens gegen sich selbst, und ebendieses Misstrauen ist die Bedingung, unter der die Auslagerung der Verantwortung überhaupt erst dauerhaft gelingt. Wer den Menschen klein hält, muss ihn nicht mehr fesseln, denn er fesselt sich selbst.
X. Die Rückgewinnung der Zeit
Am Ende dieses Weges steht keine Verdammung der Hoffnung, sondern eine Unterscheidung, die über alles entscheidet. Hoffnung ist an sich weder gut noch schlecht, und ihre Wirkung hängt einzig davon ab, ob sie einen Menschen zum Handeln bewegt oder ob sie ihm lediglich einen Vorwand liefert, weiter abzuwarten. Sie kann durch die dunkelsten Zeiten tragen und die Kraft schenken, Krisen zu überstehen, die oft genug von ebenjenen Strukturen verursacht wurden, in deren Schatten die Menschen leiden.
Dieselbe Hoffnung kann jedoch dazu führen, dass ein Mensch seine Verantwortung dauerhaft an andere abtritt, notwendige Entscheidungen endlos aufschiebt und sich mit Zuständen einrichtet, die er innerlich ablehnt. Sobald sie nicht mehr der Ausgangspunkt der Veränderung ist, sondern an deren Stelle tritt, verliert sie ihren befreienden Charakter und verwandelt sich in ein Mittel der Selbstberuhigung, das den Menschen in vertrauten Bahnen hält und seine Bereitschaft zur Eigenverantwortung schwächt. Er glaubt dann, sich auf eine Lösung zuzubewegen, während er in Wahrheit keinen Schritt tut, und die Hoffnung vermittelt ihm das Gefühl eines Fortschritts, wo in Wirklichkeit Stillstand herrscht.
Die größte Gefahr besteht deshalb nicht darin, dass Menschen an eine bessere Zukunft glauben, sondern darin, dass sie glauben, diese Zukunft werde auch dann eintreten, wenn niemand bereit ist, die nötige Veränderung selbst herbeizuführen. Wo die Hoffnung das Handeln nicht beflügelt, sondern ersetzt, wird sie vom Werkzeug der Befreiung zum Instrument der Lähmung, und sie bringt den Menschen dahin, die Mauern seines Käfigs nicht mehr als Gefängnis wahrzunehmen, sondern als vorübergehende Unbequemlichkeit, die irgendwann irgendjemand für ihn beseitigen werde. Während er wartet, vergeht jedoch das einzige Gut, das sich niemals zurückgewinnen lässt, nämlich seine Zeit.
Der Ausweg, den ich hier andeute, ist deshalb kein neuer Glaube und keine neue Autorität, denn jede neue Autorität wäre nur ein weiterer Adressat der alten Auslagerung. Er liegt dort, wo Spinoza ihn vermutete, in der klaren Erkenntnis der Ursachen, die Hoffnung und Furcht zugleich entmachtet, und er liegt in jener Erfahrung der eigenen Wirksamkeit, die nach dem heutigen Verständnis die Lähmung durchbricht. Keine Partei wird einen Menschen retten, kein Präsident, kein Erlöser und keine Bewegung.
Nicht die AfD und nicht Alice Weidel, nicht das Bündnis um Sahra Wagenknecht und nicht die Basis, so wenig wie ein Putin, ein Trump oder ein Orbán, denn der Fehler liegt nicht in der Wahl des Retters, sondern im Warten auf einen Retter überhaupt. Gerade diese ernüchternde Einsicht ist nicht Anlass zur Verzweiflung, sondern der erste freie Atemzug. Denn wer aufhört, auf den Retter zu warten, hat die Zeit, die ihm bleibt, wieder in die eigene Hand genommen, und er beginnt zu handeln, solange das Handeln noch etwas ändern kann.
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