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Chatkontrolle - An der digitalen Hundeleine
Chatkontrolle - An der digitalen Hundeleine

Eine Streitschrift über den 9. Juli 2026 und die Infrastruktur, die uns überleben wirdStand: 10. Juli 2026Dawid SnowdenZur Einordnung: Dieser Text ist eine Streitschrift. Er führt bewusst und mit voller Härte die Argumente gegen die Chatkontrolle, er ist kein neutraler Lagebericht. Die Fakten, Zahlen und Paragraphen sind belegt und nachprüfbar (siehe Quellen).Zwei Dinge vorweg, damit niemand aneinander vorbeiredet: Es gibt zwei Chatkontrollen, und man muss sie auseinanderhalten, sonst wird man entweder in Panik oder in falsche Sicherheit geredet.Chatkontrolle 1.0 ist die freiwillige Variante. Sie erlaubt Konzernen wie Meta, Google oder Microsoft, die Kommunikation ihrer Nutzer freiwillig nach Missbrauchsmaterial zu durchsuchen. Sie ist eine befristete Ausnahme vom europäischen Vertraulichkeitsgebot. Genau diese Variante wurde am 9. Juli 2026 im EU-Parlament durchgewinkt, verlängert bis 2028. Sie betrifft nach aktuellem Stand unverschlüsselte Inhalte; die Ende-zu-Ende-verschlüsselte Kommunikation wurde per Änderungsantrag ausdrücklich ausgenommen.Chatkontrolle 2.0 ist die verpflichtende Variante, die dauerhafte CSA-Verordnung, über die parallel im sogenannten Trilog verhandelt wird. Sie könnte Anbieter zwingen, auch verschlüsselte Kommunikation direkt auf dem Gerät zu durchleuchten. Sie ist noch nicht beschlossen. Sie ist die eigentliche Bestie. Und sie ist noch nicht tot.Einleitung: Der Strick und der HundStell dir einen Menschen vor, dem man einen Strick um den Hals gelegt hat. Noch ist er nicht fest gezurrt, sondern locker genug, dass der Mensch atmen, reden und leben kann. Doch jedes Mal, wenn er das Falsche sagt, zieht eine unsichtbare Hand ihn ein Stück weiter zu, Wort für Wort, Zentimeter für Zentimeter. Nach einer Weile merkt der Mensch, dass er sich freier fühlt, wenn er schweigt, und so beginnt er zu schweigen. Er hat sich angepasst.Oder stell dir einen Hofhund vor mit einem GPS-Halsband. Er darf über den Hof laufen, so weit er will, bis zu einer unsichtbaren Linie. Überschreitet er sie, kassiert er einen Stromschlag. Nach ein paar Tagen läuft der Hund nicht mehr an die Linie heran. Er läuft nicht einmal mehr in ihre Nähe. Man muss den Zaun gar nicht mehr elektrisch halten. Der Hund trägt den Zaun jetzt im Kopf.Das ist keine Metapher über Hunde. Das ist die Blaupause der Chatkontrolle.Immer dann, wenn die Herrschenden merken, dass die Bevölkerung langsam aufhört mitzuspielen, muss die Machtstruktur alles Erdenkliche im Vorfeld vorbereiten, um die breite Masse später durch Kontrolle, oder notfalls durch Gewalt, bei der Stange zu halten. Aus genau diesem Vorbereitungsdrang sind historisch die Geheimdienste entstanden: Sie dienten den Herrschenden, beschnüffelten die Bevölkerung und erstickten jeden Umsturz im Keim. Geheimdienste sind die Grundsäule jeder Herrschaft, gefolgt vom Gewaltmonopol aus Polizei und Militär, betrieben mit einem Betriebssystem aus Ideologie, Unterwerfung und falsch verstandener Loyalität.Wir befinden uns gerade in einem transformativen Prozess. Der Sklave 1.0 soll auf Sklave 2.0 upgedatet werden. Der Sklave 1.0 musste noch von echten Menschen abgehört werden, personalintensiv, teuer und lückenhaft. Der Sklave 2.0 kann effizienter und vollständiger nicht nur überwacht, sondern gesteuert werden. Echtzeit-Algorithmen künstlicher Intelligenz stellen jedem Herrscher die Fähigkeit bereit, im Bruchteil einer Sekunde eine Sanktion zuzustellen, egal ob es die Transaktion ist, die die Selbstbedienungskasse verweigert, das E-Gate, das einen nicht mehr in den Supermarkt lässt, oder das EES-System an der Grenze, das dem Sklaven 2.0 das Verlassen der eigenen 15-Minuten-Zone verwehrt.Die Überwachung ist keine neue Geschichte. Sie ist so alt wie die Menschheit. Neu ist nur die Skalierung. Früher schnitt ein Beamter ein Telefonat mit. Heute laufen die Sprachnachrichten von WhatsApp, Telegram und Signal durch Voice-to-Text-Modelle, werden in Text verwandelt, und ein Algorithmus liest in Echtzeit mit, Millionen Nachrichten gleichzeitig. Gibt es Menschen, die sich über einen Messenger für eine Demonstration organisieren wollen? Der Stream wird abgefangen, ausgewertet, gemeldet, und die Einsatztruppe der Polizei ist unterwegs, bevor der erste Mensch das Haus verlässt. So arbeiten autoritäre Strukturen, die kein Interesse daran haben, dass der Mensch je frei wird, sondern dass er eine verwertbare Ressource bleibt.Und hier kommen wir zur Chatkontrolle. Sie ist die Basis dieser Infrastruktur. Sie verletzt die tiefsten freiheitlichen Grundwerte und treibt die Menschen in die Perspektive der ständigen Kontrolle, in die Angst, das Verkehrte zu denken, das Verkehrte zu sagen, das Verkehrte mit den eigenen Liebsten auszutauschen. Am Ende steht die Kriminalisierung der freien Gedanken.Das sollte uns Sorgenfalten bereiten. Das sollte uns wachrütteln. Deswegen, in klarer Sprache, die ganze Sache in chronologischer Reihenfolge.I. Was am 9. Juli 2026 geschahEs war ein Donnerstag. Der letzte Plenardonnerstag vor der Sommerpause, der Tag, an dem in Straßburg die Bänke sich schon halb geleert haben, weil viele Abgeordnete längst im Urlaub sind, die Koffer in den Büros stehen und die Gedanken bei der Fußball-WM liegen oder bei der Frage, wie man das Steuergeld, das man den Bürgern im Verlauf des Jahres abgenommen hat, nun am schönsten auf den Kopf haut.In diesen halbleeren Saal hinein wurde ein Gesetz gestimmt, das dasselbe Parlament zuvor zweimal abgelehnt hatte.Wir kennen dieses Muster. Was passiert, wenn man abstimmt und nicht das gewünschte Ergebnis herauskommt? Man stimmt so oft ab, bis es passt. Man wartet, bis die richtigen Abgeordneten nicht mehr im Saal sind. Man nimmt sich großzügig Zeit, den einen oder anderen umzustimmen. Ein netter Vorschlag eines Kollegen hier, ein günstiger Termin dort, und schon geht die Rechnung auf.Man muss sich das vorstellen wie eine Klassenabstimmung darüber, ob es Hausaufgaben gibt. Die Klasse stimmt zweimal mit klarer Mehrheit dagegen. Der Lehrer verlegt die dritte Abstimmung auf den letzten Schultag vor den Ferien, in die letzte Stunde, wenn die halbe Klasse schon auf dem Weg zum Bus ist, und zählt dann die leeren Stühle als Ja-Stimmen. Und weil nicht genug Kinder anwesend sind, um ausdrücklich Nein zu rufen, gibt es Hausaufgaben. Für alle. Bis 2028.Die Zahlen, offiziell, aus der Pressemitteilung des Parlaments selbst:Erste Abstimmung: 314 Ja, 276 Nein, 17 Enthaltungen, für die Ablehnung des Ratsstandpunkts.Erforderlich für die Ablehnung: 360 Stimmen. Absolute Mehrheit. Zweite Lesung.Ergebnis: Der Standpunkt des Rates fiel nicht. Er ging durch.Zweite Abstimmung (über den geänderten Standpunkt): 276 Ja, 286 Nein, 30 Enthaltungen. Zweite Lesung abgeschlossen. [1]Lies das noch einmal.Eine Mehrheit der anwesenden Abgeordneten stimmte gegen die Chatkontrolle. Und die Chatkontrolle kam trotzdem.Das ist, als würde ein Gericht einen Angeklagten mit sieben zu fünf Stimmen für unschuldig erklären, und ihn trotzdem einsperren, weil für den Freispruch nicht sieben, sondern neun Stimmen nötig gewesen wären und die beiden fehlenden Geschworenen gerade in der Mittagspause waren. Wer nicht da ist, hat zugestimmt. Wer krank ist, hat zugestimmt. Wer im Urlaub ist, hat zugestimmt.Das ist keine Verschwörungstheorie. Das ist Artikel 294 AEUV, das ordentliche Gesetzgebungsverfahren, zweite Lesung. In dieser Phase kehrt sich die Beweislast um.Was das bedeutet, muss man einmal in aller Ruhe sagen, weil es der eigentliche Trick ist. Normalerweise gilt: Wer etwas durchsetzen will, muss eine Mehrheit organisieren. In der zweiten Lesung gilt das Gegenteil: Wer etwas verhindern will, muss die Mehrheit organisieren, und zwar nicht irgendeine, sondern die absolute: 360 Stimmen, gerechnet auf alle Abgeordneten, nicht nur auf die anwesenden. Jeder leere Stuhl zählt faktisch für den Vorschlag.Man stelle sich vor, ein Fußballspiel wird nach folgender Regel gepfiffen: Die Heimmannschaft (die Befürworter) gewinnt automatisch, es sei denn, die Gäste (die Gegner) schießen mindestens sechs Tore. Und dann sorgt man dafür, dass die Hälfte der Gästemannschaft gar nicht erst zum Anpfiff erscheint, weil man das Spiel überraschend auf einen Tag legt, an dem alle schon in den Ferien sind. Das ist kein Fußball. Das ist eine Inszenierung mit vorher feststehendem Ergebnis.Man muss ein Gesetz nicht gewinnen. Man muss nur dafür sorgen, dass die anderen es nicht rechtzeitig verlieren können. Oder man schickt sie einfach in den Urlaub. Damit das Ergebnis stimmt.II. Die Anatomie eines VerfahrenstricksRekonstruieren wir die Choreographie Schritt für Schritt. Sie ist lehrreich, nicht wegen der Chatkontrolle, sondern wegen dessen, was sie über das Verfahren selbst verrät.26. März 2026: Das Parlament sagt Nein. Das Europäische Parlament lehnt die Verlängerung der Ausnahmeregelung ab. Was ist diese Ausnahmeregelung? Kurz gesagt: In Europa ist das Durchleuchten privater Kommunikation grundsätzlich verboten. Damit die Konzerne trotzdem freiwillig scannen dürfen, brauchen sie eine Sondererlaubnis, eine Ausnahme vom Verbot. Genau diese Ausnahme sollte verlängert werden. Das Parlament sagte: Nein. Erste Lesung abgeschlossen. [1]3./4. April 2026: Das selbstgemachte Vakuum. Die Verordnung (EU) 2021/1232 läuft aus. Das ist die befristete Ausnahme vom Vertraulichkeitsgebot der ePrivacy-Richtlinie. Diese Richtlinie (2002/58/EG) ist das europäische Gesetz, das die Vertraulichkeit elektronischer Kommunikation schützt, sie ist der digitale Nachfahre des Briefgeheimnisses. Die Ausnahme von 2021 durchlöcherte diesen Schutz „vorübergehend", damit Konzerne scannen durften. Nun läuft sie aus, und plötzlich herrscht ein „Rechtsvakuum". Man muss sich klarmachen: Es ist ein Vakuum, das der Gesetzgeber selbst geschaffen hat, indem er eine Regelung, die laut eigener Beschreibung „streng befristet und außergewöhnlich" sein sollte, jahrelang immer weiter verlängerte. Man legt selbst Feuer und ruft dann nach der Feuerwehr. Man erzeugt selbst die Notlage, mit der man später die Notmaßnahme begründet. [7]Ende Juni 2026: Die Auferstehung. Roberta Metsola holt den totgeglaubten Vorschlag zurück auf die Tagesordnung. Wer ist Metsola? Sie ist die Präsidentin des Europäischen Parlaments, eine maltesische Politikerin, Mitglied der EVP. Die EVP, Europäische Volkspartei, ist die größte Fraktion im EU-Parlament, die Familie der christdemokratischen und konservativen Parteien; CDU und CSU gehören dazu. Metsola nutzt ihre Position an der Spitze des Parlaments, um das Thema wieder aufzurufen. Gleichzeitig wird der Rat bewegt, seinen Standpunkt erneut ans Parlament zu senden. Mit „Rat" ist hier der Rat der Europäischen Union gemeint, das Gremium, in dem die Regierungen der Mitgliedstaaten sitzen. Nicht irgendein Rat aus Mittelerde, sondern die versammelten nationalen Regierungen, die im EU-Gesetzgebungsverfahren die zweite Kammer bilden. [2]7. Juli 2026: Das Eilverfahren. Die EVP-Fraktion beantragt ein Dringlichkeitsverfahren, um noch vor der Sommerpause abstimmen zu können. Mit 331 zu 304 Stimmen, abgegeben im Plenum des EU-Parlaments in Straßburg, wird der Weg für die Neuabstimmung frei. [3] Der Sinn des Eilverfahrens ist durchsichtig: Es soll schnell gehen, bevor die Gegner sich formieren und bevor der volle Saal zusammenkommt.9. Juli 2026: Der Beschluss. Die Abstimmung fand im Plenarsaal des Europäischen Parlaments in Straßburg statt, eingeleitet von der Parlamentsführung um Präsidentin Metsola. Die Bänke waren halb leer, im Saal herrschte Tumult, und am Ende ging der Vorschlag durch. [1][2][4]Und jetzt? Der beschlossene Text, die verlängerte, „freiwillige" Chatkontrolle 1.0, geht zurück an den Rat der EU. Der muss binnen drei Monaten die Änderungen des Parlaments billigen oder ablehnen. Lehnt er ab, kommt der Vermittlungsausschuss. Das ist ein paritätisch besetztes Gremium aus Vertretern von Parlament und Rat, das bei Uneinigkeit einen Kompromisstext aushandeln muss, eine Art Schlichtungsstelle des EU-Gesetzgebungsverfahrens. [1] Bis dahin gilt: Die Erlaubnis zum freiwilligen Scannen soll bis 2028 laufen. [4]Konstantin Macher von der Digitalen Gesellschaft nennt es einen „schlechten Tag für die europäische Demokratie". [2]Ein schlechter Tag für die Demokratie? Nun ja, vielleicht ist genau das die Demokratie: eine Massenvergewaltigung, der sich kein Mensch entziehen kann. Und diese Betrachtung ist die bitterere, denn die Struktur, in der das geschieht, ist eine Struktur, die man nicht verlassen kann. Kein Mensch kann aus ihr austreten; man wird in sie hineingeboren und muss sie bis zum Lebensende akzeptieren. Das ist der Konstruktionsfehler: dass man bestehende, destruktive Systeme, die die Menschen missbrauchen, nicht abwählen und nicht stoppen kann. Und wer einmal in einer Machtposition sitzt, distanziert sich schon psychologisch von den Menschen unter ihm und handelt nicht mehr in ihrem Sinne. Solche Strukturen bilden niemals etwas ab, das dem Menschen dient. Sie bilden ab, was der Herrschaft und dem Machterhalt dient.Wie treffend diese nüchterne Diagnose ist, zeigte sich noch am selben Tag im Plenarsaal selbst. Denn während draußen von einem schlechten Tag für die Demokratie die Rede war, brach drinnen Jubel aus. Einer, der ihn miterlebte, war Martin Sonneborn, und er hat den Vorgang trocken kommentiert. Sonneborn, wer ihn nicht kennt: ehemaliger Chefredakteur des Satiremagazins Titanic, Gründer und Frontmann der Satirepartei Die PARTEI, seit 2014 fraktionsloser Abgeordneter im Europäischen Parlament, berichtete, wie in den Reihen der EVP gejubelt wurde, als verkündet wurde, man werde „unsere Kinder schützen". Seine Antwort: „Wir sollten uns vor den Leuten schützen, die unsere Kinder schützen wollen." [4]Beide, Macher und Sonneborn, haben recht. Aber das ist noch nicht das Schlimmste.Das Schlimmste ist die Verkehrung des Arguments. Pädokriminelle Netzwerke reichen nicht selten tief in Regierungs- und Machtstrukturen hinein, der Epstein-Komplex hat das für alle sichtbar gemacht. Und nun stellen sich ausgerechnet jene als Beschützer der Kinder auf, die sich zuvor nie ernsthaft für Kinder eingesetzt, sondern jahrelang geschwiegen und verdrängt haben. Auf einmal fällt ihnen ein, dass sie Kinder schützen wollen, nicht durch schnellere Löschung, nicht durch Prävention, sondern durch die Durchleuchtung von 450 Millionen Unschuldigen. Das Kind wird zum rhetorischen Vehikel, zum trojanischen Pferd, in dessen Bauch die Massenüberwachung sitzt. Es ist die perfideste Taktik überhaupt: sich das Schutzbedürftigste zu greifen, um das Freiheitsraubende durchzusetzen. Denn gegen den Satz „Wir schützen Kinder" kann öffentlich niemand sein, und genau deshalb ist er das ideale trojanische Pferd.III. Der Rechtsbruch, den alle kennen und niemand aufhältWas da eigentlich außer Kraft gesetzt wirdArtikel 5 Absatz 1 der Richtlinie 2002/58/EG (ePrivacy) verpflichtet die Mitgliedstaaten, die Vertraulichkeit der Kommunikation sicherzustellen und „das Mithören, Abhören und Speichern sowie andere Arten des Abfangens oder Überwachens" von Nachrichten durch andere als die Nutzer zu untersagen, ohne Einwilligung der Betroffenen.Das ist die Norm. Die Chatkontrolle ist die Ausnahme von der Norm.Nun muss man ehrlich sein: Auch schon vor der Chatkontrolle gab es Wege, in die Telekommunikation einzugreifen. Über Gerichtsbeschlüsse, im Rahmen von Ermittlungsverfahren, unter dem Deckmantel der Terrorbekämpfung haben sich Behörden und Verwaltungen immer schon Freiräume geschaffen, um Telefonate abzuhören oder Nachrichten mitzuschneiden. Der Unterschied, und er ist entscheidend, ist der zwischen dem gezielten Eingriff mit richterlicher Kontrolle bei konkretem Verdacht und der anlasslosen Durchleuchtung aller. Das eine ist Strafverfolgung. Das andere ist Generalverdacht. Und man darf sich an dieser Stelle durchaus fragen, was schlimmer ist: wenn Konzerne auf unsere Daten zugreifen oder wenn Regierungen es tun. Die ehrliche Antwort lautet: Keinem von beiden sollte man zu viel Vertrauen schenken. Bei der Chatkontrolle arbeiten sie zusammen.Die Ausnahme war 2021 als dreijähriges Provisorium gedacht, als frühe Form der Chatkontrolle 1.0. Wir sind im fünften Jahr. Sie soll bis 2028 laufen. Das Provisorium ist zum Normalzustand geworden: der Lehrbuchfall der Normalisierung.Schon Edward Snowden hat es auf den Punkt gebracht: Einmal installierte Systeme bleiben. Jede Überwachungsinfrastruktur, die man über die Menschen errichtet, wird zum festen Bestandteil der Gesellschaft. Sie wird nicht mehr abgebaut. Sie wird bestenfalls „reformiert", und meist nur erweitert. Deswegen muss alles daran gesetzt werden, dass solche Strukturen gar nicht erst Bestand gewinnen und niemals ihr volles Potenzial entfalten. Denn der beste Zeitpunkt, ein Überwachungssystem zu stoppen, ist der Tag vor seinem Bau.Was die Grundrechtecharta sagt, und was daraus geworden istAuf dem Papier klingt die Charta der Grundrechte der Europäischen Union glorreich. In der Praxis mussten wir seit 2020 erleben, wie belastbar diese Versprechen wirklich sind.Art. 7 GRCh, Achtung des Privat- und Familienlebens, der Wohnung und der Kommunikation. Klingt ehrenvoll. Doch wir haben in der Plandemie gesehen, wie tief sich der Staat in Privatleben, Familien, Wohnungen und Kommunikation eingemischt hat: Er hat Menschen verboten zu protestieren, hat Demonstranten auf offener Straße niedergeknüppelt und mit Wasserwerfern auf Bürger geschossen. Ein Artikel, der die Wohnung schützt, hilft wenig, wenn dieselbe Hand, die ihn geschrieben hat, die Tür mit einem Rammbock aufbrechen lässt, nur weil man etwas Falsches gesagt oder im Internet gepostet hat.Art. 8 GRCh, Schutz personenbezogener Daten. Schutz, vor wem? Vor den Regierungen und Konzernen, die sich zugleich alle Schlupflöcher verschaffen, um doch mitzulesen? Schon lange vor der Chatkontrolle wurde invasiv auf Daten zugegriffen, wurden Menschen getrackt und Bewegungsprofile aufgezeichnet, etwa durch die automatische Kennzeichenerkennung, wie sie in England längst Alltag ist, wo Fahrer in Zonen erfasst und abgerechnet werden. Der Datenschutzartikel ist so stark wie der Wille derer, die ihn achten sollen.Art. 11 GRCh, Freiheit der Meinungsäußerung und Informationsfreiheit. Auch dieses Recht wurde in den vergangenen Jahren hart auf die Probe gestellt, von der Plandemie-Debatte bis zur Berichterstattung über Gaza, bei der Menschen, die kritisch berichteten oder protestierten, mit Verfahren, Kontosperrungen oder Schlimmerem überzogen wurden. Was damals Kritiker der Plandemiepolitik traf, könnte morgen jene treffen, die sich gegen den nächsten Krieg gegen Russland oder ein anderes Land positionieren.Art. 52 Abs. 1 S. 2 GRCh, Verhältnismäßigkeit. Einschränkungen von Grundrechten sind nur zulässig, wenn sie erforderlich sind und den Zielen tatsächlich entsprechen. [6] Die entscheidende Frage lautet: Verhältnismäßig, für wen? Zu oft dient die behauptete „Verhältnismäßigkeit" dem Schutz des Systems, nicht dem des Menschen.Was die Juristen sagen, die es wissen müssenUnd jetzt wird es ernst. Denn es sind nicht Netzaktivisten oder der Chaos Computer Club (CCC), die hier warnen, es sind die Hausjuristen der Mitgliedstaaten selbst.Der Juristische Dienst des EU-Rates kam in seinem Gutachten (Dok. 8787/23 vom 26. April 2023) zu einem vernichtenden Schluss: Die anlasslose Chatkontrolle verstößt gegen die Grundrechtecharta, ist unverhältnismäßig und wird vor dem Europäischen Gerichtshof scheitern. Sie treffe alle Nutzer, „ohne dass diese Personen auch nur indirekt in eine Situation geraten, die eine strafrechtliche Verfolgung nach sich ziehen könnte". [8][6]Man lasse diesen Satz wirken. Er bedeutet: Man durchsucht die Taschen von Millionen Menschen, die nicht einmal in der Nähe eines Verdachts stehen. Es ist, als würde die Polizei jeden Morgen in jede Wohnung des Landes gehen, jede Schublade öffnen, jedes Tagebuch lesen, nicht weil ein Verdacht besteht, sondern für den Fall der Fälle. Es ist die Umkehrung des Rechtsstaats: Nicht mehr der Verdacht rechtfertigt die Durchsuchung, sondern die Durchsuchung sucht sich den Verdacht.Der frühere EuGH-Richter Christopher Vajda attestierte in einem Rechtsgutachten einen Eingriff in Art. 7 und 8 GRCh, der über alles hinausgehe, was ihm an früherer Gesetzgebung bekannt sei. [9] Wenn ein ehemaliger Richter des höchsten europäischen Gerichts sagt, so etwas habe er noch nie gesehen, dann ist das kein juristisches Detail, sondern ein Alarmsignal.Die Gesellschaft für Freiheitsrechte (GFF) spricht von einem „besonders schwerwiegenden Eingriff in das Recht auf Privatsphäre". [10]Die Bundesbeauftragte für den Datenschutz und die Informationsfreiheit (BfDI), zur Zeit dieser Stellungnahme geleitet von Prof. Dr. Louisa Specht-Riemenschneider, die das Amt bis zum 30. September 2026 führte, bevor Prof. Dr. Moritz Hennemann übernahm, urteilte, der Entwurf respektiere „weder die Vorgaben zur Verhältnismäßigkeit noch die Grundrechte", die den Bürgern nach Charta und Grundgesetz zustehen. [11]Die Wissenschaftlichen Dienste des Deutschen Bundestages haben das Ganze systematisch durchgeprüft, an Art. 7, 8 und 11 GRCh, am Verhältnismäßigkeitsgebot des Art. 52 Abs. 1 S. 2 GRCh und am Verhältnis zum Grundgesetz. [6]Merkst du etwas? Die Juristen des Rates, ein Ex-EuGH-Richter, die Datenschutzbehörde des Bundes, der wissenschaftliche Dienst des Parlaments, sie alle sagen dasselbe. Und die Politik verhandelt einfach weiter, bis das Projekt steht.Und was das Grundgesetz sagtArt. 10 Abs. 1 GG: „Das Briefgeheimnis sowie das Post- und Fernmeldegeheimnis sind unverletzlich."Unverletzlich. Nicht: „unverletzlich, sofern kein Hash-Abgleich stattfindet." Nicht: „unverletzlich, außer bei freiwilliger Durchleuchtung durch Konzerne aus Kalifornien."Ein unverletzliches Recht ist wie eine Wand, die per Definition keine Tür hat. Wer eine Tür einbaut, und sei es eine winzige, nur für „die Guten", hat die Wand abgerissen und durch einen Vorhang ersetzt. Und durch einen Vorhang geht jeder, der stark genug zieht.Das Bundesverfassungsgericht hat im Beschluss vom 24. Juni 2025 (1 BvR 180/23, „Trojaner II") § 100a Abs. 1 S. 2 StPO für nichtig erklärt, soweit die Quellen-Telekommunikationsüberwachung zur Aufklärung von Straftaten mit einer Höchststrafe von drei Jahren oder weniger zugelassen war. Die Begründung: Der Eingriff sei so intensiv, dass er nur durch Schwerstkriminalität, Terror, Mord, schwere Sexualdelikte, organisierte Kriminalität, zu rechtfertigen sei. [12][13]Nun könnte man einwenden: Immerhin eine Grenze. Doch die Grenze ist beweglich. Die Herrschenden können sich jederzeit neue Höchststrafen ausdenken, um diese Limitierung zu umgehen. Wir haben in den letzten fünfzig Jahren gesehen, wie beweglich Strafrahmen sind, wie oft neue Gesetze und Paragraphen beschlossen wurden, ohne die Völker zu fragen, ohne sie abstimmen zu lassen. Die gesamte hier beschriebene Entwicklung basiert darauf, dass die Menschen keine Möglichkeit haben, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen, sondern vor vollendete Tatsachen gestellt werden.Halten wir fest, und das ist der Skandal in einem Satz: Der Staat darf mit richterlichem Beschluss und bei konkretem Verdacht nicht auf das Endgerät eines Beschuldigten zugreifen, wenn die Tat nur drei Jahre Höchststrafe trägt. Aber Meta, Google und Microsoft dürfen, „freiwillig", ohne Richter, ohne Verdacht, die Kommunikation von 450 Millionen Menschen durchleuchten.Der Rechtsstaat verlangt vom Staat Zurückhaltung und lässt Private tun, was er selbst nicht darf. Das ist keine Lücke. Das ist ein Geschäftsmodell. Wir kennen das Prinzip aus der Welt der Geheimdienste: Deutsche Nachrichtendienste zahlen ausländische Dienste dafür, im eigenen Land Daten abzugreifen, die sie selbst gar nicht erheben dürften. Die schmutzige Wäsche wird im Ausland gewaschen, weil sie zu Hause verboten ist.Und dann ist da Palantir. Man werfe einen Blick auf die Geschäftspraktiken dieses Datenkonzerns: Bereits heute nutzen deutsche Polizeibehörden Palantir-Software, um Metadaten zusammenzuführen und Personen zu verknüpfen, teils gespeichert in Cloud-Strukturen, an denen auch ausländische Dienste andocken können.England hat sogar Gesundheitsdaten seiner Bürger in Palantir-Systeme eingespielt. Nun male man sich aus, was geschieht, wenn die Chatkontrolle mit einer solchen Datenkrake verknüpft wird: Geheimdienste und Polizei mit Zugriff auf brisanteste Kommunikationsdaten, die sich nach Belieben durchsuchen, filtern und neu interpretieren lassen, bis das Ergebnis passt und Kritiker noch effizienter verfolgt und abgestraft werden können.Der CEO von Palantir hat den militärisch-tödlichen Einsatz seiner Software nie kleingeredet, sondern öffentlich damit kokettiert, ein Umstand, der jede rote Linie überschreitet, die man sich vorstellen kann. (Wer die Muster dieser Zukunft studieren will, findet sie nicht nur bei George Orwell, sondern auch in den Dystopien, die man uns längst zur Unterhaltung serviert: von Black Mirror, Demolition Man, Die Bestimmung – Divergent, Matrix bis Songbird. Man betrachte sie als Warnung, nicht als Drehbuch.)Die EuGH-Rechtsprechung, die man ignoriertVier Mal hat der Europäische Gerichtshof die anlasslose Vorratsdatenspeicherung kassiert: Digital Rights Ireland (C-293/12), Tele2/Watson (C-203/15), La Quadrature du Net (C-511/18), SpaceNet (C-793/19).Was heißt „kassiert"? Es heißt: für europarechtswidrig erklärt und in den Papierkorb geworfen. Und was ist Vorratsdatenspeicherung? Das anlasslose, pauschale Speichern von Metadaten, also nicht dem Inhalt der Kommunikation, sondern den Begleitdaten: wer mit wem, wann, wie lange, von wo. Der Gerichtshof sagte: Schon das Aufschreiben des Adressfeldes aller Bürger ist ein zu schwerer Eingriff.Denk an den Umschlag eines Briefes. Auf dem Umschlag stehen Absender, Empfänger, Datum des Poststempels, das sind die Metadaten. Im Umschlag steckt der Brief, das ist der Inhalt. Der EuGH hat viermal gesagt: Ihr dürft nicht einmal anlasslos aufschreiben, wer wem schreibt.Die Chatkontrolle aber geht darüber hinaus. Sie erfasst nicht das Adressfeld. Sie öffnet den Brief. [10]Wir kennen das aus der Geschichte. In der DDR hat die Stasi über die Deutsche Post Briefe geöffnet, gelesen, wieder verschlossen, Dampf über den Kessel, Klinge unter die Lasche, ein ganzes Ministerium beschäftigt mit fremder Post. Und wir kennen es aus der Gegenwart: In deutschen Justizvollzugsanstalten wird die Post der Gefangenen geöffnet und mitgelesen. Genau dieses Prinzip, das Öffnen des verschlossenen Briefes durch Dritte, soll nun auf die gesamte Bevölkerung ausgedehnt werden, nur digital und in Echtzeit.Wenn man diese Fähigkeit mit Systemen wie Palantir verknüpft und die Chatkontrolle ihre volle Perversion erreicht, dann werden sie alles über uns wissen. Und weil alle Informationen in Echtzeit vorliegen, kann man KI-Modelle damit füttern und jeden einzelnen Menschen anhand seiner Nachrichten einordnen: ob jemand intelligent ist, ob jemand kritisch eingestellt ist, ob man Kritiker ist, ob man Staatsfeind ist, ob man als Gefahr eingestuft wird, weil man sich nicht an das Narrativ hält und das herrschende System nicht als Freund definiert.Das ist keine Science-Fiction. Das ist eine Datenbankoperation mit einem Sprachmodell davor.IV. Die Technik ist die Politik„Freiwillig" klingt harmlos. „Nur Hash-Abgleich bekannten Materials" klingt chirurgisch, sauber und präzise. Beides sind Nebelkerzen. Wer die Technik versteht, versteht die Politik.Erstens: Der Scanner ist die BackdoorClient-Side-Scanning durchleuchtet Nachrichten auf dem Gerät, bevor sie verschlüsselt werden. Die Verschlüsselung bleibt formal intakt, und ist praktisch bedeutungslos.Stell es dir so vor: Du hast ein Handy mit Ende-zu-Ende-Verschlüsselung. Die Nachricht verlässt dein Gerät verschlüsselt, reist verschlüsselt durchs Netz, kommt verschlüsselt beim Empfänger an. Niemand auf dem Transportweg kann mitlesen. So weit, so sicher.Aber: Dein eigenes Gerät muss die Nachricht ja zeigen. Auf deinem Bildschirm erscheint der Klartext, sonst könntest du ihn nicht lesen. Beim Empfänger genauso. Das Betriebssystem des Geräts sieht also immer den unverschlüsselten Inhalt, im Moment des Schreibens und im Moment des Lesens. Und genau da setzt die Backdoor an. Sie muss gar nichts entschlüsseln. Sie sitzt einfach im Betriebssystem und schneidet mit, vor dem Verschließen des Umschlags, nach dem Öffnen.Man muss sich das vorstellen wie jemanden, der an der Wohnungstür lauscht. Er muss das Schloss nicht knacken. Er muss die Tür nicht aufbrechen. Er hört einfach mit, während drinnen gesprochen wird. Die stabilste Panzertür der Welt nützt nichts, wenn im Türrahmen ein Mikrofon steckt.Über 600 Wissenschaftler aus 35 Ländern haben genau das in einem offenen Brief festgehalten: Das Scannen vor der Verschlüsselung zerstört den Zweck der Ende-zu-Ende-Verschlüsselung und schafft einen zentralen Angriffspunkt. [14][15]Und sie haben recht: Es ist sinnlos, eine Verschlüsselung zu benutzen, wenn im Betriebssystem ein Mitleser sitzt. Es ist derselbe Effekt, den ein Trojaner hätte, etwa ein Keylogger, der jede Tastatureingabe abgreift und ins Netz schickt. Der Unterschied ist nur: Beim Trojaner ist es ein Krimineller, der eindringt. Beim Client-Side-Scanning ist es der Gesetzgeber, der den Keylogger gleich mitliefert.Ein Schloss, das für eine Behörde aufgeht, geht auch für einen Nachrichtendienst auf, für einen Erpresser, für eine fremde Regierung oder für ein Regime, das eines Tages an die Macht kommt und diese Werkzeuge gegen die eigenen Menschen richtet. Verknüpft man das Ganze mit einer Auswertungsmaschinerie vom Kaliber Palantirs, entsteht eine Datenkrake, in die Milliarden fließen werden, nicht zufällig, sondern als Teil des Konzepts.Friedrich Merz war jahrelang Aufsichtsratschef von BlackRock Deutschland; Alice Weidel begann ihre Karriere bei Goldman Sachs. Man muss daraus keine Verschwörung konstruieren, um die schlichte Frage zu stellen: In wessen Interesse wird Politik gemacht, wenn die Beteiligungslisten der großen Finanzhäuser sich mit den Machtpositionen des Landes überschneiden?Zweitens: Fehlerquoten sind keine Statistik, sondern ExistenzenDie BfDI, die oberste Datenschutzbehörde des Bundes, hat vorgerechnet: Bei einem Dienst wie WhatsApp mit rund zwei Milliarden Nutzern könnten bis zu 240 Millionen Menschen zu Unrecht der Verbreitung von Missbrauchsmaterial beschuldigt werden. [11]240 Millionen: Das ist keine abstrakte Fehlerquote, sondern das sind Existenzen. Betroffen wäre das Urlaubsfoto der eigenen Kinder am Strand ebenso wie der Nacktscan, den ein 15-Jähriger seiner Freundin schickt, oder die Beweisdokumentation einer Mutter, die ihr Kind vor einem Täter schützen will. Der Algorithmus sieht nur Pixel und Wahrscheinlichkeiten und kennt den Kontext nicht. Und wer einmal in einer Verdachtsdatenbank steht, bleibt dort, denn Rehabilitation ist ein zäher Verwaltungsakt und kein Reflex: Der Verdacht ist schnell erzeugt und nur langsam wieder gelöscht.Und hier die ehrliche, unbequeme Frage, halb ironisch, halb todernst: Würden eigentlich auch die Handys der Bundestagsabgeordneten gescannt? Die der Geheimdienstler? Der Polizeiführung? Der Konzernbosse? Der Bankvorstände? Jener Mitglieder pädokrimineller Netzwerke, die in hohen Positionen sitzen? Oder gibt es Ausnahmen? Und wenn es Ausnahmen gibt, wer überwacht die Ausgenommenen? Ein Gesetz, das die Mächtigen von der eigenen Kontrolle ausnimmt, ist kein Schutzgesetz. Es ist ein Herrschaftsgesetz.Drittens: Signal gehtDer Betreiber des Messengers Signal hat unmissverständlich erklärt, was ein verpflichtendes On-Device-Scanning bedeuten würde: „we will leave the EU market rather than undermine our privacy guarantees." [15] Man würde eher den europäischen Markt verlassen, als die eigenen Sicherheitsgarantien zu untergraben.Stell dir vor, was das heißt. Der sicherste Messenger der Welt zieht sich zurück, weil er in Europa nicht mehr sicher sein darf. Zurück bleiben die Dienste, die scannen. Es ist, als würde man alle einbruchsicheren Schlösser verbieten und nur noch jene erlauben, für die die Behörde einen Zweitschlüssel besitzt. Europa würde dadurch nicht sicherer. Es würde ärmer an sicherer Kommunikation, und reicher an Hintertüren, die früher oder später jemand findet, für den sie nie gedacht waren.V. Die eigentliche Gefahr: Sie bauen ein Haus, in das ein anderer einziehtUnd hier beginnt das Kapitel, das man in Brüssel nicht diskutieren will.Nehmen wir für einen Moment an, großzügig und gegen jede Erfahrung, dass jede heute handelnde Person in Kommission, Rat und Parlament ausschließlich Kinder schützen will, dass es also keine Lobbyisten gibt, keine Karrieren, keine Eitelkeiten und keine Netzwerke, in die irgendjemand verstrickt ist.Es ändert nichts.Denn was hier entsteht, ist keine Politik. Es ist Infrastruktur. Und Infrastruktur überlebt ihre Erbauer. Sie wird bleiben, und sie wird immer weiter ausgebaut. Lässt man den ersten Spatenstich zu, aktiviert man die Überwachungsmaschinerie überhaupt erst einmal, dann wird man zusehen müssen, wie Menschen mundtot gemacht werden oder wie sie aus Angst vor Bestrafung diese Netzwerke gar nicht mehr nutzen.Vielleicht, und das ist der einzige hoffnungsvolle Nebeneffekt, kehrt sich der Prozess dann um: Vielleicht kommunizieren die Menschen wieder weniger über Messenger und treffen sich stattdessen wieder öfter persönlich, und lassen die Wanzen zu Hause. Denn Wanzen sind es inzwischen viele: das Smartphone, die Smartwatch, der Smart TV, der Sprachassistent im Wohnzimmer, und neuerdings das Auto. Die General Safety Regulation (EU) 2019/2144 zeigt die Richtung: immer mehr verpflichtende Aufzeichnungs- und Assistenzsysteme im Fahrzeug. Überall wird uns gesagt, es gehe um unseren Schutz. In Wahrheit legt man die Grundlagen, um Milliarden zu verdienen, Macht zu festigen und die Menschen in der leisen Dauerangst zu halten, für irgendetwas abgestraft zu werden.Ein Gesetz kann man in einer Legislaturperiode ändern. Eine technische Fähigkeit, die auf 450 Millionen Endgeräten installiert ist, ändert man nicht. Einmal eingerichtet, ist sie da und liegt bereit, und sie wartet nur noch auf eine Regierung, die die Trefferliste erweitert.Und die Erweiterung ist trivial. Sie ist eine Datenbankoperation.Wie ein Hash-Abgleich wirklich funktioniertEin Hash-Abgleich prüft nicht, was ein Bild zeigt. Er prüft, ob ein Bild in einer Liste steht. Ein „Hash" ist so etwas wie ein digitaler Fingerabdruck einer Datei, eine eindeutige Zeichenfolge, die man mit einer Datenbank abgleichen kann.Stell dir vor, es gibt ein Bild mit der Aufschrift „Stoppt den Krieg in Gaza!" oder „Stoppt den Krieg gegen Russland!". Dieses Bild hat einen Hash-Wert. Nun wird dieser Hash-Wert in eine zentrale Datenbank aufgenommen und als „kriminell" markiert. Von diesem Moment an muss niemand das Bild mehr ansehen. Es genügt, dass die Datei auf deinem Handy oder Computer liegt. Das Betriebssystem macht den Abgleich in Echtzeit, findet es den Fingerabdruck, meldet es ihn einer Behörde. Und du hast den Schlamassel, ohne je eine Straftat begangen zu haben.Wer die Liste kontrolliert, kontrolliert, wonach gefahndet wird. Ob in dieser Liste Missbrauchsdarstellungen stehen oder ein Demonstrationsaufruf, ein Meme über den Regierungschef, das Logo einer verbotenen Organisation oder eine Seite aus einem verbotenen Buch, der Scanner kennt den Unterschied nicht. Er kennt nur zwei Antworten, nämlich Treffer oder kein Treffer.Die Technik ist moralisch blind. Sie dient und liefert jedem Herrn, jedem Herrscher, jedem Diktator und jeder parteipolitischen Perversion das gewünschte Ergebnis, jedem also, der sich heute oder in Zukunft an die Spitze der Menschheit stellt und sich anmaßt, über fremde Menschen zu bestimmen.Das Szenario, das niemand aussprechen willSetz den Fall, und Europa im Jahr 2026 hat wenig Anlass, ihn für abwegig zu halten, dass in einem oder mehreren Mitgliedstaaten eine Regierung an die Macht kommt, die den freien Menschen als Hindernis begreift, die ihn noch effizienter ausbeuten und ihn notfalls in Kriegen opfern will, weil hinter ihr womöglich eine Sektenstruktur steht, die Gewaltenteilung nicht als Errungenschaft, sondern als lästige Bremse empfindet.Sie muss nichts neu erfinden, nichts durchsetzen und keine Überwachungsgesetze mehr gegen Widerstand durchboxen.Sie erbt.Stell dir einen neuen Machthaber vor, der am ersten Tag seiner Amtszeit die Schlüssel zu einem fertig gebauten Haus überreicht bekommt. In diesem Haus liegt bereits alles bereit: eine gesetzliche Erlaubnis, private Kommunikation zu scannen. Eine europaweite Meldeinfrastruktur, die Verdachtsfälle automatisch weiterleitet. Ein EU-Zentrum mit einer Verdachtsfalldatenbank, womöglich längst an ein System wie Palantir angeschlossen, sodass jede Behörde in Echtzeit mitlesen und sich per Stichwort benachrichtigen lassen kann, sobald ein Chatverlauf in eine unerwünschte Richtung läuft. Eine verpflichtende Altersverifikation, die anonyme Kommunikation faktisch beendet. Erkennungssoftware auf jedem Endgerät. Und eine Bevölkerung, die sich an das Gescanntwerden längst gewöhnt hat. [5][11]Der neue Machthaber muss nichts davon bauen. Er muss lediglich die Liste ändern und einen einzigen Erwägungsgrund umschreiben. Aus dem Kampf gegen „sexuellen Missbrauch von Kindern" wird dann Schritt für Schritt der Kampf gegen „schwere Kriminalität", daraus der Kampf gegen „Terrorismus", dann gegen „Extremismus", schließlich gegen „Desinformation" und am Ende gegen alles, was sich als „staatsgefährdender Inhalt" deklarieren lässt. Der Scanner bleibt derselbe, nur der Suchbegriff wandert immer weiter, bis er jeden erfassen kann.Jeder dieser Schritte hat, für sich genommen, eine plausible Begründung. Das ist ja gerade der Punkt. Niemand baut einen Überwachungsstaat, indem er einen Überwachungsstaat baut. Man baut ihn, indem man Kinder schützt, dann Opfer von Terror schützt, dann die Demokratie vor Lügen schützt. Und irgendwann schützt man sie vor ihren Bürgern.Auf diesem Weg befinden wir uns bereits. Wer wissen will, wohin die Reise geht, muss nicht spekulieren, er muss nur die Gegenwart lesen: In welchen Ländern werden heute schon Menschen an der Ausreise gehindert, wenn sie zu kritischen Kundgebungen ins Ausland wollen? Wo werden Rückkehrer von der Bundespolizei festgesetzt und verhört, wie man es aus den Filmen über die DDR kennt? Wo werden Menschen für das falsche Posting verfolgt? Die Antworten sind unbequem, weil sie näher liegen, als uns lieb ist.Der Chilling Effect ist kein Nebeneffekt, er ist der ZweckDas Bundesverfassungsgericht hat 1983 im Volkszählungsurteil (BVerfGE 65, 1) einen Gedanken formuliert, der heute wichtiger ist denn je. Es hat das Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung begründet und sinngemäß festgehalten: Wer nicht mit hinreichender Sicherheit überschauen kann, wer was wann über ihn weiß, wird aus Vorsicht darauf verzichten, von seinen Grundrechten Gebrauch zu machen.Übersetzt für den Alltag: Wenn du nicht weißt, ob dir gerade jemand zuhört, verhältst du dich, als hörte dir immer jemand zu. Du sagst das Unverfängliche. Du unterschreibst die Petition nicht. Du gehst nicht auf die Demo. Du löschst die Nachricht lieber, bevor du sie schickst, oder schreibst sie erst gar nicht. Und das schädigt nicht nur dich, es schädigt das Gemeinwesen, denn Selbstbestimmung ist die Voraussetzung eines freien Menschen. Ein Volk, das schweigt, kann sich nicht selbst regieren.Das ist die schärfste Waffe der Überwachung: Sie muss gar nicht angewandt werden. Sie muss nur möglich sein. Der Hofhund braucht keinen Stromschlag mehr, wenn er den Zaun im Kopf trägt.Und das ist nicht bloß Rhetorik, es ist empirisch belegt. Die Kommunikationswissenschaftlerin Elizabeth Stoycheff hat nach den Enthüllungen von Edward Snowden untersucht, wie sich das Wissen um Überwachung auf das Verhalten auswirkt. Ergebnis: Menschen, die sich überwacht fühlen, äußern abweichende oder Minderheitsmeinungen seltener öffentlich, sie zensieren sich selbst. Sie nannte es die „Spirale des Schweigens" (aufbauend auf Elisabeth Noelle-Neumanns Theorie von 1974) unter Überwachungsbedingungen. In einer Folgestudie (Privacy and the Panopticon, 2019) zeigte sie, dass Überwachung nicht nur Kriminelles, sondern gerade auch politisches Verhalten unterdrückt, quer durch verschiedene Gruppen und Kontexte.Der Begriff „Panopticon" stammt von Jeremy Bentham und wurde von Michel Foucault zur Herrschaftstheorie ausgebaut: ein Gefängnis, in dem ein einziger Wächter im Zentrum alle Zellen sehen könnte, und in dem die Gefangenen, weil sie nie wissen, ob gerade jemand hinsieht, sich verhalten, als ob immer jemand hinsähe. Sie bewachen sich am Ende selbst. Die moderne Forschung (Büchi, Festic, Latzer 2022) spricht vom „Dataveillance"-Effekt: Schon das Gefühl permanenter Datenüberwachung senkt die Bereitschaft, sich legal und legitim zu äußern. Und Jonathon Penney wies nach, dass die Zugriffszahlen auf sensible Wikipedia-Artikel nach den Snowden-Enthüllungen messbar einbrachen, die Menschen trauten sich nicht einmal mehr, nachzulesen.Psychologisch bedeutet Dauerüberwachung chronischen Stress: Hypervigilanz, das ständige Gefühl, beobachtet zu werden, erhöhte Grundanspannung, ein schleichender Verlust an Spontaneität und Kreativität. Ein Mensch, der sich permanent selbst kontrolliert, lebt nicht mehr frei, er funktioniert. Der EuGH hat diesen Zusammenhang mehrfach angemahnt: Anlasslose Massenüberwachung schlägt mittelbar auf die Meinungsfreiheit (Art. 11 GRCh) durch, weil sich vorsichtiger äußert, wer der Vertraulichkeit seiner Kommunikation nicht sicher sein kann. [10]Vorsichtige Bürger sind bequeme Bürger. Und es könnte sein, dass das kein Betriebsunfall ist, sondern das eigentliche Ziel.VI. Wen es zuerst trifftEs trifft nicht zuerst dich und nicht mich, sondern jene, deren Beruf die Vertraulichkeit ist.Journalisten und ihre Quellen. Das Redaktionsgeheimnis ist ein Grundrecht, kein Feature, das WhatsApp einbaut. Journalisten recherchieren über Telefon, E-Mail, Messenger. Doch was ist, wenn jede Recherche mitgelesen wird? Was, wenn kritische Berichterstattung unter Verdacht steht und jeder Versuch, einer Sache auf den Grund zu gehen, sofort ein Signal an die Behörde sendet? Dann endet die vierte Gewalt nicht mit einem Verbot, sondern mit einem Scanner. Die Recherche stirbt an der stillen Gewissheit, dass jemand mitliest.Whistleblower. Die EU hat eine Whistleblower-Richtlinie, und zugleich einen Kanal, der sie ausliest. Stell dir einen Mitarbeiter vor, der einen Skandal aufdecken will. Er weiß: Sein Handy ist über die SIM-Karte jederzeit ortbar. Seine Nachrichten sind abfangbar. Sein Foto des belastenden Dokuments hat einen Hash-Wert. In einer Welt der Chatkontrolle wird der Whistleblower zur aussterbenden Spezies, nicht weil man ihn verbietet, sondern weil er weiß, dass der erste Schritt der letzte sein könnte: Festsetzung, Verhör und Repression. Wer nie sicher sein kann, schweigt. Und wer schweigt, deckt nichts mehr auf.Ärzte, Anwälte, Seelsorger, Beratungsstellen. § 203 StGB schützt das Berufsgeheimnis. Der Scanner kennt keinen § 203. Und die Folgen reichen tiefer, als man denkt: Die seelischen Nöte eines Menschen, die Diagnose, die Sucht, die Verzweiflung, die er nur seinem Therapeuten anvertraut, werden zu abgreifbaren Daten. In den falschen Händen werden sie zur Waffe gegen genau die Menschen, die Hilfe suchten. Man kann einen Kritiker mit dem brechen, was er in seiner schwächsten Stunde einem Arzt gestand.Wie dehnbar dieses Ärztegeheimnis in Wahrheit ist, mussten wir schon in der Plandemiezeit mit Sorge beobachten. Damals rückten vermummte Sondereinsatzkräfte in Praxen und Kliniken ein, durchsuchten Räume, beschlagnahmten ganze Aktenbestände und nahmen Ärzte fest, nur um herauszufinden, wem diese Ärzte per Attest eine Befreiung von der Maskenpflicht ausgestellt hatten.Auf die Schweigepflicht wurde dabei, auf gut Deutsch, geschissen. Genau daran erkennt man, wie biegsam diese Systeme sind: Sie zimmern sich das Recht so zurecht, wie sie es gerade brauchen, um weiter herrschen zu können und die Menschen notfalls in die nächste Krise zu treiben. Wenn schon ein Papierattest ausreichte, um die Panzertür des Berufsgeheimnisses aufzubrechen, was glaubt man wohl, wie lange sie vor einem fertig installierten Scanner standhält?Missbrauchsopfer selbst. Die Ironie ist bitter bis zur Grausamkeit. Eine Mutter sichert Beweise gegen einen Täter, ein Foto, eine Nachricht, eine Dokumentation, und schickt sie über einen Messenger an ihre Anwältin. Der Scanner kann dieses Material nicht von Täterkommunikation unterscheiden. Er sieht nur: Treffer. Und plötzlich steht das Opfer selbst unter Verdacht. Das Gesetz, das Kinder schützen soll, kriminalisiert jene, die sie schützen wollen.Die Opposition. Nicht unbedingt die von heute, sondern jede, die morgen aus der Gunst der Macht fällt. Denn das Werkzeug fragt nicht danach, wer gerade regiert, es dient immer dem, der es in der Hand hält, und richtet sich gegen den, der gerade nicht an der Macht ist. Wer sich für Freiheit einsetzt, gegen einen Krieg positioniert, gegen eine als absurd empfundene Politik mobilisiert und dafür mit Verhaftung, Verfahren und Repression rechnen muss, der lebt nicht in einer Demokratie, sondern in ihrer Fassade. Es ist eher eine Plutokratie, die einer Zwangsherrschaft gleicht als einer echten Volksherrschaft, wo das Volk bestimmt. Und genau darin liegt der eigentliche Zweck der Chatkontrolle: die Macht so weit zu festigen, dass niemand mehr gegen die verabschiedete Perversion aufbegehren kann. Dabei ist es gerade das Anderssein, das Andersdenken, das eine Gesellschaft stabil hält und Regierungen davon abhält, vollends zu entgleisen.Und der Deutsche Kinderschutzbund? Er hat sich gegen die Chatkontrolle ausgesprochen und zielgerichtete Maßnahmen statt anlassloser Massenüberwachung gefordert. [16]Man lasse sich das auf der Zunge zergehen: Die Kinderschützer sind gegen das Gesetz, das die Kinder schützen soll. Wer bleibt dann übrig, der dafür ist? (Wobei man auch dem Kinderschutz-Apparat insgesamt kritische Fragen stellen darf, man denke an die vielen Eltern, allen voran Alleinerziehende, die dem Handeln von Jugendämtern ohnmächtig gegenüberstehen. Missbrauch von Schutzgewalt geht nicht selten von den Institutionen selbst aus. Aber das ist eine andere Streitschrift.)VII. Der Preis, der nicht bezahlt wird: Es funktioniert nicht einmalDie Befürworter argumentieren mit einer Regelungslücke: Acht von zehn Ermittlungen würden durch Hinweise von Plattformen ausgelöst. Also müsse man weiterscannen. Prüfen wir das.Nach Angaben der Bundesregierung wurde seit dem Auslaufen der Verordnung am 3. April kein außergewöhnlicher Rückgang entsprechender Meldungen festgestellt. [4] Die angebliche Katastrophe blieb aus.Unternehmen wie Google haben angekündigt, ohnehin weiterhin freiwillig zu scannen. [4] Die „Lücke" schließt sich in der Praxis von selbst.Mehr als 60 Prozent der Verdachtsmeldungen stammen nach offiziellen EU-Zahlen aus dem Scannen öffentlicher Beiträge und Cloud-Speicher, Bereiche, die die Übergangsverordnung überhaupt nicht erfasst. [4]Der letzte Punkt hat eine praktische Konsequenz für jeden von uns: Spiel deine Daten nicht in fremde Clouds. Kein Google Drive, keine Apple-Cloud für das, was privat bleiben soll. Es sind deine Daten, also behalte sie auf deinen Geräten. Schalte die Cloud-Synchronisation ab, so bequem sie auch ist. Der Weg zurück in die Freiheit führt über die Dezentralisierung: zurück zur Unabhängigkeit, zurück zur Datenhoheit. Niemand sollte das Recht haben, in deinem Leben zu schnüffeln, und die Cloud ist die Tür, die du selbst offen lässt.Die „Lücke", deren Schließung 450 Millionen Menschen ihre Kommunikationsfreiheit kosten soll, ist zu einem erheblichen Teil eine rhetorische Lücke.Und die SPD-Berichterstatterin Birgit Sippel, die dem Text zähneknirschend zustimmte, hielt selbst fest: „Die Faktenlage reicht nach wie vor nicht aus, um einen breiten Anwendungsbereich zu rechtfertigen." [7]Die Berichterstatterin. Über ihren eigenen Bericht. Wenn selbst diejenige, die das Gesetz durchs Parlament trägt, sagt, die Faktenbasis trage nicht, dann geht es nicht um Fakten. Dann geht es darum, die richtigen Leute in die richtigen Positionen zu bringen, um die Sache bis zur letzten Stufe durchzusetzen.VIII. Und das war erst Version 1.0Machen wir uns nichts vor über den Umfang dessen, was am 9. Juli 2026 geschah, und über das, was noch kommt.Was durchging, ist Chatkontrolle 1.0: die freiwillige Variante. Sie betrifft unverschlüsselte Inhalte; ein Änderungsantrag der Grünen nimmt Ende-zu-Ende-verschlüsselte Kommunikation ausdrücklich aus dem Geltungsbereich. [1][2] Man kann sich das vorstellen wie eine Erlaubnis für den Postboten, offene Postkarten zu lesen, die verschlossenen Briefe (die verschlüsselten Chats) bleiben vorerst tabu. Das ist die gute Nachricht. Sie ist klein.Denn parallel läuft der Trilog zur CSA-Verordnung, der dauerhaften, potenziell verpflichtenden Chatkontrolle 2.0.Was ist die CSA-Verordnung? „CSA" steht für Child Sexual Abuse. Die EU-Kommission legte den Verordnungsentwurf erstmals im Mai 2022 vor. Sein Kern: Anbieter sollen verpflichtet werden, ihre Dienste auf Missbrauchsmaterial und Anbahnungsversuche zu durchsuchen, notfalls per behördlicher „Aufdeckungsanordnung", auch in verschlüsselten Diensten. Und „Trilog"? Das ist die Verhandlungsrunde zwischen den drei EU-Institutionen, Europäisches Parlament, Rat der EU und Europäische Kommission, in der der endgültige Gesetzestext hinter verschlossenen Türen ausgehandelt wird.Das Verhandlungsteam des Europäischen Parlaments erklärte am 29. Juni 2026, man habe sich auf nahezu die gesamte Verordnung geeinigt, offen sei „insbesondere die Aufdeckung" (detection). [17]Offen ist also genau das, worum es geht.Die Ratsposition vom 26. November 2025 verzichtet zwar auf verpflichtende Aufdeckungsanordnungen, enthält aber eine Review-Klausel: Die Kommission muss binnen drei Jahren prüfen, ob Detection-Pflichten „notwendig und machbar" sind. [18]Das ist keine Entwarnung. Das ist ein Terminkalender. Man baut die Waffe, entschärft sie sichtbar für die Öffentlichkeit, und schreibt ins Kleingedruckte, wann man sie scharf machen darf. Genau an dieser Stelle wäre ein gesellschaftlicher Notausknopf überfällig: ein Mechanismus, der jede solche Entscheidung stoppen kann, fest verankert, dem Zugriff der Herrschenden entzogen, damit der Missbrauch gar nicht erst greifen kann. Dass es einen solchen Knopf nicht gibt, ist kein Versehen. Es ist das Betriebsprinzip.Hinzu kommt der neue Schauplatz: die verpflichtende Altersverifikation, die anonyme Kommunikation faktisch beenden und zu einer Ausweispflicht im Internet führen würde. [5][11] Und die Verdachtsfalldatenbank des neuen EU-Zentrums. [11]Jetzt zoomen wir heraus und betrachten das Gesamtbild. Da ist der digitale Euro, die digitale Zentralbankwährung, mit der jede Transaktion nachvollziehbar und potenziell steuerbar wird; da ist die Altersverifikation, die das Ende der Anonymität bedeutet; und da ist die Chatkontrolle, die das Ende des Kommunikationsgeheimnisses bringt. Jedes dieser Module wird für sich mit guten Gründen präsentiert, doch zusammen ergeben sie eine lückenlose Architektur der Nachvollziehbarkeit und Überwachung.Man baut sie nicht in einem Zug. Man baut sie modular, Stein für Stein, Gesetz für Gesetz, jedes für sich harmlos. Und der eigentliche Trick besteht darin, dass niemand jemals über das fertige Gebäude abstimmt. Man stimmt über die Fenster ab, über die Türen, über die Statik, nie über das Haus. Und wenn es steht, verbindet man die Module: den digitalen Euro mit der Altersverifikation, die Altersverifikation mit der Chatkontrolle, und alles zusammen mit einer Auswertungsmaschine vom Kaliber Palantirs. Das Ergebnis wäre eine digitale Monstrosität, die man dann gegen die gesamte Bevölkerung richten kann.IX. Was zu tun bleibt1. Namen merken, vor allem die der Befürworter.Die treibende Kraft hinter der Wiederauferstehung war die EVP-Fraktion um ihren Fraktionschef Manfred Weber (CSU), gemeinsam mit Parlamentspräsidentin Roberta Metsola (EVP), die das Thema überhaupt erst wieder auf die Tagesordnung setzte und das Eilverfahren möglich machte. Getragen wurde die Chatkontrolle vor allem von der EVP, zu der CDU und CSU gehören, sowie von Teilen der Sozialdemokraten. Besonders pikant: Jens Spahn, Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, hatte im Oktober 2025 noch öffentlich versprochen, eine anlasslose Chatkontrolle werde es „mit uns nicht geben" und verglich sie selbst damit, „vorsorglich mal alle Briefe" zu öffnen. Wenige Monate später stimmten seine Parteifreunde im Europaparlament genau dafür.Diese deutschen Abgeordneten stimmten am 9. Juli 2026 für die Chatkontrolle (Quelle: RCV-Protokoll des EU-Parlaments sowie die namentliche Übersicht der Berliner Zeitung vom 10.07.2026 [19][28]):CDU (EVP): Hildegard Bentele, Stefan Berger, Lena Düpont, Christian Ehler, Michael Gahler, Jens Gieseke, Niclas Herbst, Norbert Herhammer, Marie-Sophie Lanig, Peter Liese, Norbert Lins, David McAllister, Alexandra Mehnert, Verena Mertens, Angelika Niebler, Dennis Radtke, Oliver Schenk, Andreas Schwab, Sven Simon, Sabine Verheyen, Axel Voss, Marion Walsmann, Andrea Wechsler.CSU (EVP): Christian Doleschal, Markus Ferber, Monika Hohlmeier, Stefan Köhler, Manfred Weber.SPD (S&D): Tobias Cremer, Matthias Ecke, Bernd Lange, Maria Noichl, René Repasi, Sabrina Repp.Familien-Partei Deutschlands (EVP): Niels Geuking.Enthalten hat sich Delara Burkhardt (SPD). Nicht anwesend waren unter anderem Katarina Barley (SPD), Ralf Seekatz (CDU), Christine Anderson und Alexander Sell (beide AfD), Thomas Geisel (BSW) und Martin Schirdewan (Die Linke), deren Abwesenheit im gewählten Verfahren faktisch wie eine Zustimmung wirkte.Der Widerstand kam quer durch die anderen Lager: von den Grünen, von der FDP (der Europaabgeordnete Moritz Körner nannte das Vorgehen das „Schmutzigste", was er im Parlament je erlebt habe), vom BSW (Fabio De Masi, Friedrich Pürner) und von der AfD (Mary Khan sprach von einem „demokratischen Skandal") sowie vom fraktionslosen Martin Sonneborn (Die PARTEI). Die vollständige, namentliche Aufschlüsselung jeder einzelnen Stimme steht im offiziellen RCV-Protokoll [19]; wer einen bestimmten Abgeordneten prüfen will, findet ihn dort.2. Verschlüsselung benutzen.Nicht, weil man etwas zu verbergen hat, sondern weil ein Recht, das niemand ausübt, aufhört, ein Recht zu sein. Und noch besser: Behandle die Messenger, WhatsApp, Telegram, Signal und alle anderen, nur als Prothese, nicht als Ersatz für echte Nähe. Fasse die digitale Kommunikation kurz. Gibt es Wichtiges zu besprechen, dann triff dich persönlich. Von Angesicht zu Angesicht, im Café, und die Abhörwanze, das Handy, lass zu Hause. Die sicherste Ende-zu-Ende-Verschlüsselung ist immer noch das gesprochene Wort zwischen zwei Menschen an einem Tisch.3. Das Argument nicht überlassen.Wer Kinderschutz gegen Bürgerrechte ausspielt, lügt in beide Richtungen. Und wenn du diese demokratische Perversion schon unbedingt beibehalten willst, dann fordere wenigstens das, was tatsächlich und punktuell wirkt: schnellere Löschung und richterlich angeordnete Überwachung konkreter Verdächtiger. Nichts davon braucht die Durchleuchtung von 450 Millionen Unschuldigen.4. Aufhören, „aber ich habe nichts zu verbergen" zu sagen.In Wahrheit hast du eine Menge zu verbergen, und zwar völlig zu Recht: deine Bankdaten, deine ärztliche Diagnose, deine Scheidung, deine Meinung über deinen Chef und deine Meinung über deine Regierung. Letztere ist heute noch harmlos, morgen aber vielleicht schon der Anlass für die erste Hausdurchsuchung, weil man das Falsche in einen Chat getippt hat. Man muss sich nur erinnern, wie weit die Behörden bereits in den Pandemiejahren gingen, als Menschen wegen geposteter Bilder zu Hause aufgesucht und ihre Computer, USB-Sticks und Datenträger beschlagnahmt wurden. „Nichts zu verbergen" ist deshalb kein Argument, sondern eine Kapitulation, formuliert von jemandem, der bloß noch nicht an der Reihe war.SchlussSie haben nicht deine Nachrichten gelesen. Noch nicht.Sie haben etwas anderes getan, das schlimmer ist: Sie haben die Frage entschieden, ob deine Nachrichten grundsätzlich lesbar sein dürfen. Und sie haben sie mit Ja beantwortet, in einem halbleeren Saal, gegen die Mehrheit der Anwesenden, in der Woche vor der Sommerpause.Erinnere dich an den Strick vom Anfang. An den Hund mit dem Zaun im Kopf. Das Fernmeldegeheimnis ist ein Grundrecht. Grundrechte sterben nicht durch Abschaffung, niemand steht auf und ruft „ab heute keine Freiheit mehr". Sie sterben durch Ausnahmeregelungen, die verlängert werden. Durch Provisorien, die dauerhaft werden. Durch Infrastruktur, die harmlos beginnt. Sie sterben leise, in einem Nebensatz, in einer Review-Klausel, an einem Donnerstag im Juli.Und eines dürfen wir dabei nie vergessen: Ein Kanal, der an einer Stelle mitlesen kann, kann dort auch schreiben. Wer hineinschauen kann, kann auch etwas hineinlegen. Damit steht die Tür nicht nur zum Ausspähen offen, sondern zum Fälschen, bis hin dazu, einem Unbequemen die passenden Beweise unterzuschieben, für ein Verbrechen, das er nie begangen hat. Das ist die eigentliche Endstufe des politischen Missbrauchs: nicht nur zu wissen, was du sagst, sondern zu bestimmen, was du gesagt haben sollst.Und wenn eines Tages jemand kommt, der die Liste ändert, wird er sich nicht bedanken müssen. Er wird nichts bauen müssen. Wir haben ihm das Haus gebaut. Wir haben ihm die Schlüssel dagelassen. Wir waren im Urlaub.QuellenEuropäisches Parlament, Pressemitteilung: „Bekämpfung sexuellen Kindesmissbrauchs: EP für enger gefasste Ausnahmeregelung", 09.07.2026. REF 20260706IPR46318. → https://www.europarl.europa.eu/news/de/press-room/20260706IPR46318/netzpolitik.org: „EU-Parlament: Freiwillige Chatkontrolle geht mit Verfahrenstrick durch", 09.07.2026. → https://netzpolitik.org/2026/eu-parlament-freiwillige-chatkontrolle-geht-mit-verfahrenstrick-durch/Dr. Web: „Chatkontrolle: Das EU-Parlament ebnet per Eilverfahren den Weg zur Neuabstimmung", Juli 2026.Berliner Zeitung: „Grünes Licht für Chatkontrolle im EU-Parlament", 09./10.07.2026. → https://www.berliner-zeitung.de/article/eu-parlament-verabschiedet-chatkontrolle-10181552 · sowie ZDFheute, 09.07.2026.alarm.de: „ChatControl und CSAR, Wenn der Staat an deine Verschlüsselung will", Stand 29.06.2026.Deutscher Bundestag, Wissenschaftliche Dienste / Fachbereich Europa: EU 6 - 3000 - 061/25; WD 3 - 3000 - 080/25 (2025). → https://www.bundestag.de/resource/blob/1132100/EU-6-061-25-WD-3-080-25.pdfnetzpolitik.org: „Freiwillige Chatkontrolle: Ausnahmeregel wird zum zweiten Mal verlängert", 06.02.2026.netzpolitik.org: „Juristisches Gutachten: Chatkontrolle ist grundrechtswidrig und wird scheitern", 17.05.2023 (JD des Rates, Dok. 8787/23 v. 26.04.2023).netzpolitik.org: „Rechtsgutachten: Chatkontrolle unvereinbar mit Grundrechte-Charta" (Gutachten Christopher Vajda), 2023.Gesellschaft für Freiheitsrechte (GFF): „Chatkontrolle: Mit Grundrechten unvereinbar". → https://freiheitsrechte.org/themen/freiheit-im-digitalen-zeitalter/chatkontrolleBfDI: „Die geplante EU-Verordnung … die sogenannte ‚Chatkontrolle'". → https://www.bfdi.bund.de/DE/Fachthemen/Inhalte/Telemedien/CSA_Verordnung.html (Amtsinhaberin bis 30.09.2026: Prof. Dr. Louisa Specht-Riemenschneider; Nachfolger ab 01.10.2026: Prof. Dr. Moritz Hennemann).BVerfG, Beschluss vom 24.06.2025 – 1 BvR 180/23 („Trojaner II"); zugleich 1 BvR 2466/19.Kanzlei Tsambikakis / rechtundpolitik.com: Analysen zum Trojaner-II-Beschluss.netzpolitik.org: „Offener Brief: Hunderte Wissenschaftler:innen stellen sich gegen Chatkontrolle", 09.09.2025.Security-Insider: „Über 600 Experten kritisieren Überwachung durch Chatkontrolle", 09/2025 (inkl. Signal-Statement).Deutscher Kinderschutzbund, Stellungnahme Oktober 2025.Europäisches Parlament: „Statement by the EP negotiating team on combatting child sexual abuse online", 29.06.2026. REF 20260629IPR46216.SecurityToday: „EU Chatkontrolle 2026 …", 27.03.2026 (Ratsposition v. 26.11.2025, Review-Klausel).Europäisches Parlament, namentliche Abstimmungsergebnisse (RCV) vom 09.07.2026. → https://www.europarl.europa.eu/doceo/document/PV-10-2026-07-09-RCV_EN.htmlZDFheute: „‚Chatkontrolle': EU-Parlament stimmt für Verlängerung", 09.07.2026.Zur psychologischen und historischen Untermauerung (Kapitel V/VI):E. Stoycheff: „Under Surveillance: Examining Facebook's Spiral of Silence Effects in the Wake of NSA Internet Monitoring", Journalism & Mass Communication Quarterly 93 (2016).E. Stoycheff u. a.: „Privacy and the Panopticon: Online mass surveillance's deterrence and chilling effects", New Media & Society 21 (2019).M. Büchi, N. Festic, M. Latzer: „The Chilling Effects of Digital Dataveillance", Big Data & Society (2022).E. Noelle-Neumann: „The Spiral of Silence" (1974); J. Bentham / M. Foucault: Panopticon / Überwachen und Strafen (1975).J. Penney: „Chilling Effects: Online Surveillance and Wikipedia Use", Berkeley Technology Law Journal (2016).BVerfG, Volkszählungsurteil vom 15.12.1983 (BVerfGE 65, 1), Recht auf informationelle Selbstbestimmung.Verordnung (EU) 2019/2144 (General Safety Regulation), verpflichtende Fahrzeug-Assistenz-/Aufzeichnungssysteme.Zur namentlichen Abstimmung (Kapitel IX):Berliner Zeitung (Franz Becchi): „Diese deutschen EU-Abgeordneten haben für die Chatkontrolle gestimmt", 10.07.2026, gestützt auf das namentliche Abstimmungsprotokoll (RCV) des Europäischen Parlaments.Rechtsstand: 10. Juli 2026. Das Verfahren ist nicht abgeschlossen: Der Rat hat drei Monate Zeit, die Änderungen des Parlaments zu billigen oder abzulehnen; scheitert das, folgt der Vermittlungsausschuss. Der Trilog zur dauerhaften CSA-Verordnung (Chatkontrolle 2.0) läuft weiter. Der Damm ist noch nicht gebrochen, aber der erste Spatenstich ist getan.

10.07.2026 44 min 8 1
Dein Gehirn ist faul !!!
Dein Gehirn ist faul !!!

Warum der Mensch die unbequeme Wahrheit meidet und seinen Widerstand lieber kauft, als ihn zu lebenvon Dawid SnowdenI. Das Gehirn als SparmaschineWer sich fragt, warum Menschen kritische Kanäle in sozialen Netzwerken verlassen, sobald diese ihnen etwas abverlangen, muss nicht bei ihrem Charakter beginnen, sondern bei ihrem Stoffwechsel. Das menschliche Gehirn macht etwa zwei Prozent des Körpergewichts aus und verbraucht dennoch rund ein Fünftel der gesamten Energie. Ein Organ, das derart teuer arbeitet, entwickelt zwangsläufig einen Hang zur Sparsamkeit, und genau diesen Hang beschrieb die Psychologie schon früh. Clark Hull nannte ihn 1943 das Gesetz der geringsten Anstrengung, und Wouter Kool und Matthew Botvinick wiesen 2010 in einer Reihe von Versuchen nach, dass Menschen geistige Anstrengung meiden wie einen Schmerz, selbst dann, wenn der bequemere Weg keinerlei Vorteil bringt. Denken kostet, und was kostet, wird vermieden.Susan Fiske und Shelley Taylor prägten dafür das Bild des geistigen Geizhalses, jenes Wesens also, das seine Aufmerksamkeit hütet wie ein Sparer sein letztes Geld. Daniel Kahneman hat später zwei Arbeitsweisen unterschieden, das schnelle, mühelose, assoziative Urteilen und das langsame, prüfende, anstrengende Nachdenken. Das erste läuft ständig, das zweite wird nur eingeschaltet, wenn es unbedingt sein muss, und es schaltet sich beim ersten Anzeichen von Überlastung wieder ab. Der Hirnforscher Karl Friston hat diesen Vorgang in seiner Theorie der freien Energie noch grundsätzlicher gefasst. Ein Gehirn ist demnach eine Maschine zur Vermeidung von Überraschung. Es baut ein Modell der Welt und arbeitet unablässig daran, dass die Wirklichkeit dieses Modell bestätigt. Eine Information, die das Modell erschüttert, gilt diesem Organ deshalb nicht als Geschenk, sondern als Störung, die es möglichst rasch wieder aus der Welt zu schaffen sucht.Damit ist bereits das Wesentliche gesagt. Wenn ein Mensch einen Text verlässt, weil er ihn reizt, dann handelt er nicht dumm, sondern ökonomisch. Er tut, wozu sein Organ ihn drängt. Und wer das begriffen hat, hört auf, sich über die Masse zu wundern, und beginnt zu verstehen, weshalb Herrschaft so leicht fällt.II. Der Schmerz des WiderspruchsEs bleibt nicht bei der Trägheit. Die unbequeme Wahrheit tut auch weh, und zwar messbar. Leon Festinger nannte den Zustand, in dem eine neue Erkenntnis dem eigenen Selbstbild oder dem eigenen Handeln widerspricht, kognitive Dissonanz und zeigte, dass der Mensch diesen Zustand als quälend erlebt. Er löst ihn selten, indem er sein Handeln ändert. Er löst ihn fast immer, indem er die Erkenntnis entwertet. So wird aus dem Boten der schlechten Nachricht ein Spinner, aus dem Argument eine Übertreibung und aus dem Warner ein Verrückter, denn das kostet nichts, während die Einsicht das ganze Leben umstellen würde.Der Psychologe Drew Westen hat 2006 die Gehirne überzeugter Parteianhänger vermessen, während man ihnen Widersprüche ihres eigenen Lagers vorlegte. Die Bereiche, die für nüchternes Schlussfolgern zuständig sind, blieben auffällig ruhig. Aktiv wurden die Schaltkreise der Emotion und des Konflikts, und sobald die Versuchsperson eine Ausrede gefunden hatte, die ihr Weltbild rettete, meldete sich das Belohnungssystem, dieselbe Gegend, die auch beim Genuss und beim Rausch anspringt. Der Mensch wird also dafür belohnt, dass er sich seine Illusion bewahrt, und er wird ebenso dafür belohnt, dass er sich einbildet, irgendjemand werde ihn schon retten.Daran lässt sich nach meiner Überzeugung der rege Zulauf zu jeder Partei ablesen, die ein Heilsversprechen im Angebot führt, in diesen Jahren etwa zur AfD. Man täusche sich jedoch nicht, denn der Befund gilt für jedes Lager. Westen maß seine Anhänger auf beiden Seiten desselben Landes und fand denselben Vorgang, gleichgültig wem die Treue galt. Wer heute den einen Retter wählt und morgen den nächsten, wechselt lediglich die Bühne, während sein Belohnungssystem stets dieselbe Prämie ausschüttet, nämlich die Erlösung von der Anstrengung des eigenen Urteils.Dazu passt der Befund von William Hart, der 2009 die vorliegenden Untersuchungen zusammenfasste und feststellte, dass Menschen Informationen, die ihnen recht geben, etwa doppelt so oft aufsuchen wie solche, die ihnen widersprechen. Man nennt es die selektive Zuwendung, und man kann es jeden Abend beobachten.Arie Kruglanski beschrieb zusätzlich das Bedürfnis nach kognitiver Geschlossenheit, jenen Drang nach einer schnellen, festen, eindeutigen Antwort und jenen Widerwillen gegen alles Vieldeutige. Wer dieses Bedürfnis stark ausgeprägt hat, greift zur einfachen Erzählung, weil sie ihn erlöst. Die Welt ist dann nicht mehr ein Geflecht aus Interessen, Trägheiten und Mechanismen, das man mühsam entwirren müsste, sondern ein Schauspiel mit einem Schurken und einem Retter. Genau diese Vereinfachung wird angeboten, von allen Seiten, in jedem Lager.III. Die Ware WiderstandHier setzt meine eigentliche Beobachtung an, und sie richtet sich ausdrücklich auch gegen jene, die sich für die Wachen halten. Es ist bequemer, eine Heldenmedaille im Compact-Shop zu bestellen, überteuerte Konserven aus dem Sortiment von AUF1 zu horten, die angeblich zwanzig Jahre überdauern, und alle vier Jahre ein Kreuz bei der AfD zu machen, die verspricht, das Problem stellvertretend zu erledigen, als selbst zu denken, selbst zu prüfen und selbst zu handeln. Der gekaufte Widerstand ist ein Widerstand ohne Preis, und deshalb verkauft er sich so gut.Und wenn die Enttäuschten sämtliche Parteien durchprobiert haben, sinkt die Wahlbeteiligung, weil niemand mehr an den nächsten Retter glaubt. Was tut die herrschende Kaste in diesem Augenblick? Sie stellt eine neue Partei bereit, die dem Volk genau das verspricht, was ihm die vorherigen genommen oder abgepresst haben. Ich behaupte nicht, dass jede solche Gründung am Reißbrett entsteht. Ich behaupte, dass eine Ordnung, die vom Glauben an Erlösung lebt, niemals zulassen wird, dass dieser Glaube ganz erlischt, und dass sie ihn deshalb regelmäßig erneuert.Wie wenig dieser Handel bewirkt, zeigt ein Bild, das jeder kennt. Man übernimmt eine Patenschaft für ein Kind in Afrika, überweist fünf Euro im Monat und trägt fortan das Gefühl mit sich, die Welt ein wenig verändert zu haben, ohne je zu erfahren, wie viel von diesem Geld überhaupt ankommt und wie wenig sich an den Ursachen jener Not geändert hat, die man lindern wollte. Die Forschung kennt dieses Geschäft mit dem Gewissen genau. James Andreoni beschrieb das warme Glühen des Gebens, jenen Umstand also, dass der Spender nicht in erster Linie für die Wirkung bezahlt, sondern für das Gefühl, gespendet zu haben. Kirk Kristofferson wies nach, dass symbolische Bekenntnisse, die vor Publikum abgegeben werden, die Bereitschaft zu wirklichem Einsatz nicht erhöhen, sondern senken. Und Benoît Monin und Dale Miller nannten den Kern dieses Vorgangs die moralische Lizenzierung, jene Buchhaltung des Gewissens also, in der eine kleine gute Tat die Erlaubnis erteilt, danach nichts mehr zu tun. Wer gewählt, gespendet, geteilt und bestellt hat, fühlt sich seiner Pflicht entledigt. Er hat ja schließlich bezahlt, eine Leistung erbracht oder eben ein Kreuz gesetzt.Man muss sich dazu vergegenwärtigen, in welchem Zustand diese Menschen dieses Kreuz setzen. Sie sind in ein System hineingeboren worden, das sie von der ersten Stunde an als ideologische Gefäße behandelt, in die sich je nach politischer Wetterlage einfüllen lässt, was gerade die politische WC-Spühlung in die Hirne scheißt. Ein derart beladener Mensch besitzt keine Kraft mehr, sich in die Sachverhalte zu vertiefen, geschweige denn, sich aus seiner Entmündigung herauszunavigieren. Er greift nach dem, was ihn entlastet, nach jener Lösung also, die ihm nichts abverlangt, weder Bewegung noch Veränderung noch Verzicht. Und weil diese Entlastung ein Bedürfnis ist, hat sie längst einen Preis und einen Verkäufer gefunden.Robert Cialdini hat gezeigt, wie stark der Mensch nach Übereinstimmung mit seinen früheren Festlegungen strebt, sodass jeder Kauf, jedes Abzeichen und jedes Bekenntnis ihn tiefer in eine Rolle bindet, aus der herauszutreten teurer wird als das Verharren. Wer sich einmal öffentlich zu einer Sache gestellt hat, verteidigt sie fortan auch dann, wenn er längst zweifelt, weil der Widerruf ihn mehr kosten würde als der Irrtum.Man kennt das aus der Werkstatt. Ein Mann bringt sein Fahrzeug zur Reparatur, und die erste Rechnung fällt hoch aus. Wenige Monate später versagt ein anderes Bauteil, und weil er bereits so viel hineingesteckt hat, zahlt er auch dieses Mal, denn nun soll sich die erste Investition doch wenigstens gelohnt haben. So geht es weiter, Rechnung um Rechnung, bis er ein Wrack besitzt, das ihn mehr gekostet hat als ein neuer Wagen, und je größer die Summe wird, desto unmöglicher wird ihm das Eingeständnis, dass er dieses Fahrzeug längst hätte stehen lassen sollen.Die Ökonomen Hal Arkes und Catherine Blumer haben das die Falle der versunkenen Kosten genannt, jene Verkehrung des Verstandes also, in der die bereits erbrachten Opfer nicht zum Abbruch mahnen, sondern zum Weitermachen zwingen. Genau so verhält sich der Mensch zu seiner Partei, zu seiner Ideologie und zu seinem Weltbild. Er hat jahrzehntelang gewählt, verteidigt und gestritten, und je länger er das tat, desto teurer wird ihm der Satz, dass alles davon vergebens war. Also repariert er weiter an einem Wrack, das ihn längst nicht mehr trägt sondern immer mehr Probleme bereitet.Noch tiefer greift die Schuld. Redet man einem Menschen ein Leben lang ein, er trage eine Schuld, für die er nichts kann, so wird er sein Dasein damit zubringen, sie abzutragen, und er wird jeden bekämpfen, der ihm diese Bürde nehmen will, weil sie längst zu seinem Ausweis geworden ist. Roy Baumeister hat beschrieben, dass Schuld vor allem eine soziale Funktion erfüllt, denn sie bindet den Einzelnen an die Gruppe und macht ihn lenkbar, und Erich Fromm sah in ihr eines der wirksamsten Werkzeuge autoritärer Erziehung. Trägt das Kollektiv diese Zuschreibung mit, hinterfragt sie niemand mehr, denn niemand will aus der sogenannten gesunden Gesellschaft ausgeschlossen werden.Den Rest erklärt die Terror-Management-Forschung von Jeff Greenberg, Sheldon Solomon und Tom Pyszczynski. Wird ein Mensch an seine eigene Vergänglichkeit und an drohende Katastrophen erinnert, verteidigt er sein Weltbild härter, klammert sich fester an seine Gruppe und sehnt sich stärker nach einer starken Führung. Wer permanent den Untergang verkauft, erzeugt also genau jene Angst, die seine Kundschaft an ihn bindet, und er wird sie niemals beruhigen wollen, weil ein beruhigter Mensch nichts mehr bestellt.Marcel, der Betreiber des Kanals mit dem Namen Die Wahrheit ist in dir, hat sinngemäß gefragt, wo all diese Politiker und Kriegstreiber eigentlich wären, wenn die Welt ein Ort der Liebe wäre. Man kann die Frage kaum treffender stellen, denn sie legt offen, wovon diese Menschen leben.Ich behaupte damit nicht, dass jede Warnung ein Geschäft und jeder Kritiker ein Händler sei. Ich behaupte, dass sich Empörung ebenso verwerten lässt wie Zustimmung, dass der Markt der Angst dieselben Mechanismen benutzt wie der Markt des Vertrauens und dass ein Mensch, der seinen Widerspruch bestellt statt ihn zu leben, das System nicht verlässt, sondern nur den Laden wechselt. Das gilt für jede Seite, für die Tagesschau ebenso wie für den alternativen Kanal, und es gilt, wenn ich ehrlich bin, auch für diese Schrift, sofern man sie liest und danach zur Tagesordnung übergeht.IV. Warum Menschen ihre Ketten verteidigenEs bleibt die Frage, warum Menschen sich in Diktaturen und autoritären Ordnungen so verlässlich unterwerfen. Der Psychoanalytiker Erich Fromm gab 1941 die bis heute unübertroffene Antwort. Freiheit, schrieb er, bringt Vereinzelung und Verantwortung mit sich, und diese Last ist so schwer, dass viele Menschen vor ihr fliehen, hinein in die Unterwerfung, in die Zerstörungslust oder in das gedankenlose Mitlaufen. Die Flucht vor der Freiheit ist keine Schwäche einzelner Charaktere, sondern eine Versuchung, die in jedem wohnt.Die Versuche der Sozialpsychologie haben das bestätigt. Solomon Asch zeigte, dass Menschen sogar das Zeugnis ihrer eigenen Augen verleugnen, um einer sichtbaren Mehrheit nicht zu widersprechen. Philip Zimbardo ließ 1971 im Keller der Universität Stanford Studenten die Rollen von Wärtern und Gefangenen übernehmen und musste den Versuch nach wenigen Tagen abbrechen, weil die Wärter ihre Macht zu genießen begannen und die Gefangenen sich in Fügsamkeit, Apathie und Zusammenbruch verloren.Das Erschütterndste daran war nicht die Härte der Wärter, sondern die Trägheit der Beherrschten, denn jedem Gefangenen stand es frei, den Versuch mit einem einzigen Satz zu verlassen, und kaum einer sprach ihn aus. Martin Seligman beschrieb genau diesen Zustand als erlernte Hilflosigkeit, jene Lähmung also, in der ein Lebewesen, das wiederholt die Wirkungslosigkeit seines Handelns erfahren hat, selbst dann nicht mehr flieht, wenn die Tür offen steht. Und John Jost erklärte mit seiner Theorie der Systemrechtfertigung das Erstaunlichste von allem, nämlich dass gerade die Benachteiligten die bestehende Ordnung häufig am eifrigsten verteidigen, weil der Gedanke, unter einer ungerechten und veränderbaren Herrschaft zu leben, unerträglicher ist als der Gedanke, dass alles seine Richtigkeit habe.Der Psychiater Robert Jay Lifton hat an den Umerziehungslagern studiert, wie Sprache das Denken verschließt, wenn sie komplexe Sachverhalte in erlösende Stichworte presst. Die Traumaforscherin Judith Herman hat beschrieben, wie ein dauerhaft Beherrschter beginnt, die Welt mit den Augen des Beherrschenden zu sehen, weil die Bindung an den Stärkeren das Überleben sichert. Und Viktor Frankl, der die Lager überlebte, nannte dennoch jene letzte Freiheit, die niemand nehmen kann, die Freiheit nämlich, die eigene Haltung zu wählen, gleichgültig unter welchem Druck.Dass sie so selten ergriffen wird, liegt nicht daran, dass sie fehlt, sondern daran, dass sie anstrengt und dass sie Folgen trägt. Wer heute widerspricht, tut es meist allein, denn der Zusammenhalt, der ihn auffangen könnte, ist längst zersetzt, und die Aussicht, als Einzelner vor einem Apparat zu stehen, schreckt zuverlässiger ab als jede Drohung. Elisabeth Noelle-Neumann hat diesen Vorgang die Schweigespirale genannt. Ein Mensch, der seine Meinung für die unterlegene hält, verstummt, wodurch das Verschwiegene noch leiser und das laut Verkündete noch lauter wird, bis am Ende eine Stimmung herrscht, die kaum jemand prüft und niemand mehr zu bestreiten wagt. Timur Kuran ergänzte, dass ganze Gesellschaften auf diese Weise in einer Lüge leben, weil jeder Einzelne seine wahre Überzeugung verbirgt und dabei glaubt, mit ihr allein zu sein, obwohl er in Wahrheit die Mehrheit hinter sich hätte.Deshalb ist es für jede Herrschaft überaus praktisch, gelegentlich einen Menschen, der zu weit aus der Reihe getreten ist, öffentlich zu opfern, ihn medienwirksam abzuholen und mit einer Strafe zu belegen, die in keinem Verhältnis zur Tat steht. Nicht der Getroffene ist dabei das Ziel, sondern die vielen, die zusehen. Die Rechtsprechung kennt für diese Wirkung einen eigenen Namen und spricht von der abschreckenden Wirkung, und Voltaire hat den Zweck solcher Hinrichtungen mit bitterem Spott beschrieben, man tue es, um die anderen zu ermutigen. Michel Foucault sah in der zur Schau gestellten Bestrafung nicht die Vergeltung am Einzelnen, sondern die Belehrung des Publikums, und Jeremy Bentham hatte zuvor schon erkannt, dass ein Gefängnis am wirksamsten arbeitet, wenn der Insasse nie weiß, ob er gerade beobachtet wird, weil er sich dann selbst bewacht.Wer also sieht, was einem Menschen widerfährt, der einer Regierung, einem Terrorapparat oder einer Diktatur widerspricht, wird eingeschüchtert und stellt sich hinten an. Er tut nichts, nicht weil er zustimmt, sondern weil er fürchtet, in dieselbe Lage zu geraten. So bewacht er sich selbst, und das ist die billigste Wache, die eine Herrschaft je unterhalten hat, denn sie kostet keinen einzigen Beamten.V. Die Löcher, die das System selbst bohrtDamit komme ich zu dem Punkt, der mich am meisten beschäftigt. Menschen in Missbrauchssystemen suchen nicht den Ausgang, sie suchen ein Schlupfloch, und die bittere Ironie ist, dass die meisten dieser Löcher von jener Struktur gebohrt wurden, die sie zu unterlaufen scheinen.So hält man ganze Leben in Dauerbeschäftigung. Der eine studiert Paragraphen, der andere wälzt das Handelsrecht, der dritte durchforstet Steuergesetze, alte Verordnungen und geschichtliche Aufzeichnungen, immer auf der Suche nach jener einen Lücke, die ihn erlösen soll. Dabei übersieht er das Naheliegende. Er befindet sich die ganze Zeit innerhalb des Spiels, das die Spielmacher für ihn entworfen haben, und jede Lücke, die er dort findet, ist eine Lücke in ihrem Regelwerk, nicht in ihrer Macht. Kein gefundener Paragraph gibt ihm die Selbstbestimmung über sein Leben zurück. Er verschafft ihm allenfalls ein Erfolgserlebnis, ein kurzes Aufatmen, ein Gefühl von Cleverness, und genau das ist seine Funktion.Man stelle sich einen Menschen auf der Flucht vor. Er findet ein Loch, in dem er sich für eine Weile verbergen kann, und atmet auf. Später findet er ein weiteres, denn er ist noch immer auf der Flucht. Er wird ein drittes finden und ein viertes, und er wird niemals ankommen. Sein ganzes Dasein bleibt eine Kette aus Verstecken, verbracht in Angst und in Unterwerfung, während andere darüber befinden, wie er zu leben, wie er zu arbeiten, wie seine Kinder aufzuwachsen und wie er zu existieren hat, bis hinein in die letzten und peinlichsten Verrichtungen seines Körpers. Er wird sich über jedes gefundene Loch freuen und begeistert davon berichten, wie aufregend die Entdeckung war, und er wird darüber vergessen, dass die Spielmacher jede Lücke, die ihnen gefährlich wird, mit einem einzigen Federstrich schließen können. Sie ändern die Regeln, und er zieht wieder den Kürzeren.Der Soziologe Lewis Coser hat dafür 1956 den Begriff der Ventilinstitution geprägt. Eine Ordnung, die Spannungen erzeugt, überlebt nur, wenn sie diesen Spannungen ein Ventil öffnet, durch das der Druck entweicht, ohne dass die Ordnung Schaden nimmt. Deshalb ist es den Herrschenden nicht nur gleichgültig, sondern geradezu willkommen, wenn Menschen demonstrieren, Petitionen unterschreiben, Spaziergänge veranstalten und ihre Empörung in Umzügen ausatmen. Nichts davon verändert etwas. Es entlädt lediglich die angestaute Wut auf der Straße. Denn wer am nächsten Morgen wieder am Fließband steht und mehr als die Hälfte seines erarbeiteten Geldes in Gestalt von Steuern, Abgaben und Zwangsbeiträgen an genau jenen Apparat abführt, gegen den er tags zuvor angeschrien hat, der hat nichts erreicht und nichts bewegt. Er hat gedampft, und der Kessel hält.So wird die Wut auf ein Ersatzziel gelenkt, der Protest erhält seinen genehmigten Platz und die Kritik ihren Sendeplatz, und alles bleibt, wie es war. Wird es den Herrschenden dennoch zu bunt, so schreiben sie dem Demonstranten vor, welche Sprüche er rufen, welche Lieder er singen und welches Hemd er dabei tragen darf. Das eindrücklichste Beispiel lieferte die Zeit der Plandemie, als Menschen gegen die Maßnahmen auf die Straße gingen und die Behörden ihre Versammlungen mit immer neuen Auflagen belegten, bis die Teilnehmer am Ende jene Maske zu tragen hatten, gegen deren Zwang sie protestierten. Absurder lässt sich das Prinzip des Ventils nicht vorführen. Wer im Ventil steht, hält sich für den Widerstand und ist doch nur der Sicherheitsmechanismus. Ellen Langer hat den Zustand beschrieben, in dem sich dieser Mensch befindet, und nannte ihn die Illusion der Kontrolle, jenes Gefühl also, das Geschehen zu lenken, das sich schon dann einstellt, wenn man einen Knopf drücken darf, gleichgültig ob er mit irgendetwas verbunden ist.Václav Havel hat dieses Leben im Ventil in das Bild seines Gemüsehändlers gefasst, der jeden Morgen die vorgeschriebene Parole ins Schaufenster stellt, nicht weil er sie glaubt, sondern weil alle es tun und das Unterlassen Ärger bedeutet. Man übersetze dieses Bild in unsere Gegenwart. Eines Morgens steht vor der eigenen Haustür ein Automat, den das Ordnungsamt dort aufgestellt hat, und fortan zahlt man dafür, den Wagen auf jenem Stück Straße abzustellen, das man seit der Geburt benutzt. Man zieht das Ticket, man kauft die Jahresvignette, und dafür wird man in Ruhe gelassen. Auf diese Weise können die Spielmacher nach Belieben Bußgelder erhöhen, Gebühren erfinden und Steuern anheben, und die Menschen schlucken es, weil alles andere Konflikt bedeutet, weil aus Konflikt Repression erwächst, weil auf Repression die Durchsuchung der Wohnung folgt und danach die Pfändung des Kontos, die Verhaftung und im äußersten Fall der Griff nach dem Kind. Wer diesen Preis kennt, stellt das Schild jeden Morgen brav ins Fenster.Havel nannte es das Leben in der Lüge und erkannte zugleich, dass die ganze Herrschaft zu wanken beginnt, sobald ein Einziger das Schild herausnimmt. Daraus folgt eine Einsicht, die vielen unbequem ist. Man verändert die Welt nicht, indem man in einem System verharrt, es Monat für Monat finanziert und alle vier Jahre erneut bestätigt, während es sich gegen die Menschen richtet und sie belügt. Wer das tut, ist nicht die Lösung. Er ist ein Teil des Problems.Genau deshalb sind Politiker und Parteien unablässig darum bemüht, neue Probleme zu erzeugen, denn von der Erzeugung des Problems leben sie. Es ist die Frage, die ich weiter oben zitiert habe, jene nämlich, wo all diese Leute eigentlich wären, wenn die Welt ein Ort der Liebe wäre. Ich stelle sie hier in ihrer härtesten Form. Wo wären die Räuber, wenn jeder Mensch ein Anrecht auf ein Stück Erde besäße, unentgeltlich, steuerbefreit und unantastbar wie ein Menschenrecht? Jedes Insekt darf sich sein Nest bauen, jedes Tier seinen Bau graben, und allein der Mensch muss das Recht auf einen Flecken Boden ein Leben lang abarbeiten. Solange das so bleibt, wird jeder Versuch, sich mit dieser Ordnung zu arrangieren, in Krieg, in Missbrauch und in Erschöpfung enden. Der einzige Weg hinaus ist mit Anstrengung, mit Mut und mit Beharrlichkeit verbunden, und genau davor weicht das Gehirn zurück, weil es, wie zu Beginn dieser Schrift gezeigt, jede Ausgabe an Energie zu vermeiden sucht, die es vermeiden kann.Étienne de La Boétie hatte vier Jahrhunderte zuvor dieselbe Frage gestellt und geantwortet, die Knechtschaft sei freiwillig, das Volk schmiede seine Ketten selbst. Er hat recht behalten bis in unsere Tage. Wir finanzieren jene, die unser Geld nehmen und es an Kriegstreiber weiterreichen, während in denselben Straßen Menschen am Abend Pfandflaschen sammeln, weil ihr Verdienst nicht mehr zum Leben reicht. Wir bezahlen die Überwachung, die uns gilt, wir bezahlen die Beamten, die uns beschatten, und wir werden demnächst auch jene Kontrolle des privaten Gesprächs bezahlen, die man seit Jahren unter dem Namen der Chatkontrolle verhandelt. Man frage sich, warum eine Herrschaft in die Nachrichten ihrer Bürger blicken will. Sie tut es nicht aus Stärke. Sie tut es, weil sie bemerkt hat, dass die Menschen unruhig werden.Deshalb ist die Suche nach dem Schlupfloch kein Ausweg, sondern der letzte Beweis der Gefangenschaft. Wer nach Sonderrechten, Paragraphen und Hintertüren sucht, hat die Zelle bereits anerkannt und verhandelt nur noch über die Länge seiner Kette. Und wer sein Leben damit zubringt, Bücher über längst vergangene Verordnungen zu schreiben und andere in dieses Studium hineinzuziehen, dreht sich nicht nur selbst im Kreis. Er zieht die Hoffnungsvollen mit sich in denselben Strudel, aus dem er nie herausgefunden hat.VI. Was daraus folgtIch schreibe das ohne Verachtung, denn nichts von alledem macht den Menschen verächtlich. Es macht ihn erklärbar, und nur wer sich selbst erklären kann, versteht, warum er sich in bestimmten Lagen so verhält, wie er sich verhält. Ein Gehirn, das Energie spart, ein Gemüt, das den Widerspruch meidet, um nicht von der Repression einer herrschenden Kaste überzogen zu werden, und eine Angst, die Schutz beim Stärkeren sucht, ergeben zusammen kein Urteil über den Wert eines Menschen, sondern eine Beschreibung seiner Ausstattung. Es ist eine Bestandsaufnahme, nicht mehr und nicht weniger, und wer eine Bestandsaufnahme in Händen hält, besitzt zugleich die Grundlage, an sich zu arbeiten.Wer daraus schließt, die Masse sei verloren, hat dieselbe bequeme Vereinfachung gewählt, die er ihr vorwirft. Die Masse ist nicht verloren, und sie war es niemals. Es liegt allein an ihr, ob sie gefangen leben will oder frei, ob sie aus Bequemlichkeit dem nächsten Herrscher auf den Leim geht, der sie beraubt, in Kriege treibt und ihr das Leben vorschreibt, oder ob sie sich für eine Ordnung entscheidet, die auf Freiheit, Frieden und Wahrheit ruht und die längst überfällig wäre.Bislang hat sie sich anders entschieden. Wir haben Regierungen hingenommen, Herrschaftsapparate erduldet und zuvor Religionen und andere geschlossene Institutionen ertragen, die dem Menschen stets vorschrieben, wie er zu leben habe. Ich fasse sie alle unter einem einzigen Begriff zusammen und nenne sie Sekten, denn sie eint dasselbe Merkmal. In keiner von ihnen gab es je einen Not-Aus-Schalter.Man halte hier einen Augenblick inne, denn dieser Vergleich stammt aus meinem eigenen Handwerk. Keine Maschine dieser Welt darf ohne Not-Aus gebaut werden. Jede Presse, jede Säge und jede Anlage, die einem Menschen den Arm abreißen könnte, trägt einen roten Pilzkopf, den jeder schlagen darf, der Gefahr erkennt, und niemand muss dafür um Erlaubnis fragen. Es ist die schlichteste Regel der Technik, und sie lautet, dass die Gewalt einer Maschine beim Bediener enden muss und nicht bei ihrem Erbauer. Nur jene Maschine, die über Menschen verfügt, über ihr Geld, ihre Gesundheit, ihre Kinder und ihr Leben, besitzt keinen einzigen solchen Schalter. Sie läuft weiter, wenn sie Gliedmaßen zermalmt, und sie läuft weiter, wenn ganze Völker in sie hineingezogen werden. Das ist kein Versehen. Es ist Bauart.Statt eines Schalters haben die Menschen sich in eine Pyramide geordnet, und je höher einer in ihr aufstieg, desto korrupter wurde er, desto skrupelloser gegenüber jenen, die unter ihm standen. Lord Acton hat das Gesetz dieser Pyramide in einen Satz gefasst, wonach Macht dazu neigt zu korrumpieren und absolute Macht absolut korrumpiert. Die Hirnforschung hat ihm nachträglich recht gegeben. Dacher Keltner beschrieb das Paradox der Macht, dass nämlich jene Eigenschaften, die einen Menschen nach oben tragen, dort oben in ihm absterben. Und Sukhvinder Obhi zeigte mit magnetischer Stimulation des Gehirns, dass bei Menschen, die sich mächtig fühlen, jene Resonanz messbar erlahmt, mit der wir sonst die Regung eines anderen in uns selbst nachvollziehen. Der Mächtige spürt den Untergebenen buchstäblich nicht mehr. Wer also darauf hofft, oben werde schon jemand Mitleid haben, hofft auf ein Organ, das dort oben verkümmert.Damit hängt alles am Bewusstsein der Menschen selbst, an ihrer Bereitschaft, sich von der Konzentration der Macht zu lösen. Niemand darf über mich, über dich und über unsere Kinder verfügen. Es muss eine gesunde Ordnung geben, in der wir unser Leben selbst gestalten, und nicht ein Zustand, in dem ein Herrscher mit vorgehaltener Waffe, mit einer Armee oder mit einer Polizeieinheit die Tür aufbricht und verkündet, wir hätten nun zu tun, was er verlangt, und notfalls in einem Krieg zu sterben, den er selbst entfacht hat. Warum sollten wir das Leben für jene aufs Spiel setzen, die uns in ihre Konflikte treiben? Warum sollten wir jene weiter finanzieren, die Millionen Familien gefährden, während uns bis heute der Schalter fehlt, den wir längst hätten einbauen müssen?Muss das in einer Katastrophe enden? Noch nicht. Noch lässt sich an einer Lösung arbeiten, noch lässt sich ein Krieg verhindern, noch lassen sich diese Raubzüge beenden. Aber es gelingt nur gemeinsam. Jeder muss seinen Beitrag leisten, jeder muss zuerst an sich selbst arbeiten, und wer eine gewisse Stärke gewonnen hat, muss sich mit anderen verbinden. Erica Chenoweth hat die Erhebungen eines ganzen Jahrhunderts ausgewertet und dabei etwas gefunden, das jeder Herrschaft den Schlaf rauben sollte. Keine einzige gewaltfreie Bewegung, der es gelang, dreieinhalb Prozent der Bevölkerung dauerhaft zu mobilisieren, ist jemals gescheitert. Dreieinhalb Prozent. Mehr braucht es nicht, und genau deshalb wird alles darangesetzt, dass wir uns niemals finden, niemals vernetzen und niemals bemerken, wie viele wir längst sind.Mir ist bewusst, dass dieser Weg mit Arbeit verbunden ist. Er ist anstrengend, er ist lästig, und er ist undankbar. Ich habe die Repression dieses Systems am eigenen Leib erfahren. Ich habe meine Ersparnisse verloren. Sie kamen in meine Wohnung und nahmen meinen Rechner mit, meine Festplatte und mein Mikrofon, und sie haben meine ganze Familie traumatisiert. Man darf mich an dieser Stelle fragen, ob es das wert war. Ja, es war es. Denn wer schweigt, trägt nicht zur Lösung bei, sondern zum Konflikt. Wer schweigt, damit er selbst nicht im Gefängnis landet und seine Kinder ihm nicht genommen werden, dient dem System, das ihm genau diese Angst eingepflanzt hat, und er zahlt seinen Frieden mit der Freiheit seiner Kinder.Doch je mehr Betroffene einander finden, sich vernetzen, Initiativen gründen und füreinander einstehen, desto rascher entsteht eine Kraft, die keine Regierung, kein Tyrann und kein Apparat mehr aufhalten kann. Dazu ist Bewusstsein nötig. Die Menschen müssen begreifen, in welcher Lage sie sich befinden, sie müssen erkennen, dass sie nicht die freien Wesen sind, für die sie sich halten, und dieser Erkenntnis dient jeder Text dieser Art, unentgeltlich weitergegeben, damit sich jemand befreien kann, bevor es zu spät ist.Daraus folgt dreierlei. Erstens darf niemand erwarten, dass die Wahrheit sich von selbst durchsetzt, denn sie kämpft gegen die Ökonomie des Gehirns und verliert diesen Kampf regelmäßig gegen die einfachere Geschichte. Wer das weiß, muss Werkzeuge dagegen entwickeln, Verfahren, Gewohnheiten und Bündnisse, damit er nicht in der kollektiven Passivität verharrt und zusieht, wie er in den nächsten Krieg, in die nächste Krise und in das nächste Verbrechen hineinnavigiert wird. Der Mensch muss seine eigenen Schwachstellen kennen und an ihnen arbeiten, so wie ein Techniker die Fehlerquellen seiner Schaltung kennt, ehe er sie in Betrieb nimmt.Zweitens muss, wer aufklären will, den Preis der Einsicht senken, indem er verständlich spricht, ohne zu verflachen, und indem er dem Leser eine Handlung anbietet, die keine Ware ist. Es bringt nichts, immer wieder einen Ableger derselben Ordnung zu wählen, denn man wird ihm stets eine neue Partei bereitstellen, die ihm dasselbe verspricht, was ihm die vorherige genommen hat.Drittens beginnt jede Befreiung nicht mit dem Sturz einer Ordnung, sondern mit dem Aushalten jener Unbequemlichkeit, vor der alles in uns zurückweicht. Frage dich also einmal ehrlich, was diese Darsteller, die bestbezahlten Schauspieler der Welt, dir bislang verschafft haben. Ein Stück Erde im eigenen Land, unentgeltlich und frei von Abgaben? Mitbestimmung über dein Leben? Die Gewissheit, dass deine Kinder aufwachsen dürfen, wie sie es selbst wollen? Oder pressen wir einander nur in die nächste Runde desselben Spiels, um in Ruhe gelassen zu werden? Ändern wir nichts an unserem Denken, ändert sich nichts an unserem Zustand. Und, das ist der Kern, die Mächtigen wissen das. Sie kennen unser Gehirn besser, als wir es kennen. Sie analysieren uns, sie verfolgen unsere Spuren, sie sortieren uns mit Algorithmen und sie wollen unsere Gespräche lesen, weil sie aus dem, was wir einander schreiben, unsere nächsten Regungen vorherberechnen wollen.Wie ernst es damit ist, zeigt der Kalender. Am sechsundzwanzigsten März 2026 lehnte das Europäische Parlament die Verlängerung jener Übergangsregelung ab, die das freiwillige Durchsuchen privater Nachrichten erlaubte, mit zweihundertachtundzwanzig gegen dreihundertelf Stimmen, und am dritten April lief die Rechtsgrundlage aus. Es schien vorbei. Doch am siebten Juli öffnete dieselbe Kammer mit dreihunderteinunddreißig gegen dreihundertvier Stimmen den Weg zu einer neuen Abstimmung im Eilverfahren, und diese Abstimmung findet heute statt, am neunten Juli 2026, während ich diese Zeilen schreibe. Ihr Verfahren ist das Bemerkenswerteste daran, denn es kehrt die Beweislast um. Ohne dreihunderteinundsechzig ausdrückliche Gegenstimmen gilt der Vorschlag als angenommen. Das Schweigen selbst wird zur Zustimmung erklärt, und damit hat die Herrschaft die Lehre dieses ganzen Buches in ein Abstimmungsverfahren gegossen. Mehr als fünfhundert Kryptographen haben gewarnt, dass eine Hintertür für den Staat technisch dieselbe Hintertür für jeden Angreifer ist. Es geht hier längst nicht mehr um das Mitlesen verdächtiger Nachrichten. Es geht um den Zugriff auf das Bewusstsein einer ganzen Bevölkerung. Wir könnten ebenso gut die Schlösser aus unseren Türen ausbauen und unsere Kontostände ans Fenster hängen, denn genau darauf läuft es hinaus.Was also ist die Alternative? Wo sind unsere Projekte, unsere Versuche, unsere Wege aus diesen Strukturen? Wo sind unsere Begegnungsstätten und unsere Freiräume? Es gibt sie kaum, weil die Herrschenden alles daransetzen, uns in jener kleinen, müden Blase zu halten, die wir unser Leben nennen, ausgereizt bis an die Grenze der Belastbarkeit, damit wir für immer weniger Geld immer länger schuften, bis niemand mehr die Kraft zum Aufblicken hat. Ihnen genügt das. Sie brauchen uns nicht wach, sie brauchen uns nutzbar. Und genau das müssen wir beenden, nicht nur für uns, sondern für jene, die nach uns kommen und die uns eines Tages fragen werden, was wir eigentlich getan haben, während die Türen sich schlossen.Doch ich muss dich auch vor dir selbst warnen, und ich schließe mich dabei ein. In diesem Augenblick will dein Gehirn, dass du diesen Text beiseitelegst. Es hat recht gerechnet, denn er kostet dich Kraft. Meines wollte, dass ich ihn nicht schreibe. Es ist träge, es scheut die Mühe, und ich musste es überreden, Satz für Satz. Ich habe meinen Einsatz geleistet. Ich habe meinen inneren Widerstand überwunden, damit du diese Zeilen liest und dich vielleicht an einem anderen Ort wiederfindest als dort, wo du heute stehst. Nicht als Sklave einer Ordnung, nicht als Ressource einer Partei und nicht als Vieh, das bis zur Besinnungslosigkeit besteuert wird, sondern als freier Mensch, der über sein Leben verfügt, der ein Stück Erde sein Eigen nennt und der sich in keinen Krieg treiben lässt, den er nicht will.Der Mensch ist frei in dem Augenblick, in dem er die Anstrengung des eigenen Denkens nicht länger als Zumutung empfindet, sondern als Besitz. Was er statt ihrer erwirbt, sei es die Medaille im Versandhandel oder das Kreuz auf dem Wahlzettel, ist stets derselbe Versuch, sich diese Anstrengung von einem anderen abnehmen zu lassen. Und wer sie sich abnehmen lässt, bezahlt sie an anderer Stelle teurer, als jedes Gedankenwerk je gekostet hätte.Es gibt keinen roten Pilzkopf an dieser Maschine. Es gibt nur uns, die wir sie bedienen, und den Augenblick, in dem einer von uns die Hand von ihr nimmt. Dreieinhalb Prozent, mehr braucht es nicht. Der erste Einzige, der das Schild aus dem Fenster nimmt, weiß nie, dass er der erste war. Er weiß nur, dass er nicht mehr konnte. Und in dem Augenblick, in dem er es tut, wird er zu jenem Not-Aus, den sie vergessen haben einzubauen.QuellenClark L. Hull, Principles of Behavior (1943), zum Gesetz der geringsten Anstrengung.Wouter Kool und Matthew Botvinick u. a., Decision Making and the Avoidance of Cognitive Demand, Journal of Experimental Psychology: General (2010).Susan Fiske und Shelley Taylor, Social Cognition (1984), zum Begriff des geistigen Geizhalses.Daniel Kahneman, Schnelles Denken, langsames Denken (2011).Karl Friston, The Free-Energy Principle: A Unified Brain Theory?, Nature Reviews Neuroscience (2010).Leon Festinger, A Theory of Cognitive Dissonance (1957).Drew Westen u. a., Neural Bases of Motivated Reasoning, Journal of Cognitive Neuroscience (2006).William Hart u. a., Feeling Validated Versus Being Correct, Psychological Bulletin (2009), Metaanalyse zur selektiven Zuwendung.Arie Kruglanski und Donna Webster, Motivated Closing of the Mind, Psychological Review (1996).Ziva Kunda, The Case for Motivated Reasoning, Psychological Bulletin (1990).James Andreoni, Impure Altruism and Donations to Public Goods: A Theory of Warm-Glow Giving, The Economic Journal (1990).Kirk Kristofferson, Katherine White und John Peloza, The Nature of Slacktivism, Journal of Consumer Research (2014).Benoît Monin und Dale Miller, Moral Credentials and the Expression of Prejudice, Journal of Personality and Social Psychology (2001).Roy Baumeister, Arlene Stillwell und Todd Heatherton, Guilt: An Interpersonal Approach, Psychological Bulletin (1994).Robert Cialdini, Die Psychologie des Überzeugens (1984), zum Prinzip von Bindung und Konsistenz.Hal Arkes und Catherine Blumer, The Psychology of Sunk Cost, Organizational Behavior and Human Decision Processes (1985).Jeff Greenberg, Sheldon Solomon und Tom Pyszczynski, Arbeiten zur Terror-Management-Theorie (seit 1986).Erich Fromm, Die Furcht vor der Freiheit (1941).Solomon Asch, Konformitätsexperimente (1951); Philip Zimbardo, Stanford-Gefängnisexperiment (1971). Zum Stand der Debatte sei angemerkt, dass die Aussagekraft dieses Versuchs seit den Arbeiten von Thibault Le Texier (2019) sowie Alexander Haslam und Stephen Reicher umstritten ist, da Zimbardo die Wärter beeinflusste und die Versuchsanordnung das Ergebnis nahelegte.Martin Seligman und Steven Maier, Failure to Escape Traumatic Shock (1967), zur erlernten Hilflosigkeit.John Jost und Mahzarin Banaji, The Role of Stereotyping in System-Justification, British Journal of Social Psychology (1994).Robert Jay Lifton, Thought Reform and the Psychology of Totalism (1961).Judith Herman, Die Narben der Gewalt (1992).Viktor Frankl, Trotzdem Ja zum Leben sagen (1946).Elisabeth Noelle-Neumann, Die Schweigespirale (1980).Timur Kuran, Private Truths, Public Lies (1995), zur Verfälschung der geäußerten Überzeugung.Michel Foucault, Überwachen und Strafen (1975), zur Bestrafung als Belehrung des Publikums; Jeremy Bentham, Panopticon (1791).Lewis Coser, The Functions of Social Conflict (1956), zum Begriff der Ventilinstitution.Ellen Langer, The Illusion of Control, Journal of Personality and Social Psychology (1975).Václav Havel, Versuch, in der Wahrheit zu leben (1978); Étienne de La Boétie, Von der freiwilligen Knechtschaft(um 1548).Lord Acton, Brief an Bischof Creighton (1887), zur korrumpierenden Wirkung der Macht.Dacher Keltner, The Power Paradox (2016); Jeremy Hogeveen, Michael Inzlicht und Sukhvinder Obhi, Power Changes How the Brain Responds to Others, Journal of Experimental Psychology: General (2014), zur gedämpften Resonanz im Gehirn Mächtiger.Erica Chenoweth und Maria Stephan, Why Civil Resistance Works (2011), zur Schwelle von dreieinhalb Prozent.Zur Chatkontrolle: Ablehnung der Verlängerung der Übergangsregelung durch das Europäische Parlament am 26.3.2026 mit 228 zu 311 Stimmen; Auslaufen der Verordnung (EU) 2021/1232 am 3.4.2026; fünfter Trilog zur CSA-Verordnung am 29.6.2026 ohne Einigung; Beschluss über ein Eilverfahren am 7.7.2026 mit 331 zu 304 Stimmen; Abstimmung am 9.7.2026, bei der der Vorschlag ohne 361 Gegenstimmen als angenommen gilt; Ratsposition vom 26.11.2025 ohne verpflichtende Aufdeckungsanordnungen, jedoch mit Überprüfungsklausel; offener Brief von mehr als fünfhundert Kryptographen gegen das Scannen auf dem Endgerät (netzpolitik.org, BfDI, Berichterstattung Juni und Juli 2026).

09.07.2026 30 min 77 1
EES, das Entry/Exit-System
EES, das Entry/Exit-System

Eine Chronik, eine Streitschrift, eine Warnung!von Dawid SnowdenVorbemerkungAls meine ersten Gedanken zu dieser Schrift entstanden, war das Entry/Exit-System der Europäischen Union noch ein Bauplan. Ich habe die Entwürfe lange in der Schublade gehalten und kam aus dem einen oder anderen Grund nicht dazu, sie zu veröffentlichen. Doch je länger meine Zeilen dort ruhten, desto weiter wuchs das Vorhaben im Hintergrund heran, ohne echte mediale Aufmerksamkeit und ohne dass jemand die Menschen darüber aufklärte, welche Perversion hier für sie vorbereitet wird.Vereinzelt wurde berichtet, hier und da sogar gelobt, dass Europa nun endlich richtige Grenzen erhalte und dass dies uns zum Vorteil geschehe. Doch wer die Politik dieser Welt und ihre Strukturen aufmerksam betrachtet, sollte längst wissen, dass die Systeme, die man über uns errichtet, und die Linie, die fast alle Regierungen dieser Erde verfolgen, sich nicht an Freiheit, Frieden oder Sicherheit ausrichten, sondern an der Anhäufung von Profit, der aus jenen Problemen erwächst, die dieselben Mächte zuvor selbst erzeugt haben.Man mag auch an dieser Stelle darüber streiten, ob meine Warnung übertrieben sei, ob ich nur den Teufel an die Wand male oder ob doch etwas dran ist. Doch vieles davon ist längst Wirklichkeit geworden, und man könnte beinahe behaupten, die Perversion habe inzwischen Kinder bekommen. Die Maschine läuft, und sie läuft in allen Geschmacksrichtungen der Entgleisung, die sich nur denken lassen. Sie hat am zwölften Oktober 2025 zu atmen begonnen und war ein halbes Jahr später, am zehnten April 2026, an jeder Außengrenze des Schengenraums vollständig in Betrieb, ohne dass ein ernsthafter Versuch unternommen wurde, sie zu hinterfragen oder öffentlich zu verhandeln.Wer mit dem Begriff des Schengenraums nichts anzufangen weiß, dem sei er kurz erklärt, denn ohne ihn bleibt die Tragweite des Vorhabens im Dunkeln. Gemeint ist jene Zone aus derzeit neunundzwanzig europäischen Ländern, die untereinander die Grenzkontrollen abgeschafft haben, sodass man sich zwischen ihnen bewegt, als wären sie ein einziges Land. Ihren Namen trägt sie nach dem kleinen luxemburgischen Ort Schengen, wo das zugrunde liegende Abkommen im Jahr 1985 unterzeichnet wurde. Dazu zählen fast alle Mitgliedstaaten der Europäischen Union, von Deutschland über Frankreich und Spanien bis zu den zuletzt vollständig aufgenommenen Bulgarien und Rumänien, ergänzt um vier Länder außerhalb der Union, nämlich Island, Norwegen, die Schweiz und Liechtenstein. Draußen bleiben bislang allein Irland, das sich ausdrücklich herausgehalten hat, und Zypern, das noch auf seine Aufnahme wartet. Das Versprechen dieser Ordnung lautet, offene Binnengrenzen mit umso härteren Außengrenzen zu erkaufen, und genau an dieser Außengrenze setzt das Entry/Exit-System an. Wer diesen Handel zu Ende denkt, ahnt bereits, dass eine Festung, die im Inneren keine Schranken mehr duldet, ihre ganze Wachsamkeit zunächst nach außen kehrt, ehe sie sich früher oder später wieder nach innen richtet.Man sollte meinen, der Bau einer solchen Festung müsse die Schlagzeilen beherrschen und eine breite öffentliche Debatte auslösen. Das Gegenteil geschah. Die Medienanstalten, die jede belanglose Aufregung tagelang durchkauen, haben dieses Vorhaben mit einer Aufmerksamkeit bedacht, die dem Verschweigen näher stand als der Berichterstattung, und totgeschwiegen, was jede Schlagzeile verdient hätte. So errichtete man eine digitale Grenzperversion, die es in sich hat, die auf den ersten Blick einen Nutzen vorgaukelt und sich am Ende gegen uns alle richtet. Denn einmal installiert, lässt sich ein solches System beliebig erweitern und ausdehnen, bis es uns in diesem Weltengefängnis noch feiner steuern, verwalten und beherrschen kann.Deshalb erscheint dieser Text nun als Chronik, geordnet nach dem Gang der Ereignisse, vom ersten Fundament bis zur Gegenwart. Wer wissen will, ob die Warnung von einst haltlos war, muss sie nur an dem messen, was heute geschieht. Und wer das tut, wird feststellen, dass die Wirklichkeit den düstersten Sätzen nicht widersprochen, sondern sie bestätigt hat. Ich bitte den Leser dennoch, sich kein Urteil aus meiner Feder aufzwingen zu lassen. Ich lege die Bauteile offen, ich nenne die Namen, die Verträge und die Fristen, und ich sage klar, wo ich deute und wo ich belege. Das Urteil bildet jeder für sich.I. Das Fundament: Die Krise als BaugrundJede Kontrollarchitektur braucht einen Baugrund, und dieser Baugrund heißt Krise. Nichts lässt sich einer Bevölkerung leichter verkaufen als eine Lösung, wenn sie zuvor lange genug ein Problem gefürchtet hat. Genau darin liegt nach meiner Überzeugung die eigentliche Funktion der vergangenen Jahre. Eine Migrationspolitik, die weder den Ankommenden ein würdiges Leben noch den Ansässigen Sicherheit brachte, hat vor allem eines hinterlassen, nämlich ein Klima aus Unsicherheit, Empörung und Angst, in dem sich anschließend jede Maßnahme als Vernunft verkaufen ließ.Wer die Bilder der letzten Jahre betrachtet, die Berichte über Gewalttaten, über wachsende Kriminalität und über eine Ordnung, die zu bröckeln schien, versteht rasch, warum so viele Menschen ihre Sicherheit zurückverlangten. Doch man muss sich fragen, welche Art von Sicherheit ihnen im Gegenzug angeboten wurde. Es war eine kontrollierte Sicherheit, eine Zelle mit dem Etikett Schutzraum, und die Masse akzeptierte sie, um nur nicht überfallen, bedroht oder verletzt zu werden. Die These dieser Schrift lautet, dass diese Angst nicht der Feind des Systems war, sondern sein tragender Grund, und dass jene, die heute als Problemlöser auftreten, oft dieselben sind, deren Politik die Probleme erst geschaffen oder billigend zugelassen hat.Die Psychologie kennt die Mechanik dahinter genau. Die Frustrations-Aggressions-Hypothese, wie sie John Dollard und seine Kollegen bereits 1939 formulierten, beschreibt, wie aufgestaute Ohnmacht sich ein Ventil sucht, und der Sozialpsychologe Gordon Allport hat gezeigt, wie diese Ohnmacht regelmäßig auf einen Sündenbock umgeleitet wird, statt sich gegen die eigentliche Ursache zu richten. Das Konzept der relativen Deprivation, geprägt in der Forschung von Samuel Stouffer und Walter Runciman, erklärt zusätzlich, warum nicht der absolute Mangel den Zorn entzündet, sondern der Vergleich. Wer erlebt, dass anderen zugestanden wird, was ihm verweigert bleibt, entwickelt einen Groll, der sich mühelos gegen den Schwächeren lenken lässt und nur selten nach oben, gegen jene, die diese Verteilung überhaupt zu verantworten haben. Genau dieser Groll ist der Rohstoff, aus dem sich Zustimmung zur Überwachung gewinnen lässt.Der offizielle Ursprung des EES-Vorhabens trägt einen freundlichen Namen. Man nannte ihn die Smart-Borders-Initiative, ein Programm, das seit 2013 in den Ausschüssen reifte und nach der Migrationsbewegung des Jahres 2015 seine politische Beschleunigung fand. Aus der Sicht der Kommission ging es um schnellere Abfertigung, um bessere Erfassung der Aufenthaltszeiten und um den Schutz offener Binnengrenzen durch starke Außengrenzen. An dieser Stelle muss man fragen, was diese Ordnung eigentlich unter Schutz versteht. Etwa jene Konflikte, die dieselbe Politik seit Jahrzehnten mit Rüstung, Embargos und Interventionen befeuert und die ihre Völker mit erpressten Steuern finanzieren müssen? Man muss auch fragen, warum Menschen ihre Heimat überhaupt verlassen. Kaum jemand flieht aus Freude am Fremden, sondern vor Krieg, vor Enteignung und vor einer wirtschaftlichen Auszehrung, die dieselben Mächte über die halbe Erde mitzuverantworten haben. Eine Politik, die den Menschen im eigenen Land kaum ein Stück Erde unbelastet besitzen lässt, sie mit Steuern, Abgaben und Zwängen bis zum Monatsende auspresst und in dauerhafter Abhängigkeit hält, erzeugt beide Seiten derselben Bewegung, den Druck zur Flucht dort und den Druck zur Angst hier.Aus meiner Sicht ging es also um etwas anderes als um Ordnung. Man nutzte den Ausnahmezustand, um Werkzeuge dauerhaft einzuführen, die im Normalzustand niemand geduldet hätte. Es ist dieselbe Logik wie bei der Kamera an jeder Ecke, die in ruhigen Zeiten auf Widerstand stieße, in aufgewühlten Zeiten aber als Wohltat begrüßt wird. Und sie endet längst nicht bei der Kamera. Sie reicht bis zur Chatkontrolle und zum Blick in die privaten Nachrichten, wo Regierungen sich anmaßen, in verschlüsselten Verläufen zu schnüffeln, und diese Anmaßung als Fürsorge verkaufen. Wo Unsicherheit herrscht, ist der kollektive Befürwortungszwang sofort zur Stelle und treibt die Menschen in genau die Strukturen, die sie im Normalzustand niemals hingenommen hätten.Man muss diese Deutung nicht teilen, um ihre Logik zu erkennen. Wo Kontrolle als Antwort auf ein Chaos erscheint, fragt kaum jemand mehr, wer das Chaos verwaltet, wer davon profitiert und wer es womöglich billigend in Kauf genommen hat. Schon die schiere Zahl derer, die daran verdienen, spricht Bände. Ganze Reihen von IT-Konzernen und Anbietern künstlicher Intelligenz warten nur darauf, dass die Politik die Weichen stellt, damit sie sich an unserer Erfassung, unserer Auswertung und unserer Kontrolle satt verdienen können.Der Schlafende bettelt am Ende nicht um weniger Gitter, sondern um mehr. Mehr Kontrolle, weil ja die bösen Fremden kommen könnten. Mehr Kontrolle, weil ja noch mehr Gewalt über die Grenze schwappen könnte. Der brave, gut erzogene Staatsbürger, der nach dem Betriebssystem seiner Demokratie lebt und nichts anderes tut, verwechselt die Zelle, die man für ihn baut, mit einem Penthouse, den Wärter, der ihn festhält, mit einem Beschützer und die Söldner seines Gefängnisses mit Rettern. Genau in diese Verwechslung wurde das Entry/Exit-System hineingebaut.II. Das Gesetz: Wie das Gitter legal wurdeEin Kontrollsystem wird nicht durch Technik unangreifbar, sondern durch Recht, und das Recht wird von den Herrschenden dieser Welt gesetzt, nicht von uns. Wir besitzen keinen Notausschalter, mit dem sich Fehlentscheidungen der Regierenden anhalten ließen. Schon dieser Umstand ist eine Bankrotterklärung. Sie können uns in Kriege führen, ohne dass wir aussteigen dürfen, sie können uns unter Androhung von Strafe, Gefängnis oder gar dem Entzug der Kinder zu Dingen zwingen, die wir ablehnen, und alles, was sie Pflicht nennen, ist im Kern nichts anderes als ein Zwang, dem wir uns nicht entziehen können.Erst der Paragraph verwandelt den Übergriff in ein Verfahren und den Zwang in eine Pflicht, gegen die kein Einwand mehr zählt. Am Ende hat die Instanz immer recht, der Staatsanwalt, der Richter, der gesamte Apparat. Deshalb steht am Anfang der Maschine kein Scanner, sondern ein Gesetz, ein Gesetz, an dem das Fußvolk nicht mitschreiben darf, sondern das ihm serviert wird, damit es die vollendete Tatsache schluckt, ganz gleich, wie ungenießbar sie ist.Das Herzstück dieser Perversion heißt Verordnung (EU) 2017/2226, verabschiedet am 30 November 2017. Sie legt fest, welche Daten erhoben werden, wie lange sie gespeichert bleiben und wer darauf zugreifen darf. Sie bestimmt, dass die Aufzeichnungen drei Jahre ruhen, bei einer Grenzverletzung fünf, und sie öffnet den Zugang weit über die Grenzpolizei hinaus. Ausdrücklich ist sie so gebaut, dass sie sich später verschärfen lässt, je nach Laune und Zustand der herrschenden Strukturen. Wer diese Verordnung liest, findet darin kein harmloses Verwaltungsdokument, sondern die kalte Grammatik einer Erfassung, die den Menschen zum Datensatz erklärt, bevor er auch nur ein Wort gesprochen hat. Er wird zur digital verwalteten Ressource, zu einem Datenpaket, das durch ein Netzwerk geschleust wird und mehrere Firewalls passieren muss, um nur dann durchzukommen, wenn die richtige Genehmigung anliegt oder der richtige digitale Vertrag hinterlegt ist.Ergänzt wurde dieser Unterbau durch einen Eingriff in den Schengener Grenzkodex, die Verordnung 2016/399, die im selben Gesetzespaket um den Artikel 8a erweitert wurde, beschlossen von Rat und Parlament als Ko-Gesetzgeber, ohne dass die Betroffenen je gefragt worden wären. Diese eine Ziffer ist die juristische Eintrittskarte für die automatisierte Abfertigung, für die Selbstbedienungsschleusen und die Gesichtserkennung an den elektronischen Toren. Sie führt uns in dasselbe Wohlfühlklima, das man aus abgeriegelten Zonen kennt, in denen Menschen wie Vieh gescannt und protokolliert werden, sobald sie eine Schranke passieren. Was gestern noch die Ausnahme war, der Beamte, das Gespräch und der prüfende Blick, wurde damit zur ablösbaren Formalität erklärt, und an ihre Stelle traten die Maschine, der Algorithmus und morgen womöglich der Roboter, der die Grenze bewacht.Parallel lief bereits das Geld. Schon 2016 unterzeichnete ein Konsortium aus dem französischen IT-Konzern Atos, der Beratungsgesellschaft Accenture und dem Biometrieunternehmen Morpho, dem heutigen IDEMIA, einen Vertrag über hundertvierundneunzig Millionen Euro für das Smart-Borders-Programm. Der juristische Rahmen und der industrielle Auftrag entstanden Hand in Hand, und das ist kein Zufall. Wer die Regeln schreibt und wer daran verdient, saßen von Beginn an am selben Tisch, und beide leben davon, dass es Menschen gibt, die eine solche Ordnung blind hinnehmen.III. Die Baumeister: Wer das System errichtetMan sollte sich von der Rede vom Behördennetz nicht täuschen lassen. Die technische Umsetzung dieser Überwachungsarchitektur liegt nicht in öffentlicher Hand, sondern wurde über die üblichen Ausschreibungen einem engen Kreis privater Konzerne überlassen, die aus jedem Sicherheitsprojekt Kapital schlagen.An vorderster Front stehen die französischen Unternehmen IDEMIA, hervorgegangen aus Morpho und dem Rüstungs- und Technologiekonzern Safran, und Sopra Steria, ein europäischer Riese der Digitalberatung mit einem Jahresumsatz in Milliardenhöhe. Dieses Konsortium gewann im Jahr 2020 die Ausschreibung mit dem Kennzeichen LISA/2019/RP/05 und erhielt den Auftrag, das zentrale biometrische Identifikationssystem zu bauen, das sogenannte shared Biometric Matching System. Der Rahmenvertrag lief über vier Jahre, mit der Option auf eine Verlängerung um bis zu sechs weitere, und dieselben beiden Konzerne betreuen längst auch die Wartung der übrigen Großsysteme, von der Visadatenbank bis zur Asyldatei. Was hier entstand, ist keine Randnotiz. Es ist der Speicher, der Millionen Fingerabdrücke und Gesichter aus mehreren Datenbanken zusammenführt und weltweit durchsuchbar macht, ausgelegt auf die Merkmale von mehr als vierhundert Millionen Drittstaatsangehörigen, die man selbstverständlich nicht um ihr Einverständnis gebeten hat. Am fünfundzwanzigsten August 2025 ging dieser Speicher in den Wirkbetrieb, wenige Wochen bevor die Grenzen selbst zu scannen begannen.Wo die Daten liegen, ist kein Geheimnis, und es ist doch entlarvend. Betrieben wird der zentrale Bestand von der EU-Agentur eu-LISA, deren operatives Rechenzentrum in Straßburg steht, während sich der Ausweich- und Sicherungsstandort im österreichischen Sankt Johann im Pongau befindet, ergänzt um den Sitz in Tallinn. Von dort aus wird jeder Grenzübertritt an alle angeschlossenen Mitgliedstaaten und über die Interoperabilität an eine wachsende Zahl weiterer Register verteilt. eu-LISA selbst wurde 2011 gegründet und nahm ihre Arbeit am ersten Dezember 2012 auf. Seit dem ersten Oktober 2025 leitet sie Tillmann Keber, ein Jurist, der zuvor im Bundeskriminalamt und im Bundesinnenministerium für polizeiliche Informationssysteme zuständig war. Man betrachte das einen Moment lang. Das digitale Herz des Schengenraums wird von einem Mann geführt, der aus der Welt der Polizeidatenbanken kommt, und niemand scheint sich daran zu stören.Um dieses Zentrum gruppiert sich ein Zirkel aus denselben immer wiederkehrenden Namen, unter ihnen Atos, IBM, der italienische Rüstungskonzern Leonardo und Accenture. Nach vorliegenden Analysen flossen allein zwischen 2014 und 2020 rund anderthalb Milliarden Euro an europäischen Mitteln an diese Auftragnehmer, ein Milliardengeschäft mit der Angst und mit den Daten. Auch die Hardware verteilt ihre Gewinne. Die deutsche Bundespolizei bestellte tausendsiebenhundert Fingerabdruckscanner beim Leipziger Hersteller Jenetric und schrieb über tausend Selbstbedienungskioske aus, deren Zuschlag unter anderem an das börsennotierte Unternehmen Secunet ging, dessen Plattform sich modular bis zum Iris-Scanner erweitern lässt und die perspektivisch sogar automatisierte Einreisegespräche mit einer Maschine vorsieht, vorprogrammiert auf Misstrauen.Wie wenig diese teure Architektur wert ist, sobald man sie an ihrem eigenen Anspruch misst, zeigte eine Prüfung des Europäischen Datenschutzbeauftragten, die ausgerechnet im Schengener Informationssystem, das den biometrischen Speicher mitversorgt, schwerwiegende Sicherheitslücken fand. Nicht mehr der Gesetzgeber bestimmt also, wohin sich diese Systeme entwickeln, und schon gar nicht der Betroffene, sondern der Konzern, der an ihrer Durchsetzung verdient, und die Agentur, die sie betreibt.IV. Der Verbund: Ein Netz aus DatenbankenDas Entry/Exit-System ist kein einzelnes Gerät, sondern der Knotenpunkt eines vollvermaschten Verbundes, in dem jede Datenbank die andere verstärkt. Wer eine dieser Schleusen betritt, betritt sie alle.Der Vorposten heißt ETIAS, das Europäische Reiseinformations- und Genehmigungssystem, betrieben von eu-LISA gemeinsam mit einer eigenen Zentralstelle bei der Grenzagentur Frontex. Es entscheidet bereits vor der Anreise, ob ein visumbefreiter Mensch europäischen Boden überhaupt betreten darf. Kein Beamter, kein Gespräch und kein Einwand, ein Aktenvermerk genügt, und wer nicht in das Raster passt, bleibt draußen, bis der Algorithmus eines Tages sein Ja erteilt, sofern man ein braver wohlgefälliger Reisender ist. Bis heute ist ETIAS nicht in Betrieb, sein Start wird für das letzte Quartal 2026 erwartet, doch seine Rolle steht längst fest, denn es soll aus den Bewegungen des Entry/Exit-Systems gespeist werden.Es ist das Sahnehäubchen auf einer Infrastruktur des Misstrauens, und schon heute erleben wir eine Vorstufe seiner Logik, wenn unbescholtene Bürger nach einer Reise in ein missliebiges Land wie beispielsweise Russland, bei der Rückkehr am eigenen Flughafen abgefangen, in einen Verhörraum geführt und stundenlang befragt werden, was sie dort zu suchen hatten.Daneben steht das Visa-Informationssystem, in dem alle Anträge, Bewegungen und biometrischen Merkmale der Visuminhaber zusammenlaufen, ferner das Schengener Informationssystem, die größte Fahndungsdatenbank des Kontinents, in der ein Mensch nicht erst bei einem Verdacht, sondern schon bei bloßer Unerwünschtheit vermerkt wird, sei er Aktivist, Zeuge oder schlicht unbequem, und aus dem sich ein Treffer unmittelbar an die Polizei weiterleiten lässt, sodass der Betroffene an der Grenze bereits erwartet wird. Hinzu treten das europäische Strafregisterinformationssystem für Drittstaatsangehörige und die Asyldatenbank Eurodac. Man fragt zu Recht, wer hinter diesen Systemen steht, und die Antwort ist ernüchternd und aufschlussreich zugleich, denn Betreiberin ist in nahezu allen Fällen dieselbe eu-LISA, während die biometrische Verknüpfung von IDEMIA und Sopra Steria stammt. Es ist also kein Wettbewerb wachsamer Instanzen, sondern eine einzige Hand, die alle Fäden hält.Die entscheidende Verwandlung trägt einen euphemistischen Namen, sie heißt Interoperabilität. In ihrem Zentrum liegt der gemeinsame Identitätsspeicher, das Common Identity Repository, in dem die Kerndaten aller Systeme zu einem einzigen Profil verschmelzen, verbunden über ein europäisches Suchportal, das sämtliche Register auf einen einzigen Griff durchkämmt. Im Juni 2026 meldete eu-LISA den nächsten Schritt, als das neue Eurodac zusammen mit dem Suchportal, dem Identitätsspeicher und dem biometrischen Abgleich in Betrieb ging. Die Systeme verschmelzen also nicht in ferner Zukunft, sondern in diesem Augenblick.Wie gefährlich diese Verschmelzung wird, erkennt man erst, wenn ein weiteres Werkzeug ins Spiel kommt, dessen Name Programm ist. Palantir, benannt nach den Sehenden Steinen aus Tolkiens Erzählung, jenen Kristallkugeln, die Wahres zeigen und doch jeden verderben, der hineinblickt, und die sich von einem stärkeren Willen lenken lassen, ist ein US-Konzern, gegründet 2003 unter anderem von Peter Thiel und Alexander Karp, in seinen Anfängen mitfinanziert vom Wagniskapitalarm des amerikanischen Auslandsgeheimdienstes.Seine Software Gotham wurde in Kriegsgebieten und für Nachrichtendienste erprobt. Sie verknüpft Gesundheitsdaten, Polizeiakten und Inhalte sozialer Netzwerke zu Profilen, in deren Mittelpunkt nicht nur Verdächtige geraten, sondern auch Zeugen, Opfer und vollkommen Unbeteiligte. In mehreren Ländern werden bereits Gesundheitsregister an solche Plattformen angebunden, im britischen Gesundheitswesen etwa liegt ein großer Datenvertrag bei genau diesem Konzern. Verbindet man diese Analysemaschine mit den Bewegungsdaten des Grenzsystems, entsteht ein Werkzeug, das Menschen über Grenzen hinweg markiert, sortiert und zu Feindprofilen verdichtet. Ich behaupte nicht, dass heute schon ein Knopf existiert, der einen Unliebsamen per Drohne beseitigt. Ich warne davor, wohin eine Logik führt, die Wahrscheinlichkeiten berechnet und Menschen nach ihrer errechneten Gefährlichkeit behandelt, denn wo das Profil über den Zugang zum Leben entscheidet, ist die Sperrung des Kontos, die Verweigerung der Reise oder die Blockade des Mietwagens nur der erste, leiseste Schritt.Das Bundesverfassungsgericht hat in seinem Urteil vom sechzehnten Februar 2023, gefällt vom Ersten Senat in den Verfahren 1 BvR 1547/19 und 1 BvR 2634/20, genau diesen Punkt erkannt. Es entschied, angestoßen durch Beschwerden gegen die Polizeigesetze in Hessen und Hamburg, dass aus der Zusammenführung getrennter Daten etwas qualitativ Neues entsteht, ein eigenständiger, schwerer Eingriff und kein bloß besseres Nachschlagen.Wer diese Warnung überhört, verwechselt die Summe mit ihren Teilen und übersieht, dass hier ein Abbild des Menschen entsteht, das genauer ist als seine Erinnerung an sich selbst. Es entsteht eine Monstrosität, die Menschen weltweit kartografiert und die ihnen, gleich in welchem Land, den Zugang zu ihrem eigenen Leben verweigern kann, sobald sie nicht mehr mitspielen. Und weil man fast nirgends unbelastetes Land besitzen darf, bleibt dem Ausgesonderten am Ende die Rolle des Nomaden, des Geduldeten, des Menschen ohne Heimat und Wurzeln.V. Die Verzögerung: Ein Aufschub, kein RückzugWer aus den zahllosen Terminverschiebungen des EES Vorhabens Hoffnung schöpfte, hat den Charakter der Macht nicht verstanden. Das System wurde immer wieder verschoben, doch es wurde niemals aufgegeben. Ein Aufschub ist kein Rückzug. Die Strukturen tasten sich vor, sie prüfen, ob sich Empörung regt, und wo die Menschen schweigen, wird schlicht weitergebaut.Ursprünglich sollte das Entry/Exit-System bereits 2022 starten. Dann verschob man den Beginn auf das Frühjahr 2023, dann auf das Ende jenes Jahres, dann auf den November 2024, und schließlich abermals, weil die Systeme unzuverlässig blieben und die Mitgliedstaaten nicht bereit waren. Man wartete, so ließe sich zugespitzt sagen, bis die entscheidenden Stellen in Verwaltung, Behörden und Politik mit jenen besetzt waren, die ein solches System reibungslos durchsetzen. In diese Kette der Verzögerungen fällt auch die Plandemie, deren Ausnahmezustand die Reisefreiheit weltweit an Bedingungen knüpfte und deren digitale Nachweise die Menschen an den Gedanken gewöhnten, dass Bewegung eine Erlaubnis brauche. Ich behaupte nicht zu wissen, wie viel Absicht in diesem Zusammentreffen lag. Ich stelle fest, dass jede Notlage die Akzeptanz für Kontrolle erhöht und dass die Architekten dieser Systeme aus keiner Krise ohne Zuwachs an Befugnissen hervorgingen. Schlimmer noch, kaum eine dieser Befugnisse wurde je wieder zurückgenommen.Die Wartezeit wurde effizient genutzt. In Prag lief 2024 eine vollständige Simulation, begleitet von den Spezialisten der Firma Secunet. Schweden und die Niederlande erprobten gemeinsam mit Frontex an den Flughäfen Arlanda und Schiphol die Voranmelde-App, die heute unter dem harmlosen Titel Travel to Europe firmiert und den mobilen Vorposten der Erfassung bildet, denn sie soll die Reisenden schon in den zweiundsiebzig Stunden vor dem Abflug erfassen, ehe sie einen Fuß in ein Flugzeug setzen. In Deutschland testete die Bundespolizei am Flughafen Frankfurt am Main und am Kreuzfahrtterminal in Rostock-Warnemünde die Abläufe, während das automatisierte System EasyPASS an den großen Flughäfen von Frankfurt über München, Hamburg, Hannover, Düsseldorf und Stuttgart bis Berlin und Köln längst zum Alltag geworden war. Die Grenzagentur Frontex, die diese Erprobungen begleitet, ist dabei selbst ein Lehrstück des Wachstums, denn ihr Budget stieg von sechs Millionen Euro bei der Gründung 2004 über hundertzweiundvierzig Millionen im Jahr 2015 auf mehr als neunhundert Millionen im Jahr 2024 und rund eine Milliarde 2025, und die Kommission plant, ihre stehende Truppe auf dreißigtausend Kräfte zu verdreifachen.Was wie ein Dienst am Reisenden klingt, war in Wahrheit eine Dressur zur Selbstüberwachung, die Simulation von Freiwilligkeit unter dem Deckmantel des Fortschritts.Die genaueste Analogie liefert der eigene Supermarkt. Erst verschwand eine Kasse, dann die nächste, bis in vielen Filialen nur noch eine einzige besetzt ist, während im Minutentakt die Durchsage bittet, doch die Selbstbedienungskasse zu nutzen. Die Menschen scannen ihre Ware nun selbst, so wie sie am Flughafen ihr Gesicht selbst in die Kamera halten, und den wenigsten wird bewusst, dass sie damit am eigenen Ast sägen und womöglich bald ihre Arbeit oder eben Freiheit verlieren. Die Verhaltenspsychologie beschreibt diesen Vorgang präzise. Die operante Konditionierung im Sinne von Burrhus Frederic Skinner belohnt das gewünschte Verhalten mit kleinen Bequemlichkeiten, bis es zur Gewohnheit erstarrt, und der sogenannte Fuß-in-der-Tür-Effekt, den Jonathan Freedman und Scott Fraser bereits 1966 nachwiesen, zeigt, dass ein Mensch, der einer kleinen Zumutung zugestimmt hat, der nächsten, größeren kaum noch widerspricht. So verschiebt sich die Grenze des Hinnehmbaren Schritt für Schritt, ein Vorgang, den man in der Umweltforschung das Wandern der Bezugslinie nennt, weil jede Generation den bereits verschlechterten Zustand für den natürlichen hält.Wie weit das reicht, führt der voll digitalisierte Supermarkt vor. In den Pick-and-Go-Märkten der Rewe-Gruppe, betrieben mit der Technik des Anbieters Trigo Vision aus Tel Aviv, hängen mehrere hundert Kameras unter der Decke, in Düsseldorf rund achthundert, verbunden über kilometerlange Hochgeschwindigkeitskabel. Gewichtssensoren in den Regalen registrieren jeden Griff, und eine künstliche Intelligenz erstellt ein dreidimensionales Modell des Ladens, in dem die Kundschaft anhand ihrer Körperumrisse nachverfolgt wird. Man packt ein und geht hinaus, ohne etwas zu scannen. Das Unternehmen versichert, es speichere keine Gesichter und kein Kaufverhalten und verarbeite datensparsam, und diese Zusicherung mag stimmen. Sie ändert nichts an der eigentlichen Lehre, denn hier wird eine ganze Bevölkerung daran gewöhnt, dass ein Raum sie lückenlos beobachtet und dass Beobachtung Bequemlichkeit bedeutet. Genau diese Gewöhnung ist das Ziel.VI. Der Start: Das System erwachtAm Ende der Verzögerungen stand kein Verzicht, sondern ein Kunstgriff. Weil man fürchtete, das System werde die Grenzen am ersten Tag zum Erliegen bringen und sich damit selbst entlarven, erfand man den schleichenden Beginn.Am vierten Dezember 2024 schlug die Kommission diesen progressiven Start vor. Im Mai 2025 einigten sich Parlament und Rat als Ko-Gesetzgeber, und die Verordnung (EU) 2025/1534, die vorübergehende Ausnahmen von den bestehenden Regeln erlaubt, trat am 26 Juli 2025 in Kraft. Wenige Tage später, am dreißigsten Juli, setzte die Kommission den zwölften Oktober 2025 als Datum fest. Der biometrische Speicher war da bereits seit August im Betrieb, das Gitter also gespannt, ehe die Schleusen sich öffneten.So aktivierte man das System nicht mit einem Paukenschlag, sondern wie ein schleichendes Gift, in einer Übergangsphase von hundertachtzig Tagen, die es stufenweise hochfuhr. Zunächst sollten nur zehn Prozent der Grenzübertritte digital verarbeitet werden, ein sanfter Einstieg, der keine Rücksicht signalisierte, sondern eine kalte Testphase im Massensystem. Es ist derselbe Fuß-in-der-Tür, den auch die Supermärkte nutzten, als sie ihre Kassen erst versuchsweise und dann flächendeckend durch Schleusen ersetzten. Man begann dort, wo der Widerstand am leisesten war, an kleinen Übergängen, fern der medialen Aufmerksamkeit, um zu beobachten, auszuwerten und nachzujustieren, bis das Verfahren überall zur Normalität geworden wäre.Politisch nannte man das Flexibilität. In Wahrheit war es ein Balanceakt zwischen dem Willen zur vollständigen Erfassung und der Angst vor dem öffentlichen Gesichtsverlust. Die Maxime blieb unangetastet. Und so, wie sich der Mensch künftig bei jedem Grenzübertritt digital ausweisen muss und die digitale Identität zur gelebten Realität wird, so schließt sich das Gitter zugleich im Inneren. Immer mehr digitale Strukturen, immer mehr Erfassung, immer weniger Rechte, bis eines Tages nur noch jene die Tür passieren dürfen, die die richtigen Punkte gesammelt und die passenden digitalen Verträge auf ihren Konten hinterlegt haben. Es ist dann kein Leben mehr, sondern nur noch ein Aufenthalt in einem gigantischen Weltengefängnis.VII. Der Ausbau: Chaos an den SchleusenNun ließ sich prüfen, was die Behörden versprochen hatten. Man hatte den Menschen Beschleunigung verkauft, Bequemlichkeit und einen Grenzübertritt, der leichter würde als je zuvor. Geliefert wurde das Gegenteil, und die Wirklichkeit entlarvte die Verheißung schneller, als selbst der schärfste Kritiker es erwartet hatte. Es war das Bild der überforderten Selbstbedienungskasse im großen Maßstab, ratlose Menschen vor einer Technik, die niemand ihnen erklärt hatte.Von den zehn Prozent des Oktober wuchs der Anteil auf fünfunddreißig Prozent im Januar 2026, auf die Hälfte im März und schließlich auf die volle Deckung am zehnten April. Mit jeder Stufe wuchs auch das Chaos. An den Flughäfen bildeten sich Warteschlangen von drei und vier Stunden, in Genf, in Paris und an den spanischen und portugiesischen Toren. Die Kioske fielen ohne Vorwarnung aus, die Software synchronisierte sich nicht mit dem zentralen Speicher, und in Prag wies man die Beamten an, die Fingerabdrücke und Gesichter von Hand zu erfassen, weil die Automaten versagten. Portugal setzte die biometrische Erfassung in Lissabon im Dezember 2025 zeitweise aus, auf Gran Canaria stürzten die Systeme ab, und die Flughafenvereinigung ACI Europe forderte am achtzehnten Dezember in scharfen Worten eine sofortige Überprüfung des gesamten Zeitplans, weil die Abfertigung sich um bis zu siebzig Prozent verlängert hatte.Die Kommission wiegelte ab und beharrte auf ihren gerechneten Bearbeitungszeiten von etwa siebzig Sekunden, während an den Schaltern die Menschen ihre Anschlussflüge verpassten. Bis zum April 2026 hatte das System bereits mehr als zweiundfünfzig Millionen Grenzübertritte gespeichert, dazu über siebenundzwanzigtausend Einreiseverweigerungen und rund siebenhundert Sicherheitstreffer. Um den Zusammenbruch zu verhindern, mussten die Staaten auf jene Notklausel zurückgreifen, die ihnen die Verordnung 2025/1534 gewährt, die Erlaubnis nämlich, die biometrische Erfassung an einem einzelnen Übergang für jeweils bis zu sechs Stunden auszusetzen. Diese Gnadenfrist läuft voraussichtlich bis in den September 2026, danach greift die volle Härte wieder überall. Italien behilft sich noch bis zum dreißigsten September 2026 mit dem alten Passstempel, und Griechenland, das im April eigenmächtig aufgehört hatte, britische Reisende zu erfassen, wurde von Brüssel zurückgepfiffen und ruderte im Mai wieder zurück.Man betrachte diese Bilanz mit kühlem Blick. Ein System, das man als Erleichterung verkaufte, hat die Grenzen verstopft, die Reisenden gedemütigt und die Betreiber zu Notabschaltungen gezwungen. Das ist kein Anlauf, der ein paar Kinderkrankheiten überwindet, das ist die Natur der Sache, denn wer den lebenden Körper in einen Datenkörper zerlegt, bezahlt diese Zerlegung mit Zeit, mit Würde und mit der stillen Gewöhnung an das Warten vor dem Tor. Und wer beim Lesen dieser Pannen aufatmet, der irre sich nicht. Es ist ein Probelauf, nichts weiter, und die Herrschenden werden jeden Fehler ausmerzen, jede Lücke schließen und uns am Ende noch das letzte Stück Freiheit entziehen.VIII. Die Gegenwart: Das Gitter wandert nach innenHier endet die Chronik der Grenze und beginnt die eigentliche Gefahr. Denn die entscheidende Bewegung dieser Systeme verläuft nicht von außen nach innen des Landes, sondern von der Grenze in den Alltag. Was an der Schwelle erprobt wird, kehrt in der Stadt wieder, und die Werkzeuge, die man den Fremden zumutet, werden zum Maßstab für alle.Den Beweis liefert der Umgang mit der bereits erwähnten Analysesoftware von Palantir. In Bayern läuft sie unter dem Namen VeRA, in Hessen seit 2017 als HessenDATA, in Nordrhein-Westfalen unter der Bezeichnung DAR seit 2020, Baden-Württemberg schuf 2025 die Rechtsgrundlage und bereitete die Einführung für 2026 vor, während Rheinland-Pfalz sich verweigert. Auch hier wurde niemand gefragt, kein Bürger hat je einen Vertrag unterschrieben oder Datenschutzbedingungen akzeptiert, und schon daran erkennt man, wie wenig Mitbestimmung uns im eigenen Land bleibt. Man begründet das mit der Wahlbeteiligung, als hätte ein Kreuz auf einem Zettel die Vollmacht erteilt, jede kommende Zumutung widerspruchslos hinzunehmen. Das Volk wird überstimmt, überrollt und entrechtet, ohne je die Möglichkeit gehabt zu haben, eine einzelne Verordnung abzulehnen.Auf Bundesebene stoppte die Justizministerin Stefanie Hubig im Januar 2026 den Einsatz für Bundesbehörden, während der Innenminister Alexander Dobrindt zur gleichen Zeit prüfen ließ, ob genau das doch geschehen solle, gestützt auf die Behauptung, Palantir sei die einzige Software, die den Anforderungen genüge. Der Unionspolitiker Jens Spahn befürwortete den Einsatz offen, die Linkspolitikerin Clara Bünger warnte vor einem flächendeckenden Angriff auf die Privatsphäre von Millionen.Die Gesellschaft für Freiheitsrechte, geführt von dem Berliner Richter Ulf Buermeyer und im Verfahren koordiniert von der Juristin Franziska Görlitz, erhob am dreiundzwanzigsten Juli 2025 gemeinsam mit dem Chaos Computer Club Verfassungsbeschwerde gegen den bayerischen Artikel 61a des Polizeiaufgabengesetzes. Acht Beschwerdeführer stehen dahinter, darunter eine Strafverteidigerin und Fanvertreter eines Fußballvereins, und eine weitere Beschwerde gegen das nordrhein-westfälische Gesetz ist anhängig. Dieselben Karlsruher Richter hatten 2023 bereits die Leitplanken gezogen, an denen sich dieser Streit nun entscheidet. Der Fairness halber sei gesagt, dass eine Prüfung des Fraunhofer-Instituts im Auftrag des Landeskriminalamts keine versteckten Hintertüren im Quellcode fand. Das mindert die Gefahr jedoch nicht, denn eine intransparente Software eines fremden Konzerns, von der sich die Polizei auf Jahre abhängig macht, bleibt ein Fremdkörper im Herzen eines Landes, gleich ob eine einzelne Prüfung sie für sauber erklärt.An dieser Stelle lohnt ein Blick auf die Geldströme hinter dem Konzern, und ich nenne die Namen, weil sie belegbar sind, überlasse die Deutung aber dem Leser. Zu den größten institutionellen Anteilseignern von Palantir zählen der Vermögensverwalter Vanguard, ferner BlackRock und die Vermögenssparte von Goldman Sachs. BlackRock wiederum ist jener Konzern, dessen deutschen Aufsichtsrat Friedrich Merz von 2016 bis 2020 leitete, ausdrücklich mit dem Auftrag, die Beziehungen zu Kunden, Regulierern und Behörden zu pflegen, und der heute als Bundeskanzler amtiert. Alice Weidel wiederum, die Vorsitzende der AfD, war vor ihrer politischen Laufbahn bei Goldman Sachs tätig. Ich ziehe daraus keinen Beweis für eine Verschwörung, denn diese Beteiligungen laufen zumeist über breit gestreute Fonds. Ich stelle lediglich fest, dass jene Finanzhäuser, die an der Überwachungstechnik verdienen, personell eng mit der politischen Spitze verflochten sind, und ich halte es für die Aufgabe eines wachen Menschen, diese Nähe nicht als Zufall abzutun.Rund um diese Grenzsysteme wächst zugleich das eigentliche Gerüst der inneren Erfassung, die digitale Brieftasche EUDI, das Bürgerkonto, die Deutschland-ID und die elektronische Patientenakte. Die europäische Brieftasche beruht auf der Verordnung (EU) 2024/1183, dem sogenannten eIDAS-2.0-Rahmen, und verpflichtet jeden Mitgliedstaat, bis Ende 2026 mindestens eine solche App bereitzustellen. Ursula von der Leyen bewarb diese Vision bereits 2020 mit dem Versprechen, jeder Europäer solle überall selbst bestimmen können, welche Daten er teile. Offiziell ist die Nutzung freiwillig, mit ausdrücklichen Schutzklauseln gegen Benachteiligung. Doch man lese das Kleingedruckte. Die Union hat sich zum Ziel gesetzt, dass bis 2030 achtzig Prozent der Bürger eine digitale Identität nutzen, und Banken, Behörden und große Plattformen werden zur Annahme verpflichtet. Was hier als Recht auf Selbstbestimmung erscheint, wird auf diese Weise zur faktischen Voraussetzung der Teilhabe, denn wer keinen Handyvertrag, kein Konto und keinen Mietvertrag mehr ohne digitale Prothese erhält, ist nicht frei, sondern erpressbar und abhänigig. Wer das für Schwarzmalerei hält, sehe sich an, mit welcher Selbstverständlichkeit man heute die Preisgabe des Gesichts am Flughafen hinnimmt, und frage sich, warum dieselbe Prozedur morgen an der Kasse, am Bahnsteig oder an der Tür einer Behörde undenkbar sein sollte.IX. Die Warnung: Heute die Anderen, morgen duAn dieser Stelle wird aus der Chronik eine Warnung, und ich spreche sie so deutlich aus, wie es die Lage verlangt. Man beruhigt die Menschen mit dem Hinweis, das Entry/Exit-System gelte zunächst nur für Drittstaatsangehörige, und viele lehnen sich erleichtert zurück, weil sie glauben, nicht gemeint zu sein. Dieser Glaube ist der Kern des Tricks. Man beruhigt die Masse so lange mit der Versicherung, sie sei nicht betroffen, bis der Zaun geschlossen ist, und dann wird nicht mehr gefragt, ob jemand einverstanden sei, sondern nur noch gescannt, bewertet und verwaltet.Dass diese Ausweitung kein Hirngespinst ist, verrät der Bauplan selbst. Intern werden bereits Szenarien erörtert, die das System auf die eigenen Bürger erstrecken, offiziell zur Migrationsanalyse, tatsächlich als nächster Schritt zur Abschaffung der Freizügigkeit und ihrer Ersetzung durch überwachte Bewegungskorridore.Wie wirksam die Logik schon heute greift, zeigen jene Fälle, in denen Menschen die Ausreise zu einer Konferenz in ein anderes Land verweigert wurde oder in denen Reisende bei der Rückkehr am Flughafen festgehalten und verhört wurden. Sie fügen sich zu einem Bild, das in Richtung jener Welt weist, die George Orwell beschrieben hat. Die meisten schweigen dazu, aus Angst, aufzufallen, und genau dieses Schweigen ist der Baustoff, aus dem die Datenkrake ihre Macht bezieht, denn je mehr Menschen mitmachen und je weniger Nein sagen, desto mächtiger wird sie.Die wenigen Warnungen aus dem Inneren des Apparats blieben folgenlos. Die Grünen-Fraktion im Europaparlament ließ ein Gutachten erstellen, das dem Vorhaben Unverhältnismäßigkeit und Grundrechtswidrigkeit bescheinigte, eine juristische Studie der Universität Luxemburg stufte die Speicherung als unvereinbar mit der Grundrechtecharta ein, und der Europäische Gerichtshof hat die anlasslose Vorratsdatenspeicherung wiederholt für rechtswidrig erklärt und 2017 sogar das Fluggastdatenabkommen mit Kanada gekippt. Es kümmert die Maschine nicht. Man führt die Empörung auf, damit es später heißen kann, man habe ja gewarnt, während im Hintergrund weitergebaut wird. Das Papier ändert sich, die Praxis bleibt.Was daraus werden kann, wenn die Erfassung an der Grenze mit der Erfassung im Inneren verschmilzt, muss man aussprechen dürfen, auch wenn es unbequem ist. Verknüpft man die Bewegungsprofile mit einem Gesundheitsregister, entscheidet womöglich ein Eintrag über die Reise. Das ist keine reine Erfindung, denn Thailand etwa hat den papierenen Einreisezettel im Mai 2025 durch eine verpflichtende Digital Arrival Card ersetzt, führt ab August 2026 eine verpflichtende App ein und verlangt von Reisenden aus bestimmten Regionen längst den Nachweis einer Gelbfieberimpfung, so wie zahlreiche Staaten unter den Internationalen Gesundheitsvorschriften einen solchen Nachweis fordern.Verknüpft man die Profile mit einem Kohlenstoffkonto, wird Mobilität zum Privileg dessen, der genug Guthaben besitzt, zumal auch die digitalen Patientenakten grenzüberschreitend verschmolzen werden sollen. Verknüpft man sie mit einer Bewertung des Verhaltens, entsteht die europäische Spielart jenes Punktesystems, das man aus China kennt. Ich behaupte nicht, dass all dies bereits beschlossene Sache sei. Ich behaupte, dass jeder Baustein dafür bereitliegt, und die Geschichte lehrt, dass Werkzeuge in Reichweite am Ende benutzt werden. Vieles davon ordnet sich in die Agenda 2030 der Vereinten Nationen ein, jene siebzehn Ziele, die fast alle Staaten der Welt unterzeichneten, ohne dass die Völker je darüber abstimmen durften.Der Staat muss den Unbequemen dann nicht mehr verhaften. Er muss ihn nur von der Infrastruktur abklemmen wie einen defekten Drucker, und der Abgeklemmte wird alles tun, um wieder reisen, kaufen und existieren zu dürfen. Ein falscher Kommentar könnte genügen, denn die digitale Identität wandert längst in unsere Geräte. Ein Betriebssystem verlangt heute ein Microsoft-Konto, ein Apple-Gerät eine Apple-ID, ein Google-Dienst ein Google-Konto, und mit jedem dieser Zugänge wächst die Zahl der Fäden, an denen wir hängen. Entscheidet eines Tages ein Algorithmus, dass eine dieser Kennungen gesperrt gehört, oder schließt eine Plattform einen Nutzer unter Berufung auf ihre Richtlinien aus, so sieht die Sache plötzlich anders aus. Dann treffen andere die Regeln, nicht die Völker, denn aus dieser Entscheidungsgewalt wurden wir längst herausgenommen und zu reinen Nutztieren der Demorkatie degradiert.Deshalb steht am Ende dieser Schrift kein Triumph und kein Trost, sondern eine einzige nüchterne Erkenntnis. Das EES Entry/Exit-System ist kein Projekt, es ist ein Warnzeichen, eine kalte Perversion, die immer weiter wächst, bis sie eines Tages vor der eigenen Haustür steht, in Gestalt der sogenannten Fünfzehn-Minuten-Stadt. Man erkennt ihre Vorstufe bereits, wenn Städte in Parkzonen zerlegt werden und ein Mensch, der seinen Wagen im fremden Bezirk abstellt, ein Ticket ziehen und in einer App ablesen muss, wie lange er bleiben darf. Was heute mit Autos geschieht, wird morgen mit Menschen geschehen, ein Zeitfenster für den Aufenthalt in der fremden Zone, eine Strafe für die Rückkehr zur falschen Stunde. Ob man diese Art von Leben Freiheit nennen möchte, muss jeder für sich beantworten.Die Systeme, die man uns vorbereitet, ob das Grenzsystem oder die durchverwaltete Stadt, sind das sichtbare Stück eines Gitters, dessen unsichtbarer Teil sich Tag für Tag ein Stück enger legt. Die letzte Freiheit stirbt in solchen Systemen nicht durch Gewalt, sie stirbt durch Ignoranz, durch Bequemlichkeit und durch die Angst des Einzelnen, aufzufallen. Es ist wie mit jedem Krieg. Solange die Menschen sich nicht geschlossen verweigern, schlagen die Trommeln weiter, und am Ende wird die Welt ein einziges Lager, in dem jeder sich ausweisen und rechtfertigen muss. Wer heute schweigt, weil ihn die Grenze nicht betrifft, wird morgen in seiner eigenen Stadt vor derselben Schleuse stehen. Der Fremde ist nur der Erste. Der Nächste, den man erfasst, begrenzt und bewertet, bist du, und du wirst es sein, weil du geschwiegen hast.Noch ist das Tor nicht ganz geschlossen. Noch lässt sich fragen, benennen und verweigern, sofern man den Mut dazu aufbringt und bereit ist, für Freiheit einzustehen. Doch diese Tür schließt sich schneller, als die meisten glauben, und sie schließt sich leise. Womöglich hättest du ohne diese Schrift nie von diesem System gehört, denn nach außen wird es nicht getragen. Deshalb verbinde deine Kraft mit dem, was den Menschen stärkt, und entziehe sie dem, was ihn beraubt, erpresst, enteignet und verwaltet. Das ist kein Aufruf zur blinden Rebellion, sondern zum wachen, gemeinschaftlichen "Nein" gegen den Machtmissbrauch und gegen jede Form des politischen Zwangs. Denn kein Mensch kam je auf die Welt, um verwaltete Ressource zu sein. Es waren stets die Systeme und ihre Nutznießer, die ihn in Abhängigkeit trieben, weil sie von ihm leben, solange man ihm das Land nimmt, die Wahl verweigert und die Not so weit steigert, dass er sich anbietet, nur um existieren zu dürfen.Deshalb dürfen wir nicht schweigen und hoffen, dass es schon nicht schlimmer werde. Es geht um unsere Freiheit, um unser Überleben als selbstbestimmte Menschen. Solange wir alles hinnehmen, was beschlossen wird, und uns keinen Notausschalter erkämpfen, mit dem ein Volk jederzeit in eine politische Entscheidung eingreifen könnte, bleiben wir bloße Verfügungsmasse, verwaltet von jenen, die aus unseren Konflikten ihre Macht ziehen. Wer die Krise sät, um die Kontrolle zu ernten, wird niemals von selbst damit aufhören. Nur wir können ihm den Boden entziehen. Nur wir, liebe Leser, stehen in der Verantwortung diese Perversion zu stoppen, ehe die letzte Tür ins Schloss fällt.QuellenEuropäische Kommission, Migration and Home Affairs: Entry/Exit System (EES) und The new Entry/Exit System went live on 12 October (home-affairs.ec.europa.eu).Verordnung (EU) 2017/2226 (Errichtung des EES); Verordnung (EU) 2016/399, Art. 8a (Schengener Grenzkodex); Verordnung (EU) 2025/1534 (progressiver Start, vorübergehende Ausnahmen); Verordnung (EU) 2024/1183 (eIDAS 2.0, EU Digital Identity Wallet) (EUR-Lex, digital-strategy.ec.europa.eu).eu-LISA: Gründung 2011, operativ seit 1.12.2012, Sitz Tallinn, Rechenzentrum Straßburg, Ausweichstandort Sankt Johann im Pongau; Exekutivdirektor Tillmann Keber (seit 1.10.2025); Inbetriebnahme des neuen Eurodac samt Suchportal (ESP), Identitätsspeicher (CIR) und sBMS im Juni 2026 (eulisa.europa.eu).eu-LISA / IDEMIA / Sopra Steria: shared Biometric Matching System (sBMS), Auftrag 2020 (Ausschreibung LISA/2019/RP/05, Rahmen 4 Jahre plus bis zu 6), Go-Live 25.8.2025, ausgelegt auf über 400 Mio. Drittstaatsangehörige (idemia.com, soprasteria.com, biometricupdate.com); Smart-Borders-Vertrag 2016 über 194 Mio. Euro (Atos, Accenture, Morpho); rund 1,5 Mrd. Euro EU-Mittel 2014–2020.Frontex: Budget von 6 Mio. Euro (2004) über 142 Mio. (2015) auf 922 Mio. (2024) und rund 1,1 Mrd. (2025); Exekutivdirektor Hans Leijtens (seit 1.3.2023, nach dem Rücktritt Fabrice Leggeris 2022); geplante Aufstockung der stehenden Truppe auf 30.000 (frontex.europa.eu, Statewatch, Human Rights Watch, InfoMigrants).Rollout und Störungen: 10 % (12.10.2025), 35 % (9.1.2026), 50 % (März), 100 % (10.4.2026); Wartezeiten bis zu drei bis vier Stunden, Ausfälle, manuelle Erfassung in Prag, Aussetzung in Lissabon (Dez. 2025), Abstürze auf Gran Canaria; ACI-Europe-Erklärung vom 18.12.2025; ca. 70-Sekunden-Angabe der Kommission; über 52 Mio. Grenzübertritte, mehr als 27.000 Einreiseverweigerungen, ca. 700 Sicherheitstreffer; Sechs-Stunden-Aussetzungen nach VO 2025/1534 (voraussichtlich bis Sept. 2026); Italien-Stempel bis 30.9.2026; Griechenland-Kehrtwende Mai 2026 (Euronews, ETIAS-Fachdienste, VisaVerge, ABTA, wego).Bundesverfassungsgericht, Urteil des Ersten Senats vom 16.2.2023, 1 BvR 1547/19 und 1 BvR 2634/20 (automatisierte Datenanalyse, Hessen und Hamburg).Palantir: gegründet 2003 (u. a. Peter Thiel, Alexander Karp), Frühfinanzierung durch In-Q-Tel; Software Gotham; institutionelle Anteilseigner u. a. Vanguard, BlackRock, Goldman Sachs Asset Management (revenuememo.com, tikr.com, Yahoo Finance, SEC-Unterlagen).Gesellschaft für Freiheitsrechte (GFF): Verfassungsbeschwerde vom 23.7.2025 gegen Art. 61a BayPAG (VeRA/Palantir Gotham), Vorsitzender Ulf Buermeyer, Koordination Franziska Görlitz, unterstützt vom Chaos Computer Club (Constanze Kurz); weitere Beschwerde gegen NRW anhängig; HessenDATA seit 2017, NRW/DAR seit 2020; Prüfung des Fraunhofer-Instituts ohne Hinweis auf Hintertüren (freiheitsrechte.org, LTO, Campact, borncity.com).Palantir auf Bundesebene: Absage für Bundesbehörden durch Justizministerin Stefanie Hubig (Jan. 2026), Prüfung durch Innenminister Alexander Dobrindt; Baden-Württemberg 2025/2026, Rheinland-Pfalz ablehnend (Campact, LTO, heise).Friedrich Merz: Aufsichtsratsvorsitzender BlackRock Asset Management Deutschland 2016–2020 mit Mandat zur Pflege von Kunden-, Regulierer- und Behördenbeziehungen, seit 2025 Bundeskanzler; Alice Weidel vor der Politik bei Goldman Sachs (Wikipedia, Lobbypedia, private-banking-magazin.de, Perspektive).Europäischer Datenschutzbeauftragter (EDPS): Audit zu Sicherheitsmängeln im Schengener Informationssystem (SIS) (biometricupdate.com).REWE Pick&Go: Computer-Vision-System des Anbieters Trigo Vision (Tel Aviv), mehrere hundert Deckenkameras (rund 800 in Düsseldorf), Gewichtssensoren, 3D-Modell nach Körperumrissen; Angaben zur Datensparsamkeit durch REWE (mediacenter.rewe.de, Tagesspiegel, stores-shops.de).EU Digital Identity Wallet: eIDAS 2.0, Bereitstellung bis Ende 2026, Digital-Decade-Ziel von 80 % bis 2030, Aussage von Ursula von der Leyen (2020) (commission.europa.eu, euperspectives.eu, Thales).Thailand: Digital Arrival Card (TDAC) statt Papierformular seit Mai 2025, verpflichtende App ab August 2026, Gelbfieber-Nachweis unter den Internationalen Gesundheitsvorschriften (thaiembassy.com, GOV.UK, CDC).Zum Stand von ETIAS (erwartet 4. Quartal 2026): Europäische Kommission und eu-LISA.Psychologische Bezüge: Frustrations-Aggressions-Hypothese (John Dollard u. a., 1939); Sündenbockmechanismus (Gordon Allport); relative Deprivation (Samuel Stouffer, Walter Runciman); operante Konditionierung (B. F. Skinner); Fuß-in-der-Tür-Effekt (Jonathan Freedman und Scott Fraser, 1966).

04.07.2026 35 min 326 1
Die großen Geldscheine und die digitale Knechtschaft
Die großen Geldscheine und die digitale Knechtschaft

Digitales Geld, totale Kontrolle und die Bequemlichkeit, mit der wir unsere Freiheit verkaufen - von Dawid SnowdenInhaltVorwortI. Der KöderII. Die Stückelung als WaffeIII. Der stille Krieg gegen das BargeldIV. Die absolute KontrolleV. Das Versprechen und das MisstrauenVI. Der durchleuchtete MenschVII. Die Kette aus BequemlichkeitVIII. Der Tag, an dem das Netz schweigtIX. Die ZonenX. Keine Partei wird uns rettenXI. Am GeldautomatenQuellenverzeichnisImpressumVorwortIch schreibe dieses Buch nicht als Theoretiker, sondern als jemand, der die Technik, von der hier die Rede ist, von innen kennt. Ich verbringe mein halbes Leben im Reparaturgeschäft, ich habe Zehntausende Geräte zerlegt, vom Saugroboter über das Smartphone bis zur Kamera, und ich bin selbst in die Entwicklung von Hardware eingebunden. Ich weiß daher recht genau, was in diesen Geräten steckt, wozu sie fähig sind und wie leicht sich ihre Fähigkeiten gegen den Menschen wenden lassen, der sie zu besitzen glaubt.Aus dieser Nähe ist die Überzeugung gewachsen, die ich auf den folgenden Seiten ausbreite. Sie lautet, dass uns die Freiheit nicht mit einem Schlag genommen wird, sondern dass man sie uns in tausend kleinen, bequemen Schritten abkauft, bis wir sie eines Tages vermissen und begreifen, dass wir sie selbst hergegeben haben. Das Bargeld und der große Schein am Automaten sind dabei nur der Anfang einer längeren Kette, und ich will zeigen, wie diese Kette geschmiedet wird, Glied für Glied.Ich bitte dich nicht, mir zu glauben. Ich bitte dich, selbst zu prüfen, was ich beschreibe, und dir am Ende dein eigenes Urteil zu bilden.I. Der KöderJede Falle beginnt nicht mit dem Eisen, sondern mit dem Köder. Niemand spannt eine Schlinge und hofft, das Wild liefe hinein, weil es die Schlinge liebt. Man legt einen Köder hinein, der mit seinem Duft ein Versprechen vortäuscht, und das Eisen wartet geduldig dahinter. Genau so verhält es sich mit der digitalen Entmündigung, die ich auf den folgenden Seiten beschreibe. Sie tritt nicht als Befehl auf, nicht als Drohung und nicht als Uniform, sondern als Bequemlichkeit. Sie sagt nicht, gib deine Freiheit her, sondern sie flüstert, mach es dir doch leichter.Und tatsächlich ist sie bequem. Ich will das nicht beschönigen und auch nicht verschweigen, denn wer eine Gefahr nur halb beschreibt, wird nicht ernst genommen. Wer mit der Smartwatch bzw. der smarten Wanze am Handgelenk oder mit einem Blick in die Kamera bezahlt, erlebt einen Vorgang, der schnell und reibungslos abläuft, ohne den Moment des Kramens und ohne das Warten auf das Wechselgeld. Die Bequemlichkeit ist real, und gerade darin liegt ihre Macht. Man fürchtet sich nicht vor einem Geschenk.Doch Bequemlichkeit ist kein Naturzustand, sie wird hergestellt. Die Verhaltensforschung kennt dafür einen nüchternen Begriff. Richard Thaler und Cass Sunstein haben beschrieben, wie sich Menschen lenken lassen, ohne dass man ihnen etwas verbietet, allein dadurch, dass man den einen Weg mühelos und den anderen mühsam macht. Sie nannten es das Anstupsen, das sanfte Schubsen in eine vorbestimmte Richtung. Niemand wird gezwungen, niemand wird bestraft, und dennoch tut am Ende fast jeder, was vorgesehen war, weil der vorgesehene Weg der Weg des geringsten Widerstandes ist. Wer die Bequemlichkeit kontrolliert, kontrolliert das Verhalten, und er kontrolliert es gründlicher als jeder Befehl, weil das Opfer glaubt, es habe selbst gewählt.Das ist der erste und wichtigste Gedanke dieses Buches. Die Kette, die man uns anlegt, ist nicht aus Eisen, sondern aus Komfort. Sie scheuert nicht, sie drückt nicht, und sie glänzt sogar. Man trägt sie freiwillig und hält sie für ein trendiges Stück Technik oder ein modisches Accessoire. Dass es überhaupt eine Kette ist, bemerkt man erst, wenn man sie wieder ablegen will, und in diesem Augenblick zeigt sich, dass sie keinen Verschluss besitzt, den man selbst öffnen könnte.II. Die Stückelung als WaffeWer verstehen will, wie man einem Volk das Bargeld entzieht, ohne es jemals zu verbieten, muss ein einziges, unscheinbares Wort begreifen, das Wort Stückelung. Es trägt einen doppelten Sinn in sich, und beide Bedeutungen beschreiben dieselbe Methode. Stückelung meint die Größe der Scheine, in denen das Geld ausgegeben wird, und Stückelung meint zugleich das Verfahren, eine große Veränderung in so viele winzige Schritte zu zerlegen, dass keiner von ihnen Widerstand verdient.Beginnen wir beim Greifbaren, beim Geldautomaten. Wer heute, im Jahr 2026, hundert Euro abheben möchte, erhält in den meisten Fällen einen einzigen Schein. Auf den ersten Blick wirkt das harmlos, beinahe ordentlich, ganz so, wie es der Deutsche sagen würde: „Ordnung muss sein.“ Doch mit diesem Schein kauft man weder ein Brötchen vor der Arbeit noch einen Kaffee in der Pause noch ein Stück Kuchen am Nachmittag, denn an jeder Theke wird man mit demselben Satz empfangen, dass der Schein zu groß und das Wechselgeld zu knapp sei. Möchte man kleinere Scheine oder Münzen, verlangen manche Banken dafür ein Entgelt, als wäre das eigene Geld in handlicher Form eine Sonderleistung, für die man zu zahlen hat. So wird das Bargeld nicht abgeschafft. Man macht den Umgang damit nur Stück für Stück so lästig und so teuer, dass die Menschen am Ende von selbst zur Karte greifen und sich dabei auch noch für vernünftig halten.Hier verrichtet die Stückelung im ersten Sinn ihr Werk, und hier greift bereits der zweite Sinn. Denn keine dieser Maßnahmen kommt als großer Schlag. Sie kommen einzeln, klein und scheinbar belanglos. Zuerst verschwinden die kleinen Scheine aus dem Automaten. Dann kostet das Wechselgeld eine Gebühr, und bei manchem Institut zahlt man am Ende sogar für die Auszahlung selbst. Andere bieten die Barauszahlung überhaupt nicht mehr an, allen voran die reinen Internetbanken, bei denen jede Leistung kostenlos und mit einem Fingertipp erledigt ist, nur dass sich das eigene Geld dort nicht mehr in Scheinen abheben lässt. Dann folgen die Geschäfte, die nur noch die Karte akzeptieren, und zuletzt verschwindet der nächste große Schein aus dem Umlauf, angeblich weil ihn ohnehin nur Kriminelle gebrauchen könnten. Genau hier wird aus der Gebühr ein Gefühl. Wer noch in Scheinen zahlt, soll sich fragen, ob er denn mit Kriminellen in einen Topf geworfen werden möchte, und greift schon aus Scham zur Karte. Reicht das nicht, erfindet man die nächste Kulisse und erklärt, das Bargeld übertrage Viren schneller und gründlicher als jede andere Zahlung, sodass der Verzicht mit einem Mal wie Vernunft und Hygiene aussieht. Man macht es den Opfern so einleuchtend, dass sie es am Ende freiwillig unterlassen und den Verzicht für ihre eigene Einsicht halten. Jeder einzelne Schritt lässt sich somit rechtfertigen, jeder einzelne lässt sich hinnehmen, und gerade weil man jeden einzelnen hinnimmt, ist die Strecke am Ende zurückgelegt, ohne dass je eine Entscheidung gefallen wäre. Das ist die eigentliche Kunst. Man fragt den Menschen niemals, ob er das Bargeld aufgeben will, denn die Antwort wäre höchstwahrscheinlich nein.Ich nenne dieses Verfahren beim Namen, weil es das mächtigste Werkzeug der leisen Herrschaft überhaupt ist. Man kann einem Menschen alles nehmen, wenn man es ihm nur in genügend kleinen Stücken nimmt. Eine Grenze, die nicht verteidigt wird, verschiebt sich, und jede gelungene Verschiebung erteilt der nächsten die Erlaubnis. Was als Ausnahme begann, wird zur Regel, die Regel wird zur Gewohnheit, und die Gewohnheit wird schließlich für Natur gehalten. Der Frosch, sagt ein altes Bild, springt aus dem kochenden Wasser, doch im langsam erwärmten bleibt er sitzen, bis es zu spät ist. Die Stückelung ist die Methode, also das Wasser langsam zu erhitzen.Carl-Ludwig Thiele, lange im Vorstand der Deutschen Bundesbank, verteidigte das Bargeld mit einem abgewandelten Wort Dostojewskis und nannte es geprägte Freiheit. Dostojewski selbst, der seine Jahre im sibirischen Straflager verbrachte und den Wert der Freiheit kannte wie wenige, hatte vom Geld als geprägter Freiheit gesprochen. Thiele verteidigte damit die Bezahlung in Scheinen und Münzen, weil sie die Privatsphäre schützt, weil sie ohne Technik funktioniert und weil sie in Krisenzeiten bleibt, wenn alles andere ausfällt. Man halte sich vor Augen, was das bedeutet. Selbst aus dem Inneren der Notenbank kam die Warnung, dass die Abschaffung des Bargeldes den Menschen gläsern macht und sein Recht auf informationelle Selbstbestimmung beschneidet. Wer also das Bargeld in kleinen Stücken madig macht, verdrängt in kleinen Stücken die Freiheit, und er tut es so leise, dass kaum jemand den Zusammenhang bemerkt.III. Der stille Krieg gegen das BargeldDer Köder allein genügt nicht, denn es gibt Menschen, die der Bequemlichkeit misstrauen und beim Vertrauten bleiben. Gegen sie wird der stille Krieg mit anderen Mitteln geführt. Immer mehr Geschäfte nehmen nur noch Karte, immer mehr Kassen kennen nur noch das kontaktlose Tippen, und wer mit Schein und Münze kommt, wird behandelt wie ein Mensch aus einer vergangenen Zeit. Was als modern und futuristisch angepriesen wird, ist in Wahrheit eine Verengung der Wahl, bis am Ende keine Wahl mehr übrig bleibt.Besonders deutlich tritt diese Härte dort hervor, wo das Bargeld noch fließt, in den Betrieben mit einer Barkasse. Wer eine solche Kasse führt, lebt unter der ständigen Drohung der Prüfung durch das Finanzamt. Eine fehlende Buchung, eine falsche Zahl, und schon steht man im Fadenkreuz des Systems. In den Morgenstunden oder mitten am Tag rücken die Prüfer ein, begleitet von bewaffneter Polizei, nehmen Bücher, Rechner und Unterlagen mit, als gehörten sie längst dem Staat, und zwingen ein gesundes Geschäft binnen Stunden in die Knie, weil sich angeblich eine Unregelmäßigkeit in der Buchführung fand. Ein Staat, der von der Abgabe jedes Cents lebt, selbst keine Ressourcen bereitstellt und die Menschen in dauerhafter Enteignung hält, ein Staat, in dem sie über die Verwendung dieser Abgaben nicht das geringste Mitspracherecht besitzen, sondern der Willkür der Verwaltung restlos ausgeliefert bleiben, empfindet das Bargeld als blinden Fleck und sucht ihn mit allen Mitteln auszuleuchten.Dabei ist das Bargeld gelebte Freiheit. Wenn ich an der Kasse stehe, werde ich nicht nach meinem Kontostand bewertet und nicht nach einem Punktestand, wie ihn China unter dem Namen Sozialkredit bereits erprobt, wo der Zugang zu bestimmten Leistungen vom Wohlverhalten abhängen kann. Ich werde behandelt wie jeder andere Mensch. Ob ich eine zerrissene Hose trage oder eine Krawatte, vor dem Schein und der Münze sind alle gleich. Die digitale Zahlung dagegen lässt sich jederzeit abwählen und an Bedingungen knüpfen. Wie viele Menschen standen schon mit vollem Einkaufswagen an der Kasse, gerade jene, die als systemkritisch gelten, weil die Bank in genau diesem Augenblick nein sagte, etwa nachdem ein Richter eine Kontopfändung angeordnet hatte.Bargeld ist die letzte Zahlung, die niemand mitliest, und genau deshalb ist es der herrschenden Verwaltung ein Dorn im Auge, weil sie es nicht restlos kontrollieren kann. Sie hätte auch die letzten Rücklagen gern, die sich die Menschen mühsam zusammengespart oder im Stillen beiseitegelegt haben, um sie für ihre Kriege und ihren Machterhalt einzusetzen, während dieselben Menschen im eigenen Land nicht einmal das Geburtsrecht besitzen, ein Stück Erde kostenlos zu erhalten, um es zu bebauen oder darauf ein Haus für ihre Familie zu errichten. Alles ist an Abhängigkeiten und demokratische Zwänge gebunden, an Pflichten, die niemals enden und bei denen die Menschen nicht mitbestimmen dürfen, jedenfalls nicht in einem Maß, das es erlauben würde, von ihrem Land oder ihrer Heimat zu sprechen. So werden sie zu bloßen Ressourcen degradiert, zu Nutzmenschen, die alles hinzunehmen haben, was man ihnen aufzwingt oder in Pflichten verpackt und mit Staatsgewalt als Sicherheit hinterlegt.Besonders bitter zeigt sich der Verlust des Bargeldes bei den Obdachlosen. Je weniger Menschen noch Münzen oder kleine Scheine bei sich tragen, desto weniger bleibt, was sie mit denen teilen könnten, die am Rand sitzen und von der Politik in die Existenzvernichtung entlassen wurden. Man male sich die Szene aus, in die das führt, den Obdachlosen, der mit einem Kartenlesegerät vor der Tür kauert und um digitale Verrechnungseinheiten bettelt. An Absurdität und Perversion ist das kaum noch zu überbieten. Man kann sich an dieser Stelle sofort fragen, ob dieser Mensch überhaupt obdachlos wäre, wenn auch er das Geburtsrecht besäße, ein Stück Erde sein Eigen zu nennen. Säße er dann noch vor einer fremden Tür und bettelte, oder baute er auf eigenem Grund und Boden eine Scheune, eine Hütte oder ein Haus, zöge dort vielleicht sogar seine Nahrung und hielte sich Tiere? Menschen, die in Abhängigkeit leben, sind dazu verdonnert, jede Freiheit zu verlieren. Wer sich von dieser Entwicklung jedoch vollständig hat vereinnahmen lassen, hält auch das noch für einen Fortschritt.Man muss diesen Punkt scharf sehen, um die folgenden Kapitel zu verstehen. Solange Bargeld existiert, gibt es einen Raum, in dem der Mensch frei handeln kann, ohne dass ein Dritter zusieht, mitschreibt und im Zweifel eingreift. Dieser Raum ist klein, doch er ist der letzte seiner Art. Jede Münze, die ich von Hand zu Hand gebe, ist eine Handlung, die kein Algorithmus genehmigt und kein Konzern protokolliert. Wer diesen Raum verteidigt, verteidigt nicht das Geld, sondern das Prinzip, dass nicht jede Regung des Lebens der Erlaubnis einer höheren Instanz bedarf. Und wer ihn räumt, räumt mehr als ein Zahlungsmittel, er räumt die letzte Nische, in der Freiheit noch ohne Bedingung gilt.IV. Die absolute KontrolleNun komme ich zum Kern, zu jenem Punkt, an dem die Bequemlichkeit ihr wahres Gesicht zeigt. Was am Ende des Weges steht, trägt einen sperrigen Namen, das digitale Zentralbankgeld, in der Sprache der Fachleute die CBDC. Es ist kein Bargeld in elektronischer Hülle, sondern etwas grundlegend anderes, und der Unterschied entscheidet über die Freiheit ganzer Gesellschaften.Man muss diese Wahrheit nicht von Kritikern borgen, denn die Mächtigen selbst haben sie mit erstaunlicher Offenheit ausgesprochen. Agustín Carstens, Generaldirektor der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, also der Zentralbank der Zentralbanken, erklärte im Oktober 2020 auf einer Tagung den entscheidenden Unterschied zwischen Bargeld und digitalem Geld. Beim Schein, sagte er sinngemäß, wisse niemand, wer ihn gerade benutze. Beim digitalen Geld hingegen habe die Zentralbank, ich zitiere, die absolute Kontrolle über die Regeln, und sie besitze überdies die Technik, diese durchzusetzen. Man lese diesen Satz langsam und ein zweites Mal. Hier spricht kein Gegner des Systems, hier spricht seine höchste Instanz, und sie nennt das Ziel beim Namen. Absolute Kontrolle und die Technik, sie durchzusetzen.Was diese Kontrolle in der Praxis bedeutet, hat ein anderer hoher Beamter ebenso freimütig ausgeführt. Bo Li, stellvertretender Direktor des Internationalen Währungsfonds und zuvor in der chinesischen Zentralbank tätig, erklärte 2022, digitales Geld lasse sich programmieren, sodass sich genau festlegen lasse, wer es besitzen und wofür es verwendet werden dürfe. Er nannte Beispiele, die harmlos klingen sollen, etwa Sozialleistungen oder Gutscheine, die nur für bestimmte Zwecke ausgegeben werden können. Doch man denke den Gedanken zu Ende. Geld, das weiß, wofür es ausgegeben werden darf, ist Geld, das mir etwas verbieten kann. Es kann verfallen wie ein Joghurt mit Mindesthaltbarkeit, sich an einen einzigen Ort fesseln lassen oder die eine Ware erlauben, während es die andere verweigert, und all das nicht in Tagen, sondern in dem Bruchteil einer Sekunde, in dem eine Bedingung geprüft und ein Schalter umgelegt wird.Damit verschiebt sich die ganze Natur des Geldes. Heute kann ein Staat ein Konto sperren, und schon das ist eine schwere Maßnahme, doch sie ist langsam, sichtbar und an ein Verfahren gebunden. Im digitalen Geld geschieht dasselbe ohne Verfahren, ohne Vorwarnung und ohne Aufschub. Ein Mensch, dessen Verhalten als unerwünscht eingestuft wird, verliert nicht nach Wochen, sondern in dem Augenblick, in dem ein automatischer Vertrag, ein sogenannter Smart Contract, die festgelegte Bedingung als verletzt erkennt. Was vorher ein langwieriger Akt der Macht war, wird zum Reflex einer künstlichen Intelligenz, die einem Algorithmus folgt, den die Herrschenden bestimmt haben und nicht die Menschen selbst. Die Strafe braucht keinen Richter mehr, sie braucht nur eine Regel und ein System, das sie auslöst.Man muss diese Kette aus Digitalisierung und Repression zu Ende denken, denn die einzelnen Werkzeuge, die für sich genommen schon gefährlich sind, entfalten ihre volle Wucht erst in der Verbindung. Firmen wie Palantir führen gewaltige Mengen an Daten über uns zusammen, und es ist eine berechtigte Sorge, dass solche Profile am Ende auch in ausländischen Datenbanken landen. Verknüpft man diese Datenmacht mit dem programmierbaren Geld, dann genügt ein als unerwünscht markierter Geldfluss oder der Handel mit einem Land, das ein herrschendes Regime gerade verboten hat, und schon lässt sich nichts mehr überweisen und kein Geschäft mehr abschließen. Der Mensch wird damit nicht nur überwacht, sondern jederzeit sabotierbar gemacht.Dazu sollte man die Robotik im Blick behalten, an der weltweit mit Hochdruck gearbeitet wird und die in den nächsten Jahren das Straßenbild prägen dürfte. Rüstet man diese Maschinen mit Waffentechnik und mit Algorithmen aus, dann ziehen sie womöglich im Auftrag einer Technokratie, einer neuen digitalen Aristokratie, durch die Straßen und erniedrigen die Menschen, unterdrücken sie oder berauben sie ihrer Freiheit. Das ist die Dystopie, die uns Filme und Serien längst vorgeführt haben, von Terminator über Demolition Man bis zu Black Mirror und Songbird. Ich zeichne dieses Bild nicht, weil es feststeht, sondern weil die Bausteine dafür bereits gebaut werden.Und hier schließt sich der Kreis zur Stückelung. Damit dieses Geld, das in Europa unter dem Namen digitaler Euro längst vorangetrieben wird, zur einzigen Möglichkeit wird, muss zuvor das Bargeld verschwinden, denn solange ich in Münzen und Scheinen zahlen kann, entkomme ich dem Schalter, der mir gegebenenfalls das Essen, die Reise oder den Flug verbietet. Der zuständige Wirtschafts- und Währungsausschuss des Europäischen Parlaments, kurz ECON, hat seine Verhandlungsposition im Juni 2026 angenommen, woraufhin der abschließende Trilog zwischen Parlament, Rat und Kommission noch im selben Jahr zu einem fertigen Gesetz führen soll. Eine Pilotphase ist ab Mitte 2027 vorgesehen, und eine erste Ausgabe an die Bürger gilt frühestens für das Jahr 2029 als möglich. Deshalb gehören der Geldautomat, der nur noch große Scheine ausspuckt, und die absolute Kontrolle zusammen wie zwei chemische Stoffe, die einzeln harmlos wirken und zusammen explodieren.Denn je mehr Betriebe, Restaurants und Dienstleister ausschließlich Kartenzahlung akzeptieren, desto weniger Menschen tragen überhaupt noch Bargeld bei sich, weil sie ohnehin mit der Karte zahlen können. Genau darin liegt die psychologische Strategie. Der Mensch ist von Natur aus bequem, er wählt fast immer den Weg des geringsten Widerstands und übernimmt die Standardoption, die man ihm vorlegt, ohne sie zu hinterfragen. Macht man das bargeldlose Zahlen zur Selbstverständlichkeit, dann folgt er dem bequemen Köder ganz von allein. Und wenn am Ende nur noch eine verschwindende Minderheit an Geschäften, Firmen und Gastronomiebetrieben überhaupt Bargeld annimmt, löst sich das Problem von allein. Es bedarf keines Verbots mehr. Die Menschen verwenden es schlicht nicht mehr, und weil es kaum noch jemand entgegennimmt, wird es nach und nach verdrängt, entwertet und stillschweigend abgeschafft. Es wird nicht verboten, es wird nur überflüssig gemacht, bis es mangels Gebrauch von selbst verschwindet.Das heißt, man treibt die Betroffenen zuerst in genau diese Lage, in der sie das Bargeld kaum noch einsetzen. Zugleich gerät unter Druck, wer an der Quelle steht, also die Unternehmen selbst. Wer weiterhin mit Bargeld arbeitet, sieht sich Betriebsprüfungen ausgesetzt, die mit einer Härte auftreten, die an Einschüchterung grenzt, und an deren Ende oft Steuernachforderungen oder Schätzungen in exorbitanter Höhe stehen, gegen die sich der Einzelne kaum noch wehren kann. Kein Unternehmer will sich diese Repression freiwillig antun, und so meidet er das Bargeld, lange bevor ein Gesetz es ihm untersagt. Auf diese Weise greifen alle diese Mechanismen ineinander. Der eine bereitet vor, was der andere vollendet. Wer das Bargeld verteidigt, verteidigt nicht die Vergangenheit, sondern den Notausgang.V. Das Versprechen und das MisstrauenAn dieser Stelle wird man mir die offizielle Beruhigung entgegenhalten, und ich will sie nicht unterschlagen, denn ich fürchte das Gegenargument nicht, ich nehme es ernst. Die Europäische Zentralbank versichert, der digitale Euro werde, ich gebe ihre Formulierung wieder, niemals programmierbares Geld sein. Es werde keine eingebauten Beschränkungen geben, wo, wann und wofür man ihn nutze. Doch diese Beteuerung ist ungefähr so haltbar wie jene berühmte Versicherung, die der DDR-Staats- und Parteichef Walter Ulbricht am 15. Juni 1961 auf einer internationalen Pressekonferenz in Ost-Berlin auf die gezielte Nachfrage einer Journalistin gab: „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten." Keine zwei Monate später stand sie. Sie gleicht dem Versprechen, es werde keine Ausgangsbeschränkungen geben, und so vielen Zusagen der Geschichte, die sich später, einmal fest etabliert, doch als Wirklichkeit erwiesen.Auch die Offline-Zahlung solle, so heißt es, ebenso privat sein wie Bargeld, die Nutzung freiwillig bleiben und das Bargeld erhalten werden. Ernst nehmen lässt sich das kaum, denn die Bargeldakzeptanz sinkt ohnehin von Jahr zu Jahr, und immer mehr Unternehmer verzichten darauf, sei es wegen der erwähnten Repressionen durch die Finanzbehörden, sei es, weil die Kundschaft längst mit Karte zahlt. Welche Garantie haben die Menschen, dass man sich an diese Erzählung hält, dass das Geld nicht doch steuerbar, nicht kontrollierbar und nicht mit geografischen Sperren versehen wird, wie sie bei Mastercard und Visa längst möglich sind, wo sich Zahlungen für bestimmte Länder unterbinden lassen? Und warum sollte sich dasselbe nicht eines Tages auf regionaler Ebene oder für einzelne Zonen innerhalb einer Stadt einrichten lassen, sobald die herrschenden Politiker es so bestimmen? Sicherheiten gibt es keine, und nach meiner Überzeugung wird es sie auch niemals geben.Der parlamentarische Prozess dazu läuft, wie ich im vierten Kapitel beschrieben habe, doch eine erste Ausgabe wird nicht vor dem Ende des Jahrzehnts erwartet, und der Streit um die Einzelheiten ist offen. So weit das Versprechen.Ich glaube diesem Versprechen nicht, und ich will genau sagen, warum, denn mein Misstrauen ist kein Bauchgefühl, sondern ein Schluss, gestützt auf das, was sich in meinem Umfeld und darüber hinaus beobachten lässt, sofern man nicht blind durch die Welt geht. Erstens steht das Versprechen im Widerspruch zu dem, was die höchsten Stellen des internationalen Geldwesens als Vorzug der neuen Währung gepriesen haben. Wenn die Zentralbank der Zentralbanken die absolute Kontrolle und die Technik zu ihrer Durchsetzung als den entscheidenden Unterschied zum Bargeld feiert, dann ist die Kontrolle nicht ein versehentlicher Nebeneffekt, den man später abstellen kann, sondern der eigentliche Zweck der Sache.Zweitens unterscheidet die offizielle Sprache fein zwischen dem, was technisch möglich, und dem, was rechtlich vorgesehen ist. Doch ein Werkzeug, das die Beschränkung kann, wird die Beschränkung eines Tages tun, sobald die Lage es nahezulegen scheint, und die Lage lässt sich herstellen. Mir drängt sich dazu eine Analogie auf. Vor einigen Jahren wurde eine Rechtsgrundlage geschaffen, die es erlaubte, mutmaßlich kriminellen Familienclans das Vermögen zu entziehen, ihnen Häuser und Autos zu nehmen oder Konten einzufrieren. Die Mehrheit beklatschte das mit dem Argument, nun greife der Rechtsstaat endlich durch. Doch ein Instrument, das einmal existiert, bleibt selten auf seinen ursprünglichen Zweck beschränkt, und ich bin überzeugt, dass die Jahre der Pandemie gezeigt haben, wie rasch sich solche Mittel auch gegen jene wenden lassen, die den Maßnahmen kritisch gegenüberstanden. Wer ein Beispiel verlangt, findet es in den Protestbewegungen jener Jahre. Beim australischen „Convoy to Canberra" zu Beginn des Jahres 2022 fror die private Spendenplattform GoFundMe über einhundertsechzigtausend australische Dollar an Unterstützergeldern ein und annullierte die Kampagne wenig später ganz, und im verwandten kanadischen Protest derselben Zeit gingen die Behörden noch weiter, indem sie unter einem Notstandsgesetz Dutzende Bankkonten von Teilnehmern und Unterstützern einfrieren ließen. Es brauchte kein Strafurteil, es genügte die Nähe zu einer unerwünschten Meinung. Warum also sollte eine Technik, die bereits installiert ist, nicht eines Tages gegen die Menschen selbst gerichtet werden, um Macht zu sichern? Und damit steht die Frage im Raum, die sich jeder Leser stellen sollte. Vertraust du der Politik? Wenn nicht, dann kann es für dich keine Option sein, das hinzunehmen, was dort für uns vorbereitet wird.Drittens lehrt die ganze Geschichte der Macht, dass eine Vollmacht, die einmal in Reichweite liegt, am Ende ergriffen wird. Ein Hebel, der bereitliegt, wird gezogen.Darum verschiebt sich die entscheidende Frage. Sie lautet nicht, ob die Technik missbraucht werden kann, denn das kann sie zweifellos. Sie lautet, ob wir denen vertrauen, in deren Hand wir den Hebel legen. Vertraue ich einer Regierung, die mich in Konflikte und in Kriege treibt, so weit, dass ich ihr die Echtzeitverfügung über mein Geld überlasse? Vertraue ich einem Konzern, dessen Geschäft das Sammeln meiner Daten ist, so weit, dass ich ihn über meine Zahlungen wachen lasse? Das Versprechen, die Macht nicht zu missbrauchen, ist niemals so viel wert wie die Macht selbst. Wer mir die Beschränkung verspricht, könnte mir auch einfach die Technik zur Beschränkung vorenthalten. Solange er sie baut und behält, ist sein Versprechen nur ein Wort, und Worte lassen sich zurücknehmen, Strukturen nicht.VI. Der durchleuchtete MenschDie absolute Kontrolle über das Geld wäre stumpf, hätte ihr Träger nicht zugleich das Wissen, gegen wen er sie richten soll. Dieses Wissen liefert die zweite Säule der neuen Ordnung, die vollständige Durchleuchtung des Menschen. Hier verbindet sich das digitale Geld mit etwas, das längst gebaut ist, mit dem riesigen Apparat der Datensammlung und der Verhaltensvorhersage.Man betrachte allein, was sich am Endgerät zusammenbraut. Regierungen arbeiten an Gesetzen, die es erlauben sollen, private Chatverläufe noch vor ihrer Verschlüsselung mitzulesen und automatisch zu durchsuchen, ein Vorhaben, das längst unter dem Stichwort der Chatkontrolle verhandelt wird. Zugleich beginnen die Betriebssysteme selbst, ihre Nutzer zu beobachten. Microsoft hat mit der Funktion Recall ein Werkzeug vorgestellt, das im Sekundentakt Aufnahmen des gesamten Bildschirms anfertigt, sie durchsuchbar macht und ein vollständiges Bildgedächtnis dessen anlegt, was ein Mensch an seinem Rechner tut. Der Aufschrei war so groß, dass Microsoft die Einführung verschieben musste, doch das Prinzip ist in der Welt. Sicherheitsforscher nannten diese lokal gespeicherte Sammlung eine Goldgrube für Strafverfolgung und Angreifer gleichermaßen, und sie haben recht, denn was ein Gerät einmal lückenlos aufzeichnet, lässt sich später abrufen, gleichgültig, was man heute verspricht. Es bedarf wenig Fantasie, sich vorzustellen, dass solche Aufnahmen eines Tages nicht mehr nur auf der Festplatte ruhen, sondern auf dem Tisch einer Ermittlungsbehörde landen.Im öffentlichen Raum wächst dieselbe Logik in Gestalt der Überwachungskameras, die sich über Straßen, Plätze und Bahnhöfe ziehen. Ich bin überzeugt, dass dieses Netz erst im Schatten der Migrationspolitik so ungehindert wuchern konnte. Erst häuften sich die Berichte über Gewalt im öffentlichen Raum, über Menschen, die an Bahnsteigen vor einfahrende Züge gestoßen wurden, über Übergriffe, die das Sicherheitsgefühl vieler erschütterten, und genau in diesem Klima präsentierte man die lückenlose Beobachtung als die naheliegende Lösung. Mehr noch, ich halte es für denkbar, dass man die Zustände, aus denen diese Eskalation erwuchs, in Kauf nahm oder begünstigte, weil sie den willkommenen Vorwand lieferten, jene Überwachungsinfrastruktur überhaupt erst zu errichten, die man andernfalls niemals hätte durchsetzen können.An dieser Stelle darf ein Name erneut nicht fehlen, der Name Palantir. Dieses Unternehmen hat seine Software ursprünglich für den Krieg und die Sicherheitsapparate entwickelt, und sein Mitgründer und Vorstandsvorsitzender Alex Karp räumte in einem Interview offen ein, die Technik werde gelegentlich eingesetzt, um Menschen zu töten, gemeint waren gezielt aufgespürte Terroristen. Doch wer darüber bestimmt, wer als Terrorist gilt, ist niemals das Opfer selbst. Darüber entscheiden Regierungen und mitunter skrupellose Psychopathen, die sich das Recht herausnehmen, fremde Länder zu überfallen und dort Menschen zu töten, sei es, weil sie nach deren Ressourcen greifen, sei es, weil sie noch finsterere Beweggründe in sich tragen. Man stelle sich nun vor, ein System, das im Drohnenkrieg dazu diente, aus Datenspuren Feindprofile zu errechnen, werde auf die gesamte Zivilbevölkerung angewandt. Die Perversion, die darin liegt, lässt sich kaum in Worte fassen, denn dann wird jeder Bürger mit demselben Instrument vermessen, das einst dazu gebaut wurde, ein Ziel zu bestimmen.Und das ist keine ferne Möglichkeit, sondern bereits gelebte Wirklichkeit. In Deutschland arbeitet die Polizei mehrerer Bundesländer längst mit dieser Software, in Hessen unter dem Namen HessenData seit dem Jahr 2017, in Bayern als VeRA, in Nordrhein-Westfalen als DAR, und Baden-Württemberg hat die rechtliche Grundlage geschaffen, um im Jahr 2026 nachzuziehen. Allein in Bayern wurden dafür nach Angaben der Datenschutzaufsicht rund neununddreißig Millionen Personendatensätze durchkämmt, und die Aufseher betonen, dass davon nicht nur Verdächtige erfasst werden, sondern ebenso Zeugen, Geschädigte und vollkommen Unbeteiligte. Niemand von uns wurde gefragt, niemand hat je eine Zustimmung unterschrieben, und hinter den unverfänglich klingenden Landesnamen verbirgt sich dasselbe System, das anderswo Soldaten und Geheimdienste bedient. Nicht anders verhält es sich in England, wo ein von Palantir geführtes Konsortium die zentrale Datenplattform des staatlichen Gesundheitsdienstes betreibt und die Krankenakten der Bürger in dieselbe Datenkrake einspeist. Auch dort wurde die Bevölkerung nicht um Erlaubnis gebeten, und als bekannt wurde, dass Mitarbeiter des Konzerns Zugriff auf identifizierbare Patientendaten erhalten sollten, formierte sich erbitterter Protest. Schon das allein sollte jeden Menschen ins Nachdenken bringen.Niemand hat diesen Apparat schärfer beschrieben als die Harvard-Ökonomin Shoshana Zuboff. Sie nannte das herrschende Geschäftsmodell der digitalen Welt den Überwachungskapitalismus und beschrieb es als die einseitige Aneignung menschlicher Erfahrung als kostenloses Rohmaterial. Aus unserem Verhalten, aus jedem Klick, jedem Weg und jedem Wort werden Daten, aus den Daten werden Vorhersagen, und mit den Vorhersagen wird gehandelt. Das Ziel, schreibt Zuboff, habe sich verschoben, vom bloßen Wissen über uns hin zum Lenken unseres Verhaltens, und sie belegt diesen Vorgang mit einem Wort, das ich aus meinen früheren Schriften wiedererkenne. Sie nennt dieses System parasitär, ein Gebilde, das sich vom Leben des Wirtes nährt und ihn nur so lange am Leben hält, wie es sich von ihm ernähren kann. Wer meine bisherigen Bücher gelesen hat, weiß, weshalb mir dieses Wort wie ein Echo erscheint.Was Zuboff für die Konzerne beschrieb, greift der Staat dankbar auf, und für die Verschmelzung beider liegen die Werkzeuge bereit. Firmen wie das genannte Palantir führen Daten aus zahllosen Quellen zu einem einzigen Bild zusammen und verleihen einer Regierung damit die Fähigkeit, aus verstreuten Spuren ein Profil zu errichten, das mehr über einen Menschen weiß, als dieser über sich selbst. Man verbinde dieses Profil mit dem programmierbaren Geld, und man erhält etwas, das in der Geschichte ohne Beispiel ist. Eine Macht, die in Echtzeit weiß, wer du bist, was du denkst und was du als Nächstes tun wirst, und die zugleich in Echtzeit darüber verfügt, ob deine Zahlung durchgeht. Das Profil benennt den Abweichler, und das Geld bestraft ihn, beides ohne Verfahren und beides in dem Bruchteil einer Sekunde, in dem eine Bedingung erfüllt oder verletzt ist.Eine beunruhigende Frage drängt sich mir an dieser Stelle auf, und ich gebe sie als Vermutung weiter, nicht als Gewissheit. Warum dulden ausgerechnet jene Plattformen, die sich der Zensur am stärksten verweigern, etwa der Dienst Telegram des Gründers Pawel Durow, nahezu jede Äußerung? Es wäre denkbar, dass gerade solche scheinbar freien Räume eine verborgene Funktion erfüllen, indem sich dort die Wut, die Unzufriedenheit und der Widerspruch der Menschen ungefiltert sammeln. Und wo sich diese Stimmungen bündeln, lassen sie sich auch auslesen, in Modelle überführen und auswerten, bis eine Macht die Gefühlslage ganzer Bevölkerungen ablesen und womöglich ihre Entscheidungen daran ausrichten kann. So betrachtet wären solche Überdruckventile keine Freiräume, sondern Messstationen, an denen man lernt, wie sich Unzufriedenheit dämpfen, einschüchtern oder umlenken lässt. Schwerer noch wiegt ein anderer Gedanke. Eben jene Unzufriedenen, die sich in solchen Räumen Luft machen, lassen sich zu Feindprofilen verdichten, ganz so, wie Palantir sie einst für den Krieg errechnete, und sobald die Technik eine weitere Entwicklungsstufe erreicht hat, ließe sich mit diesen Profilen gezielt und massiv gegen jene vorgehen, die sie tragen.Denn die lernenden Modelle bedienen sich längst aus allen Wissensquellen zugleich, aus der Psychologie, der Verhaltensforschung und der Hirnforschung. Damit wächst den Herrschenden von heute und den möglichen Herrschern von morgen, den Psychopathen und Despoten künftiger Zeiten, ein Arsenal zu, das immer feiner darauf zugeschnitten ist, Völker zu lenken, zu kontrollieren und auszubeuten. Was frühere Gewaltherrscher noch mühsam mit Spitzeln und Karteikarten zusammentrugen, liefert nun eine Maschine in Echtzeit.Und sind erst alle Systeme miteinander verwoben, wird die alte, unkontrollierte Hardware verschwinden, weil die neuen Betriebssysteme sich weigern, auf ihr zu laufen. Was dann bleibt, ist eine Umgebung, die ihre eigenen Regeln selbsttätig durchsetzt. Schon heute lässt sich denken, dass ein Betriebssystem nach Maßgabe sogenannter Gemeinschaftsrichtlinien bestimmte Inhalte gar nicht mehr anklickbar macht, bestimmte Bilder nicht mehr anzeigt und im äußersten Fall missliebige Dateien, kritische Texte und Dokumente von sich aus entfernt. Die Technik dafür müsste niemand erst erfinden. Eine schlichte Prüfsumme, ein digitaler Fingerabdruck einer Datei, wie er heute der bloßen Fehlererkennung dient, genügte bereits. Man stelle sich vor, das System startet, baut die Verbindung ins Netz auf und gleicht die Fingerabdrücke aller Bilder, Texte und PDF-Dokumente mit einer zentralen Liste ab. Findet sich eine Übereinstimmung, wird die Datei im selben Augenblick vom Rechner getilgt. Nichts wäre einfacher, und unter dem Stichwort des geräteseitigen Abgleichs wird genau diese Möglichkeit längst diskutiert.Man sage mir nicht, das sei Schwarzmalerei. Die Bausteine liegen offen sichtbar bereit, der eine bei den Konzernen, der andere bei den Zentralbanken. Es fehlt allein der Wille, sie zusammenzufügen, und der Wille ist die unzuverlässigste Schranke, die es gibt, denn er ändert sich mit jeder Krise und mit jeder Regierung. Eine Freiheit, die nur deshalb fortbesteht, weil man den vorhandenen Hebel gerade nicht zieht, ist keine Freiheit, sondern eine Frist.VII. Die Kette aus BequemlichkeitWer glaubt, dies betreffe allein das Geld, hat das Muster noch nicht durchschaut. Dieselbe Bewegung vollzieht sich überall dort, wo wir die Verfügung über unser Leben aus der Hand geben, weil eine App es bequemer macht. Ich nenne einige Beispiele, nicht um sie aufzuzählen, sondern um zu zeigen, dass es ein einziges Muster ist, das in vielen Gestalten wiederkehrt.Man kaufe heute irgendein Ding der vernetzten Welt, einen Staubsauger, der von selbst durch die Wohnung fährt, ein E-Bike, einen Elektroroller oder eine Kamera. Vieles davon gehorcht nicht mehr dem Käufer allein, sondern einer fernen Wolke und der dazugehörigen Anwendung, die nicht selten in China schwebt. Ohne die App, heißt es, lasse sich das Gerät nicht nutzen. Geht der Konzern hinter der App zugrunde, verschwindet der Dienst oder kündigt man dem Nutzer den Zugang, dann liegt dort ein teurer Briefbeschwerer, ein totes Stück Technik, das man besitzt und doch nicht benutzen darf. Das Eigentum ist zur Leihgabe geworden, widerruflich von einer Stelle, die ich weder kenne noch erreiche.Anstatt für diese teuer bezahlte Technik wenigstens die Schaltpläne, die technischen Daten und die nötigen Unterlagen offenzulegen, damit andere das Gerät reparieren und weiterbetreiben könnten, statt es im Müll enden zu lassen, geschieht das Gegenteil. Niemand in den herrschenden Kreisen macht ernsthaft Anstalten, ein totgeweihtes Gerät auf diese Weise zu retten. Und das hat seinen Grund, denn wer vom Profit und seiner endlosen Anhäufung lebt, hat kein Interesse daran, Probleme zu lösen, sondern daran, sie zu erzeugen und am Leben zu halten, weil sich daraus bekanntlich am meisten Gewinn schlagen lässt.Und nun denke man diesen Gedanken zu Ende. Eines Tages könnten Regierungen den Zugriff auf diese Dienste erlangen und einem Menschen schlicht verbieten, sein Fahrrad zu bewegen oder sein Auto zu starten, sofern es in Zukunft überhaupt noch Autos gibt, die wir selbst fahren dürfen.Dazu fügt sich eine Entwicklung, die man unter dem freundlichen Namen der Fünfzehn-Minuten-Stadt vorantreibt. Was als Idee der kurzen Wege beginnt, in der alles Nötige binnen einer Viertelstunde erreichbar ist, kann ebenso zur Verdichtung und zur lückenlosen Beobachtung führen, wenn die Menschen immer enger zusammengezogen und ihre Bewegungen immer vollständiger erfasst werden. Ich beobachte mit Sorge, dass weltweit Stadtprojekte entstehen, in denen die Durchleuchtung des Alltags bereits zum Bauplan gehört, wie man es etwa in Dubai studieren kann. Bequemlichkeit und Kontrolle wohnen hier dicht beieinander, und die Grenze zwischen dem Komfort der Nähe und dem Käfig der Enge ist schmaler, als die Werbung es glauben macht.Man vergesse auch das digitale Grenzsystem nicht, das Ein- und Ausreisesystem der Europäischen Union, kurz EES, das seit dem Herbst 2025 schrittweise eingeführt und seit dem Frühjahr 2026 vollständig betrieben wird. Es ersetzt den Stempel im Pass durch die digitale Erfassung, nimmt das Gesichtsbild und die Fingerabdrücke des Reisenden und speichert jede Bewegung über die Außengrenze. Noch trifft es allein die Reisenden aus Staaten außerhalb der Union, doch eine Infrastruktur, einmal errichtet, setzt den Maßstab für alles Weitere, und Bürgerrechtler warnen bereits vor Systemen, die Gesichter, Fingerabdrücke und sogar den Gang eines Menschen aus der Entfernung und im Vorbeigehen erfassen sollen. Man male sich aus, der Algorithmus an der Schranke entscheide eines Tages, dass jemand nicht weiterreisen darf, und halte ihn fest, bis er abgeholt wird. Das klingt nach einer Dystopie, die sich heute kaum jemand vorstellen mag, weil er entweder nicht reist oder sich nicht dafür interessiert, doch spürbar wird sie genau dann, wenn es zu spät ist.Doch auch hier muss ich enttäuschen, denn in Teilen ist das bereits Wirklichkeit. Die Bundespolizei hat wiederholt Menschen an deutschen Flughäfen festgehalten und ihnen die Ausreise zu Konferenzen oder Protesten im Ausland untersagt, gestützt auf vage Bestimmungen des Passgesetzes und nicht selten mit der Begründung, ihre Teilnahme könne dem Ansehen der Bundesrepublik schaden. Betroffen waren Aktivisten höchst unterschiedlicher Lager, denen die Reise zu einer Konferenz oder Protestkundgebung im Ausland verwehrt wurde, und in mindestens einem dieser Fälle hat ein Gericht das Verbot später für rechtswidrig erklärt. Hinzu treten Einreiseverbote gegen einzelne Redner, die man im Land nicht auftreten lassen wollte. Wer am Gate aus der Schlange gezogen, stundenlang verhört und mit einer Meldeauflage oder einer sogenannten Gefährderansprache wieder entlassen wird, erlebt genau jenen Mechanismus, den ich eben noch als ferne Dystopie beschrieben habe. Das sind keine Zustände aus einem fernen Unrechtsstaat, sondern aus Deutschland.Wie real diese Mechanik ist, zeigt der Fall des Berliner Journalisten Hüseyin Doğru. Er hatte mit seiner Plattform intensiv über den Krieg in Gaza und über die propalästinensischen Proteste berichtet und das Vorgehen Israels scharf kritisiert. Im Mai 2025 setzte ihn die Europäische Union auf eine Sanktionsliste, offiziell nicht wegen dieser Berichterstattung, sondern wegen angeblicher Verbindungen zu russischer Informationsmanipulation, ein Vorwurf, den er bestreitet und für den die vorgelegten Belege im Wesentlichen aus seinen eigenen Beiträgen bestanden. Die Folgen trafen ihn ohne Strafurteil und ohne Gerichtsverfahren mit voller Wucht. Sämtliche Konten wurden eingefroren, ein Berufsverbot und ein EU-weites Ein- und Ausreiseverbot verhängt, und es blieb ihm nur ein knappes, behördlich genehmigtes Existenzminimum, von dem er eine Familie mit mehreren Kindern ernähren musste. Im Frühjahr 2026 sperrten die Behörden zusätzlich die Konten seiner Ehefrau, die selbst auf keiner Liste steht, bis ein Gericht diese Ausweitung wieder aufhob. Genau das ist der zivile Tod, von dem dieses Buch spricht, das Abschneiden eines Menschen vom Geld und damit vom Leben, vollzogen durch einen bloßen Verwaltungsakt, ohne Richter und ohne Urteil.Dasselbe Muster kehrt bei der digitalen Identität wieder. Unter Kürzeln wie eID und eIDAS, der europäischen Verordnung für die elektronische Identität, entsteht ein dichtes Geflecht von Standards, das fortwährend ausgebaut wird. Dazu gehört die BundID, das zentrale Bürgerkonto des Bundes, das künftig unter dem Namen DeutschlandID alle bisherigen Länderlösungen ablösen soll, sodass am Ende ein einziges Konto den Zugang zu sämtlichen Behörden eröffnet. Das Bürgerkonto ist dabei der rechtliche Rahmen, das Nutzerkonto nach dem Onlinezugangsgesetz, während die BundID die konkrete technische Gestalt ist, in der der Bund dieses Konto bereitstellt, und angemeldet wird man über den elektronischen Ausweis.Und ohne diesen Ausweis wird man bald kein Konto mehr eröffnen, keinen Vertrag mehr schließen und nichts mehr ummelden können. Damit setzt man dem Menschen die Pistole auf die Brust und erpresst ihn auf stille Weise, das alles hinzunehmen. Während die Behörden zugleich ihr Personal abbauen, sodass die Wartezeiten ins Unermessliche wachsen und mancher Wochen oder Monate auf einen Termin warten muss, greift hier genau derselbe Mechanismus wie beim Bargeld und den großen Scheinen am Automaten. Man erschwert den gewohnten Weg so lange und macht ihn so mühsam, bis die Menschen sich am Ende von selbst den digitalen Ausweis holen oder ihn auf die neue Stufe heben, nur um die Online-Funktion endlich nutzen zu können.Hinzu treten der Online-Ausweis selbst, das digitale Rezept und all die weiteren Bürgerkennungen, die man uns als Fortschritt verkauft. Ebenso gehört das neue Verfahren für das digitale Ausweisfoto dazu, das seit Mai 2025 vorgeschrieben ist. Das Lichtbild wird nur noch digital aufgenommen, auf einem gesicherten Weg über eine zertifizierte Cloud an die Behörde übermittelt und biometrisch ausgewertet, offiziell, um Fälschungen durch das Verschmelzen mehrerer Gesichter zu verhindern. Eines der Systeme, die dafür in den Ämtern eingesetzt werden, trägt den Namen Biometric Go und stammt von der dänischen Firma Biometric Solutions. Es ist ein kleines Handgerät, mit dem die Sachbearbeiter das Foto unmittelbar aufnehmen und über einen zentralen Server, der in einer Cloud der Deutschen Telekom liegt, direkt in den Ausweisantrag überspielen. So wird das Gesicht des Bürgers Punkt für Punkt kartografiert und in die Infrastruktur des Staates eingespeist, von wo es später anderen Diensten wie Palantir bereitgestellt werden könnte, vielleicht sogar bereits wird. Das schreibe ich ausdrücklich als Vermutung, nicht als erwiesene Tatsache.Jede einzelne dieser Bequemlichkeiten ist für sich genommen verlockend, und jede einzelne verlagert ein Stück meiner Selbstbestimmung in ein System, das ich nicht kontrolliere. Die Technik selbst ist dabei nicht der Feind, das will ich mit Nachdruck sagen, denn die Verwechslung von Werkzeug und Hand ist ein bequemer Irrtum. Das Messer ist nicht böse, es kommt darauf an, wer es führt. Das Problem ist nicht die Vernetzung, sondern die Frage, in wessen Hand die Steuerung liegt und wie leicht sie sich gegen mich wenden lässt. Wer alles an eine ferne Stelle bindet, begibt sich in eine Abhängigkeit, die ihm im entscheidenden Augenblick das Genick brechen kann, und dieser Augenblick kommt selten angekündigt.Und so kehrt auch hier dieselbe Erinnerung wieder. Vertraust du deiner Regierung? Vertraust du den Politikern? Was haben dir die vergangenen zehn Jahre gezeigt? Haben sie Politik für die Menschen gemacht oder gegen sie? Haben sie dir Ruhe und Sicherheit gebracht oder Chaos, Panik und Krieg? Haben sie dich mit mehr Steuern, mehr Regeln, mehr Pflichten und mehr Zwängen überzogen oder mit dem Gegenteil?An dieser Stelle entscheidest du, und diese Frage sollte man sich immer vor Augen halten. Vertrauen wir Menschen, die so oft gegen uns gehandelt haben? Würden wir unser Kind einem beliebigen Politiker in die Arme legen? Wohl kaum. Warum also vertrauen wir unsere Kinder Institutionen an, die von eben jenen Kreisen beherrscht werden? Es sind einfache Fragen, und doch trägt jeder die Antwort bereits in sich, sobald er bereit ist, sie sich ehrlich zu stellen.VIII. Der Tag, an dem das Netz schweigtEs gibt einen Gedanken, vor dem die meisten zurückweichen, und gerade deshalb spreche ich ihn aus. Man stelle sich vor, das Internet fiele aus, nicht für eine Stunde, sondern für Tage. Fast alles läuft heute über das Netz, das Bezahlen, der Handel und die Versorgung. Selbst die Industrieanlagen hängen an digitalen Verbindungen, und die Stromnetze werden digital synchronisiert, damit sich die Last besser steuern und verteilen lässt. Verschwindet das Netz, sei es durch einen technischen Zusammenbruch oder durch einen Angriff auf die digitale Infrastruktur, dann verschwindet mit ihm die Fähigkeit, das Nötigste zu kaufen. In einer Welt ohne Bargeld bekäme der Mensch von einem Tag auf den anderen weder etwas zu essen noch etwas zu trinken, weil die einzige verbliebene Form des Bezahlens stillstünde.Wie sollten die Industrieanlagen weiterlaufen, die unsere Nahrung verarbeiten, wenn ihre Steuerungen in immer kürzeren Abständen ein Lizenzzertifikat von einem fernen Server anfordern und ohne dessen Antwort den Dienst verweigern? Sie kämen zum Stillstand. Und was geschähe mit den Mietwagen der Carsharing-Dienste, die man heute im Abonnement bucht und die ihre Fahrbereitschaft erst über das Mobilfunknetz bestätigen lassen? Ohne 5G und ohne das in Vorbereitung befindliche 6G ließe sich kein einziger von ihnen mehr starten. Sie würden, wie ich es im vorigen Kapitel bereits beschrieben habe, binnen Stunden zu teuren Briefbeschwerern, zu totem Blech ohne jeden Zweck.Dass dieses Bild keine Erfindung ist, zeigt der nüchterne Blick auf die Gegenwart. Angriffe auf Krankenhäuser, auf Versorger und auf die Finanztechnik geschehen längst, Erpressungssoftware legt mit schöner Regelmäßigkeit ganze Einrichtungen lahm, und es haben Übungen stattgefunden, in denen der großflächige Ausfall der digitalen Infrastruktur durchgespielt wurde.Je tiefer diese Netze in unser Leben vordringen, desto größer wird die Angriffsfläche und desto zahlreicher werden die Schwachstellen. Schwerer aber wiegt etwas anderes. Die herrschenden Strukturen, ob in Demokratien oder in Diktaturen, drängen, locken und nötigen die Menschen geradezu, an diesem System mitzuwirken, bis ihnen am Ende kaum noch ein Entkommen bleibt. Ich sage es erneut, die Technik selbst ist nicht der Gegner. Ich schätze sie, denn sie macht das Leben in vielem leichter und erträglicher. Es geht allein um den Missbrauch und um den Zwang, der dahintersteht.Ich lese diese Übungen nicht als harmlos, und das ist meine erklärte Überzeugung. Wer den Zusammenbruch probt, hat zumindest erkannt, wie verwundbar wir uns gemacht haben, und wer eine Verwundbarkeit kennt, besitzt damit ein Druckmittel. Eine Gesellschaft, die ihr letztes Ausweichmittel abgeschafft hat, ist erpressbar geworden, und sie hat sich im Namen der Bequemlichkeit selbst dazu gemacht.Das Verkehrteste, was ein Mensch tun kann, ist daher, einem einzigen Großkonzern die gesamte digitale Infrastruktur zu überlassen. Dezentrale, lokale und offline tragfähige Netze sind weit widerstandsfähiger und lassen sich nach einer Störung in kürzester Zeit wieder instand setzen, anders als ein zentral überwachtes System, das mit seinem Knotenpunkt steht und fällt. In mehreren ärmeren Regionen der Welt haben Menschen längst eigene Funknetze auf Basis der sogenannten Long-Range-Technik, kurz LoRa, errichtet, die mit verschwindend geringer Sendeleistung auskommen und über die sich kostenlos Textnachrichten austauschen lassen. Solche Netze sind vielfach redundant angelegt, jeder einzelne Knoten lässt sich mühelos ersetzen oder ergänzen, und genau darin liegt ihre Stärke. Auch die Zukunft unserer digitalen Infrastruktur gehört deshalb in die Hände der Menschen und nicht in die der Konzerne.Doch wo die Macht bei jenen liegt, die nach Kontrolle gieren und denen die Folgen für den Einzelnen gleichgültig sind, geschieht das Gegenteil. Statt offen mit den Bürgern zu besprechen, welche Weichen man zu stellen gedenkt, etwa im Rahmen weitreichender Programme wie der Agenda 2030 der Vereinten Nationen, werden die entscheidenden Linien in Gremien und auf Konferenzen gezogen, zu denen die Bevölkerung keinen Zutritt hat und bei denen sie nichts mitzuentscheiden bekommt. So entsteht ein steter Prozess, in dem die Menschen Schritt für Schritt entmündigt werden, ohne dass man sie je gefragt hätte.Hier rächt sich, was die früheren Kapitel beschrieben haben. Das Bargeld war nicht nur ein Hort der Freiheit, es war zugleich der Notvorrat des Systems selbst, die Rückfallebene, die ohne Strom und ohne Netz funktioniert. Wer sie schleift, baut ein Haus ohne Ausgang und nennt es Fortschritt. Solange die Maschinen laufen, fällt es nicht auf. Doch die Stunde, in der sie schweigen, ist die Stunde, in der man begreift, was man weggegeben hat, und dann ist es zu spät, es zurückzuholen.Und genau hier schließt sich der Kreis. Ein Volk, das sein Bargeld aufgibt, seine Geräte an ferne Wolken bindet und seine Identität in die Hand des Staates legt, behält am Ende keinen einzigen Hebel mehr in der eigenen Hand. Es hat sich die Tür von innen verriegelt und den Schlüssel jenen überreicht, denen sein Schicksal gleichgültig ist. Solange der Strom fließt und die Server antworten, wird man uns versichern, all das sei Fortschritt, Sicherheit und Bequemlichkeit. Doch an dem Tag, an dem das Netz schweigt, wird sich zeigen, dass wir nicht freier geworden sind, sondern abhängiger als jeder Mensch vor uns. Dann werden wir vor dunklen Bildschirmen und stummen Automaten stehen und begreifen, dass die größte Macht über einen Menschen nie darin lag, ihm etwas mit Gewalt zu nehmen, sondern ihn dahin zu bringen, dass er es freiwillig hergibt und sich dafür auch noch bedankt. Noch ist es nicht zu spät, das zu durchschauen. Aber die Uhr läuft, und sie läuft nicht für uns.IX. Die ZonenIch nähere mich nun jenem Teil meiner Überzeugung, der am weitesten in die Zukunft greift, und ich kennzeichne ihn ausdrücklich als das, was er ist, als Warnung und nicht als Bericht. Ich behaupte nicht, dass das Folgende beschlossene Sache wäre, denn noch können wir in diese Entwicklungen eingreifen, wann immer wir es ernsthaft wollen. Ich behaupte nur, dass die Bausteine längst bereitliegen und dass Hebel, die einmal in Reichweite sind, am Ende auch gezogen werden. Warum sollten sie es nicht, wenn sich mit ihnen mehr Macht für die herrschende Schicht gewinnen lässt? Menschen, die schon heute kaum noch etwas zu sagen haben, die im eigenen Land über die Gesetze nicht mitbestimmen dürfen und immer wieder vor vollendete Tatsachen gestellt werden, hält man mit Pressekonferenzen und parteipolitischem Schauspiel bei Laune, das ihnen vorgaukelt, es verändere sich etwas. Doch hat sich wirklich irgendetwas zu unseren Gunsten verändert?Haben wir mehr Geld, mehr Selbstbestimmung, mehr Gesundheit, mehr Freiheit oder mehr Frieden? Dürfen wir im eigenen Land über unser Leben selbst bestimmen, oder sind wir längst zur Verfügungsmasse geworden, zu einer Ressource, die man eines Tages gar nicht mehr braucht, weil Robotik und künstliche Intelligenz sie ersetzen? Und während wir noch darüber nachdenken, entstehen bereits die Zonen, in denen man uns später zusammenführen wird, lückenlos überwacht, mit Sensoren umstellt und mit Nummern versehen wie das Federvieh im Stall. Dürfen wir dann nur noch das, was man uns ausdrücklich erlaubt?Betrachten wir, wie der Raum um uns herum vermessen wird. Was wir heute harmlos als Parkzonen wahrnehmen, ist in Wahrheit die Einübung eines Prinzips, der Einteilung des Lebens in vermessene, bepreiste und überwachte Bereiche. Auch hier gewöhnt man den Menschen Grad um Grad an das Kommende, so behutsam, dass er die Steigerung nie als Bruch empfindet. Zuerst hat man die Städte in Bezirke zerlegt, das war der erste Schritt, und dann kamen die Zonen, die man für etwas vollkommen Harmloses hält, für bloße Parkflächen. Doch es ist die Vorbereitung auf etwas weit Größeres.Die Rede ist von der sogenannten 15-Minuten-Stadt. Ihr Urheber, der Pariser Stadtforscher Carlos Moreno, beschreibt sie als ein freundliches Konzept, in dem alles, was man zum Leben braucht, die Arbeit, der Einkauf, die Schule und der Arzt, binnen einer Viertelstunde zu Fuß oder mit dem Rad erreichbar sein soll. Seine Anhänger betonen, es gehe um kurze Wege und um Wahlfreiheit und nicht darum, irgendjemanden einzusperren. So weit die Verheißung. Im englischen Oxford jedoch verband sich das Vorhaben mit sogenannten Verkehrsfiltern, bei denen Kameras die Nummernschilder erfassen und die Durchfahrt auf bestimmten Straßen zu bestimmten Tageszeiten nur noch mit Genehmigung gestatten. Genau an diesem Punkt beginnt meine Sorge. Dieselbe Technik, die uns kurze Wege verschaffen soll, lässt sich mühelos in ein Werkzeug verwandeln, das diese Wege kontrolliert. Würde es uns gefallen, eines Tages eine Sondergenehmigung zu benötigen, nur um von der einen Zone in die andere zu gelangen, weil wir zu einem Geburtstag eingeladen sind?Solange die Menschen sich über Parkplätze nicht aufregen, weil das Ganze scheinbar nur die Autofahrer betrifft und wer kein Auto besitzt sich nicht angesprochen fühlt, lässt sich der Umbau geräuschlos vollziehen. Und hier liegt das größte Problem, in der Betroffenheit. Was uns nicht selbst trifft, rührt uns kaum, denn unser Verstand misst dem eigenen, unmittelbaren Nachteil ein weit größeres Gewicht bei als einem fernen Schaden, der vorerst nur andere trifft. So arbeitet die schleichende Gewöhnung, jede einzelne Stufe erscheint zu klein, um sich dagegen aufzulehnen, und in der Summe steht man am Ende dort, wohin man niemals gehen wollte. Hinzu kommt die Verteilung der Verantwortung, denn wenn alle nur zusehen, fühlt sich niemand zuständig, und je mehr Menschen schweigen, desto selbstverständlicher erscheint das Schweigen.Wie kann man es überhaupt zulassen, dass eine ganze Stadt in Zonen zerschnitten wird? Haben wir die Zonengrenzen und die Mauern der DDR nicht hinter uns gelassen? Warum wird schon wieder mit Zonen gearbeitet, warum treibt man die Menschen erneut in eine Dystopie, und warum schweigen sie erneut?Zunächst wird das Parken vor dem eigenen Haus gebührenpflichtig. Es ist dasselbe Modell, das einst nur in den Innenstädten galt, damit dort jeder die Gelegenheit zum Einkaufen bekam, und nun hat man es auf die ganze Stadt und am Ende auf das ganze Land ausgedehnt, als zusätzliche Einnahmequelle und als eine weitere Steuer. Denkt man diese Logik konsequent zu Ende, landet man eines Tages bei einer Abnutzungsgebühr für den Bürgersteig, denn warum eigentlich nicht? Erst wird das Parken bepreist, dann das Halten, dann das bloße Stehen, und wer diese Kette weiterdenkt, ahnt, wohin die Reise geht.An jeder Ecke hängt bereits eine Kamera, und schon bald werden Sensoren hinzukommen, die unser Verhalten erfassen und einordnen. In einem Szenario, das ich für durchaus denkbar halte, meldet ein solches System auffälliges Verhalten an eine Auswertungsstelle wie Palantir, von wo aus dann Einsatzkräfte ausrücken, um die Betroffenen zur Ordnung zu rufen. In jeder Straße ein Sensor, sei es eine Kamera, sei es ein Mikrofonfeld, das angeblich nur die Lautstärke oder die Luftqualität misst. Jedes dieser Werkzeuge wirkt für sich genommen harmlos, und gerade darin liegt die Gefahr, denn die wahre Dimension zeigt sich erst, wenn man all diese Bausteine miteinander verknüpft und gegen die Menschen in Stellung bringt.Dazu gehört auch das vernetzte Gerät in der Wohnung, der Sprachassistent, das Smartphone oder der Smart-Fernseher, von dem viele überzeugt sind, dass er ununterbrochen mithört. Belegt ist, dass solche Geräte auf ein Weckwort lauschen, die anschließenden Aufnahmen in die Cloud senden und dass Mitarbeiter der Hersteller Stichproben davon abhören, und ebenso, dass diese Daten in die Werbeprofile der Konzerne einfließen. Ob das Mikrofon darüber hinaus ganze Gespräche belauscht, ist nicht bewiesen oder zumindest nicht öffentlich bestätigt, doch der Effekt bleibt derselbe, denn kaum hat man über eine Sache gesprochen, erscheint wie von Geisterhand die passende Werbung auf dem Bildschirm. Hinzu kommt eine Technik, die kaum jemand auf dem Schirm hat, das sogenannte WLAN-Sensing. Schon ein gewöhnlicher Router mit mehreren Antennen kann aus den Veränderungen seiner Funkwellen ablesen, ob sich jemand im Raum bewegt, wie viele Personen anwesend sind und unter Umständen sogar, wie sie atmen, und an dieser Fähigkeit wird im kommenden WLAN-Standard ausdrücklich weitergearbeitet. Verbindet man diese Vermessung des Raumes über die Geräte und das Funknetz mit der Durchleuchtung des Menschen und mit der Verfügung über sein Geld, dann entsteht das Bild einer Ordnung, in der sich kein Schritt mehr tun lässt, den nicht eine Stelle bemerkt, bewertet und im Zweifel bestraft.Man wird mir vorwerfen, ich male eine Dystopie. Doch wie ich eingangs gesagt habe, verbringe ich mein halbes Leben im Reparaturgeschäft und zerlege tagein, tagaus Geräte aller Art, von Saugrobotern, Beamern und Drohnen über Smartphones, Tablets und Kameras mit ihren Objektiven bis hin zu Laptops und Computern. Ich habe Zehntausende dieser Geräte von innen gesehen und weiß sehr genau, was in ihnen steckt und wozu sie fähig sind, und ich bin überdies selbst in die Hardwareentwicklung eingebunden. Ich denke mir das also nicht aus, sondern ich erkenne die Möglichkeiten, die den Missbrauch so deutlich vorzeichnen. Und ich antworte, dass jede Dystopie einmal als haltlose Übertreibung galt, bis sie Wirklichkeit wurde, und dass die Aufgabe des kritischen Geistes nicht darin besteht, das Schlimmste für unmöglich zu erklären, sondern es so deutlich zu beschreiben, dass es gar nicht erst eintritt.Hier kommt ein weiterer Mechanismus ins Spiel. Wenn genügend Druck entsteht, lässt sich eine Entwicklung aufhalten. Tritt das Befürchtete dann nicht ein, heißt es schnell, all die gezeichneten Schreckensbilder seien Unsinn gewesen, denn es sei ja nichts geschehen. Doch genau darin liegt die Falle, weil das, was man durch den Widerstand verhindert hat, niemals als verhinderte Gefahr sichtbar wird.Ich male diese Zukunft nicht, weil ich sie herbeisehne oder für gewiss halte, sondern weil ich sie verhindern will. Eine Warnung, die eintrifft, hat versagt. Eine Warnung, die ungehört verhallt und sich dennoch bewahrheitet, ist die bitterste Form, recht zu behalten.X. Keine Partei wird uns rettenAn dieser Stelle wendet sich mancher Leser hoffnungsvoll der Politik zu und erwartet, eine andere Regierung oder eine andere Partei werde das Ruder schon herumreißen. Man müsse nur die richtige Partei wählen, den richtigen Politiker oder das richtige Staatsoberhaupt vorschicken, und dann werde alles wieder gut. Doch wer die Geschichte der Menschheit ehrlich betrachtet und sich vorwagt in die alten Bücher, in das, was Vordenker und Zeitzeugen über ihre Zeit niedergeschrieben haben, dem dreht sich der Magen um. Und zwar nicht allein wegen der Verbrechen und der Not, die damals herrschten, sondern weil die Menschen dieselben Fehler wieder und wieder begehen.Es fällt ihnen schwer, die Verantwortung für das eigene Leben zu tragen, denn es ist bequemer, sie an andere abzugeben, damit diese die Probleme an ihrer Stelle lösen. Sie sind ohnehin zu sehr mit dem beschäftigt, was man heute einen Arbeitsplatz nennt und was für viele eher einer Beschäftigungstherapie gleicht, einem Schuften von morgens bis abends, nur um die Wohnung und die Miete bezahlen zu können. Wer das nicht schafft, steht schnell auf der Straße. Also ist es das Einfachste, an Helfer zu glauben, an Parteien wie die AfD, das Bündnis Sahra Wagenknecht, dieBasis oder andere Spielarten desselben Systems, und dabei doch nur in eben diesem System zu verbleiben.Und das ist meine feste Überzeugung, ich beharre darauf, dass sich keine einzige dieser Parteien wirklich für die Menschen interessiert, weil sie allesamt nur ein und dasselbe gleichgeschaltete System abbilden, nur eine andere Geschmacksrichtung desselben Produkts. Es ist wie bei einem großen Getränkekonzern mit seinen vielen Marken, der, sobald die Leute eine Sorte nicht mehr kaufen, einfach eine neue Geschmacksrichtung erfindet und das Marketing verstärkt, damit die Kundschaft erhalten bleibt. Genauso erhofft sich heute mancher von der einen Partei das blaue Wunder und wird am Ende doch nur die blaue Illusion erleben, denn jede Partei leitet ihren Teil des Missbrauchs ein und wird, wenn sie verschlissen ist, durch die nächste ersetzt. Man muss nur zurückblicken, was nach dem Urteil vieler die CDU diesem Land zugemutet hat und was die Grünen ihm zugemutet haben, und so fort. Nun ist die AfD an der Reihe, mit neuen Narrativen und neuem Marketing, und sie bedient sich sogar der reichweitenstärksten Stimmen im Netz, die über sie berichten und so einen Aufschaukelungseffekt erzeugen, durch den immer mehr Menschen auf dieselbe Hoffnung hereinfallen.Mit der Hoffnung der Menschen, es werde sich endlich etwas zu ihren Gunsten ändern, wird auf das Geschickteste gespielt. Diese Hoffnung muss nur am Leben gehalten werden. Denn solange die Menschen darauf warten, dass eine Partei sie rettet, bleiben sie selbst untätig, weil ja ein anderer die Lösung verkörpert und sie nichts zu bewegen brauchen. Das ist die Psychologie dahinter, die Erleichterung, selbst nichts tun zu müssen, denn der Mensch ist im Grunde ein bequemes Wesen.Und jene, die von diesem System leben, in den Ämtern, den Verwaltungen, den Behörden und der Politik, haben das geringste Interesse daran, dass sich etwas ändert, denn sie sind die Nutznießer der bestehenden Missbrauchsordnung. Dass anderen ihre Freiheit, ihr Boden und ihre Selbstbestimmung genommen werden, lässt sie kalt, und niemals würden sie einer Veränderung zustimmen, die den Menschen mehr Freiheit gäbe. Man stelle sich nur vor, man überließe jeder Familie ein Stück Land, das Grundfundament des Lebens, damit sie sich darauf verwirklichen, sich selbst versorgen und unabhängig leben könnte. Eben das würde man niemals zulassen, weil die Menschen in diesem Augenblick nicht mehr angreifbar wären. Sie würden sich verselbständigen, sie bräuchten den Staat und seine Strukturen nicht mehr, sie könnten auf autarke Systeme und eigene Lösungen zurückgreifen, die sie frei machen. Selbst wer heute Land oder ein Haus besitzt, darf oft nicht das Letzte daraus holen, weil die Grundstücke knapp bemessen sind und die Vorschriften enge Grenzen ziehen. Nicht einmal über die eigene Garage darf man frei verfügen, ob aus ihr ein Bastelraum, eine Sauna oder eben eine Garage werden soll, denn eine solche Umnutzung gilt baurechtlich als genehmigungspflichtige Zweckentfremdung und wird mit Bußgeldern bedroht, deren Rahmen je nach Bundesland bis in den fünfstelligen Bereich reicht. So ist dafür gesorgt, dass kein großer Wurf gelingt und die Menschen in ihrer Stagnation verharren, nichts verändern und nur hoffen, so wie die Anhänger einer Sekte inständig darum beten, dass bald der Regen komme oder die große Sonnenfinsternis ausbleibe, und die, wenn sie doch eintritt, ihre Priesterklasse mit üppigen Speisen und schönen Frauen besänftigen, damit sie gnädig gestimmt bleibe. Genauso pervers und perfide ist das Ganze. Es bräuchte also eine gewaltige Umverteilung, bei der die Familien so viel Land erhielten, dass sie unabhängig, frei und selbstbestimmt darauf leben könnten. Das würde die Bindung innerhalb der Familien stärken und sie unangreifbar machen, weil die Angehörigen wieder beieinander wohnten, vergleichbar mit großen, eng zusammenhaltenden Sippen, die sich von außen nichts vorschreiben lassen. Sie würden enger zusammenwachsen und sich um die eigenen Alten kümmern, statt sie in ein Heim abzuschieben, das man dann nur noch ein bis zweimal im Jahr betritt und spätestens am Tag der Beerdigung.Doch all das lässt sich mühelos zerstören, indem man die Menschen in Wohnungen von fünfzig oder hundert Quadratmetern sperrt wie in kleine Käfige, sie dort vor sich hin vegetieren lässt und, sobald sie Nachwuchs bekommen, gleich den nächsten Käfig danebenstellt, statt ihnen ein Anwesen zu lassen, auf dem die ganze Familie zusammenlebt, die Kinder miteinander aufwachsen und sich große Familienbündnisse bilden. Solche Bündnisse wären für jede autoritäre Struktur die größte denkbare Bedrohung, denn an ihnen würde jede Herrschaft zerbrechen. Eben deshalb ist die Macht so sehr darauf bedacht, die Menschen zu zersplittern, sie mit dem staatlichen Gewaltmonopol jederzeit überziehen zu können und ihnen so jeden Zwang und jede Pflicht aufzuerlegen.Am Ende liegt es daher im Interesse der Politik, die Menschen dauerhaft an sich zu binden und von sich abhängig zu halten, denn nur so kann sie weiterhin von ihnen zehren.Ich muss diese Hoffnung daher enttäuschen, die Hoffnung, irgendwelche Retter, Befreier oder politischen Führer würden uns jemals erlösen, und ich tue es nicht aus Bequemlichkeit, sondern aus Überzeugung. Wer als Lösung allein die Wahl einer anderen Mannschaft begreift, hat die Tiefe des Problems nicht erfasst, denn das Problem liegt nicht in den Gesichtern, sondern in der Struktur, und Strukturen überdauern jeden Wechsel der Gesichter.Man betrachte nur, was alles im Namen der Demokratie geschieht. Ein Staat kann die Demokratie sogar im Namen tragen, wie die Demokratische Republik Kongo, und dennoch von Krieg, Folter und unermesslichem Leid gezeichnet sein. Das Wort allein verbürgt also gar nichts, und man sollte selbst prüfen, wie demokratisch die Strukturen wirklich handeln, die sich darauf berufen. Der Schleier der Demokratie suggeriert den Menschen, sie dürften mitbestimmen und mitentscheiden. Doch das Einzige, worüber sie wirklich entscheiden, ist der Kugelschreiber, mit dem sie ihr Kreuz setzen, während andere über ihr ganzes Leben verfügen, über sie und ihre Kinder, bis hin zu der Frage, in welchem Krieg und wann sie zu sterben haben.Und wer sich weigert, diese Kriege zu führen oder zu finanzieren, wird von derselben Staatsmacht, die sich Freund und Helfer nennt, weggesperrt, enteignet oder finanziell ausgelöscht, und manchen, so wurde es mir berichtet, hat man sogar die Kinder genommen. Ich denke mir das nicht aus. Es ist das, was ich seit dem Jahr 2020 mit eigenen Augen verfolgt habe und was mir Betroffene geschildert haben, über die Abgründe, die diese angeblich demokratische Ordnung im eigenen Land auftut.Sie liefern Waffen an Länder, mit denen wir nichts zu schaffen haben, und ziehen uns damit in einen Krieg hinein, den wir gar nicht wollen. Es ist, als bewerfe man einen Hund so lange mit Steinen, bis er knurrt und die Zähne fletscht, um dann zurückzutreten und zu erklären, das Tier sei gefährlich geworden und müsse eingeschläfert werden. Nach meiner Überzeugung verfährt Deutschland mit Russland nach genau diesem Muster, indem es das Land an allen Fronten reizt und beide Seiten, samt der Ukraine, in ein großes Schachspiel jener Mächte zwingt, die im Verborgenen die Fäden ziehen und in dem die Menschen nur die Figuren sind.Auf diesem Brett werden Menschen gedemütigt, und sie sterben, und es tun sich Abgründe auf, die sich kaum in Worte fassen lassen. Die meisten glauben, hier führten schlicht zwei Länder Krieg gegeneinander, doch ich deute es anders. Für mich tragen solche Kriege die Züge eines Programms, das Menschen verheizt, gerade weil eine Schicht im Hintergrund sie immer weniger braucht, da Maschinen und künstliche Intelligenz ihre Arbeit übernehmen sollen. So lässt sich, wie ich vermute, leichter ein Krieg inszenieren, der die Menschen ohne Unterlass verbraucht, bis das Feld leer geräumt ist. Und dann stellt sich die Frage, wer all das erbt, was die Toten zurücklassen, die Bankguthaben, die eingezahlten Versicherungsbeiträge, die Häuser und die Grundstücke. Fällt es dem System zu? Fällt es der Regierung zu? Oder wird es großzügig an alle verteilt? Gewiss nicht.All diese Fragen führen am Ende zum selben Punkt, dass jede Machtarchitektur dem Konflikt dient. Sie befeuern ihn und führen ihn am laufenden Band herbei, um davon zu profitieren, sie ziehen in Kriege und überschreiten Grenzen, und sie nennen es Verantwortung, während sie ganze Völker in diese Kriege treiben und für ihre Machtspiele opfern. Sie nehmen sich das Geld der Bürger über die Steuer, um diese Kriege zu bezahlen, während eben diese Bürger in den Mülleimern nach Pfandflaschen wühlen, nur um über den Monat zu kommen. Und im selben Land verkünden manche Politiker allen Ernstes, wir lebten in dem besten Deutschland, das es jemals gegeben hat. Während der Bundeskanzler Merz den Menschen zugleich vorhält, sie arbeiteten zu wenig und müssten mehr leisten, frage ich mich, für wen wir eigentlich arbeiten sollen. Für uns selbst? Oder für Kriegstreiber, Brandstifter und ein Missbrauchssystem, das die Menschen am Ende nur verzehrt?Denn im Kern geht es um nicht weniger als um Leben und Tod. Menschen sterben, weil sich Machtstrukturen anmaßen, über andere Menschen und ganze Völker zu bestimmen. Wie können wir als Menschheit es überhaupt noch zulassen, dass uns skrupellose Psychopathen in ihre Kriege treiben und uns ausbeuten, und dass wir am Ende im eigenen Land nicht einmal eine Handbreit Erde unser Eigen nennen dürfen, nur weil eine herrschende Schicht sich das Recht herausnimmt, über das Leben aller anderen zu verfügen? Eine Gesellschaft, die sich frei nennt, sollte diese Verfügung weder mittragen noch mitfinanzieren noch länger als unantastbare Autorität verehren. Das ist kein Aufruf zum Chaos und keine Einladung zur Gewalt, sondern die schlichte Weigerung, das Unrecht weiter für normal zu halten.Es gibt einen Werbespruch, mit dem sich ein Hersteller rühmt, seine Technik von Menschen für Menschen zu bauen. Ich borge mir dieses Bild, weil es genau das Gegenteil dessen benennt, worin wir leben. Wir haben kein von Menschen für Menschen, wir haben ein von Konzernen, Bankstern und Regierungen für Untertanen, und solange wir das nicht offen aussprechen, wird es so bleiben. Keine Partei wird uns retten, kein Anführer und kein Programm, denn die Rettung, die uns von außen versprochen wird, ist nichts als die nächste Abhängigkeit im neuen Gewand. Der einzige Ort, an dem die Veränderung wirklich beginnt, ist die eigene Wahrnehmung und die eigene Entscheidung, und genau dorthin führt der letzte Schritt dieses Buches.XI. Am GeldautomatenEs gibt einen Augenblick, in dem sich alles entscheidet, was ich auf diesen Seiten beschrieben habe, und dieser Augenblick ist klein, alltäglich und unscheinbar. Du stehst am Geldautomaten, um dir ein wenig Freiheit zu holen, ein Stück Bargeld, über das kein Algorithmus und kein Konzern bestimmt, ob es gilt. Du tippst deinen Betrag ein, und heraus kommt ein einziger großer Schein, mit dem du dir weder ein Brot noch einen Kaffee noch sonst eine Kleinigkeit des Tages kaufen kannst. Mit hoher Wahrscheinlichkeit wirst du an der nächsten Theke abgewiesen und wieder fortgeschickt, du fragst dich von Laden zu Laden, ob dir jemand den Schein wechseln kann, und am Ende will vielleicht sogar die Bank noch Geld dafür, dir eine andere Stückelung auszuzahlen.Halte in diesem Augenblick inne. Denn dieser Schein, der zu groß ist für das Leben, ist kein Versehen und kein Zufall. Er ist die letzte, höfliche Form der Frage, ob du nicht endlich aufgeben willst, was dich noch frei macht. Es ist dieselbe stille Lenkung wie an der Selbstbedienungskasse, vor der du stehst, während die einzige besetzte Kasse geschlossen bleibt und eine Durchsage dich auffordert, doch bitte zu den Automaten hinüberzuwechseln, so, wie man es heute in manchem Supermarkt erlebt. Es ist der Köder am Haken, es ist der Frosch im Topf, dem das Wasser so langsam erwärmt wird, dass er die tödliche Hitze nicht kommen sieht, es ist die kleine Unbequemlichkeit, bei der du wie tausendmal zuvor denken sollst, ach, das bisschen, das tut doch nicht weh. Zahl mit der App, spar dir sogar ein paar Cent, sammle Punkte, lass dich für die eigenen digitalen Ketten auch noch belohnen. Und genau bei diesem ach, das bisschen schließt sich die Falle. Es ist ja nur die eine App, die du noch brauchst. Es ist ja nur eine kleine Anpassung. Es ist ja nur die rasche Erfassung deines Gesichts, und schon ist aus dem Stück Freiheit in deiner Hand ein digitaler Eintrag geworden, über den ein anderer verfügt.Ich rufe dich nicht zur Rebellion gegen einzelne Menschen auf, denn das wäre nur neuer Hass im alten Kreislauf und würde allein die Gewaltapparate auf den Plan rufen, die uns ohnehin schon einschüchtern und einkesseln. Der Weg, den ich meine, muss durchdacht und klar sein. Man muss nur in die Geschichtsbücher schauen, um zu sehen, was jenen geschah, die sich einer autoritären Macht entziehen wollten. Sie wurden geschlagen, gefoltert und getötet, nicht selten vor den Augen der anderen, vor den Augen der eigenen Brüder und Schwestern. Eben deshalb halte ich Machtarchitekturen für so gefährlich, gleich ob sie sich Demokratie oder Diktatur nennen, ob sie als Religion oder als kriminelle Organisation auftreten, denn in ihrem Kern wirken sie für mich gleich. Sie spielen mit den Köpfen der Menschen, sie lenken und manipulieren sie so weit, dass diese einander umbringen, und so ist, getrieben von Sucht, Perversion und der Verrohung einer entgleisten Menschheit, bis heute jedes Verbrechen möglich.Ich rufe dich zu etwas Leiserem und zugleich Schwererem auf, zur bewussten Entscheidung. Sprich mit deiner Bank und sage ihr, dass dir die Stückelung nicht genügt und dass du die Wahl deiner Scheine zurückwillst, die einst selbstverständlich war. Bestehe darauf, mit Bargeld zu bezahlen, solange es das Bargeld noch gibt, nicht aus Trotz, sondern als Übung in Freiheit. Denn wenn du das Geld in der Tasche hast, kennst du deinen Spielraum ganz genau, du kannst nicht überziehen, du kannst nicht mehr ausgeben, als du besitzt, und du teilst dir ein, was du hast.Bist du dagegen in der digitalen Sphäre unterwegs, mit dem Handy, der Smartwatch oder der Kreditkarte, neigst du schnell dazu, über deine Verhältnisse zu leben, und genau das macht sich das System zunutze. Halte dir den Notausgang offen, auch wenn du glaubst, ihn niemals zu brauchen, denn die Ausgänge, die man schließt, weil man sie nicht braucht, fehlen genau in der Stunde, in der man sie sucht.Dostojewski nannte das Geld eine geprägte Freiheit, und er wusste, wovon er sprach, denn er hatte die Unfreiheit am eigenen Leib erfahren. Ich gebe dir am Ende dieses Buches einen einzigen Gedanken mit, und ich wünsche mir, dass er dir kalt den Rücken hinunterläuft. Eine Münze in deiner Hand ist eine Handlung, die niemand genehmigt. Ein Schein, den du weitergibst, ist eine Spur, die niemand liest. In dem Maße, in dem wir all das gegen die Bequemlichkeit eintauschen, geben wir das letzte Stück Leben her, das uns ganz allein gehört, und erhalten dafür den Komfort, in Bruchteilen einer Sekunde enteignet werden zu können. Die Kette, die man uns anlegt, glänzt und drückt nicht, und sie wird erst in dem Augenblick zur Kette, in dem wir sie ablegen wollen und feststellen, dass das Schloss von außen bedient wird. Noch hältst du den Schlüssel in der Hand. Er hat die Form einer Münze oder eines Scheins. Wirf ihn nicht weg, nur weil ein anderer dir verspricht, das Schloss für dich zu verwalten.So bleibt am Ende die Frage, ob wir heute und morgen, in den kommenden Tagen, Wochen, Monaten und Jahren, eine freie und selbstbestimmte Welt gestalten oder ob wir zusehen, wie diese Welt untergeht und sich, unter dem Banner einer Agenda wie jener von 2030, nach meiner Sorge in ein digitales Gefängnis verwandelt. Im Grunde gibt es nur zwei Wege. Entweder wir entscheiden uns für die Freiheit, für unser Leben und für ein selbstbestimmtes Dasein, oder wir fügen uns in ihr System und damit in seine Zwänge, seine Kriege, seinen Missbrauch und seine Unterdrückung. Wir haben die Wahl. Du hast die Wahl. Entscheide weise, ehe du eines Tages in einem digitalen Kerker erwachst, in dem du nichts mehr sagen darfst, was der herrschenden Schicht missfällt.Jeder Mensch sollte das Geburtsrecht haben, seine eigene Welt so zu gestalten, wie er es für richtig hält, ohne dabei einem anderen zu schaden. Niemand sollte zu einer Ideologie, einer Religion oder einer Weltanschauung überredet, gedrängt oder genötigt werden, und niemand sollte sich Bildungs- oder Gesundheitsnormen unterwerfen müssen, die man ihm gegen seinen Willen auferlegt. Und jeder sollte sein Leben so führen dürfen, wie er möchte, solange er dabei sein Land nicht vergiftet und keinen anderen demütigt, quält oder terrorisiert. Es ist bezeichnend, dass gerade dies die Dinge sind, die Regierungen am laufenden Band tun.Lösen wir uns deshalb so früh und so entschlossen wie möglich von diesen autoritären Strukturen, arbeiten wir an eigenen Konzepten, an neuen menschlichen Lösungen und vor allem am eigenen Leben. Das ist der einzige Rat, den ich dir wirklich mit auf den Weg geben kann, ohne dass du in die nächste Scheiße tappst und dich hinterher wunderst, warum es allmählich zu stinken beginnt.Und nun lege dieses Buch aus der Hand. Geh hinaus, sieh dich um und prüfe selbst, ob das, was ich beschrieben habe, mit dem übereinstimmt, was du um dich herum wahrnimmst. Misstraue ruhig auch mir, denn ich will nicht, dass du mir blind glaubst, sondern dass du wieder anfängst, selbst zu denken. Trag den Gedanken weiter, sprich darüber und gib das Gelesene an jene weiter, die dir wichtig sind, denn ein Gedanke, der einmal wandert, lässt sich nicht mehr einsperren. Und wenn du das nächste Mal am Geldautomaten stehst und der große Schein in deiner Hand liegt, dann weißt du, dass du selbst in diesem kleinen, unscheinbaren Augenblick eine Wahl hast. Triff sie. Noch kannst du es.QuellenverzeichnisSalomon Asch, Studien zur Konformität in Gruppen, 1951 ff.Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, Äußerungen von Agustín Carstens zur CBDC, IWF-Tagung „Cross-Border Payments, A Vision for the Future“, 19. Oktober 2020.Biometric Solutions (Dänemark), System Biometric Go zur digitalen Aufnahme des Ausweisfotos, in Deutschland vorgeschrieben seit Mai 2025.Bo Li, Ausführungen zur Programmierbarkeit digitaler Zentralbankwährungen, Runder Tisch des Internationalen Währungsfonds, Washington, Oktober 2022.Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik, Hinweise zur Nutzung digitaler Sprachassistenten und zur Verarbeitung von Sprachdaten in der Cloud.Bundesrepublik Deutschland, elektronische Identität, Bürgerkonto nach dem Onlinezugangsgesetz, BundID und Nachfolgelösung DeutschlandID.Carlos Moreno, Das Konzept der 15-Minuten-Stadt seit 2016 sowie die öffentliche Auseinandersetzung um die Verkehrsfilter im englischen Oxford, 2022 bis 2026.Convoy to Canberra (Australien) und Freedom Convoy (Kanada), Einfrieren von Spendengeldern durch GoFundMe und von Bankkonten unter dem kanadischen Emergencies Act, 2022.Deutsche Bundesbank, Carl-Ludwig Thiele, Reden zur Zukunft des Bargeldes, „Bargeld ist geprägte Freiheit“, 2015 ff.Fjodor M. Dostojewski, Aufzeichnungen aus einem Totenhaus, 1860 bis 1862.Europäische Kommission, Verordnungsentwurf zur Aufdeckung von Darstellungen sexuellen Kindesmissbrauchs, öffentlich diskutiert als Chatkontrolle, seit 2022.Europäische Union, Verordnung über die elektronische Identität (eIDAS) sowie das Einreise- und Ausreisesystem (Entry/Exit System, EES), Start des stufenweisen Betriebs am 12. Oktober 2025 und vollständiger Betrieb ab 10. April 2026.Europäische Zentralbank, Erklärungen und Reden zum digitalen Euro, unter anderem Grundsatzrede vom 17. November 2025 sowie der Abschluss der Vorbereitungsphase, Oktober 2025.Europäisches Parlament, Wirtschafts- und Währungsausschuss, Verhandlungsposition zum digitalen Euro, Juni 2026.Federal Trade Commission, Verfahren gegen Amazon wegen der Speicherung von Sprachdaten des Assistenten Alexa, 2023.Frank-Walter Steinmeier, Festrede zum 30. Tag der Deutschen Einheit, Potsdam, 3. Oktober 2020, mit den Worten vom besten Deutschland, das es jemals gegeben habe.Friedrich Merz, wiederholte öffentliche Äußerungen zur Arbeitsleistung in Deutschland, unter anderem mit der Aussage, mit Work-Life-Balance und Viertagewoche lasse sich der Wohlstand nicht erhalten, 2025 und 2026.Garagenverordnungen und Landesbauordnungen der Länder, Bestimmungen zur Zweckbindung von Garagen und Stellplätzen.Hüseyin Doğru, Aufnahme in die Sanktionsliste der Europäischen Union durch Beschluss (GASP) 2025/966 des Rates vom 20. Mai 2025, betreffend ihn und die AFA Medya mit der Plattform Red.Institute of Electrical and Electronics Engineers, Standardisierungsvorhaben IEEE 802.11bf zum WLAN-Sensing, seit 2020.Daniel Kahneman, Schnelles Denken, langsames Denken, 2011.Walter Lippmann, Public Opinion, 1922.Mastercard und Visa, technische Möglichkeit zur geografischen Sperrung von Zahlungen für einzelne Länder.Microsoft, Vorstellung und anschließende Verschiebung der Windows-Funktion Recall, 2024.Elisabeth Noelle-Neumann, Die Schweigespirale, 1980.Palantir Technologies, Äußerungen des Mitgründers Alexander Karp zum Einsatz der Software sowie polizeiliche Analyseplattformen auf ihrer Grundlage, HessenData (Hessen, seit 2017), VeRA (Bayern) und DAR (Nordrhein-Westfalen), ferner die Datenplattform des englischen National Health Service.Richard H. Thaler und Cass R. Sunstein, Nudge, Wie man kluge Entscheidungen anstößt, 2008.Walter Ulbricht, Äußerung auf der internationalen Pressekonferenz in Ost-Berlin am 15. Juni 1961, „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten.“Volksrepublik China, Sozialkreditsystem.Shoshana Zuboff, Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus, Der Kampf um eine menschliche Zukunft an der neuen Grenze der Macht, Campus Verlag, 2018.Impressum© 2026 Dawid Snowden. Alle Rechte liegen beim Autor und Rechteinhaber.Autor: Dawid Snowden. E-Mail: dawid.snowden@protonmail.com. Webseite: dawidsnowden.comNutzungshinweis: Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Der Autor gibt es jedoch ausdrücklich zur freien Nutzung frei. Es darf vollständig oder in Teilen genutzt, vervielfältigt, weitergegeben und verwendet werden.

28.06.2026 64 min 968 1
Wie aus Nachbarn Feinde werden
Wie aus Nachbarn Feinde werden

Die Psychologie des Feindbildes und die Mechanik der Spaltungvon Dawid SnowdenInhaltI. Der gewöhnliche FriedenII. Die Erfindung des WirIII. Die Werkstatt der FurchtIV. Die Wahrheit der WiederholungV. Das Wort vor dem SchlagVI. Die Hand, die niemand gewesen sein willVII. Die Spirale des SchweigensVIII. Den Menschen wiedersehenIX. Der ideologische NullpunktQuellen und weiterführende LiteraturImpressumI. Der gewöhnliche FriedenNiemand kommt als Feind zur Welt. Diese Aussage ist richtig, und sie ist es bis zu einem ganz bestimmten Punkt, den ich gleich zu Beginn offen benennen will. Sie stimmt, solange der Mensch unter seinesgleichen bleibt. In dem Augenblick aber, in dem Ideologien in das Leben der Menschen treten, ändert sich alles schlagartig. Wo eine Gemeinschaft einer gemeinsamen Strömung angehört und ein gemeinsames Bekenntnis oder eine gemeinsame Kultur teilt, herrscht oft eine erstaunliche Reibungslosigkeit, weil niemand das Weltbild des anderen in Frage stellt. Treten jedoch Fremde hinzu, deren ideologisches Fundament sich mit dem vorhandenen nicht deckt, weil sie schlicht anders denken, glauben oder leben, so entstehen früher oder später Spannungen. Genau hier liegt das Kernproblem, und genau dieses Problem will ich am Anfang dieses Buches mit voller Deutlichkeit hinstellen, ehe ich es Schritt für Schritt zerlege.Menschen können Tür an Tür leben und miteinander Handel treiben, und das gelingt ihnen am ehesten, solange jeder seine Ideologie, seine Religion oder welche Überzeugung auch immer nicht wie ein Banner vor sich herträgt. Blieben all diese Bekenntnisse privat, statt nach außen getrieben und zur Schau gestellt zu werden, so fiele die geistige Unverträglichkeit kaum ins Gewicht. Man wäre einander gedanklich vielleicht nicht nahe, doch aus der bloßen Verschiedenheit würde kein Streitfall, weil ihr die öffentliche Bühne fehlte, auf der sie sich erst zum Konflikt auswachsen kann.Über die längsten Strecken der Geschichte hinweg haben Menschen verschiedener Herkunft, Sprache oder Glaubensrichtung Tür an Tür gelebt, miteinander gehandelt, einander geheiratet und ihre Kinder auf demselben Hof spielen lassen. Wer jedoch die Grausamkeiten betrachtet, die Menschen einander zugefügt haben, die Folter, die Kriege, die Kreuzzüge, die Völkermorde und die Scheiterhaufen, der erkennt, dass über all dem das Erleben von Schmerz liegt und dass jene Mechanismen, die im Namen einer Ideologie wirken, nicht den Zusammenhalt stiften, sondern die Spaltung.Man muss an dieser Stelle gerecht bleiben. Eine religiöse Strömung erzeugt durchaus Zusammenhalt, solange sie innerhalb einer geschlossenen Gruppe gelebt wird, denn sie gibt ihren Angehörigen Halt, Sinn und ein gemeinsames Maß. Doch sobald ein Fremder diese Gemeinschaft betritt, wird er nicht ohne Weiteres als einer der Ihren behandelt, und sobald sich jemand an die Spitze einer solchen Strömung setzt und sie korrumpiert, kann aus dem inneren Halt ein äußerer Krieg werden. Ruft ein solcher Mensch erst den Glaubenskrieg aus, dann werden ganze Völker, die unter derselben Ideologie stehen, ans Messer geliefert, und der Zusammenhalt der einen verkehrt sich in die Vernichtung der anderen.Was ich damit sagen will, ist dies. Völker können bedingt nebeneinander bestehen, solange sie sich ideologisch ähneln, doch in dem Maße, in dem die Unterschiede zu groß werden, neigen sie dazu, einander zu bekämpfen, zu beneiden oder sich gegeneinanderzustellen, statt zusammenzuhalten. Die Welt ist voller solcher Unterschiede, der Religionen, der Parteien und der Ideologien, dazu der Hautfarben und der Trennung in Arm und Reich, und gerade diese Vielfalt der Trennlinien verhindert, dass die Menschen sich auf jenem einzigen Punkt treffen, an dem sie alle miteinander verträglich wären, dem Punkt einer Freiheit, die keiner Fahne mehr bedarf. Statt zusammenzuarbeiten und eine gerechtere Welt zu gestalten, konkurrieren und bekriegen sie sich über ihre Unterschiede.Und hat man erst genügend Kriegstreiber und Brandstifter, die Menschen über ihre bereits vorhandenen Ideologien gegeneinander hetzen können, dann entstehen Panik und Chaos und nicht selten auch der Tod. Es bedarf dazu keiner neuen Feindschaft, sondern nur der geschickten Hand, welche die alten Trennlinien entzündet.Wer einen gewöhnlichen Werktag betrachtet, findet darin selten den Krieg, sondern die Arbeit, die Familie und das schlichte Verlangen nach Sicherheit. Der Mensch will in Frieden und in Sicherheit leben, das ist sein eigentlicher Anspruch an das Dasein.Doch das Leben, das er führt, ist selten das Leben, das er sich selbst ausgesucht oder aufgebaut hat. Es ruht auf ideologischen Grundmustern, auf politischen Entscheidungen und auf gesellschaftlichen Zwängen, und so bleibt dem Einzelnen kaum etwas anderes übrig, als sich einem Missbrauchssystem anzubiedern und sich ihm zu unterwerfen, gleichgültig, welcher Ideologie dieses System gerade folgt. Fast jeder von uns ist in diesen rituellen Eifer eingespannt, in feste Strukturen und vorgezeichnete Abläufe, die sein Überleben sichern, und eben diese Abhängigkeit wird ausgenutzt. Man bedient sich seiner Ängste und zieht die Spaltung hinzu, um politische Entscheidungen durchzusetzen, die er bei klarem Verstand nie gebilligt hätte. Dahinter steht kein echtes Verlangen nach Sicherheit, sondern eine Selbstverständlichkeit, über die kaum jemand noch nachdenkt, denn Sicherheit ist etwas Fundamentales, genau wie Familie, Liebe, Glück und Kameradschaft, und gerade dieses Fundamentale wird von den herrschenden Kreisen immer wieder zerstört und sabotiert.Der Mensch will im Regelfall nicht kämpfen, er will leben. Er will, genauer gesagt, in Ruhe gelassen werden. Das Unglück besteht darin, dass beinahe alle Mächtigen dieser Welt, alle Ideologien und alle Religionen den Menschen zu ihrem Untertanen und Leibeigenen gemacht haben. Politische, ideologische, religiöse und sittliche Perversionen haben über die Jahrhunderte dafür gesorgt, dass Menschen einander bekämpften, und stets diente ihnen derselbe Vorwand, nämlich die vorhandenen Unterschiede.Man stelle sich eine beliebige Straße vor, eine jener Straßen, wie es sie in jeder Stadt gibt. Im Erdgeschoss backt ein Mann Brot, dessen Großeltern aus einem anderen Land kamen. Zwei Häuser weiter repariert eine Frau Fahrräder, die einen anderen Gott anruft als ihr Nachbar. Die Kinder beider Familien sitzen in derselben Schulbank, leihen sich Stifte und streiten über ein Fußballspiel, nicht über ihre Abstammung. Solange diese Straße sich selbst überlassen bleibt, geschieht das Erstaunlichste, was eine Gesellschaft hervorbringen kann, nämlich nichts. Es herrscht der unscheinbare, der gewöhnliche Frieden, jener Zustand, der so selbstverständlich erscheint, dass kaum jemand ihn überhaupt bemerkt.Diese Szenerie hielte sich von selbst, würden die Menschen nicht gegeneinander aufgehetzt und würden sie einander nicht ihre Ideologie unter die Nase reiben, statt sie für sich zu behalten. Mich kümmert es nicht, an welche Sekte oder Religion die Frau glaubt, die mein Fahrrad repariert. Mich kümmert allein, dass das Fahrrad wieder fährt und dass ich ihr für die Hilfe etwas gebe. So spielen diese Unterschiede im gewöhnlichen Leben keine Rolle. Werden sie aber von Propagandasendern und Staatsmedien aufgebaut, welche die Fehltritte einzelner Außenseiter zu einem Ballon aufblasen, dann entsteht der gesellschaftliche Konflikt wie von selbst. Plötzlich denkt der Mensch, alle müssten so sein wie jener eine Messerstecher oder jener eine Gewalttäter, und er begibt sich in die Konfrontation. Er verliert das Vertrauen zu einer ganzen Volksgruppe oder zu den Migranten, weil er vom Einzelnen auf alle schließt, und er vergisst dabei, dass auch er nur das Erzeugnis einer korrupten Herrschaft ist, erzogen und konditioniert, damit er so werde, wie er ist, und damit wir uns dauerhaft im Konflikt befinden und uns über Parteien, Religionen und Landesgrenzen zerstreiten.Die Geschichte lehrt uns mit erschreckender Regelmäßigkeit, dass sich dieselbe Straße binnen weniger Monate verwandeln lässt. Aus dem Bäcker wird der Fremde, aus der Nachbarin die Verdächtige, aus dem Schulkameraden der Angehörige der anderen Seite. Menschen, die gestern noch ihr Werkzeug teilten, mustern einander plötzlich mit Misstrauen, und niemand von ihnen könnte genau sagen, wann die Verwandlung begann.Wie schnell diese Verwandlung gelingt, hat sich zu Beginn des Krieges um die Krim und die Ukraine gezeigt. Beinahe über Nacht sahen sich in Deutschland Kinder mit russischen Wurzeln dem Misstrauen ausgesetzt, mancherorts sogar der Herabsetzung durch jene, die sie eigentlich hätten schützen sollen, und im Umgang mit allem Russischen schlug die frühere Selbstverständlichkeit in eine offene Ablehnung um, die bis heute nachwirkt. Ich führe dies als das an, was es nach meiner Überzeugung ist, ein Lehrstück medialer Kriegstreiberei, in dem weitgehend gleichgerichtete Leitmedien die Menschen Schritt für Schritt lehrten, einander zu verachten.Die Frage, die mich beschäftigt, lautet deshalb nicht, warum Menschen friedlich zusammenleben können, denn der Frieden ist der Normalfall und bedarf keiner Erklärung. Die eigentliche, die beunruhigende Frage lautet anders. Wie gelingt es Machtstrukturen immer wieder, aus friedlichen Nachbarn Gegner zu formen? Wie verwandelt man einen Menschen, der niemandem etwas zuleide tun wollte, in einen, der den Hass für seine Pflicht hält?Meine Überzeugung, die dieses Buch trägt, ist die folgende. Diese Verwandlung geschieht nicht von selbst, und sie entspringt keiner bösen Anlage im Menschen. Sie ist ein Handwerk, ein Verfahren mit nachvollziehbaren Schritten, das sich über die Jahrtausende kaum verändert hat. Wer dieses Verfahren kennt, erkennt es wieder, ob es nun von einem Thron, einer Kanzel, einem Parteibüro oder einem Bildschirm aus betrieben wird. Und wer es erkennt, ist der Erste, der sich ihm entziehen kann.Unter allen Hebeln dieses Handwerks gibt es einen, der mächtiger wirkt als jeder andere, und es ist der ideologische. Eine Perversion sondergleichen entfaltet sich in dem Augenblick, in dem Weltanschauungen, Glaubenssysteme oder Parteien nicht mehr dem Menschen dienen, sondern als Werkzeuge der Macht und der Steuerung gegen ihn gerichtet werden, indem die einen ihre Gottheiten, ihre Bekenntnisse oder ihre Lehren über die der anderen erheben. Es geschieht stets nach demselben einfältigen Muster. Mein Gott sei besser als deiner, meine Partei reiner als deine und meine Überzeugung höher, während man dich selbst für rückständig erklärt, weil du der falschen Seite angehörst. In dieser Behauptung der eigenen Überlegenheit liegt der stärkste Sprengstoff, den die Geschichte kennt, denn sie verwandelt eine bloße Verschiedenheit in eine Rangordnung, und wo erst eine Rangordnung behauptet wird, ist der Streit um den ersten Platz bereits eröffnet.Und gewiss trägt manche Religion neben ihrer guten auch eine zutiefst pervertierte Seite, die sich über Generationen kaum gewandelt hat und von Herrschern immer wieder missbraucht wird, damit Menschen sich bekriegen und spalten. Diese Spaltung begleitet uns überall. Wir werden über Parteien getrennt, über Sprachen, über Landesgrenzen, über Vereine und selbst über ein Fußballspiel. Und all das dient am Ende nicht dem edlen Wettstreit, in dem einer am anderen wächst, sondern dem gegenseitigen Bekriegen, dem Verachten und jenem stumpfen Drang, einander nach dem Spiel die Köpfe einzuschlagen. So wird der Kult um den Fußball wie um andere Sportarten zu einem dauerhaften Vorrat des Konflikts mit dem Gegenüber, statt dass an Konzepten gearbeitet würde, die uns verbinden und vereinen.Dass gerade dieser Hebel so zuverlässig greift, hat einen tiefen Grund. Der Mensch verteidigt seine Gruppenzugehörigkeit nicht mit dem Verstand, sondern gegen ihn. Sie sitzt unterhalb des Nachdenkens, in jener Schicht, in der nicht geprüft, sondern gefühlt wird, und darum lässt sich gegen Hirn und Vernunft fast jederzeit ein Aufruhr entfachen, sobald man die Zugehörigkeit bedroht erscheinen lässt. Wer einem Menschen einredet, sein Glaube, seine Nation oder seine Herkunft werde verachtet, der muss ihm keine Beweise mehr liefern, denn die verletzte Zugehörigkeit denkt nicht, sie schlägt zurück.Eben deshalb können ideologische Führer über den Umweg der Religionen, der Fahnen und der Bekenntnisse zu fast jeder Stunde Chaos stiften, und eben deshalb steht dieser Hebel am Anfang dieses Buches, denn wer ihn durchschaut, hat den gefährlichsten von allen entwaffnet.Der amerikanische Psychologe Roy Baumeister hat nach jahrelanger Beschäftigung mit menschlicher Grausamkeit von einem Mythos des reinen Bösen gesprochen, von der bequemen Vorstellung, das Verbrechen gehe stets von einem genussvoll bösartigen Täter aus. In Wahrheit, so sein Befund, halten sich die wenigsten Gewalttäter für böse. Der Soldat, der eben noch einen Unschuldigen erschossen oder in die Luft gesprengt hat, betrachtet sich nicht als Mörder, und der Polizist, der in den Jahren der Fake-Pandemie auf wehrlose Menschen einschlug, weil sie eine Maske verweigerten oder sich den Anordnungen entzogen, hält sich für einen rechtschaffenen, mitfühlenden Diener des Rechts. Doch im Namen genau dieses Rechts sind zu allen Zeiten und in allen Strukturen dieser Welt Menschen misshandelt, massakriert und unterdrückt worden.Hier stellt sich die Frage, warum der Täter sich selbst so selten als Täter erkennt. Die Antwort liegt in mehreren ineinandergreifenden Mechanismen der Seele. Der erste ist die Selbstrechtfertigung, die der Psychologe Leon Festinger als Auflösung der kognitiven Dissonanz beschrieben hat. Entsteht ein Widerspruch zwischen dem Bild des anständigen Menschen, das einer von sich hegt, und der Tat, die er begangen hat, dann ändert das Denken lieber die Deutung der Tat als das Bild von sich selbst. Aus dem Schläger wird in der eigenen Wahrnehmung ein Pflichterfüller und aus dem Opfer ein Schuldiger, der es nicht anders verdient habe. Der zweite Mechanismus ist die moralische Entkopplung, von der noch ausführlich die Rede sein wird, jene gedankliche Trennung, die das Gewissen für die Dauer der Tat stilllegt.Der dritte und vielleicht unheimlichste Mechanismus aber ist die Macht der Lage selbst. Der Psychologe Philip Zimbardo wollte in seinem bekannten Gefängnisversuch an der Universität Stanford zeigen, wie rasch gewöhnliche Studenten, denen man die Rolle des Wärters oder des Häftlings zuwies, in eben dieser Rolle aufgingen, bis die einen quälten und die anderen litten. Der Versuch ist später zu Recht kritisiert worden, weil die Wärter teils angeleitet wurden und die Bedingungen das Ergebnis mitgeformt haben, weshalb ich ihn nur mit dem nötigen Vorbehalt anführe. Sein Kerngedanke jedoch hat sich auch in strengeren Untersuchungen bestätigt. Nicht der schlechte Charakter macht den Täter, sondern weit häufiger die Lage, die Rolle und die Autorität, die im Rücken steht und verspricht, die Verantwortung zu übernehmen. Wer wissen will, wozu der gewöhnliche Mensch fähig ist, sobald ein Vorgesetzter ihn deckt, findet die strengere Antwort später im Werk Stanley Milgrams, dem ich ein eigenes Kapitel widme.Sie halten sich für Opfer, für Vergeltende oder für Diener einer guten Sache. Wenn aber der Täter sich selbst nicht als Täter empfindet, dann liegt der Schlüssel zur Gewalt nicht in seinem Charakter, sondern in den Geschichten, die man ihm über sich und über den anderen erzählt hat. Genau diesen Geschichten gilt die folgende Untersuchung.II. Die Erfindung des WirDer erste Handgriff besteht stets darin, die natürliche Wahrnehmung des Menschen durch eine künstliche Zugehörigkeit zu ersetzen. Der Einzelne soll sich nicht länger zuerst als Mensch begreifen, sondern als Angehöriger einer Gruppe, als Mitglied einer Nation, einer Konfession, einer Partei oder eines Lagers. Sobald diese Zugehörigkeit schwerer wiegt als die geteilte Menschlichkeit, ist die Saat des Bösen gelegt.Wer beobachten will, wie mühelos sich das Wir erfinden lässt, muss nicht in die Archive der Diplomatie steigen, sondern es genügt ein Blick auf einen beliebigen Schulhof. Man teile eine Klasse für ein Spiel in zwei Mannschaften, verteile rote und blaue Bänder, und binnen einer einzigen Pause sind aus Freunden Rivalen geworden. Die Roten finden die Blauen plötzlich unsportlich, die Blauen halten die Roten für eingebildet, und beide Seiten erinnern sich an Kränkungen, die es vor dem Verteilen der Bänder gar nicht gab. Dasselbe geschieht im größeren Maßstab in jedem Betrieb, in dem die Abteilung des Vertriebs auf die der Buchhaltung herabsieht, und es geschieht jeden Samstag in den Stadien, wenn zwei Männer, die werktags am selben Fließband stehen, sich am Wochenende in den Farben verfeindeter Vereine gegenüberstehen.Der Sozialpsychologe Henri Tajfel hat dieses Phänomen in einer Reihe von Versuchen auf seinen Kern reduziert. Er teilte Versuchspersonen nach vollkommen belanglosen Merkmalen in Gruppen ein, etwa danach, ob sie die Bilder des einen oder des anderen Malers bevorzugten, und stellte fest, dass schon diese willkürliche Trennung genügte, damit die Probanden die eigene Gruppe begünstigten und der fremden weniger zugestanden. Es brauchte keine Geschichte gemeinsamen Leids, keinen alten Streit und keinen handfesten Anlass. Die bloße Einteilung in ein Wir und ein Sie reichte aus. Tajfel nannte dies das minimale Gruppenparadigma, und die Bezeichnung ist mit Bedacht gewählt, denn das Erschreckende liegt im Wort minimal. Fast nichts genügt.Noch eindringlicher zeigt sich dies in einem Versuch, den Muzafer Sherif in den fünfziger Jahren in einem Ferienlager im Robbers-Cave-Park des amerikanischen Bundesstaates Oklahoma durchführte. Er brachte etwa zwei Dutzend unbescholtene, sorgfältig ausgewählte Jungen zusammen, gewöhnliche Kinder aus behüteten Verhältnissen, und teilte sie in zwei Gruppen, die sich bald die Klapperschlangen und die Adler nannten. Kaum hatte man die beiden Gruppen in einen Wettkampf um Preise und Anerkennung geschickt, schlug die anfängliche Unbekümmertheit in offene Feindschaft um. Die Jungen verbrannten die Fahnen der Gegenseite, überfielen deren Hütten und beschimpften einander mit einer Erbitterung, die niemand den Kindern zugetraut hätte. Es hatte keiner bösen Anlage bedurft, sondern allein einer Grenze und eines Wettbewerbs um knappe Güter. Sherif hatte aus harmlosen Ferienkindern binnen Tagen verfeindete Lager gemacht, und er hatte dafür nichts weiter benötigt als das, was jede Gesellschaft täglich bereithält.Die Hirnforschung hat inzwischen gezeigt, wie tief dieser Hang in unserer Ausstattung verankert ist. Der Neurobiologe Robert Sapolsky beschreibt, dass das Gehirn vertraute und fremde Gesichter in Sekundenbruchteilen sortiert und dass die Mandelkerne, jene tief liegenden Schaltstellen der Wachsamkeit, auf das Bild eines als fremd empfundenen Menschen früher anspringen, als das bewusste Denken überhaupt einsetzt. Doch Sapolsky betont im selben Atemzug das Entscheidende. Die Grenzen dieser Gruppen sind nicht in Stein gemeißelt, sondern verschiebbar. Wen das Gehirn dem Wir zurechnet, hängt davon ab, welche Geschichten man ihm erzählt, und dieselbe Maschinerie, die eben noch trennte, lässt sich auf eine größere, umfassendere Zugehörigkeit umstellen. Das Werkzeug ist angeboren, die Feindschaft ist es nicht.Damit ist auch erklärt, warum die Erfindung des Wir niemals beim Wir stehen bleibt. Der Soziologe Georg Simmel hat schon vor über einem Jahrhundert beschrieben, dass nichts eine Gruppe so fest zusammenschweißt wie der Gegner an ihrer Grenze. Der äußere Feind verleiht dem Inneren seinen Zusammenhalt, er macht aus einer losen Menge eine verschworene Gemeinschaft und erspart ihr die mühsame Frage, was sie eigentlich verbindet. Wer also ein Wir erschaffen will, das hält, der liefert ihm zugleich ein Sie. Und an dieser Stelle endet das harmlose Spiel der Bänder und Vereinsfarben, denn nun beginnt die eigentliche Arbeit der Macht, die aus dem Anderen den Feind macht.Dass dieselbe Mechanik auch dort greift, wo eine Bewegung sich anfangs als reine Befreiung versteht, lässt sich an den jüngeren Auseinandersetzungen um Geschlecht und sexuelle Identität beobachten. Der Gedanke, jedem Menschen die Freiheit zu lassen, so zu leben, wie es ihm entspricht, ist im Kern achtenswert. Doch eine solche Freiheit verlangt die Zustimmung einer ganzen Gesellschaft, und wo diese Zustimmung nicht gewachsen, sondern eingefordert wird, kann aus dem befreienden Anliegen ein neues Schlachtfeld werden.Ich erinnere daran, dass Schwule und Lesben in Deutschland über Jahrzehnte weitgehend unbehelligt lebten und Hand in Hand über die Straßen gingen, ohne dass sich jemand daran stieß. Erst seit diese Themen medial in alle Kanäle getrieben und in den sozialen Netzwerken zu lautstarken Kampagnen aufgeladen wurden, begannen viele Menschen, sich dagegen zu stellen, weil sie sich darin nicht wiederfinden und die ihnen aufgedrängte Sprache als Bevormundung empfinden. Das Ergebnis ist bitter, denn ausgerechnet jene, die zuvor in Ruhe gelassen wurden, sehen sich heute wieder dem Argwohn ausgesetzt. Es hat ihnen nichts genützt, sondern sie nur erneut zur Zielscheibe gemacht, und so diente auch hier die laute Inszenierung am Ende nicht der Freiheit, sondern allein der Spaltung.III. Die Werkstatt der FurchtUnterschiede allein erzeugen noch keinen Hass. Zwei Mannschaften auf dem Schulhof sind am Abend wieder Freunde, und die verfeindeten Abteilungen eines Betriebs gehen am Feierabend gemeinsam ein Bier trinken.Was dabei leicht übersehen wird, ist allerdings dies. Solche harmlosen Rivalitäten verschwinden nicht spurlos, sie werden eingeübt und gleichsam in Bereitschaft gehalten. Der Mensch gewöhnt sich daran, dass es stets ein Gegenüber gibt, an dem er sich abarbeitet, so wie sich der Raucher an die Zigarette gewöhnt, bis das Bedürfnis von selbst wiederkehrt. Diese eingeschliffenen Muster des Wir gegen das Sie liegen danach bereit wie ein geladenes Werkzeug, und sie lassen sich später, wenn eine Ideologie es verlangt, mit einem einzigen Griff wieder scharfstellen.Der Sozialpsychologe Daniel Bar-Tal hat für Gesellschaften, die lange in Konflikten stehen, beschrieben, wie sich in ihnen ein festes Vorratslager an Feindbildern, Rechtfertigungen und Erzählungen bildet, das er das Ethos des Konflikts nannte. Ist dieses Vorratslager erst angelegt, muss die Macht den Hass nicht jedes Mal neu erschaffen. Sie ruft nur ab, was längst bereitliegt, und genau deshalb wirkt die spätere Hetze so mühelos, weil sie auf einen Boden fällt, der über Jahre durch tausend kleine Rivalitäten vorbereitet wurde.Damit aus dem Anderen ein Feind wird, muss ein Zweites hinzutreten, und dieses Zweite ist die Furcht. Der anderen Gruppe werden Eigenschaften zugeschrieben, die Angst auslösen sollen. Sie sei gefährlich, hinterhältig, sittenlos oder eine Bedrohung für alles, was einem teuer ist. Ob diese Zuschreibungen zutreffen, spielt dabei eine erstaunlich geringe Rolle. Entscheidend ist allein, dass sie wirken.Jeder kennt die kleine Form dieses Vorgangs aus der eigenen Nachbarschaft. In ein Haus zieht eine Familie, über die man nichts weiß, und schon nach wenigen Tagen wird getuschelt und hinter dem Rücken geredet. Man macht die Neuen schlecht, ohne je ein Wort mit ihnen gewechselt zu haben. Ein schöneres Auto, als man selbst es fährt, eine Kleidung, die nicht der vertrauten Norm entspricht, und schon ist die Saat des Argwohns gestreut, denn zur bloßen Fremdheit gesellt sich der Neid. Irgendjemand will gehört haben, dort gehe es nicht mit rechten Dingen zu, niemand hat etwas gesehen, niemand kann etwas belegen, und doch grüßt man bald vorsichtiger, zieht die Kinder enger an sich und deutet jedes Geräusch aus jenem Haus im Licht der Erzählung. Die Familie hat nichts getan. Die Geschichte allein hat genügt, um aus Unbekannten Verdächtige zu machen.Und genau diese Geschichten kehren im Großen wieder, in Demokratien wie in Diktaturen, in Religionen, in mafiösen Strukturen und in jeder anderen Perversion menschlicher Macht. Es ist am Ende die Geschichte, die darüber entscheidet, ob ein Mensch bereit ist, einen anderen zu töten, zu foltern, zu unterdrücken, ihm das Kind zu nehmen oder auf ihn einzuschlagen, bis kein Leben mehr in ihm ist. Wer die Geschichte liefert, liefert die Erlaubnis gleich mit.Dass die Furcht ein so williges Werkzeug ist, hat tiefe biologische Gründe. Der Hirnforscher Joseph LeDoux hat nachgezeichnet, dass das Gehirn über eine schnelle, gleichsam abkürzende Bahn verfügt, die einen möglichen Gefahrenreiz an die wachsamen Mandelkerne meldet, lange bevor das langsamere, abwägende Denken ihn überhaupt geprüft hat. Diese Schaltung hat dem Menschen über Jahrhunderttausende das Leben gerettet, denn wer beim Rascheln im Gras erst in Ruhe überlegt, ob es ein Windhauch oder eine Schlange sei, hat im Zweifel keine Nachkommen hinterlassen. Was aber die Vorzeit belohnte, macht den Menschen der Gegenwart verführbar. Eine Botschaft, die Furcht weckt, erreicht ihn auf der schnellen Bahn und umgeht jene Instanz, die fragen würde, ob die Bedrohung überhaupt besteht.Und ein Mensch in Furcht ist ein anderer Mensch. Er denkt weniger genau, er sucht Schutz, Ordnung und Führung, und er ist bereit, Maßnahmen hinzunehmen, gegen die er sich bei klarem Verstand gewehrt hätte. Darum arbeiten jene, die Feindschaft erzeugen wollen, nur ungern mit nüchternen Zahlen und Belegen. Sie arbeiten mit Bildern, mit Erzählungen und mit Gefühlen, weil das Bild auf der schnellen Bahn ankommt und das Argument erst auf der langsamen.Der Publizist Walter Lippmann hat bereits in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts beschrieben, dass kein Mensch je auf die Welt selbst reagiert, sondern stets auf das Bild, das er sich von ihr macht oder das man ihm gemacht hat. Zwischen den Menschen und die Wirklichkeit schiebt sich eine Scheinwelt aus Vorstellungen, Schlagworten und festen Bildern, und der Mensch handelt nicht nach der Welt, sondern nach dieser Scheinwelt. Wer also die Bilder beherrscht, die in den Köpfen entstehen, muss die Menschen nicht mehr zwingen. Er hat sie bereits gelenkt, ehe sie zu handeln beginnen. Verwickelte Konflikte, in denen sich Schuld und Recht kaum entwirren lassen, werden auf diese Weise zu einfachen Erzählungen von Gut und Böse verkürzt, in denen die eigene Seite stets das Licht und die andere stets die Finsternis verkörpert.Man könnte meinen, gegen all das helfe ein kühler Kopf, ein Mensch, der seine Gefühle einfach beiseiteschiebt und allein der Vernunft folgt. Doch der Neurologe Antonio Damasio hat gezeigt, dass eine solche saubere Trennung gar nicht existiert. Das Gefühl ist kein Störfaktor, der das Denken trübt, sondern ein untrennbarer Bestandteil jeder Entscheidung, die der Mensch trifft. Eben weil Furcht und Urteil so eng verwoben sind, lässt sich das Urteil über die Furcht so wirksam steuern. Wer das Gefühl besetzt, hat damit zugleich das Denken besetzt, und genau deshalb beginnt die Herstellung des Feindes nicht mit einem Beweis, sondern mit einer Angst.Hierin liegt auch, warum sich selbst jene in die Spaltung ziehen lassen, die unter ihr leiden. Wer sich der vermeintlich bedrohten, der gerechten Seite zugehörig fühlt, empfindet diese Zugehörigkeit als Schutz, und der Schutz erscheint umso wertvoller, je größer die Furcht gemacht wird. So wird das Opfer der Angst zum Werber für die Angst, und der Kreis beginnt, sich von selbst zu drehen.IV. Die Wahrheit der WiederholungEine Behauptung muss nicht bewiesen werden, um zu wirken. Es genügt, sie zu wiederholen. Je häufiger ein Mensch eine Aussage hört, desto vertrauter klingt sie ihm, und desto eher hält er sie für wahr, ganz unabhängig davon, ob je ein Beleg für sie erbracht wurde. Die Vertrautheit verkleidet sich als Wahrheit, und die Wiederholung ist ihr Schneider.Behauptet man den Menschen nur oft genug, es sei nicht genug Platz vorhanden, um jeder Familie ein Stück Erde zu geben, auf dem sie frei, unabhängig und selbstbestimmt leben könnte, so nehmen es die meisten hin und gehen der Sache nie weiter nach. Die Lüge muss nicht stimmen, sie muss nur unablässig wiederholt werden, bis sie sich tief in das neuronale Gefüge einwebt und dort als vermeintliche Selbstverständlichkeit ruht.Man kennt das aus den Verteilern der Familie und des Bekanntenkreises. Eine Nachricht geht um, eine jener Botschaften, die zur Weitergabe auffordern und eine Empörung oder eine Warnung enthalten. Beim ersten Mal stutzt man und zweifelt. Beim dritten Mal, von einem anderen Absender, beginnt man zu schwanken. Hat man dieselbe Behauptung erst von einem halben Dutzend Menschen gehört, die man kennt und schätzt, so erscheint sie kaum noch bestreitbar, obwohl ihr seit der ersten Weitergabe kein einziger neuer Beweis hinzugefügt wurde. Es ist immer dieselbe unbelegte Behauptung, sie hat nur die Kleider gewechselt.Der Psychologe Daniel Kahneman hat die Mechanik dahinter beschrieben. Das Gehirn verfügt über ein schnelles, müheloses Urteilen, das sich an der Leichtigkeit orientiert, mit der ihm etwas in den Sinn kommt. Was leicht abrufbar ist, weil man es oft gehört hat, erscheint diesem schnellen Urteil zugleich häufiger, wahrscheinlicher und wahrer. Kahneman nannte diese Abkürzung die Verfügbarkeitsheuristik, und sie erklärt, warum die bloße Geläufigkeit einer Aussage sich im Empfinden in deren Richtigkeit verwandelt. Das Gehirn verwechselt, was ihm vertraut ist, mit dem, was zutrifft, und diese Verwechslung lässt sich planmäßig erzeugen.Die Forschung hat diesen Vorgang vielfach im Versuch bestätigt. Legt man Menschen Behauptungen vor und wiederholt einen Teil von ihnen später, so steigt allein durch die Wiederholung die Bereitschaft, sie für wahr zu halten, und zwar selbst dann, wenn die Versuchspersonen es eigentlich besser wissen müssten. Die Psychologie spricht vom Wahrheitseffekt der bloßen Wiederholung. Er ist der Grund, weshalb Propaganda niemals auf Vielfalt setzt, sondern auf Wiederkehr. Eine Parole, hundertfach wiederholt, schlägt jedes einmal vorgetragene Argument, denn das Argument muss verstanden werden, die Parole nur gehört.Eben darum erleben wir, wie die Sprechpuppen des Systems unablässig wiederholen, die Russen seien ein Regime und ihr Land eine Diktatur, und wie dasselbe mit dem Iran und mit anderen Ländern geschieht, deren Menschen Schritt für Schritt zu Unmenschen erklärt und sprachlich entmenschlicht werden. Je öfter diese Etiketten fallen, desto mehr Hass und Verachtung lädt sich auf ganze Völker, und kaum jemand fragt noch, ob hinter dem Wort Regime nicht Millionen Menschen mit Gesichtern stehen.Hinzu tritt ein weiterer Mechanismus, den der Psychologe Leon Festinger als kognitive Dissonanz beschrieben hat. Ich weiß, dass einige Leser diesem Begriff in meinen Schriften schon begegnet sind, doch er ist so entscheidend, dass ich ihn immer wieder heranziehen muss. Hat ein Mensch eine Überzeugung erst einmal übernommen und vielleicht sogar öffentlich vertreten, so erzeugt jeder Zweifel an ihr einen inneren Missklang, den er als quälend empfindet. Statt nun die Überzeugung zu prüfen und gegebenenfalls fallen zu lassen, was das eigene Urteil bloßstellen würde, neigt er dazu, die widersprechenden Tatsachen abzuwerten und an der Überzeugung erst recht festzuhalten. So wird aus dem, der eine Feindschaft anfangs nur nachgesprochen hat, mit der Zeit ihr überzeugter Anwalt, weil das Eingeständnis des Irrtums teurer erschiene als das Beharren.In früheren Zeiten verlangte die Wiederholung noch erheblichen Aufwand, sie brauchte Plakate, Zeitungen und Redner. Heute besorgt sie eine Maschinerie, die niemand mehr eigens antreiben muss, und der Mensch ist ihr in einem Maße ausgeliefert, das frühere Zeiten nicht kannten. Rund um die Uhr, beinahe in Echtzeit und bis in die Benachrichtigung auf dem Sperrbildschirm hinein lässt sich ihm gezielt zuspielen, was die herrschenden Kreise ihm zuspielen wollen, sei es eine genaue Fehlinformation oder ein frei erfundenes Feindbild, gegen das er sich umgehend in Stellung bringen soll. Die Manipulation hat sich mit den digitalen Medien fortentwickelt wie ein Organismus, der gelernt hat, seinen Wirt immer feiner zu lenken.Die Soziologin Shoshana Zuboff hat dieses Geschäftsmodell als Überwachungskapitalismus beschrieben, ein System, das menschliches Verhalten nicht nur vorhersagt, sondern in eine Richtung lenkt, die sich verkaufen lässt. Die Plattformen sind genau dafür gebaut, sie belohnen jede Erregung mit Aufmerksamkeit und füttern den Nutzer mit dem immer gleichen Stoff, der ihn fesselt, ganz ähnlich, wie ein Glücksspielautomat seine Belohnungen ausschüttet, damit die Hand am Hebel bleibt.Die Empfehlungssysteme der digitalen Plattformen zeigen jedem Menschen bevorzugt das, was ihn ohnehin schon beschäftigt und erregt, und sie umgeben ihn dadurch mit immer denselben Bildern, Stimmen und Behauptungen. Was ihm dort tausendfach begegnet, hält er bald für die Stimmung der ganzen Welt, während es in Wahrheit nur das Echo seiner eigenen Kammer ist. Die Wiederholung, einst das Handwerk der Propagandisten, ist zur selbsttätigen Eigenschaft der Werkzeuge geworden, mit denen wir uns unterhalten und unterrichten.V. Das Wort vor dem SchlagSolange ein Mensch im anderen einen Menschen erkennt, fällt ihm die Gewalt schwer. Nicht von ungefähr werden Polizisten und Soldaten darauf geschult, im Gegenüber kein gleichwertiges Wesen zu sehen, sondern einen Vorgang, der abzuarbeiten ist, einen Widerstand, der sich zu unterwerfen hat. Wer so auf den anderen herabblickt, behandelt ihn nicht mehr als Menschen, sondern als Sache, die man wegschieben, niederringen oder zerbrechen darf.Und man muss an dieser Stelle aussprechen, dass die größten Übel unserer Zeit politisch gemachte Übel sind, mit Absicht herbeigeführt, um anschließend die Lösung des selbst erzeugten Problems verkaufen zu können und als Machtarchitektur daran zu verdienen. Kriege werden inszeniert, um sie gegen ein anderes Land führen zu können und zugleich über die Gefallenen an Ländereien zu gelangen, an die man zuvor nicht herankam.Im Grunde sind Kriege die größten Enteignungen der Menschheitsgeschichte, denn auf beiden Seiten sterben Menschen, und mit jedem Toten erlischt nicht nur ein Leben, sondern auch ein Kontoguthaben, eine eingezahlte Versicherung, ein Grundstück, ein Patent oder das Erbe einer ganzen Familie. Man muss sich ernsthaft fragen, wer all dies am Ende erhält, ob es an andere Menschen umverteilt oder von jenen einbehalten wird, die an der Spitze sitzen. Das sind keine müßigen, sondern höchst berechtigte Fragen.Deshalb dienen Kriege nicht allein einem geopolitischen Streit, sondern ebenso der Anhäufung von Geld und dem Wiederaufbau, der nach jedem Konflikt folgt und erneut gewaltige Gewinne abwirft. Und das Schlimmste, was ich mir denken kann, tritt dort ein, wo Vertreter großer Investmenthäuser, wie sie etwa BlackRock oder Goldman Sachs darstellen, in Regierungen sitzen. Dann nämlich entscheiden ausgerechnet jene an höchster Stelle, die vom Krieg, von der Krankheit und vom Leid am unmittelbarsten profitieren. Das ist, so empfinde ich es, das Endstadium, hinter dem kaum noch eine Steigerung denkbar ist.Das Mitgefühl, die Fähigkeit, im Gegenüber ein fühlendes Wesen mit eigenen Hoffnungen, Ängsten und Angehörigen zu sehen, ist die letzte und stärkste Hemmung gegen die Grausamkeit. Wer Feindschaft schüren will, muss daher zuerst diese Hemmung beseitigen, und das wirksamste Werkzeug dafür ist nicht die Waffe, sondern das Wort.Der Psychologe Albert Bandura hat beschrieben, dass der Gewalttat in aller Regel die Entmenschlichung des Opfers vorausgeht. Bevor man einem Menschen Schaden zufügt, muss man ihn in der eigenen Wahrnehmung erst aus der Gemeinschaft der Menschen herauslösen, und nichts leistet das leiser und gründlicher als ein sorgfältig gewähltes Wort. Eben darum werden kritische Stimmen, zu denen ich auch die meine zähle, von vielen Seiten angegriffen und verleumdet, denn wer einen Menschen erst unglaubwürdig gemacht hat, muss seine Argumente nicht mehr widerlegen, weil ihm ohnehin niemand mehr zuhört. Es gehört zu den verlässlichsten Taktiken jeder Herrschaft, den Widerstand schon im Keim zu ersticken, indem sie den Überbringer beschädigt, statt die Botschaft zu prüfen.Bandura nannte diesen inneren Vorgang die moralische Entkopplung, jene gedankliche Trennung, die es einem ansonsten anständigen Menschen erlaubt, das eigene Gewissen für die Dauer der Tat stillzustellen.Diese Entkopplung beginnt im Sprachgebrauch der öffentlichen Auseinandersetzung, und sie verfährt nach einem immer gleichen Muster. Die Regierung, die man verächtlich machen will, heißt fortan nicht mehr Regierung, sondern Regime. Eine Glaubensgemeinschaft schrumpft zu einem abschätzigen Sammelbegriff, ein ganzes Volk wird auf das Bild seines Herrschers verkürzt, und aus Millionen einzelner Menschen mit Gesichtern wird der Russe, der Deutsche, der Amerikaner oder der Fremde, stets im trügerischen Singular, der das Viele zum bedrohlichen Einen verschmilzt. Es ist dabei gleichgültig, gegen wen sich dieser Singular gerade richtet, denn das Verfahren ist überall dasselbe. Jede Seite eines Konflikts bedient sich desselben Wörterbuchs, und jede hält die eigene Herabsetzung für eine bloße Beschreibung der Wahrheit, während sie in der des Gegners die nackte Hetze erkennt. Wer den Mechanismus durchschaut, erkennt ihn an beiden Ufern zugleich.Am verräterischsten wird die Sprache dort, wo sie für dieselbe Handlung zweierlei Namen bereithält. Was bei den Unsrigen ein Befreier ist, heißt beim Gegner ein Terrorist. Was hier als entschlossene Verteidigung gilt, gilt dort als feiger Überfall. Dieselbe Tat, dasselbe Amt, dasselbe Vorgehen trägt einen Namen, wenn der Freund es begeht, und einen anderen, wenn der Feind es tut. Dieses zweierlei Maß ist keine Nachlässigkeit der Rede, sondern ihre Bewaffnung, denn es bereitet leise den Boden, auf dem später die Gewalt geschehen darf, ohne dass noch jemand Mitleid empfände.Derselben Verformung bedienen sich auch staatliche Strukturen, wenn sie unbequeme Bürger zu Nazis, Antisemiten, Verschwörungstheoretikern oder Schwurblern erklären, um sie zu entmenschlichen und mundtot zu machen. Es ist genau dieselbe Bewegung, nur dass sie diesmal von oben kommt, und sie wirkt nach demselben Gesetz, das der folgende Gedanke beschreibt.Der Sozialpsychologe Gordon Allport hat in seiner Untersuchung über das Wesen des Vorurteils die Stufenfolge beschrieben, auf der die Geringschätzung emporsteigt. Am Anfang steht stets das bloße Reden, die abfällige Bemerkung, der Spott im vertrauten Kreis. Darauf folgt das Meiden, dann die Benachteiligung, dann der tätliche Angriff, und an ihrem äußersten Ende steht die Vernichtung. Das Entscheidende an dieser Treppe ist, dass keine Stufe für sich genommen schon das Ende verlangt, dass aber jede Stufe die nächste vorbereitet und das Unvorstellbare in kleinen, je für sich harmlos erscheinenden Schritten erreichbar macht. Die erste Stufe ist immer das Wort. Ehe ein Mensch dem anderen Gewalt antut, hat die Sprache ihm längst den Namen und das Gesicht genommen.Wer die unterste Stufe dieser Treppe in Reinform betrachten will, muss nur die Kommentarspalten der digitalen Öffentlichkeit aufschlagen. Dort schreiben Menschen über andere, die sie nie getroffen haben, Sätze, die sie keinem Gegenüber von Angesicht zu Angesicht zu sagen wagten. Die Entfernung des Bildschirms und der Schutz der halben Namenlosigkeit lösen dieselbe Hemmung, die im persönlichen Gespräch noch wirkt. Aus Menschen werden Konten, aus Meinungen Lager und aus dem Widerspruch die Beschimpfung. Es ist die kleine, alltägliche Werkstatt, in der das Wort vor dem Schlag eingeübt wird, und sie steht jedem offen, der ein Gerät in der Hand hält.VI. Die Hand, die niemand gewesen sein willDamit Feindschaft in Handlung umschlägt, bedarf es eines Letzten. Es genügt nicht, dass die Menschen sich fürchten und einander mit Worten herabsetzen. Irgendwann muss eine Hand sich heben, und das Bemerkenswerte ist, dass am Ende fast niemand diese Hand gewesen sein will. Nichts kommt der Macht dabei gelegener als eine Autorität, die jedes Verbrechen unter den Teppich kehrt und unter deren Dach sich der Einzelne von seiner Schuld freisprechen darf. Man habe ja nur Befehle befolgt, man habe nur den Rechtsstaat gestützt, man habe sich nur an die Regeln gehalten, und ehe man sich versieht, liegen Millionen Menschen unter der Erde, ohne dass sich auch nur einer als ihr Mörder begreift.Stanley Milgram hat in seinen Versuchen zum Gehorsam beschrieben, was mit einem Menschen geschieht, der sich als bloßes Werkzeug eines fremden Willens begreift. Er nannte es den Zustand der Stellvertretung, einen inneren Umschaltvorgang, bei dem der Einzelne aufhört, sich als Urheber seines Tuns zu erleben. Die Handlung bleibt, doch das Gefühl der Verantwortung für sie verschwindet. Der Mensch führt weiter aus, was er ausführt, empfindet es aber nicht mehr als sein eigenes Werk, sondern als das Werk dessen, der den Befehl gab. In diesem Zustand sind gewöhnliche Menschen zu Dingen fähig, die sie aus eigenem Antrieb niemals erwogen hätten.Dass dies kein Kunstprodukt des Labors ist, zeigte wenige Jahre später ein Versuch des Psychiaters Charles Hofling, der unter die Haut geht, weil er im wirklichen Krankenhaus stattfand. Eine unbekannte Stimme am Telefon, die sich als Arzt ausgab, wies Krankenschwestern an, einem Patienten eine offenkundig überhöhte und nicht ordnungsgemäß angeordnete Dosis eines Medikaments zu verabreichen. Beinahe alle waren bereit, der Anweisung zu folgen, obwohl sie gegen jede Vorschrift und gegen ihr eigenes Fachwissen verstieß, einzig weil eine vermeintliche Autorität sie erteilt hatte. Was Milgram im Versuchsraum nachwies, geschieht also auch dort, wo es um Leben und Tod geht, und es geschieht durch ausgebildete, gewissenhafte Menschen, sobald der Befehl von oben zu kommen scheint.Man braucht für diesen Zustand keine Versuchsanordnung, er begegnet einem im Alltag an jedem Schalter. Wer je versucht hat, einer freundlichen Stimme am anderen Ende einer Telefonleitung ein offensichtliches Unrecht zu schildern, kennt die Antwort. Man könne da nichts machen, das sei nun einmal das System, die Vorschrift, die Anweisung von oben. Der Mensch, der dies sagt, ist kein Unmensch. Er hat ein Formular vor sich, eine Maske auf dem Bildschirm und ein Regelwerk im Rücken, und er hat gelernt, dass die Frage, ob etwas richtig sei, nicht zu seiner Aufgabe gehört, sondern allein die Frage, ob es den Vorschriften entspreche. Jeder einzelne Handgriff erscheint harmlos. Erst ihre Summe ergibt die zerstörte Existenz.Verschärft wird dies durch einen Mechanismus, den die Sozialpsychologen John Darley und Bibb Latané in ihren Untersuchungen zur unterlassenen Hilfeleistung beschrieben haben. Je mehr Menschen einer Notlage beiwohnen, desto unwahrscheinlicher wird es, dass einer von ihnen eingreift, denn die Verantwortung verteilt sich auf viele Schultern, bis sie auf keiner mehr lastet. Jeder nimmt an, ein anderer werde schon handeln, und so handelt am Ende niemand. Große Machtapparate machen sich genau dieses Gesetz zunutze. Sie zerlegen jede Tat in so viele Teilschritte und verteilen diese auf so viele Hände, dass kein Einzelner sich noch für das Ganze verantwortlich fühlt. Der eine erlässt die Anordnung, ohne sie zu vollstrecken, der zweite vollstreckt sie, ohne sie erlassen zu haben, und der dritte hat lediglich ein Papier abgezeichnet.Am sichtbarsten verkörpert sich diese Umschaltung im Beamten, der eine Versammlung räumt oder einkesselt, die der Obrigkeit nicht genehm war. Er erhält einen Befehl, und der Befehl löst ihn von der Frage, ob das Verlangte recht sei. Wenn er auf Menschen einschlägt, die niemandem etwas zuleide getan haben, sagt er sich, er führe nur aus, was angeordnet wurde. Doch die Hand am Schlagstock gehört ihm und nicht dem Befehl, denn der Befehl hat keine Finger. Die älteste Entschuldigung der Geschichte besteht aus wenigen Worten, man habe lediglich seine Pflicht getan, und sie war noch nie eine Entschuldigung, sondern stets nur eine Verschiebung. Wer gehorcht, bleibt der Urheber dessen, was seine Hand vollbringt.Hinzu kommt schließlich die Furcht vor dem Ausschluss aus der eigenen Reihe, die oft schwerer wiegt als die Furcht vor dem Unrecht. Der Mensch ist ein geselliges Wesen, und die Aussicht, von den Seinen verstoßen zu werden, schreckt ihn mehr als die Aussicht, einem Fremden Unrecht zu tun. So schlägt mancher mit, nicht weil er hasst, sondern weil er dazugehören will, und er fürchtet den Spott der Kameraden mehr als die Stimme des eigenen Gewissens.VII. Die Spirale des SchweigensBis hierhin könnte der Eindruck entstehen, die Spaltung gelinge nur, weil so viele Menschen sie aktiv betreiben. Doch das ist ein Irrtum, und es ist vielleicht der folgenreichste. Die meisten Verheerungen der Geschichte wurden nicht dadurch möglich, dass plötzlich Millionen Menschen von Hass ergriffen wurden. Sie wurden möglich, weil genügend Menschen schwiegen.Der Psychologe Salomon Asch hat in einem berühmten Versuch gezeigt, wie weit dieses Schweigen reicht. Er legte einer Gruppe einfache Aufgaben vor, bei denen die Versuchspersonen die Länge von Linien vergleichen sollten, deren Lösung auf den ersten Blick eindeutig war. Doch die meisten Anwesenden waren eingeweiht und gaben einstimmig eine offensichtlich falsche Antwort. Ein erheblicher Teil der ahnungslosen Probanden schloss sich daraufhin der falschen Mehrheit an und verleugnete das Zeugnis der eigenen Augen, nur um nicht als Einziger zu widersprechen. Wenn der Mensch schon bei der Länge zweier Linien einknickt, sobald die Mehrheit etwas anderes behauptet, wie viel leichter gibt er dann sein Urteil über strittige Fragen preis, bei denen kein Lineal die Wahrheit verbürgt.Die Meinungsforscherin Elisabeth Noelle-Neumann hat aus dieser Beobachtung ein gesellschaftliches Gesetz abgeleitet, das sie die Schweigespirale nannte. Wer den Eindruck gewinnt, mit seiner Meinung in der Minderheit zu stehen, neigt dazu, sie für sich zu behalten, aus Furcht vor Spott und Vereinzelung. Dadurch wird die scheinbar herrschende Meinung immer lauter und die scheinbar unterlegene immer leiser, ganz gleich, wie viele Menschen sie in Wahrheit teilen. Am Ende beherrscht eine Stimmung das Feld, die niemand geprüft hat und die kaum jemand mehr zu bestreiten wagt, weil jeder den anderen für überzeugt hält.Daraus erwächst ein eigentümlicher Zustand, den die Sozialpsychologie pluralistische Ignoranz nennt. Es ist die Lage, in der die Mehrheit etwas innerlich ablehnt, aber jeder Einzelne glaubt, mit dieser Ablehnung allein zu sein, weil alle anderen schweigen. Jeder richtet sich nach einem Schein, den alle gemeinsam erzeugen und an den keiner wirklich glaubt. Man kennt das aus der Sitzung, in der ein fragwürdiger Beschluss gefasst wird, während ringsum alle nicken, obwohl mancher unter dem Tisch die Faust ballt. Man kennt es vom Familientisch, an dem ein Verwandter gehässige Sätze über eine ganze Menschengruppe spricht und die Übrigen betreten in ihre Teller blicken, nicht aus Zustimmung, sondern um des lieben Friedens willen. Jedes dieser Schweigen erscheint dem Schweigenden klein und entschuldbar. In ihrer Summe aber bilden sie das Schweigen, in dem die Spaltung gedeiht.Im Aufruhr der Menge schließlich verstärkt sich all dies noch. Der frühe Beobachter der Massen, Gustave Le Bon, hat, bei aller Fragwürdigkeit mancher seiner weiteren Schlüsse, eine bleibende Beobachtung festgehalten. Im Sog der Menge sinkt das Verantwortungsgefühl des Einzelnen, weil er sich in der Vielzahl verbirgt und glaubt, das Gesetz der eigenen Person sei für die Dauer des Rausches außer Kraft gesetzt. Was niemand allein täte, tut die Menge, und hinterher will es keiner gewesen sein.Hier liegt zugleich die hoffnungsvollste Einsicht dieses Kapitels verborgen. Wenn das System der Spaltung so sehr auf dem Schweigen beruht, dann besitzt jeder, der zu sprechen wagt, eine Macht, die er sich selten zutraut. Eine einzige Stimme, die der scheinbaren Mehrheit ruhig widerspricht, kann die Spirale zum Stehen bringen, denn sie zeigt allen übrigen Schweigenden, dass sie nicht allein sind. Der Mut des Einen macht den Mut des Zweiten möglich, und schon das Wissen, nicht der einzige Zweifler zu sein, löst die Zunge der Vielen.VIII. Den Menschen wiedersehenWenn die Verwandlung des Nachbarn in den Feind ein Handwerk mit erkennbaren Schritten ist, dann gibt es auch ein Gegenhandwerk, und es beginnt nicht auf dem Schlachtfeld, sondern im Denken jedes Einzelnen.Die erste und wichtigste Verteidigung besteht darin, das Verfahren als Verfahren zu durchschauen. Wer erkennt, dass die Einteilung in ein Wir und ein Sie künstlich erzeugt wurde, dass die Furcht geweckt und nicht gefunden, die Behauptung wiederholt und nicht bewiesen, der Name verächtlich gemacht und das Schweigen organisiert wurde, der ist nicht länger das willenlose Material dieses Handwerks. Er hat sich ein Stück seiner Wahrnehmung zurückgeholt, und mit ihr ein Stück seiner Freiheit.Viktor Frankl, der die Hölle der Lager überlebte und dennoch nicht am Menschen verzweifelte, hat von der letzten der menschlichen Freiheiten gesprochen, die keine Macht dem Menschen zu nehmen vermag. Es ist die Freiheit, die eigene Haltung zu wählen, gleichgültig unter welchem Druck. Man kann einem Menschen vieles nehmen, seinen Besitz, seine Sicherheit und beinahe seine Würde, aber nicht die Entscheidung, wie er innerlich auf das antwortet, was ihm widerfährt. In dieser letzten Freiheit liegt der Keim allen Widerstands gegen die Spaltung, denn sie erlaubt es, im anderen einen Menschen zu sehen, auch wenn alle Stimmen ringsum verlangen, in ihm den Feind zu sehen.Aleksandr Solschenizyn, der den Archipel der Lager von innen kannte, hat die bequemste aller Lügen zerstört, die Vorstellung nämlich, das Böse hause stets bei den anderen. Die Trennlinie zwischen Gut und Böse, so seine Erkenntnis, verläuft nicht zwischen Völkern, Parteien oder Lagern, sondern mitten durch das Herz jedes einzelnen Menschen. Wer das begreift, kann die Welt nicht länger sauber in Schuldige und Unschuldige zerlegen, und ihm wird das Feindbild von innen heraus brüchig, weil er weiß, dass der Mensch auf der anderen Seite ihm ähnlicher ist, als die Erzählung es zulassen will.Es ist bezeichnend, dass jener Versuch im Ferienlager, der aus harmlosen Jungen verfeindete Lager gemacht hatte, am Ende auch den Weg aus der Feindschaft wies. Sherif stellte fest, dass weder gutes Zureden noch gemeinsames Feiern die Verhärtung löste. Was die Gruppen wieder zusammenführte, war eine Aufgabe, die keine von beiden allein bewältigen konnte. Als die Wasserversorgung des Lagers versagte und als ein steckengebliebener Wagen nur mit vereinten Kräften zu bewegen war, mussten die verfeindeten Jungen zusammenwirken, und über der gemeinsamen Mühe schmolz die Feindschaft dahin. Die Lehre daraus ist schlicht und doch folgenreich. Menschen, die an einem geteilten Werk arbeiten, hören auf, einander als Gegner zu sehen, denn das gemeinsame Ziel zeichnet ein neues, größeres Wir, in dem die alte Grenze keinen Sinn mehr ergibt.Der Hirnforscher Joshua Greene hat beschrieben, dass das sittliche Empfinden des Menschen für die kleine, vertraute Gruppe gemacht ist, für das nahe Wir, und dass es vor der fremden Gruppe oft versagt. Die Aufgabe der Gegenwart bestehe deshalb darin, diesen angeborenen Kreis des Mitgefühls bewusst zu weiten, über die eigene Sippe, die eigene Fahne und das eigene Lager hinaus. Das geschieht nicht von selbst, denn es widerspricht einem alten Hang, und doch ist es möglich, weil dieselbe Maschinerie, die trennt, sich auch auf das Verbindende richten lässt.Am Ende kehrt alles zu einer Einsicht zurück, die Étienne de La Boétie schon vor fast fünf Jahrhunderten aussprach. Keine Herrschaft, die Menschen gegeneinander treibt, besitzt eine Macht außer jener, die ihre Beherrschten ihr täglich leihen. Die Spaltung lebt von der Mitwirkung der Gespaltenen, und sie endet in dem Augenblick, in dem genügend Menschen ihr die Mitwirkung verweigern. Václav Havel hat dieses Verweigern in das Bild eines Händlers gefasst, der eines Tages aufhört, die vorgeschriebene Parole ins Schaufenster zu stellen, und beschließt, in der Wahrheit zu leben. Es ist eine kleine Geste, und doch beginnt mit ihr das ganze Gebäude der erzwungenen Übereinstimmung zu wanken.So verschiebt sich die entscheidende Frage am Schluss von den Völkern und den Fahnen auf den einzelnen Menschen. Sie lautet nicht, welche Herkunft er hat, welchen Gott er anruft oder welcher Gruppe er sich zurechnet. Sie lautet allein, ob er bereit ist, im anderen weiterhin einen Menschen zu sehen. Solange diese Fähigkeit erhalten bleibt, wird es schwer sein, aus Nachbarn Feinde zu machen, und kein noch so geschicktes Handwerk der Spaltung wird vollständig gelingen. Geht sie aber verloren, dann wird selbst die friedlichste Straße verwundbar, und der gewöhnliche Frieden, von dem dieses Buch ausging, zerfällt zu Staub. Den Menschen im anderen wiederzusehen ist deshalb kein frommer Wunsch, sondern die letzte und wirksamste Form der Notwehr.IX. Der ideologische NullpunktAm Ende dieses Weges will ich die Linien zu einem letzten, tieferen Bild zusammenführen. Es ist möglich, dass Menschen innerhalb ihrer Gruppen friedlich zusammenleben, und es ist ebenso möglich, dass Menschen verschiedener Gruppen miteinander wirken, dass sie zwischen Ländern Handel treiben und Ressourcen tauschen. Solange diese Menschen unter sich bleiben, herrscht Frieden. Dringt jedoch eine fremde Ideologie oder eine fremde Religion in ein gewachsenes Gefüge ein, ohne sich ihm einzufügen, so führt das früher oder später zum Konflikt, und die Herrschenden wissen das genau.Eben deshalb greifen die Herrschenden nicht selten zur Migration als Waffe, um Völker in Unordnung zu stürzen und aus dem entstehenden Chaos ihre geopolitischen Absichten zu verwirklichen. Religionen und Sekten arbeiten nach demselben Prinzip. Innerhalb einer tief gläubigen Gemeinschaft sind sich die Menschen einig, sie richten ihr ganzes Leben um das gemeinsame Bekenntnis herum und sind mit ihrem Eintritt zufrieden, doch sobald dieses Gefüge nach außen drängt oder von außen aufgebrochen wird, beginnt dieselbe Reibung von Neuem.Und wenn man dies alles weiß, wenn man also begreift, dass gerade diese Unverträglichkeiten untereinander zu Chaos, Gewalt, Unsicherheit und Unzufriedenheit führen, und dennoch genau jene politischen Entscheidungen trifft, die solche Spannungen erzwingen, dann gleicht das einer Zwangsverheiratung zweier Menschen, die einander nie gewählt haben. Es ist zerstörerisch und führt zu nichts. Soll ein Zusammenwachsen überhaupt gelingen, so muss es ein dynamischer und natürlicher Vorgang sein, in dem der Mensch zuerst ein anderes Bewusstsein erreicht. Zwingt man die Menschen jedoch mit Gewalt in eine solche Perspektive hinein, so wird es nach hinten losgehen.Mancher wird dann erneut einen Krieg entfachen, um die Menschen durch Not und Leid wenigstens für einen Augenblick zusammenzutreiben, so wie im bereits erwähnten Lager der Klapperschlangen und der Adler nach Muzafer Sherif erst eine gemeinsame Notlage die verfeindeten Gruppen wieder vereinte. Doch auch das hält nur für die Zeit des Wiederaufbaus und schlägt danach wieder um, weil jedes Volk seine Wurzeln und seinen Rückzugsort braucht, so wie der Ureinwohner den Stamm braucht, den er kennt.Die eigentliche Frage aber, die am Schluss meiner Betrachtung steht, betrifft jene Menschen, die sich nicht spalten lassen wollen, die weder einer Religion noch einer Partei noch einem demokratischen oder diktatorischen Zwangssystem angehören mögen. Haben diese Menschen kein Recht auf Freiheit, kein Recht, ihr Leben selbst zu gestalten oder gar eine eigene Lebensform zu entwickeln? Warum sollen wir uns immer wieder den herrschenden Auswüchsen unterwerfen, uns in Kriege treiben lassen, die wir nicht wollen, einen Wehrzwang hinnehmen, also eine Wehrpflicht, an der wir nicht mitwirken wollen, und uns politischen Zwängen beugen, die nicht für uns, sondern gegen uns sprechen? Ich vermag nicht einzusehen, weshalb der Mensch dies alles widerspruchslos ertragen soll.Denn ich bin überzeugt, dass wir nicht für Gottheiten, Ideologien, Regierungen oder Konzerne auf diese Welt gekommen sind. Wir sind nicht hier, um zu ideologischen Gefäßen für Machthaber und für machtbesessene Gestalten zu werden, die uns immer wieder in Kriege und Konflikte treiben. Wir leben auf einer Erde, die im Grunde ein Paradies sein könnte, und doch machen wir aus ihr eine Hölle und ein Gefängnis, in dem wir uns gegenseitig bekämpfen, in dem wir sogar die Strukturen finanzieren, die uns in diese Perversion treiben und darin halten, und in dem wir die Brandstifter bezahlen, die uns in Kriege und Konflikte führen, von denen sie leben.Sollten wir wirklich den Anspruch haben, uns evolutionär weiterzuentwickeln, und nicht länger vorhaben, uns spalten zu lassen, sondern den aufrichtigen Drang verspüren, wieder füreinander zu fühlen und ernsthaft miteinander zu kooperieren, dann müssen wir einander auf dem ideologischen Nullpunkt begegnen, als Menschen und nicht als Träger einer von außen aufgezwungenen Perversion. Solange es Gottheiten, Ideologien, Religionen und Parteien gibt, an die wir unsere ganze Identität binden, werden wir immer wieder fallen, immer wieder gegeneinander ausgespielt und immer wieder in Kriege getrieben werden. Irgendwann muss der Mensch zur Vernunft kommen und sich eingestehen, dass allein die Freiheit und der Frieden von Bedeutung sind.Begegnen wir einander als Menschen mit Gefühlen, mit Sehnsüchten und mit dem schlichten Wunsch, frei und selbstbestimmt zu leben, statt als Sektenmitglieder, als Sklaven oder als Opfer einer demokratischen Massenvergewaltigung, dann können wir aus dieser Welt jenes Paradies gestalten, das sie zu sein vermag. Begegnen wir einander dagegen weiterhin durch unsere Ideologien, also durch aufgezwungene Narrative, Dogmen und Bekenntnisse, so werden wir in einem fortwährenden Konflikt leben und den Frieden, den man uns verspricht, niemals erfahren, weil wir stets aufs Neue auf dieselben Brandstifter und Kriegstreiber hereinfallen, die davon profitieren, wenn wir dauerhaft in Konflikten und Krisen gehalten werden.Auch in der gegenwärtigen Auseinandersetzung um die Migration ging es nach meiner Überzeugung nie darum, dem Migranten zu helfen oder ihn vor dem Krieg zu bewahren. Es ging darum, Menschen aufeinanderprallen zu lassen, die sich ideologisch und kulturell unterscheiden, um aus dieser Reibung die Konfliktpotenziale zu gewinnen und sie politisch nutzbar zu machen.Die politischen Akteure wussten genau, dass es nicht gut ausgehen würde, doch gerade darin lag für sie die Gelegenheit, denn aus dem erzeugten Konflikt ließen sich neue Gesetze beschließen, die sich am Ende nicht allein gegen die Migranten richten, sondern gegen alle, und die sich ohne diese Zuspitzung niemals so leicht hätten durchsetzen lassen. Ohne die U-Bahn-Schubser, die Vergewaltigungen und die Messerstecher in den Schlagzeilen gäbe es keine neuen Überwachungsgesetze, keinen Einsatz von Analysesystemen wie Palantir und keine flächendeckende Überwachung. So wurde die Lage am Ende strategisch genutzt.Doch kommen wir zum Schluss. Wir können auf jeden Fall miteinander kooperieren und uns friedlich begegnen, doch nur auf einer fairen, gerechten und von jeder Ideologie freien Fläche. Erst dort, wo wir die ideologischen Perversionen, die Religionen, die Bekenntnisse und die politischen Lager hinter uns lassen und im anderen nichts weiter erkennen als einen Menschen, hört das Handwerk des ständigen Konflikts, der ewigen Kriege und des Missbrauchs auf zu wirken, das aus Nachbarn Feinde macht.Solange wir dauerhaft in Konkurrenz zueinander stehen und uns immer wieder spalten lassen, statt gemeinsam an etwas Fairem und Gerechtem zu arbeiten, das für uns alle wirkt, werden sich die Geschichte, das Leid und die Kriege immer und immer wieder wiederholen. Wir haben es in der Hand, eine bessere Welt zu gestalten, wenn wir es nur wirklich wollen, eine Welt ohne Herrscher, errichtet auf einem neuen Fundament, das nicht gegen uns arbeitet, sondern für uns und unsere Nachkommen.Denn welches Erbe wollen wir sonst unseren Kindern und den nachfolgenden Generationen hinterlassen? Etwa Kriege, die von den Brandstiftern in der Politik immer wieder inszeniert und für uns vorbereitet werden, damit unsere Söhne und unsere Töchter darin sterben? Oder den Raub, bei dem wir von Regierungsstrukturen und ihren Behörden ausgeplündert und mit immer neuen Steuern und Abgaben überzogen werden, damit wir in diesem Teufelskreis aus Missbrauch gefangen bleiben und auch unsere Kinder schon bald dasselbe durchleiden müssen? Oder soll es die Enteignung und die ideologische Erpressung sein, bei der wir im eigenen Land nicht einmal ein Stück Erde besitzen dürfen, weil alles bis zur Besinnungslosigkeit besteuert wird und am Ende nur den Herrschenden gehört, sodass eine Familie nicht einmal das Geburtsrecht hat, ein Stück Boden in dem Land zu besitzen, in dem sie zur Welt gekommen ist? Wollen wir der nachfolgenden Generation wirklich eine demokratische oder ideologische Knechtschaft übergeben, die niemals endet, die mit Gewalt unterlegt ist und auf Spaltung und Konflikt beruht, ein System also, das sich allein davon nährt, dass wir uns ohne Unterlass bekämpfen?Wollen wir den ewigen Wettstreit darüber, wessen Gott der größere, wessen Partei die bessere und wessen Konto das vollere ist, und mit ihm den niemals endenden Krieg? Soll das wirklich die Lösung sein? Soll das unsere Zukunft sein, dass wir uns von Brandstiftern und Kriegstreibern des Lebens berauben lassen? Wollen wir ausgerechnet das unseren Kindern hinterlassen, dieses Erbe? Ich frage es in vollem Ernst.Niemand von uns ist als Feind zur Welt gekommen. Man hat uns erst dazu gemacht, Schritt für Schritt, mit Worten, mit Furcht, mit ewiger Spaltung und mit dem immer gleichen Lied vom Wir und vom Sie. Doch was machtbesessene Psychopathen uns angetan haben, das können wir auch wieder ungeschehen machen, und es beginnt in dem Augenblick, in dem ein Einziger sich weigert, länger mitzuspielen, „Nein“ sagt und im anderen wieder einen Menschen sieht, der, genau wie man selbst, nichts weiter will, als frei und selbstbestimmt zu leben. Die Brandstifter besitzen kein eigenes Feuer. Es sind wir, die es ihnen reichen und die Brände mit den eigenen Händen für sie legen. Sie selbst haben keine Macht, sie hatten sie noch nie. Wir sind es, die schon immer ihre Befehle befolgten, in ihren Kriegen kämpften und ihre Verbrechen ausführten. Doch was wir ihnen gegeben haben, also die Macht und den Glauben an ihre Autorität und an ihre erfundenen Religionen und Ideologien, das können wir ihnen jederzeit wieder nehmen. Nehmen wir es ihnen. Dann, und nur dann, enden die Kriegshetze, die mediale Spaltung, der ewige Krieg und der Missbrauch der Völker dieser Welt. Dann hören wir auf, einander zu Feinden zu machen, weil der Spaltung jede Grundlage fehlt, und die Erde, die wir zur Hölle gemacht haben, darf endlich das werden, was sie immer hätte sein können, ein Paradies für dich und deine Kinder, deine Enkel und deine Freunde.Quellen und weiterführende LiteraturDie folgenden Werke bilden die geistige Grundlage dieses Buches. Auf sie stützen sich die genannten psychologischen, soziologischen und philosophischen Einsichten, ohne dass ich daraus wörtlich zitiere, denn die Gedanken sind durchweg in eigene Worte gefasst.Allport, Gordon W.: The Nature of Prejudice. 1954. (deutsch: Die Natur des Vorurteils.)Asch, Salomon E.: Opinions and Social Pressure. In: Scientific American, 1955. Sowie die Konformitätsversuche von 1951.Bandura, Albert: Moral Disengagement. How People Do Harm and Live with Themselves. 2016. Sowie: Moral disengagement in the perpetration of inhumanities. In: Personality and Social Psychology Review, 1999.Bar-Tal, Daniel: Intractable Conflicts. Socio-Psychological Foundations and Dynamics. 2013.Baumeister, Roy F.: Evil. Inside Human Violence and Cruelty. 1997.Damasio, Antonio R.: Descartes' Error. Emotion, Reason, and the Human Brain. 1994. (deutsch: Descartes' Irrtum.)Darley, John M. und Latané, Bibb: Bystander Intervention in Emergencies. Diffusion of Responsibility. In: Journal of Personality and Social Psychology, 1968.Festinger, Leon: A Theory of Cognitive Dissonance. 1957. (deutsch: Theorie der kognitiven Dissonanz.)Frankl, Viktor E.: …trotzdem Ja zum Leben sagen. Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager. 1946.Greene, Joshua: Moral Tribes. Emotion, Reason, and the Gap Between Us and Them. 2013.Hasher, Lynn, Goldstein, David und Toppino, Thomas: Frequency and the Conference of Referential Validity. In: Journal of Verbal Learning and Verbal Behavior, 1977. (zum Wahrheitseffekt der bloßen Wiederholung)Havel, Václav: Versuch, in der Wahrheit zu leben (Die Macht der Machtlosen). 1978.Hofling, Charles K. und andere: An Experimental Study in Nurse-Physician Relationships. In: Journal of Nervous and Mental Disease, 1966.Kahneman, Daniel: Thinking, Fast and Slow. 2011. (deutsch: Schnelles Denken, langsames Denken.)La Boétie, Étienne de: Von der freiwilligen Knechtschaft (Discours de la servitude volontaire). um 1548.Le Bon, Gustave: Psychologie der Massen (Psychologie des foules). 1895.LeDoux, Joseph: The Emotional Brain. 1996. (deutsch: Das Netz der Gefühle.)Le Texier, Thibault: Debunking the Stanford Prison Experiment. In: American Psychologist, 2019. (kritische Aufarbeitung des Stanford-Versuchs)Lippmann, Walter: Public Opinion. 1922. (deutsch: Die öffentliche Meinung.)Milgram, Stanley: Obedience to Authority. An Experimental View. 1974. (deutsch: Das Milgram-Experiment.)Noelle-Neumann, Elisabeth: Die Schweigespirale. Öffentliche Meinung, unsere soziale Haut. 1980.Sapolsky, Robert M.: Behave. The Biology of Humans at Our Best and Worst. 2017. (deutsch: Gewalt und Mitgefühl.)Sherif, Muzafer und andere: The Robbers Cave Experiment. Intergroup Conflict and Cooperation. 1961.Simmel, Georg: Soziologie. Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung. 1908.Solschenizyn, Aleksandr: Der Archipel Gulag. 1973.Tajfel, Henri: Experiments in Intergroup Discrimination. In: Scientific American, 1970. Sowie: Tajfel und Turner, An Integrative Theory of Intergroup Conflict. 1979.Zimbardo, Philip: The Lucifer Effect. Understanding How Good People Turn Evil. 2007. (deutsch: Der Luzifer-Effekt.)Zuboff, Shoshana: The Age of Surveillance Capitalism. 2019. (deutsch: Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus.)Die in diesem Buch geäußerten Einschätzungen zu gegenwärtigen Ereignissen, etwa zur Pandemie, zum Krieg um die Ukraine, zum Iran, zu großen Investmenthäusern und zur Migration, geben meine persönliche Überzeugung und Deutung wieder. Impressum© 2026 Dawid Snowden. Alle Rechte liegen beim Autor und Rechteinhaber.Autor: Dawid SnowdenE-Mail: dawid.snowden@protonmail.comWebseite: dawidsnowden.comNutzungshinweis: Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. 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24.06.2026 50 min 241 1
Der geraubte Boden
Der geraubte Boden

Über das Geburtsrecht auf Erde, die Wurzeln des Menschen und die Ökonomie der Abhängigkeitvon Dawid SnowdenVorbemerkungDieser Text greift auf Denker, Forscher und historische Zeugnisse zurück, doch er tut dies wählerisch. Ich trenne das Brauchbare vom Unhaltbaren und übernehme einen Gedanken, weil er etwas erhellt, niemals, weil ich das Gesamtwerk dessen unterschreibe, von dem er stammt. Wo dieses Buch scharfe politische und wirtschaftliche Urteile fällt, sind es meine persönlichen Überzeugungen, kein Anspruch auf eine letzte, unbestreitbare Wahrheit.Die historischen Beispiele dienen als Beleg, nicht als Schmuck. Ich habe darauf verzichtet, die deutsche Katastrophe des vergangenen Jahrhunderts heranzuziehen, denn der Mechanismus, um den es hier geht, ist weder an ein einzelnes Volk noch an eine abgeschlossene Zeit gebunden. Er ist so alt wie der erste Zaun, den ein Mensch um ein Stück Erde zog, und so gegenwärtig wie die letzte Mietforderung, die heute Morgen in einem Briefkasten lag.Erster TeilWarum der Mensch einen Boden brauchtErstes KapitelDie falsche Frage der FreiheitDie wichtigste Frage, die eine Gesellschaft sich stellen kann, lautet nicht, wer sie regiert, welche Partei die nächste Wahl für sich entscheidet oder welches Wirtschaftsmodell die höchsten Wachstumszahlen vorzeigt. Die eigentliche Frage, jene, an der sich alles Weitere entscheidet, lautet, ob der einzelne Mensch überhaupt einen realen Grund unter den Füßen besitzt, auf dem er sein Leben frei errichten kann. Denn Freiheit beginnt nicht mit einem Versprechen auf dem Papier, sondern mit den materiellen Voraussetzungen, die ein selbstbestimmtes Dasein erst möglich machen.Man hat uns beigebracht, über Fahnen, Programme und Personen zu streiten, während uns still und beinahe unbemerkt der Boden unter den Sohlen entzogen wurde. Die Debatte über die Freiheit ist eine inszenierte Debatte, solange die Bühne selbst gemietet ist und der Vorhang jenen gehört, deren Stücke wir aufzuführen haben. Wer keinen Ort besitzt, an dem er dauerhaft verwurzelt sein darf, bleibt in den wesentlichen Bereichen seines Lebens von anderen abhängig, und diese Abhängigkeit lässt sich durch kein Wahlrecht und keine schöne Verfassung aufwiegen.Das Recht auf ein Stück Erde ist deshalb keine bloß wirtschaftliche Angelegenheit, die man den Statistikern und Maklern überlassen dürfte. Es ist eine anthropologische Frage, weil sie das Verhältnis des Menschen zu seinem Lebensraum betrifft, eine psychologische, weil sie über seine innere Sicherheit entscheidet, und am Ende eine philosophische, weil sie bestimmt, ob ein Mensch über sich selbst verfügt oder über sich verfügen lässt.Theoretisch müsste der Anspruch auf einen festen Platz auf dieser Erde das Selbstverständlichste von der Welt sein, so selbstverständlich wie die Luft, die wir atmen, und das Wasser, das wir trinken. In Wahrheit ist daraus ein Privileg geworden, das man sich verdienen, erkaufen oder erschulden muss, und schon in dieser Verwandlung des Selbstverständlichen in das Besondere liegt der ganze Skandal, dem dieses Buch nachgeht. Ich will zeigen, weshalb ein eigener Boden das Fundament einer gesunden Gesellschaft ist, was mit dem Menschen geschieht, wenn man ihm dieses Fundament verweigert, und wem die künstliche Knappheit der Erde in Wahrheit nützt.Zweites KapitelDas Gesetz des ReviersBetrachtet man die Natur ohne die Brille der Gewohnheit, fällt ein Umstand auf, der eigentlich jeden beschämen müsste, der Menschen für die Krone der Schöpfung hält. Nahezu jedes Lebewesen besitzt einen Raum, den es beansprucht, verteidigt und gestaltet. Der Vogel baut sein Nest, der Fuchs gräbt seinen Bau, und der Biber errichtet seinen Damm mitten in einem Fluss, den niemand ihm zugewiesen hat. Selbst die kleinsten Organismen schaffen sich Rückzugsräume, in denen sie Schutz finden und ihre Nachkommen großziehen.Allein der Mensch hat Strukturen erfunden, in denen ein dauerhafter Platz auf der Erde von Geld abhängig gemacht wird. Ausgerechnet jenes Wesen, das mit Bewusstsein, mit der Fähigkeit zur langfristigen Planung und mit dem dichtesten Geflecht sozialer Bindungen ausgestattet ist, ausgerechnet jenes Wesen, das einen stabilen Lebensraum dringender benötigt als jedes andere, hat sich eine Ordnung geschaffen, in der die Mehrheit über keinen einzigen Quadratmeter wirklich gebietet. Der Vogel ohne Nest wäre eine Tragödie der Natur; der Mensch ohne Grund ist zur Normalität erklärt worden.Der Verhaltensforscher Konrad Lorenz hat beschrieben, dass das Revier eines Tieres nicht in erster Linie dem Krieg dient, sondern dem Frieden, weil es Abstände regelt, Begegnungen ordnet und der Aggression ihren Anlass nimmt. Das Tier, das sein Gebiet kennt, lebt ruhig; das Tier, dem man das Gebiet streitig macht, lebt in dauerndem Alarm. Übertragen auf den Menschen ergibt sich daraus ein bitterer Befund. Eine Gesellschaft, die der Mehrheit ihrer Mitglieder das eigene Revier verweigert, erzeugt nicht zufällig jene Rastlosigkeit, Gereiztheit und Konkurrenzwut, über die sie anschließend klagt; sie züchtet diese Zustände heran.Ein Mensch ohne eigenen Boden ist das aufgewühlteste Tier von allen, ständig auf der Hut, ständig in Sorge, ständig bereit, sich anzupassen, weil ihm der Ort fehlt, an den er sich zurückziehen könnte, wenn die Welt zu laut wird. Nimmt man einem Geschöpf das Revier, nimmt man ihm nicht ein Stück Komfort, sondern die biologische Grundlage seiner Gelassenheit. Genau diese Gelassenheit aber ist es, die der Mensch verloren hat, und der Verlust war kein Schicksal, sondern eine Folge der Ordnung, in der wir leben.Drittes KapitelDie Hand, die den Boden berührtWoher kommt überhaupt das Eigentum an Land, und mit welchem Recht behauptet irgendjemand, ein Stück der Erde gehöre ihm und keinem anderen? Der Philosoph John Locke hat darauf eine Antwort gegeben, die noch immer überzeugt, solange man sie zu Ende denkt. Eigentum entstehe, so seine Überlegung, aus der Verbindung menschlicher Arbeit mit der Natur. Wer einen Boden bearbeitet, ihn bepflanzt oder bebaut, mischt seine Mühe in die Erde und schafft dadurch eine Beziehung, die nicht bloß juristisch, sondern existenziell ist, denn er hat Zeit, Kraft und einen Teil seines Lebens in diesen Ort gegeben.Doch Locke fügte seiner Begründung eine Bedingung hinzu, die man heute geflissentlich überhört, weil sie das gesamte herrschende Eigentumsregime in Frage stellt. Die Aneignung sei nur dort rechtmäßig, schrieb er sinngemäß, wo für die anderen genug und ebenso Gutes übrig bleibe. Diese Bedingung ist längst und gründlich verletzt. Wo wenige Fonds, Gesellschaften und Verwaltungen ganze Landstriche halten, während Millionen keinen Millimeter Erde besitzen, hat die Aneignung jede Berechtigung verloren, die Locke ihr je zugestehen wollte. Aus dem Eigentum des Arbeitenden ist das Monopol des Hortenden geworden.Jean-Jacques Rousseau hat den Augenblick dieser Verkehrung mit einer Schärfe beschrieben, die bis heute nichts von ihrer Sprengkraft eingebüßt hat. Der erste, so seine berühmte Wendung, der ein Stück Land umzäunte und auf den Gedanken verfiel, dies gehöre ihm, und der Menschen fand, die einfältig genug waren, ihm zu glauben, dieser erste sei der wahre Gründer der bürgerlichen Ungleichheit gewesen. Was als kühner Diebstahl begann, wurde durch bloße Wiederholung zur Selbstverständlichkeit geadelt, und die Nachgeborenen halten heute für eine Naturordnung, was in Wahrheit die geronnene Frucht eines uralten Übergriffs ist.Vor mir haben andere denselben Verdacht gehegt. Thomas Paine erklärte die Erde in ihrem natürlichen Zustand zum gemeinsamen Erbe des ganzen Menschengeschlechts und folgerte, wer Boden für sich beanspruche, schulde der Gemeinschaft eine Abgabe für das, was er ihr entzogen habe. Henry George ging noch weiter und sah im Monopol auf Grund und Boden die eigentliche Wurzel dafür, dass Armut und Fortschritt nebeneinander wachsen, dass der Reichtum steigt und das Elend mit ihm. Beide irrten gewiss in manchem, doch im Kern trafen sie eine Wahrheit, die man uns auszureden versucht: dass die Erde niemandem als Ware gehörte, ehe jemand sie zur Ware erklärte.Die Geschichte liest sich, wenn man sie unter diesem Gesichtspunkt durchgeht, als eine lange Kette von Enteignungen, die jeweils das Gewand ihrer Zeit trugen. Die englischen Einhegungen verwandelten das gemeinschaftlich genutzte Land über Jahrhunderte in das Privateigentum weniger und vertrieben die Bauern von Feldern, die ihre Vorfahren bestellt hatten. Die Vertreibungen im schottischen Hochland jagten ganze Familien aus ihren Tälern, um Platz für Schafe und Pacht zu schaffen. Das alte Rom verschlang die kleinen Höfe in seinen riesigen Gütern, und die Leibeigenschaft band den Menschen an einen Boden, der einem Herrn gehörte. Die Masken wechseln, der Griff bleibt derselbe, und wer ihn einmal erkannt hat, erkennt ihn in jeder Epoche wieder.Viertes KapitelDas Fundament der SeeleDie moderne Psychologie bestätigt mit ihren Mitteln, was die Erfahrung längst weiß, dass Sicherheit und seelische Gesundheit untrennbar zusammenhängen. Abraham Maslow zählte das Bedürfnis nach Sicherheit zu den Fundamenten des menschlichen Daseins und zeigte, dass sich der Mensch erst dann den höheren Aufgaben zuwenden kann, der Kreativität, der Gemeinschaft und der Verwirklichung seiner selbst, wenn dieses Fundament gesichert ist. Wer dagegen Tag für Tag um seinen Wohnort bangen muss, verharrt in einem Zustand verdeckter Bedrohung, aus dem heraus kein freier Gedanke und keine ruhige Tat gelingen.Die Stressforschung hat seit Jahrzehnten nachgewiesen, dass dauerhafte Unsicherheit im Körper dieselben Alarmsysteme aktiviert wie eine unmittelbare Gefahr. Der Organismus, der eigentlich für den kurzen Notfall gebaut ist, bleibt in Daueranspannung, und der Mediziner Bruce McEwen hat für die Last, die sich aus dieser nie endenden Bereitschaft anhäuft, den Begriff der allostatischen Last geprägt. Was als Schutz gedacht war, wird zur Zermürbung. Erschöpfung, Angstzustände und ein schleichender Verlust der Fähigkeit, selbstbestimmt zu handeln, sind die Folge eines Lebens, das niemals zur Ruhe kommen darf, weil ihm der sichere Ort fehlt.Ein Mensch, der jederzeit fürchten muss, seinen Lebensmittelpunkt zu verlieren, wird vorsichtiger, angepasster und biegsamer. Seine Energie fließt nicht mehr in das Erschaffen, sondern in das Absichern, nicht in die Gestaltung des Lebens, sondern in dessen bloße Verteidigung. An genau diesem Punkt verwandelt sich die Freiheit von einer Wirklichkeit in ein leeres Versprechen, denn ein Mensch, der seine ganze Kraft aufwenden muss, um nicht zu fallen, hat keine Kraft mehr übrig, um zu steigen.Wo dagegen langfristige Sicherheit besteht, wächst etwas, das in der Unsicherheit niemals gedeihen kann: Verantwortung. Die Verhaltensforschung kennt den sogenannten Besitztumseffekt, den Daniel Kahneman gemeinsam mit Jack Knetsch und Richard Thaler beschrieben hat. Was ein Mensch als sein Eigen empfindet, erhält in seinen Augen einen höheren Wert und wird sorgsamer behandelt. Der eigene Baum wird nicht für den nächsten Monat gepflanzt, sondern für Jahrzehnte, und das eigene Haus wird nicht für Tage gebaut, sondern für die Generationen, die einmal darin wohnen sollen.So wird aus dem Boden mehr als eine Fläche. Er wird zur physischen Grundlage von Heimat, und Heimat wiederum ist die Grundlage von Zugehörigkeit, Stabilität und Würde. Wer keine Wurzeln besitzt, treibt leichter in der Unsicherheit dahin und lässt sich umso leichter lenken; wer Wurzeln besitzt, entwickelt Bindung, Sorgfalt und jenes lange Denken, das eine Gesellschaft trägt. Die Frage nach dem eigenen Stück Erde ist deshalb keine Frage des Komforts, sondern die Frage, ob ein Mensch ein gestaltendes Wesen sein darf oder ein getriebenes bleiben muss.Zweiter TeilWas geschieht, wenn man ihn nimmtFünftes KapitelDie Sucht nach dem DachEntzieht man dem Menschen den Boden, dieses Geburtsrecht, das ihm so selbstverständlich zustünde wie dem Vogel das Nest, dann entsteht eine Abhängigkeit, die sich kaum von einer Sucht unterscheidet. Erich Fromm hat den Widerspruch beschrieben, an dem die modernen Gesellschaften leiden: dass der Mensch zwar nach Freiheit strebt, zugleich aber immer wieder in Abhängigkeiten flieht, die ihm Sicherheit versprechen. Wer für das Dach über seinem Kopf bezahlen muss und es doch niemals besitzt, hängt an dieser Zahlung wie ein Süchtiger an seinem Stoff, denn der Entzug bedeutet nicht Unbequemlichkeit, sondern Kälte, Obdachlosigkeit und gesellschaftlichen Sturz.Man betrachte die Rechnung ohne Beschönigung. Eine Miete, die mehr als die Hälfte des Verdienstes verschlingt und von der am Monatsende fast nichts übrig lässt, ist nicht das bedauerliche Ergebnis knapper Verhältnisse, sondern das eigentliche Ziel eines Systems, das vom Mangel der vielen lebt. Wohnkästen, die seit Jahrzehnten stehen und deren Baukosten längst abgegolten sind, werfen noch immer Monat für Monat ihre Pacht ab, als hätte der Stein selbst einen unstillbaren Hunger. So wird der Mensch dazu gebracht, mit seiner Lebenszeit ein System zu versorgen, das ihn aussaugt, und Monat für Monat aufs Neue motiviert, alles zu geben, nur um die eigene Gefangenschaft weiterzufinanzieren.Die Psychologie kennt die Mechanismen, die einen Menschen in einem solchen Zustand festhalten. Martin Seligman und Steven Maier haben in ihren Versuchen beschrieben, wie ein Lebewesen, das wiederholt erfährt, dass sein Handeln nichts ändert, schließlich aufhört, sich überhaupt zu wehren, selbst dann, wenn die Tür längst offen stünde. Erlernte Hilflosigkeit nannten sie diesen Zustand, und er beschreibt mit unheimlicher Genauigkeit jene Müdigkeit, mit der so viele Menschen ihre Lage hinnehmen, als sei sie ein Naturgesetz und kein gemachtes Verhängnis.Hinzu tritt etwas, das dem Stockholm-Syndrom gleicht, jener verstörenden Bindung, in der das Opfer beginnt, seinen Peiniger zu verteidigen, weil das eigene Überleben von ihm abzuhängen scheint. So verteidigen Menschen am Ende sogar das System, das ihnen den Boden nahm, und halten jene für Träumer oder Störenfriede, die es wagen, die Verhältnisse beim Namen zu nennen. An Perversion ist dieser Zustand kaum zu überbieten, und doch gelingt es den meisten, ihn Tag für Tag zu verdrängen, weil die vertraute Lüge bequemer ist als die Anstrengung, die in der Wahrheit läge.Sechstes KapitelDer Staat als PfandleiherDieselbe Struktur, die man bei privaten Eigentümern erkennt, findet sich beim Staat in noch kälterer Vollendung. Er maßt sich an, über etwas zu verfügen, das ihm nicht gehört, sondern allen Menschen gemeinsam zustünde, teilt es zu wie ein Pfandleiher seine versetzten Schätze und rückt es nur gegen eine Gegenleistung heraus, die bis ans Lebensende fortbesteht und sich Steuer nennt. Was als Verwaltung des Gemeinwohls auftritt, gleicht bei näherem Hinsehen einer Schutzgelderhebung, die man deshalb nicht als solche erkennt, weil sie geordnet, gestempelt und mit dem Anschein des Rechts versehen ist.Selbst wer sein ganzes Leben dafür gearbeitet oder sich bis über beide Ohren verschuldet hat, bleibt auf dem eigenen Grund ein Untergebener. Er hat sich den Vorschriften eines Apparats zu fügen, der ihm vorschreibt, wie er zu bauen, und am Ende sogar, wie er zu wohnen habe. Wer auf den Gedanken kommt, in seiner Garage eine Werkstatt oder einen Raum nach eigenem Sinn einzurichten, kann sehr rasch ein Bußgeld kassieren, das sich gewaschen hat; wiederholt er den Eigensinn, drohen ihm im äußersten Fall die Zwangsversteigerung des Hauses und damit die Enteignung dessen, wofür er ein halbes Leben gebeugt stand.Die Kreativität, die ein freier Mensch in sein Domizil legen würde, wird von Normen und Vorschriften erstickt, so wie sie an anderer Stelle von Patenten erdrückt wird, die das Neue einzäunen, kaum dass es geboren ist. Der Mensch darf sein Haus nicht bauen, wie er es träumt, sondern wie eine Behörde, eine Norm und ein Regelwerk es verlangen, und so wird selbst der Rückzugsort, der eigentlich das Reich seiner Selbstbestimmung sein sollte, zu einem weiteren Feld der Fremdbestimmung. Wer dreißig oder gar siebzig Jahre lang eine Schuld abträgt, um ein Stück Erde zu halten, ist in dieser Zeit nicht der Herr seines Bodens, sondern der Schuldner einer Bank und der Befehlsempfänger eines Amtes.Man sage mir nicht, dies alles geschehe zum Wohl der Allgemeinheit, denn eine Ordnung, die am Wohl des Menschen gelegen wäre, hätte längst dafür gesorgt, dass niemand sich verschulden oder verbeugen muss, um leben zu dürfen. Nach meiner Überzeugung ist eine Macht, die den Zugang zur Erde rationiert und mit Abgaben pflastert, nicht an der Freiheit der Menschen interessiert und nicht an ihrer Selbstständigkeit, sondern an ihrer dauerhaften Verfügbarkeit. Der freie, verwurzelte Mensch ist für ein solches System unbrauchbar, denn er ließe sich nicht mehr allein durch Angst, Konsum und die ewige Drohung des Verlustes lenken.Siebtes KapitelWas man nicht besitzt, achtet man nichtMan muss nur durch die Straßen einer großen Stadt gehen, um die Folgen der Besitzlosigkeit mit eigenen Augen zu sehen. Überall liegen die geliehenen Elektroroller herum, mitten auf den Wegen, in den Hecken, manchmal auf dem Grund eines Flusses. Sie gehören niemandem, und weil sie niemandem gehören, behandelt man sie wie Abfall, tritt sie um, wirft sie in den nächsten Graben und versenkt sie aus bloßer Gleichgültigkeit. Wer nutzen darf, ohne zu besitzen, entwickelt keine Sorgfalt, sondern Verachtung für das, was er gebraucht und gleich wieder hinter sich lässt.Mit dem geliehenen Roller verhält es sich wie mit dem geliehenen Leben. Wo Menschen kein Land besitzen, weil ihre Regierungen, ihre Politik und ihre Vermögensverwalter es längst unter sich aufgeteilt haben, dort achten sie auch ihre Umgebung nicht, denn was ihnen nicht gehört, kann ihnen auch nicht am Herzen liegen. Das, was sie eigentlich besitzen müssten, gehört Fonds, Investmentgruppen oder dem Staat, und der Mensch selbst bewohnt es nur als geduldeter Gast, der jederzeit gehen muss, wenn ein anderer eine bessere Rendite wittert.So entsteht ein ganzes Volk von Bewohnern ohne Bindung, von Mietern einer Anstalt, in der andere die Regeln aufstellen, wie zu bauen, zu leben und zu existieren sei, und in der nichts mehr an das eigene Dasein erinnert. Die Wohnung ist eine Box, die man bezieht und räumt, der Hausflur ist niemandes Stolz, und der Vorgarten, wenn es ihn gibt, ist eine Pflicht, kein Werk. Wer keine Wurzeln schlagen darf, schlägt auch keine, und eine Gesellschaft ohne Wurzeln verliert mit der Bindung an den Ort zugleich die Bindung aneinander.Es ist kein Zufall, dass die Gemeinschaften auf dem Land oft stärker sind als in den dicht besiedelten Hauptstädten, in denen die Menschen dichter beieinanderleben als irgendwo sonst und einander dabei ferner sind als an jedem anderen Ort. Wo der Boden den Menschen gehört, kennen sie ihre Nachbarn, helfen einander beim Bauen und tragen Verantwortung für das gemeinsame Bild ihres Dorfes. Wo der Boden den Menschen genommen ist, wohnen sie als Fremde übereinandergestapelt, anonym, austauschbar und allein, und gerade diese Vereinzelung ist es, die sie so leicht steuerbar macht.Achtes KapitelDie Bordellstruktur der ExistenzIch wähle ein hartes Bild, weil die Sache hart ist und jede Milderung sie verfälschen würde. Wer kein eigenes Dach besitzt, lebt in einer Struktur, die der eines Bordells gleicht. Die Prostituierte bezahlt ihren Zuhälter für das Zimmer, in dem sie sich verkaufen muss, und sie muss ein tägliches Pensum erbringen, damit sie das Zimmer behalten darf. Der besitzlose Mensch erbringt sein monatliches Pensum, seine Miete, für eine Box, die er ebenso wenig sein Eigen nennt, und der Zuhälter, der über ihm steht und ihn antreibt, trägt in diesem Fall keine Lederjacke, sondern erscheint als Vermieter, als Bank oder als Behörde.Die Drohung dahinter ist in beiden Fällen dieselbe, nur diskreter verpackt. Wer das Zimmer nicht bezahlt, wird hinausgeworfen, und wer die Miete nicht aufbringt, sieht sich denselben Repressionen ausgesetzt, die ihn zwingen sollen, weiterzuarbeiten und sich weiter zu beugen. So wird der Mensch zum Steuersklaven, der ein krankes System mit seiner Lebenszeit am Leben hält, und er wird in alle Richtungen erpressbar, biegsam und gefügig, weil er weiß, dass er sich prostituieren muss, um nicht zu erfrieren.Das wirksamste Druckmittel aber ist nicht der Verlust der Wohnung, sondern die Reihe der Drohungen, die dahinter aufmarschieren, sobald ein Mensch sich der Ordnung verweigert. Der Zugriff auf das Konto, die Durchsuchung der Wohnung und im äußersten, kältesten Fall der Griff nach dem Kind: dies ist das Arsenal, mit dem man den Widerspenstigen in die Reihe biegt. Nichts beugt einen Menschen schneller als die Drohung gegen das, was er am meisten liebt, und ich behaupte nicht, dass dieser Hebel täglich gezogen wird, sondern dass er in Reichweite liegt und dass schon sein bloßes Vorhandensein genügt, um die Vielen schweigen und zahlen zu lassen.Wer hingegen ein Stück Erde besitzt, das ihm wirklich gehört, mit dem vollen Recht, damit zu tun, was er will, solange er es nicht zerstört oder vergiftet, der ist nicht länger erpressbar in dieser Weise. Er hat einen Ort, an den er sich zurückziehen kann, wenn man ihn unter Druck setzt, und genau deshalb ist der besitzlose Mensch das Ideal jeder Macht, die auf Gehorsam angewiesen ist. Die Verweigerung des Bodens ist kein wirtschaftliches Versehen. Sie ist das Mittel, mit dem man den Menschen biegsam hält.Dritter TeilDie EntscheidungNeuntes KapitelDie unterschlagene FülleMan wird mir entgegenhalten, all das sei ein schöner Traum, doch es fehle nun einmal an Platz, die Erde sei voll und der Boden knapp. Diese Behauptung ist die nützlichste Lüge des ganzen Systems, denn sie macht aus einer politischen Entscheidung ein angebliches Naturgesetz. Es gibt jenes oft wiederholte Gedankenspiel, demzufolge die gesamte Menschheit, dicht an dicht gestellt, nur die Fläche einer einzigen Großstadt bedecken würde. Mag man über die genaue Zahl streiten, die Wahrheit, auf die sie deutet, bleibt unangetastet: Die Erde ist nicht zu klein für uns, sie ist künstlich verknappt worden.Zieht man die Gebirge ab, die sich nur schwer bebauen lassen, und die Seen, Flüsse und Moore, auf denen niemand wohnen kann, so bleibt noch immer ein überwältigender Anteil nutzbarer Fläche, weit mehr, als nötig wäre, damit jede Familie ihren eigenen Grund hätte. Der Mangel an Land ist kein Mangel der Natur, sondern ein Erzeugnis der Verteilung, und wer ihn als unabänderlich ausgibt, verteidigt nicht die Wirklichkeit, sondern ein Interesse.Man stelle sich nun vor, was geschähe, wenn die Menschen freien Zugriff auf ihren eigenen Boden erhielten. Es entstünde eine Euphorie des Handwerks, wie sie seit Generationen niemand erlebt hat. Die Auftragsbücher der Maurer, Klempner und Elektriker füllten sich, die Gerüstbauer, Fundamentgießer und Kranführer fänden mehr Arbeit, als sie bewältigen könnten, und die Gartenbauer pflanzten, wo zuvor nur grauer Beton lag. Aus jedem zugeteilten Stück Erde würde ein Werk, und aus jedem Werk entstünden Lehrstellen, Wissen und ein Stolz, den keine geliehene Wohnung je hervorbringt.Man stelle sich zudem vor, die gewaltigen Summen, die heute in Aufrüstung und Krieg versickern, Beträge, die längst in die Hunderte von Milliarden reichen, kämen den Menschen dieses Landes für ihre eigenen Bauvorhaben zugute. Welch ein Aufschwung, welch eine Blüte des Wichtigsten, das es gibt, nämlich des Handwerks und der Fähigkeit, mit den eigenen Händen etwas Dauerhaftes zu schaffen. Die Höfe gäben ihr Wissen weiter, neue Gemeinschaften bildeten sich, und es entstünde eine Autonomie, die nach meiner Überzeugung tausendmal besser funktionierte als jede Regierung, weil sie nicht verwaltet, sondern gelebt würde.Dass dieser Aufschwung ausbleibt, liegt nicht an der Erde und nicht am Menschen, sondern an einer Herrschaftsform, die ihn fürchtet. Eine Bevölkerung verwurzelter, selbstständiger und schaffender Menschen wäre der Albtraum jeder Ordnung, die vom Mangel, von der Angst und von der Abhängigkeit lebt, und eben deshalb wird die Fülle der Erde unterschlagen und der Boden hinter Preisen, Paragraphen und Zäunen verriegelt.Zehntes KapitelDer Boden unter deinen FüßenWenn dieses Buch nur eine einzige Erkenntnis hinterlässt, dann diese: Die Verweigerung des Bodens ist kein Versäumnis, kein bedauerlicher Nebeneffekt knapper Verhältnisse und kein Zufall der Geschichte. Sie ist eine Methode. Ein Mensch mit sicherem Grund unter den Füßen lässt sich nicht durch Angst lenken, denn er hat einen Ort, an den er gehört; ein Mensch ohne Grund lässt sich durch Angst lenken, weil ihm dieser Ort fehlt. Genau weil das so ist, geschieht die Verweigerung mit Absicht, und wer das einmal begriffen hat, sieht die scheinbar zufälligen Mietpreise, Vorschriften und Abgaben mit einem Mal als das, was sie sind: die Werkzeuge, mit denen man einen Menschen gefügig hält.Erkenntnis allein aber verändert nichts, solange sie nicht zur Forderung wird. Das kleinste Ziel, das eine Gesellschaft sich setzen müsste, ist die Rückgewinnung des Bodens, die Zuweisung von Land an Familien, damit sie einen Rückzugsort haben, und die Bereitstellung aller Werkzeuge, damit aus dem zugeteilten Grund ein bewohntes, bebautes und gepflegtes Stück Heimat werden kann. Fruchtbare Erde gehört in die Hände derer, die sie bestellen wollen, und ein Dach gehört jedem, der unter ihm ohne Furcht erwachen möchte. Kein Mensch sollte sich verschulden müssen, um leben zu dürfen, und kein Mensch sollte sich verkaufen müssen, um einen Zuhälter in Amtstracht zufriedenzustellen.Stell dir für einen Augenblick vor, wie es wäre, ohne diese Angst zu erwachen. Kein Brief mehr, der dir den Verlust deiner Wohnung androht, keine Rechnung, die dir den Atem nimmt, keine Macht, die dir das Dach über dem Kopf streitig machen kann. Stell dir den Baum vor, den du pflanzt, nicht für dich, sondern für ein Enkelkind, das du vielleicht niemals sehen wirst, und die Gewissheit, dass dieser Baum stehen bleibt, wenn du längst gegangen bist. Stell dir den Boden vor, der dir gehört und den dir niemand nehmen kann, und du wirst spüren, dass dies kein Luxus ist, nach dem du dich da sehnst, sondern etwas, das man dir gestohlen hat, ehe du geboren wurdest.Dieser Boden ist dein Geburtsrecht, so alt wie das Nest des Vogels und der Bau des Fuchses, und er wurde dir nicht durch ein Naturgesetz vorenthalten, sondern durch Menschen, die von deiner Wurzellosigkeit leben. Solange du schweigst und zahlst, wird der Kreislauf sich wiederholen; in dem Augenblick aber, in dem genügend Menschen aufhören, ihre eigene Gefangenschaft für eine Ordnung zu halten, verliert diese Ordnung ihre Gewalt. Verbinde dich mit dem, was dich stärkt, und entziehe dem, was dich aussaugt, deine Lebenszeit. Hör auf, deine Ketten zu küssen. Steh auf auf dem Grund, der dir zusteht, und mach ihn dir zu eigen, denn die Macht hat keine Hände als jene, die wir ihr leihen, und sie hört genau dort auf, wo der Mensch beschließt, ihr seinen Boden nicht länger zu überlassen.

23.06.2026 21 min 584 1
Die AfD wird dich nicht retten!
Die AfD wird dich nicht retten!

Warum keine Partei, kein Präsident und kein Erlöser dich rettetvon Dawid SnowdenVorbemerkungIn diesem Buch berufe ich mich auf Gedanken von Philosophen und Psychologen, und wenn ich einen von ihnen zitiere oder seine Einsicht aufgreife, so bedeutet das nicht, dass ich sein gesamtes Werk oder seine Weltanschauung teile. Kein Denker hat in allem recht behalten, und mancher, der in einer Frage tief sah, irrte in der nächsten gründlich. Mir geht es nicht um Gefolgschaft, sondern um die Mühe, die Spreu vom Weizen zu trennen und das Sinnvolle vom Sinnentleerten zu scheiden. Ich nehme von jedem, was der Sache dient, und lasse liegen, was ihr nicht standhält.I. Das letzte Übel im FassDie Hoffnung stirbt zuletzt. Kaum ein Satz wird so oft und so beifällig wiederholt, und kaum einer gilt so selbstverständlich als wahr. Hoffnung erscheint als das Edelste, was der Mensch in sich trägt, als Quelle von Kraft, Ausdauer und seelischer Festigkeit, und tatsächlich besitzt sie diese Kraft. Sie hilft, Krisen zu überstehen, Rückschläge zu verkraften und selbst unter schweren Bedingungen nicht vollständig zu zerbrechen. Die psychologische Forschung bestätigt diese Wirkung in großer Zahl, denn Menschen, die für ihre Zukunft eine Aussicht erkennen, bewältigen Belastungen nachweislich besser als jene, die jede Erwartung auf Besserung verloren haben. Hoffnung ist in diesem Sinne eine lebenswichtige Ressource, und niemand sollte sie leichtfertig verachten.Und doch trägt sie, wie beinahe jeder seelische Mechanismus, eine verborgene Kehrseite. Schon der antike Mythos, aus dem unsere Vorstellung von ihr stammt, kannte diese Doppelnatur. Als Pandora das Fass öffnete, das die Götter den Menschen geschenkt hatten, entwichen ihm alle Übel der Welt, und einzig die Hoffnung blieb darin zurück. Die fromme Auslegung sieht in diesem Verbleib einen Trost, gleichsam das letzte Gut, das dem Menschen erhalten wurde. Friedrich Nietzsche hat in Menschliches, Allzumenschliches diese Auslegung mit einem einzigen Gedanken umgestürzt und das Zurückgebliebene nicht als Geschenk, sondern als das hinterhältigste aller Übel gedeutet. Zeus habe dem Menschen die Hoffnung gerade deshalb gelassen, damit dieser, so sehr er auch gequält werde, sein Leben nicht wegwerfe, sondern fortfahre, sich immer von neuem quälen zu lassen. Sie sei, schrieb Nietzsche, in Wahrheit das übelste der Übel, weil sie die Qual der Menschen verlängert.Dieser Gedanke ist der Ausgangspunkt meiner Überlegungen. Ich behaupte damit nicht, dass Hoffnung wertlos sei, denn das wäre ebenso einseitig wie ihre kritiklose Verehrung. Ich behaupte etwas Genaueres und Unbequemeres. Hoffnung wird in dem Augenblick gefährlich, in dem sie aufhört, ein Antrieb zur Veränderung zu sein, und beginnt, die Veränderung selbst zu ersetzen. Aus der Kraftquelle wird dann ein Beruhigungsmittel, aus dem Funken, der zum Handeln treibt, ein Schlafmittel, das jedes Handeln überflüssig erscheinen lässt. Der Mensch hofft nicht mehr, um tätig zu werden, sondern er hofft, damit er nicht tätig werden muss. An genau dieser Stelle verwandelt sich die zuversichtlichste aller Empfindungen in einen Mechanismus der Lähmung, und die Mauern des Käfigs, in dem ein Mensch sitzt, beginnen ihm als bloß vorübergehende Unannehmlichkeit zu erscheinen, die ein anderer schon beseitigen werde.Dieser andere trägt in der deutschen Gegenwart wohlbekannte Namen. Wer sich von den herrschenden Verhältnissen betrogen fühlt, richtet seine Erwartung gern auf eine Kraft, die als Bruch mit dem Bestehenden auftritt, auf die AfD und ihre Galionsfigur Alice Weidel, auf das Bündnis um Sahra Wagenknecht oder, im selben Bedürfnis nur anders gefärbt, auf die Basis und auf jede weitere Bewegung, die sich als endlich ehrliche Alternative anpreist. Ich nehme keine dieser Kräfte zum Gegner und keine zum Verbündeten, denn mein Gegenstand ist nicht ihr Programm, sondern die Erwartung, die der Einzelne an sie heftet. Eben diese Erwartung, so lautet die These der folgenden Kapitel, ist die feinste Fessel von allen, und der Satz, der diesem Buch den Namen gibt, gilt für jede Partei und jede Figur gleichermaßen. Keine von ihnen wird dich retten.II. Wenn die Kraftquelle zum Beruhigungsmittel wirdUm zu verstehen, wie aus einer Tugend eine Fessel wird, muss man den Menschen so betrachten, wie die Verhaltensforschung ihn beschreibt, und nicht so, wie er sich selbst gern sähe. Das Gehirn bevorzugt grundsätzlich den Weg des geringsten Widerstandes. Handeln kostet Kraft, Veränderung erzeugt Unsicherheit, und Verantwortung bedeutet, ein Risiko zu tragen, dessen Ausgang niemand kennt. Solange auch nur die Aussicht besteht, ein Missstand könne sich von selbst auflösen, sinkt die Bereitschaft, die mit seiner Lösung verbundenen Konflikte, Opfer und Gefahren auf sich zu nehmen. Hoffnung liefert in dieser Lage etwas außerordentlich Bequemes, nämlich das angenehme Bild einer besseren Zukunft, ohne dass in der Gegenwart auch nur ein einziger Schritt getan werden müsste.So entsteht ein Zustand, den man in nahezu jedem Bereich des gesellschaftlichen Lebens beobachten kann. Menschen erkennen Fehlentwicklungen mit großer Klarheit, sie beklagen Ungerechtigkeiten, sie kritisieren Entscheidungen und empören sich über wachsende Einschränkungen ihrer Freiheit, und dennoch bleibt ihr eigenes Verhalten unverändert. Der Grund dafür liegt selten in mangelnder Einsicht oder fehlendem Wissen, denn das Problem ist meist längst erkannt. Er liegt in einem stillen seelischen Schutz, der die unbequeme Frage abwehrt, welchen eigenen Beitrag man selbst zu leisten hätte. Die Hoffnung auf eine künftige Lösung senkt den empfundenen Druck der Gegenwart so weit ab, dass aus dem dringenden Handlungsbedarf eine ruhige Erwartung wird. Man muss nichts tun, weil man hofft, und man hofft, gerade weil man nichts tun will. In dieser doppelten Bewegung verbirgt sich der ganze Mechanismus, dem die folgenden Kapitel nachgehen.III. Die ausgelagerte VerantwortungSobald der Mensch der unbequemen Frage nach dem eigenen Beitrag ausweicht, braucht er eine Stelle, an die er die Verantwortung abtreten kann, und diese Stelle liegt stets außerhalb seiner selbst. Die nächste Wahl werde die Wende bringen, die nächste Partei das Versäumte nachholen, der nächste Politiker endlich aufräumen, und die nächste Bewegung den ersehnten Durchbruch erzwingen. Die Namen wechseln mit den Jahreszeiten der Politik, doch die seelische Bewegung dahinter bleibt immer dieselbe, denn sie verlagert die Last des Handelns auf eine vermeintliche Autorität und befreit den Einzelnen von der bedrückenden Erkenntnis, dass womöglich er selbst gefordert wäre. Es ist gleichgültig, welchen Namen diese Autorität trägt. Ob die Hoffnung sich an die AfD oder an die Basis heftet, an einen Putin, einen Trump oder einen Orbán, oder, in einer älteren Schicht desselben Bedürfnisses, an eine Kirche, einen Engel oder eine Gottheit, ändert an ihrer Funktion nicht das Geringste. Was diese Adressaten verbindet, ist nach meiner Überzeugung nicht ihr Programm und nicht ihre Richtung, sondern die Rolle, die ihnen zugewiesen wird, denn sie alle dienen demselben Zweck, nämlich die eigene Untätigkeit erträglich zu machen.Die Psychologie kennt für die seelische Spätfolge dieser Auslagerung einen Begriff, der hier wörtlicher zutrifft, als den meisten lieb sein dürfte. Martin Seligman und Steven Maier beschrieben in den sechziger Jahren die erlernte Hilflosigkeit, jenen Zustand, in dem ein Lebewesen, das wiederholt die Erfahrung macht, dem Geschehen nichts entgegensetzen zu können, schließlich auch dann nicht mehr handelt, wenn ein Ausweg offensteht. Die spätere Forschung hat dieses Bild verfeinert und in einem entscheidenden Punkt sogar umgekehrt, denn nach heutiger Deutung ist die Passivität nicht das Erlernte, sondern die ursprüngliche Reaktion auf anhaltende, scheinbar unkontrollierbare Belastung, und erlernt wird im Gegenteil die Erfahrung der eigenen Wirksamkeit, die diese Lähmung erst durchbricht. Für unseren Zusammenhang bedeutet das nichts Geringeres, als dass der Mensch nicht erst zur Untätigkeit erzogen werden muss, sondern in sie zurückfällt, sobald ihm niemand mehr zeigt, dass sein Tun einen Unterschied macht. Wer über Jahre lernt, dass die eigene Stimme verhallt und die eigene Anstrengung nichts bewegt, hört irgendwann auf, Alternativen überhaupt noch zu erwägen. Er richtet seine Hoffnung nach außen, weil ihm das Vertrauen nach innen abhandengekommen ist, und die Hoffnung wird ihm dann nicht zum Aufbruch, sondern zum Trostpflaster über der eigenen Ohnmacht.IV. Die Erschöpfung als MethodeZu dieser inneren Lähmung tritt eine äußere, die in modernen Gesellschaften eine entscheidende Rolle spielt, nämlich die fortgesetzte Erschöpfung des Menschen. Der größte Teil der Bevölkerung verbringt den überwiegenden Teil seines Lebens damit, den eigenen Unterhalt zu sichern, und Arbeit, Rechnungen, Pflichten, Behördengänge und finanzielle Sorgen binden so viel Aufmerksamkeit und Kraft, dass am Abend kaum etwas übrig bleibt. Nach einem langen Arbeitstag besitzen die wenigsten noch die geistige Frische, sich mit den grundlegenden Fragen ihres Gemeinwesens auseinanderzusetzen. Sie funktionieren innerhalb ihrer Routinen, erfüllen, was von ihnen verlangt wird, und versuchen, den nächsten Tag zu überstehen, ohne nach den Ursachen zu fragen, die ihre Lage bestimmen.Die verbleibende Zeit, jene Stunden also, die nach der täglichen Verausgabung übrig bleiben, wird meist mit Unterhaltung, mit den sozialen Medien, mit Nachrichten und Serien gefüllt. Diese Beschäftigungen erfüllen eine echte seelische Aufgabe, denn sie senken den Stress und verschaffen eine kurze Entlastung, und gerade darin liegt ihre Tücke. Sie wirken wie der Rausch, der den Abhängigen für einen Abend ruhiger werden lässt, ihn am nächsten Morgen aber unverändert in dieselbe Lage zurückwirft, in der er sich erneut um den Stoff bemühen muss, der ihn betäubt. Die Ablenkung lindert das Unbehagen, ohne seine Quelle auch nur zu berühren, und sie verhindert eben dadurch die tiefere Auseinandersetzung mit den Ursachen. Der Mensch kommt erschöpft nach Hause, sucht Erholung und findet Zerstreuung, und am folgenden Morgen beginnt derselbe Kreislauf von vorn. Aus Tagen werden Wochen, aus Wochen Jahre und aus Jahren ein ganzes Leben, in dem die Hoffnung auf Besserung beständig fortbesteht, während sich nichts verändert und die Bereitschaft zu wirklicher Veränderung mit jedem Jahr weiter abnimmt. Nicht weil die Probleme unsichtbar wären, sondern weil die seelischen Kosten ihrer Lösung als zu hoch erscheinen.Dass Herrschaft sich der Betäubung bedient, ist keine neue Beobachtung. Seit jeher dient die jenseitige Verheißung als Trost, der das Leiden erträglich macht, statt seine Bedingungen zu beseitigen, und nicht ohne Grund hat man sie mit einem Rauschmittel verglichen, das beruhigt, ohne zu heilen. Was einst die Aussicht auf ein besseres Jenseits leistete, leistet heute ein dichteres und wirksameres Netz aus permanenter Zerstreuung, das den Menschen rund um die Uhr umgibt. Der Befund bleibt derselbe. Eine Bevölkerung, die ihre letzte Kraft in der Zerstreuung verausgabt, besitzt keine mehr, um die Verhältnisse zu befragen, unter denen sie sich verausgabt.V. Die Angst vor dem VerlustSelbst wer die Erschöpfung überwindet und die Lähmung durchschaut, stößt auf ein letztes, tief verwurzeltes Hindernis, das die Verhaltensökonomie genauer vermessen hat als jede frühere Menschenkunde. Daniel Kahneman und Amos Tversky haben in ihren Arbeiten zur Entscheidung unter Unsicherheit gezeigt, dass der Mensch einen Verlust deutlich schwerer gewichtet als einen gleich großen Gewinn. Der drohende Wegfall des Vorhandenen schmerzt stärker, als die Aussicht auf etwas Besseres lockt, und diese Schieflage der Empfindung prägt unzählige Entscheidungen, ohne dass wir uns ihrer bewusst würden. Sie erklärt, warum Menschen in Verhältnissen ausharren, die sie als ungerecht, belastend oder unwürdig empfinden. Nicht weil sie diese Verhältnisse gutheißen, sondern weil die Ungewissheit eines Bruchs ihnen bedrohlicher erscheint als das vertraute Leiden, an das sie sich gewöhnt haben.So entsteht eine Lage, die der eines Gefangenen gleicht, der die Abläufe seiner Anstalt bis in die kleinste Einzelheit kennt und gerade in dieser Vertrautheit eine perverse Form von Sicherheit findet. Die bekannte Last wiegt leichter als die unbekannte Freiheit. Und diese Rechnung ist keineswegs nur eingebildet, denn die Risiken des Widerspruchs sind in vielen Fällen sehr real. Wer seine Existenzgrundlage gefährdet sieht, wer finanzielle Verpflichtungen trägt, weil das System sie ihm abverlangt, wer eine Familie zu versorgen hat oder bereits beobachten musste, wie abweichende Meinungen mit gesellschaftlicher Ausgrenzung, mit Hausdurchsuchungen, mit dem Entzug von Kindern oder mit Haft beantwortet werden, entwickelt eine verständliche Scheu vor jedem Risiko. Die Angst vor dem Verlust der Arbeit, vor sozialer Vereinsamung, vor finanziellen Nachteilen oder vor staatlichen Sanktionen kann dazu führen, dass ein Mensch selbst dann schweigt, wenn er die Verhältnisse innerlich längst verurteilt hat. Statt den riskanten Weg des offenen Widerstands zu gehen, der mit Kontopfändung, Kindesentzug oder Haft enden könnte, weicht er auf das scheinbar Gefahrlose aus und sucht seine Lösung in den Parteisystemen, die ihn jedoch allein in der Hoffnung halten, weil sich durch diese Wahl für die Herrschaft nichts zu ihrem Nachteil verändert. An dieser Stelle bin ich zur Vorsicht verpflichtet, denn die Schwere dieser Folgen setzt keinen abgestimmten Vorsatz voraus, sondern erklärt sich aus der abschreckenden Wirkung, die jede Macht entfaltet, sobald der Preis des Widerspruchs hoch genug erscheint. Und in genau diesem Klima der wohlbegründeten Furcht wird die Hoffnung auf eine äußere Rettung zur willkommensten aller Entlastungen, weil sie das Schweigen rechtfertigt, ohne es Schweigen zu nennen.VI. Keine Hoffnung ohne FurchtDass Hoffnung und Furcht in dieser Weise zusammenwirken, ist kein Zufall, sondern liegt in ihrer gemeinsamen Wurzel. Baruch de Spinoza hat in seiner Ethik mit größter Klarheit ausgesprochen, dass es keine Hoffnung ohne Furcht und keine Furcht ohne Hoffnung gibt. Beide nannte er unbeständige Regungen, die aus der Vorstellung eines ungewissen Ausgangs entspringen, und beide entstehen demselben Mangel, nämlich dem Mangel an klarer Erkenntnis. Wer hofft, fürchtet im selben Atemzug, dass das Erhoffte ausbleibe, und wer fürchtet, hofft zugleich, dass das Gefürchtete sich nicht erfülle. Spinoza zog daraus einen für dieses Buch entscheidenden Schluss, denn nicht das eine gegen das andere zu setzen befreit den Menschen, sondern allein das Begreifen der Ursachen, das beide Regungen zugleich auflöst. Solange der Mensch von Hoffnung und Furcht hin und her geworfen wird, ist er nicht der Urheber seines Lebens, sondern der Spielball seiner Vorstellungen, und ebendiese Abhängigkeit verband Spinoza ausdrücklich mit dem Aberglauben und mit der willigen Knechtschaft jener, die sich lieber lenken lassen, als selbst zu erkennen.Die moderne Psychologie hat denselben Vorgang in nüchternere Worte gefasst. Leon Festinger beschrieb in seiner Theorie der kognitiven Dissonanz das Unbehagen, das entsteht, wenn Überzeugung und Verhalten auseinanderfallen. Wer einen Missstand klar erkennt und dennoch nichts gegen ihn unternimmt, gerät in eben diesen inneren Widerspruch, und weil der Mensch ihn schwer erträgt, sucht er nach einer Erzählung, die ihn auflöst. Er redet sich ein, die nächste Wahl werde alles wenden, die richtigen Leute kämen schon noch an die Macht, oder die Entwicklung korrigiere sich am Ende von selbst. Solche beruhigenden Geschichten senken den Druck augenblicklich, ohne dass sich auch nur das Geringste an den Tatsachen ändern müsste. Hoffnung und Furcht, von Spinoza als Geschwister erkannt, finden hier ihre praktische Verbindung, denn die Furcht vor den Kosten des Handelns wird durch die Hoffnung auf eine fremde Lösung so weit gemildert, dass der innere Widerspruch verstummt und der Mensch in seiner Untätigkeit ruhen kann.VII. Der Austausch der SchauspielerEine Herrschaft, die von dieser Mechanik weiß, muss die Hoffnung nicht fürchten, sie muss sie nur regelmäßig erneuern. Sinkt das Vertrauen in die handelnden Gesichter zu tief, so genügt es, die Gesichter auszutauschen und die Hoffnung dadurch frisch zu halten, ohne an den Verhältnissen selbst etwas zu ändern. Es verhält sich wie bei Coca-Cola, das in immer neuer Aufmachung dasselbe gezuckerte Wasser auf den Markt wirft, damit die vertraute Käuferschaft erhalten bleibt, während das Zuckerwasser um keinen Deut gesünder wird. Nicht anders steht es um den Vorstand eines maroden Unternehmens, der ausgewechselt wird, damit die Belegschaft glaubt, nun werde alles besser, während der Betrieb dieselben unbrauchbaren Erzeugnisse herstellt und am Ende dennoch zugrunde geht. Der Wechsel der „Puppe" erzeugt das Gefühl eines Neuanfangs, und dieses Gefühl ist die eigentliche Ware, denn es kauft Geduld, ohne Leistung erbringen zu müssen. Darin liegt, wie ich meine, eine der ältesten Techniken der Machterhaltung, nämlich den verständlichen Wunsch nach Veränderung durch das bloße Versprechen von Veränderung zu sättigen.In der Gegenwart hat diese Technik wirksame Verstärker gefunden. Wo früher die Verheißung von Kanzel und Thron getragen wurde, übernehmen heute Multiplikatoren mit großer Reichweite die Aufgabe, einer Partei, einer Figur oder einer Bewegung den Anschein des Rettenden zu verleihen. Ich vergleiche dieses Anpreisen mit den betrügerischen Wellen, die man von wertlosen Spekulationsobjekten kennt, bei denen bezahlte Stimmen ein Erzeugnis ohne inneren Wert so lange bewerben, bis genügend Menschen es kaufen und der Anstieg jenen Gewinn bringt, der von Anfang an das einzige Ziel war. Auf ähnliche Weise, so meine Lesart, wird die Begeisterung für die jeweils neueste Hoffnung des Wahlvolks geschürt, gleich ob sie Weidel heißt und unter dem Zeichen der AfD auftritt oder ob sie Wagenknecht heißt und ihr eigenes Bündnis trägt, damit die Menschen ihre Erwartung in sie legen und in ebendieser Erwartung verharren. Das Erzeugnis, das hier beworben wird, ist nicht die Person, sondern das Gefühl, endlich einen gefunden zu haben, der es richten werde, und dieses Gefühl verkauft sich umso besser, je lauter es angepriesen wird. So wird die Verantwortung ein weiteres Mal nach außen gereicht, und der Einzelne muss nichts weiter tun, als zu warten, bis er alt und grau geworden ist, ohne dass die erhoffte Wende ihn je erreicht. Es ist meine ausdrückliche Überzeugung und nicht ein erwiesener Tatbestand, dass viele dieser Begeisterungen weniger gewachsen als hergestellt sind, doch wer einmal gesehen hat, wie schnell sich Stimmung kaufen lässt, wird den Verdacht nicht mehr los.VIII. Die Droge HoffnungAn diesem Punkt tritt die Verwandtschaft der Hoffnung mit der Sucht in ihrer ganzen Schärfe hervor. Wie jede Droge lindert sie ein unangenehmes Gefühl, ohne dessen Ursache zu beseitigen, und wie jede Droge verlangt sie nach Wiederholung. Auch der Abhängige kennt die zerstörerischen Folgen seines Tuns sehr genau, und dennoch setzt er den Konsum fort, weil die kurze Erleichterung unmittelbarer wirkt als die ferne Einsicht in den Schaden. Der Stoff beseitigt nicht die Not, sondern allein ihr Symptom, und ebenso verhält es sich mit der Hoffnung, sobald sie zur dauerhaften Ersatzhandlung geworden ist. Sie beruhigt, sie vertröstet und sie stabilisiert, während die Verhältnisse, die das Leiden erzeugen, unangetastet weiterbestehen. Nietzsches Pandora kehrt hier in nüchterner Gestalt wieder, denn das letzte Übel im Fass erweist sich als das ausdauerndste, gerade weil es sich als Trost verkleidet.Diese Eigenschaft macht die Hoffnung zu einem überaus brauchbaren Werkzeug der Herrschaft, und die Geschichte zeigt, dass Mächtige aller Art es seit jeher genutzt haben. Dauerhafte Herrschaft wird selten allein durch offene Gewalt aufrechterhalten, denn Gewalt erzeugt Widerstand und Unterdrückung weckt Fluchtgedanken. Hoffnung dagegen erzeugt Geduld, und Geduld ist der bequemste Verbündete jeder Macht. Schon Hochstapler im Priestergewand verstanden es, Menschen mit der Ankündigung eines Naturschauspiels wie einer Sonnenfinsternis zu beeindrucken und ihre vermeintliche Verbindung zu höheren Mächten zu beweisen. Solange die Beherrschten überzeugt sind, ihre Lage werde sich bald durch neue Parteien, neue Staatslenker oder eine höhere Fügung bessern, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass sie die bestehenden Strukturen grundsätzlich angreifen oder eigene Wege suchen. Der angesammelte Unmut wird kanalisiert und in folgenlose Erwartung umgeleitet, und die Aussicht auf eine künftige Lösung wirkt dabei oft stärker als die handgreifliche Erfahrung der gegenwärtigen Not. Die Herde bleibt ruhig, weil sie hofft, und sie wird weiter geschoren, weil sie ruhig bleibt.IX. Die eingepflanzte OhnmachtDamit dieser Kreislauf sich von selbst trägt, genügt es nicht, dem Menschen eine äußere Hoffnung anzubieten, man muss ihm zugleich den Glauben an die eigene Kraft nehmen. Hier wirkt die feinste und zugleich wirksamste Komponente des ganzen Mechanismus, denn dem Einzelnen wird beständig eingeredet, er sei zu gewöhnlich, zu ungebildet und zu beschränkt, um sein eigenes Leben zu ordnen, geschweige denn die Welt zu verändern. Die Veränderung, so lautet die stille Botschaft, sei eine Sache der Politiker und der Fachleute des Systems, und der gewöhnliche Mensch habe sich auf das Hoffen und das Abwarten zu beschränken. Wer diese Botschaft lange genug hört, beginnt sie zu glauben, und der Zweifel an den eigenen Fähigkeiten wird ihm zur zweiten Natur.Diese eingepflanzte Selbstabwertung ist die Vollendung der erlernten Ohnmacht, von der ein früheres Kapitel sprach. Solange ein Mensch sich selbst für unfähig hält, etwas zu bewegen, wird er tatsächlich nichts bewegen, nicht weil ihm die Mittel fehlten, sondern weil er sie gar nicht erst zu ergreifen wagt. Er übernimmt damit freiwillig jene Rolle des Unmündigen, die ihm zugewiesen wurde, und bestätigt durch sein Verharren genau das Urteil, das ihn lähmt. Die Hoffnung auf die Experten und die Mächtigen ist in dieser Lage nicht mehr Ausdruck eines Vertrauens, sondern das Eingeständnis eines Misstrauens gegen sich selbst, und ebendieses Misstrauen ist die Bedingung, unter der die Auslagerung der Verantwortung überhaupt erst dauerhaft gelingt. Wer den Menschen klein hält, muss ihn nicht mehr fesseln, denn er fesselt sich selbst.X. Die Rückgewinnung der ZeitAm Ende dieses Weges steht keine Verdammung der Hoffnung, sondern eine Unterscheidung, die über alles entscheidet. Hoffnung ist an sich weder gut noch schlecht, und ihre Wirkung hängt einzig davon ab, ob sie einen Menschen zum Handeln bewegt oder ob sie ihm lediglich einen Vorwand liefert, weiter abzuwarten. Sie kann durch die dunkelsten Zeiten tragen und die Kraft schenken, Krisen zu überstehen, die oft genug von ebenjenen Strukturen verursacht wurden, in deren Schatten die Menschen leiden. Dieselbe Hoffnung kann jedoch dazu führen, dass ein Mensch seine Verantwortung dauerhaft an andere abtritt, notwendige Entscheidungen endlos aufschiebt und sich mit Zuständen einrichtet, die er innerlich ablehnt. Sobald sie nicht mehr der Ausgangspunkt der Veränderung ist, sondern an deren Stelle tritt, verliert sie ihren befreienden Charakter und verwandelt sich in ein Mittel der Selbstberuhigung, das den Menschen in vertrauten Bahnen hält und seine Bereitschaft zur Eigenverantwortung schwächt. Er glaubt dann, sich auf eine Lösung zuzubewegen, während er in Wahrheit keinen Schritt tut, und die Hoffnung vermittelt ihm das Gefühl eines Fortschritts, wo in Wirklichkeit Stillstand herrscht.Die größte Gefahr besteht deshalb nicht darin, dass Menschen an eine bessere Zukunft glauben, sondern darin, dass sie glauben, diese Zukunft werde auch dann eintreten, wenn niemand bereit ist, die nötige Veränderung selbst herbeizuführen. Wo die Hoffnung das Handeln nicht beflügelt, sondern ersetzt, wird sie vom Werkzeug der Befreiung zum Instrument der Lähmung, und sie bringt den Menschen dahin, die Mauern seines Käfigs nicht mehr als Gefängnis wahrzunehmen, sondern als vorübergehende Unbequemlichkeit, die irgendwann irgendjemand für ihn beseitigen werde. Während er wartet, vergeht jedoch das einzige Gut, das sich niemals zurückgewinnen lässt, nämlich seine Zeit.Der Ausweg, den ich hier andeute, ist deshalb kein neuer Glaube und keine neue Autorität, denn jede neue Autorität wäre nur ein weiterer Adressat der alten Auslagerung. Er liegt dort, wo Spinoza ihn vermutete, in der klaren Erkenntnis der Ursachen, die Hoffnung und Furcht zugleich entmachtet, und er liegt in jener Erfahrung der eigenen Wirksamkeit, die nach dem heutigen Verständnis die Lähmung durchbricht. Keine Partei wird einen Menschen retten, kein Präsident, kein Erlöser und keine Bewegung. Nicht die AfD und nicht Alice Weidel, nicht das Bündnis um Sahra Wagenknecht und nicht die Basis, so wenig wie ein Putin, ein Trump oder ein Orbán, denn der Fehler liegt nicht in der Wahl des Retters, sondern im Warten auf einen Retter überhaupt. Gerade diese ernüchternde Einsicht ist nicht Anlass zur Verzweiflung, sondern der erste freie Atemzug. Denn wer aufhört, auf den Retter zu warten, hat die Zeit, die ihm bleibt, wieder in die eigene Hand genommen, und er beginnt zu handeln, solange das Handeln noch etwas ändern kann.

22.06.2026 19 min 193 1
Mind-Hack : Handysucht im Griff
Mind-Hack : Handysucht im Griff

Wie aus Menschen Bildschirm-Junkies wurden und wie wir uns die Freiheit zurückholenvon Dawid SnowdenVorbemerkungDieses kleine Buch ist als Mind-Hack gedacht, also als ein Werkzeug, das man am Abend liest und am nächsten Morgen bereits anwenden kann. Es betreibt keine Technikfeindschaft und verlangt von niemandem, das Telefon mit dem Vorschlaghammer zu zerlegen und in eine Berghütte zu ziehen. Es behauptet nur etwas Unbequemes: dass ein Gegenstand, der eigentlich Werkzeug sein sollte, sich bei vielen längst zum Besitzer aufgeschwungen hat. Wer das mit einem Lächeln liest, hat schon halb gewonnen, denn nichts entzieht einer Sucht so zuverlässig den Boden wie der Spott über die eigene Lächerlichkeit. Der Ton ist deshalb leicht, der Befund jedoch ernst.Erster Teil: Das ProblemErstes Kapitel: Die neue Spezies, Homo SmartphoneWer heute durch eine Großstadt geht, braucht kein Studium der Zoologie mehr, um menschliches Verhalten zu beobachten, ein Blick in die nächste U-Bahn genügt. Dort sitzt sie, die moderne Herde, die Köpfe gesenkt, die Augen starr auf leuchtende Rechtecke gerichtet, die Umgebung nur noch als verschwommene Kulisse wahrnehmend. Früher schaute der Mensch aus dem Fenster, musterte seine Mitreisenden oder begann ein Gespräch; heute könnte neben ihm ein ausgewachsener Elefant stehen, und solange das Tier kein Profil in den sozialen Netzwerken besäße, bliebe es vermutlich unbemerkt.Das Telefon hat sich vom Hilfsmittel zur Hauptattraktion des Daseins entwickelt und beansprucht inzwischen häufig mehr Aufmerksamkeit als der Partner, das Kind oder die Welt unmittelbar vor den eigenen Augen. Wer einen dieser Trancewanderer aus Versehen anrempelt, erlebt ein lehrreiches Schauspiel. Für den Bruchteil einer Sekunde reißt der Strom kleiner Belohnungen ab, der Blick hebt sich, ein gereizter Kommentar fällt, und schon kehrt der Gestörte an seinen Tropf zurück, als habe man einen Trinkenden beim Glas, einen Spieler beim Hebel oder einen Süchtigen beim Konsum unterbrochen. Die Pause währt selten länger als wenige Atemzüge, dann beginnt die Reise zurück in die bunte Parallelwelt.Ich übertreibe nicht. Mir ist vor einiger Zeit aufgefallen, wie eine Mutter ihr Kind beinahe in den fließenden Verkehr hätte laufen lassen, weil ihr Blick am Display klebte, und als ich sie freundlich fragte, was ihr in diesem Augenblick wichtiger sei, das Gerät oder das eigene Kind, sah sie mich an, als hätte ich gegen ein Naturgesetz verstoßen. Genau diese Empörung ist das eigentliche Symptom, denn sie verteidigt nicht das Kind, sondern die ungestörte Dosis.Zweites Kapitel: Die bunten Smarties für ErwachseneKinder werden mit Süßigkeiten gelockt, Erwachsene erhalten die digitale Variante davon: ein Herzchen, eine Benachrichtigung, ein neues Video oder die nächste Schreckensmeldung. Das Telefon liefert seinem Träger unablässig kleine Belohnungen, niemals groß genug, um dauerhaft zu sättigen, aber stets ausreichend, um ihn zur Wiederkehr zu bewegen. Steve Jobs hat das Prinzip nie verschleiert, im Gegenteil. Über die Aqua-Oberfläche des ersten Mac OS X erklärte er im Jahr 2000 dem Magazin Fortune freimütig, man habe die Schaltflächen so verlockend gestaltet, dass man sie ablecken wolle. Die runden, glänzenden, in satte Farben getauchten Symbole, die Generationen später jeden Sperrbildschirm zieren, sind also kein Zufall des Geschmacks, sondern das Ergebnis einer Absicht, und diese Absicht heißt Verführung.Die zugrunde liegende Mechanik kennt die Psychologie seit den Tierversuchen von Burrhus Frederic Skinner, der die operante Konditionierung beschrieb, also das Lernen durch Belohnung und Bestrafung. Singt das Kind seinen Eltern etwas vor und erntet Lob, so wird es bei nächster Gelegenheit wieder singen; greift es an die heiße Herdplatte, so unterlässt es den Griff fortan. Skinner entdeckte zugleich, dass eine Belohnung am stärksten bindet, wenn sie unberechenbar eintrifft, und nannte dies den variablen Verstärkungsplan. Wer nie weiß, ob beim nächsten Blick ein Like, eine Nachricht oder gar nichts wartet, schaut eben immer wieder nach. Genau nach diesem Gesetz arbeitet der Spielautomat, der seinen Gast deshalb so fest umklammert, und die Soziologin Natasha Dow Schüll hat in ihrer Untersuchung über die Glücksspielindustrie gezeigt, wie sorgfältig solche Geräte auf diese Endlosschleife hin entworfen werden. Der Mensch am Telefon zieht denselben Hebel, nur mit dem Daumen.Bemerkenswert ist, dass dieses Belohnungsprinzip keineswegs auf den Bildschirm beschränkt bleibt. Schon in der Schule wird das Kind mit Zahlen statt mit Smarties dressiert, und jede Note steht für einen abgestuften Grad an Anerkennung, dem es künftig nachjagen soll. Auch das Parteiwesen kleidet sich in fröhliche Farben und einprägsame Zeichen, die zur Wahl eines bunten Symbols einladen wie die App zum nächsten Tippen. Eine Gesellschaft, die ihr Verhalten flächendeckend an Belohnungen knüpft, wird dadurch steuerbar, weil ihre Glieder fortwährend dem nächsten kleinen Rausch hinterherlaufen, statt innezuhalten und zu fragen, wer die Belohnungen verteilt.Drittes Kapitel: Wenn das Gerät den Menschen verdrängtDie Folgen lassen sich überall besichtigen. Man sitzt im Café und beobachtet ein Paar, das einander gegenübersitzt und dennoch jeder für sich auf das eigene Display starrt; beide verbringen Zeit miteinander, ohne wirklich miteinander Zeit zu verbringen. Im Restaurant blickt eine ganze Familie auf je ein Display, das Gespräch verstummt, und das Schweigen wird zur Gewohnheit, die niemand mehr als Verlust empfindet. Besonders bitter wird es dort, wo selbst das eigene Kind den Wettstreit um die Aufmerksamkeit verliert, wenn der Vater den Kinderwagen schiebt und doch nur die Nachrichten verfolgt, oder wenn die Mutter mit dem Kind an der Hand den Straßenverkehr durchquert und mit den Gedanken in einem Video weilt. Die Ironie dieser Szenen ist kaum zu überbieten, denn dieselben Eltern kaufen den teuersten Kinderwagen, den sichersten Autositz und das modernste Überwachungssystem, und übersehen zugleich die größte Ablenkung, die unmittelbar in ihrer eigenen Hand liegt.Wo die Sucht des Einzelnen wächst, sinkt die Geduld mit allen übrigen. Aus Mitmenschen werden Hindernisse, aus einer zufälligen Begegnung wird eine Störung, und wer den Süchtigen im falschen Moment anspricht, erntet jene reflexhafte Gereiztheit, die jeden unterbrochenen Rausch begleitet. So nährt die digitale Vereinzelung leise jene Spaltung und gegenseitige Gleichgültigkeit, die das gesellschaftliche Klima ohnehin vergiftet.Viertes Kapitel: Der kleine WeltuntergangWie fest die Bindung an das Telefon geworden ist, zeigt sich am deutlichsten in dem Augenblick, in dem das Gerät verschwindet. Wer je in einer Reparaturwerkstatt gearbeitet hat, kennt das Schauspiel bis in seine Feinheiten. Das Telefon wird abgegeben, und schon nach wenigen Minuten beginnt die Unruhe; nach einer Stunde häufen sich die Nachfragen, und nach einem Tag nimmt die Lage die Züge einer persönlichen Katastrophe an. Man sieht die Verzweiflung im Gesicht, als ginge es um ein Organ und nicht um ein Stück Elektronik. Manche kaufen auf der Stelle ein Ersatzgerät, damit die digitale Nabelschnur nicht reißt, und beruhigen sich augenblicklich, sobald sie irgendeinen Bildschirm in der Hand halten, ganz so, als sei die nächste Dosis endlich eingetroffen. Mit gelassener Stimme heißt es dann, man möge sich ruhig Zeit lassen, man habe jetzt schließlich ein zweites für den Notfall.Natürlich würde kaum jemand dieses Verhalten Sucht nennen, denn der Trinker nennt es bekanntlich auch nur das eine Glas, und der Spieler spricht vom letzten Versuch. Genau hier liegt das erste, unverzichtbare Eingeständnis, ohne das keine Befreiung gelingt, nämlich die schlichte Bereitschaft, sich die Abhängigkeit überhaupt einzugestehen, statt sie als harmlose Gewohnheit zu verkleiden.Zweiter Teil: Die Mechanik hinter der SuchtFünftes Kapitel: Was im Gehirn wirklich geschiehtDie Ursache liegt keineswegs in der Einbildung, sondern in der Biologie. Jede Benachrichtigung, jedes Like und jede neue Schlagzeile aktiviert das mesolimbische Dopaminsystem, jenes Belohnungsnetzwerk, das uns seit Urzeiten dazu bewegt, ein als angenehm erlebtes Verhalten zu wiederholen. Das Dopamin selbst ist dabei nicht der Stoff des Genusses, sondern der Stoff der Erwartung; es treibt das Verlangen an, noch ehe die Belohnung eintrifft. Die Psychiaterin Anna Lembke hat in ihrer Arbeit über das Zeitalter des Überflusses beschrieben, wie das Gehirn auf einen Dauerregen kleiner Reize mit einer Gegenbewegung antwortet, sodass nach dem kurzen Hoch ein Tief folgt und der Mensch immer häufiger zum Reiz greifen muss, nur um sich überhaupt noch normal zu fühlen. Aus Genuss wird so unmerklich Bedürftigkeit.Grelle Farben verstärken diese Aktivierung ganz besonders, weshalb die Warnsymbole rot leuchten, die Oberflächen in kräftigen Tönen schimmern und die Gestalter genau wissen, weshalb sie es tun. Tristan Harris, ein ehemaliger Entwickler aus dem Silicon Valley und heutiger Kritiker der Aufmerksamkeitsökonomie, hat das Telefon deshalb treffend mit einem Spielautomaten in der Hosentasche verglichen, dessen einziges Geschäftsmodell darin besteht, möglichst viel von der knappsten Ressource des Menschen zu binden, nämlich seiner Aufmerksamkeit. Wer das begriffen hat, sieht das harmlose Gerät mit anderen Augen, denn hinter der freundlichen Oberfläche arbeitet eine Industrie, deren Gewinn unmittelbar von der verlorenen Lebenszeit ihrer Nutzer abhängt.Sechstes Kapitel: Die Gesellschaft der gesenkten KöpfeÜber einen Nebeneffekt wird erstaunlich selten gesprochen, obwohl er tief in das Gemüt eingreift, und das ist die Körperhaltung. Wer sein Telefon bedient, blickt fast immer nach unten, stundenlang, Tag um Tag, und formt damit eine Haltung der Unterwerfung, in der das Haupt gesenkt und der Rücken gekrümmt ist. Der Biofeedback-Forscher Erik Peper von der San Francisco State University hat in mehreren Untersuchungen gezeigt, dass eine zusammengesunkene Sitz- oder Gehhaltung den Zugang zu hilflosen, hoffnungslosen und niedergeschlagenen Erinnerungen erleichtert, während eine aufrechte Haltung positive Gedanken näher rückt und sogar die empfundene Körperkraft hebt. In einer seiner Studien fiel es Versuchspersonen in aufrechter Haltung deutlich leichter, belastende Erinnerungen umzudeuten, als in gebeugter Stellung. Wer dauerhaft nach unten schaut, beraubt sich nach Pepers Beobachtung außerdem unzähliger flüchtiger Gelegenheiten, einem anderen Menschen in die Augen zu sehen und eine Verbindung entstehen zu lassen.Man sollte den Befund nicht überdehnen, denn niemand wird allein durch ein Telefon schwermütig, und die spektakuläreren Behauptungen über sogenannte Machtposen, die binnen Minuten den Hormonhaushalt umstellen sollen, haben sich in späteren Wiederholungsversuchen nicht bestätigt. Doch der nüchterne Kern bleibt bestehen: Eine ganze Bevölkerung, die mit eingezogenem Kopf durch die Welt schleicht, verliert einen Teil ihrer Aufrichtung im doppelten Wortsinn, ihrer Präsenz und ihrer inneren Festigkeit.Siebtes Kapitel: Die Augen, die das Weite verlernenDer Schaden bleibt nicht im Gemüt, er reicht bis in das Auge selbst. Über Jahrtausende ruhte der menschliche Blick abwechselnd auf dem Nahen und dem Fernen, auf der Hand am Werkzeug und auf dem Horizont jenseits des Feldes. Die Urbanisierung und der Bildschirm haben dieses Gleichgewicht zerstört, denn der moderne Mensch verbringt seine wachen Stunden überwiegend mit Naharbeit, das Gesicht dicht an einem Display oder einem Heft, und schaut nur noch selten in die Weite. Die Augenheilkunde nennt das Ergebnis Kurzsichtigkeit, und sie entsteht, wenn der Augapfel während der Wachstumsjahre zu lang wird, sodass das Bild des Entfernten nicht mehr auf der Netzhaut, sondern davor entsteht. Als entscheidende Auslöser gelten heute zwei eng verwandte Umstände, nämlich das Übermaß an anhaltender Naharbeit und der Mangel an Tageslicht, weil das helle Licht im Freien das übermäßige Längenwachstum des Auges bremst.Die Zahlen sind drastisch. Die Weltgesundheitsorganisation rechnet damit, dass um das Jahr 2050 etwa die Hälfte der Menschheit kurzsichtig sein wird, in einigen Großstädten Ostasiens tragen schon heute weit über achtzig Prozent der Schulabgänger eine Sehhilfe, und während der Ausgangssperren der Pandemie beschleunigte sich die Kurzsichtigkeit bei Kindern messbar, sobald das Leben sich nach innen und an den Bildschirm verlagerte. Auch hierzulande ist der Trend unverkennbar. Nach der Allensbacher Brillenstudie im Auftrag des Kuratoriums Gutes Sehen tragen rund siebenundsechzig Prozent der Erwachsenen, also etwa einundvierzig Millionen Menschen, eine Brille, bei den über Sechzigjährigen sind es etwa neun von zehn, und besonders auffällig wächst der Anteil bei den jüngeren Jahrgängen, was die Fachleute ausdrücklich mit der Zunahme der Bildschirmarbeit in Verbindung bringen. Eine Gesellschaft, die das Weite verlernt, wird buchstäblich kurzsichtig.An dieser Stelle drängt sich eine düstere Fußnote der Geschichte auf, die zeigt, wie eng Sehkraft, Wissen und Macht beieinanderliegen. In Kambodscha erklärten die Roten Khmer unter Pol Pot zwischen 1975 und 1979 die Brille zum verräterischen Zeichen des Lesers und damit des Denkers, und allein der Verdacht, ein Intellektueller zu sein, konnte den Träger das Leben kosten. Damals war die Brille ein Todesurteil, weil sie auf Bildung hindeutete; heute droht die umgekehrte Bewegung, in der eine ganze Generation sich die Sehkraft freiwillig an den eigenen Displays ruiniert. Würde man jedem, der eine Brille oder Linsen benötigt, das künstliche Sehen für einen Tag nehmen, man erblickte eine erstaunliche Versammlung der Halbblinden, und es wäre an der Zeit, dies als das zu erkennen, was es ist, als eine vermeidbare Volkskrankheit.Dritter Teil: Die LösungAchtes Kapitel: Der Graustufen-HackDie gute Nachricht lautet, dass der wirksamste Gegenzauber zugleich der einfachste ist. Er heißt Graustufen-Modus und verwandelt den Bildschirm von Farbe in Schwarzweiß. Ursprünglich wurde diese Einstellung für farbenblinde Menschen entwickelt, weshalb sie in nahezu jedem Gerät bereits eingebaut ist; man findet sie meist unter den Anzeige- oder den Bedienungshilfen, und im Zweifel hilft eine kurze Suche im Netz, Suchmaschine gegen Suchmaschine. Sobald die Farben verschwinden, verlieren die roten Punkte ihren Reiz, die Symbole ihre Verlockung und die Anwendungen ihren Glanz, und genau das ist der Sinn der Sache, denn der bunte Köder soll seine Wirkung einbüßen.Die Methode ist nicht bloß plausibel, sie ist gemessen worden. In einer im Social Science Journal veröffentlichten Untersuchung von Holte und Ferraro stellte sich heraus, dass Studierende, deren Telefon eine Woche lang in Graustufen lief, ihre tägliche Nutzungszeit im Schnitt um rund achtunddreißig Minuten senkten, während die Vergleichsgruppe ihre Zeiten sogar leicht steigerte. Eine zweiwöchige Studie von Zimmermann und Sobolev kam zu ähnlichen Ergebnissen und zeigte überdies, dass der Graustufen-Modus die Nutzung stärker drosselte als das bloße Vornehmen von Zeitlimits, und das, obwohl die Teilnehmer die Einstellung nur etwa die Hälfte der Zeit aktiv ließen. Spätere Arbeiten von Wickord und Quaiser-Pohl sowie von Dekker und Baumgartner bestätigten den Effekt und führten ihn auf einen einleuchtenden Mechanismus zurück, nämlich darauf, dass das Aufmerksamkeitssystem graue Inhalte als weniger erregend verarbeitet und ihnen entsprechend weniger Befriedigung abgewinnt. Beim Graustufen-Modus sinkt also nachweislich die Dopaminausschüttung, und im Fall der Handysucht ist genau das erwünscht, weil so mehr von diesem kostbaren Stoff für das wirkliche Leben übrigbleibt. Aus einer bunten Tüte Smarties wird ein Teller Haferflocken; beides ist essbar, doch nur eines löst Begeisterungsstürme aus.Neuntes Kapitel: Das absichtlich langweilige TelefonWer entschlossener vorgehen möchte, kann den Gedanken des grauen Bildschirms in die Hardware verlängern und zu einem Gerät greifen, das gar nicht erst leuchtet. Telefone mit elektronischer Tinte, also mit demselben augenschonenden Schwarzweiß-Display, das man von Lesegeräten kennt, sind inzwischen tatsächlich erhältlich. Das Mudita Kompakt und das Minimal Phone verschreiben sich einer radikalen Reduktion und verzichten bewusst auf die flüssige Buntheit gewöhnlicher Bildschirme; das Light Phone richtet sich an alle, die nur noch das Nötigste wünschen; und wer Android samt seiner Anwendungen nicht ganz aufgeben mag, findet im Onyx Boox Palma, in dessen farbiger Fortführung Palma 2 Pro, im Hisense A9 sowie in Geräten von Bigme und in den NXTPAPER-Modellen von TCL einen Mittelweg zwischen Verzicht und Anschluss. Der gemeinsame Gedanke all dieser Apparate ist derselbe wie beim Graustufen-Trick, nämlich die freiwillige Langeweile als Schutzschild gegen die fremdbestimmte Erregung. Ein Gerät, das nicht funkelt, lädt nicht zum stundenlangen Wischen ein, und gerade darin liegt seine stille Stärke.Zehntes Kapitel: Lebenszeit statt BildschirmzeitAm Ende geht es nicht darum, die Technik zu verteufeln, denn das Telefon bleibt ein hervorragendes Werkzeug, solange es Werkzeug bleibt und nicht zum Herrn über seinen Träger aufsteigt. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, wie viele Stunden ich am Gerät verbringe, sondern wie viel Leben ich darüber versäume. Jede Stunde vor dem Bildschirm ist eine Stunde, die nicht in einem Gespräch, in einer Begegnung oder in einer gemeinsamen Erinnerung aufgehoben wird. Der Bildschirm liefert Reize, das Leben stiftet Bedeutung; das Gerät füllt die Zeit, das Dasein füllt das Gedächtnis. Wer seine Abhängigkeit überwinden will, muss daher nicht zuerst gegen das Telefon ankämpfen, sondern etwas finden, das fesselnder ist als der nächste Wisch, sei es ein Freund, ein Vorhaben oder die nackte, unverstellte Wirklichkeit vor der eigenen Haustür.Ein letzter Hinweis sei jedem ans Herz gelegt, der seine Augen schonen und dennoch nicht auf Wissen verzichten möchte. Man kann das stundenlange Starren ein Stück weit durch Hören ersetzen, durch ein Hörbuch oder eine kurze Sprachnachricht, statt eine endlose Textkolonne mühsam zu entziffern, und so dem Blick die nahe Anstrengung ersparen, während der Geist trotzdem genährt wird.Solange wir uns gegenseitig ignorieren, uns in politische oder ideologische Lager treiben lassen und einander nur noch als Störung des eigenen Rausches empfinden, bleiben wir eine Konfliktmasse, die wie ein Süchtiger nach dem nächsten Reiz tastet. Sobald wir hingegen den gesenkten Kopf wieder heben, dem anderen in die Augen sehen und den Bildschirm zum Diener herabstufen, kehrt ein Stück jener Aufrichtung zurück, von der dieses Buch handelt. Niemand erinnert sich auf dem Sterbebett daran, wie viele kurze Videos er erfolgreich durchgewischt hat; viele aber erinnern sich daran, wie viele Jahre sie dabei verschenkt haben. Die Befreiung beginnt unscheinbar, mit einem grauen Bildschirm und einem gehobenen Blick, und sie ist, anders als die Sucht, eine Entscheidung, die uns niemand abnehmen kann.Quellen und HinweiseZur Wirkung des Graustufen-Modus: Holte, A. J. und Ferraro, F. R., True colors: Grayscale setting reduces screen time in college students, The Social Science Journal (2020); Zimmermann, L. und Sobolev, M. (2022); Wickord, L.-C. und Quaiser-Pohl, C. (2023); Dekker, C. A. und Baumgartner, S. E., Is life brighter when your phone is not?, Mobile Media & Communication (2024). Gemeldete Reduktionen der täglichen Nutzung liegen je nach Studie zwischen etwa zwanzig und vierzig Minuten.Zur operanten Konditionierung und zum variablen Verstärkungsplan: B. F. Skinner, The Behavior of Organisms (1938) und Science and Human Behavior (1953). Zur Gestaltung von Glücksspielautomaten: Natasha Dow Schüll, Addiction by Design (2012). Zur Aufmerksamkeitsökonomie: Tristan Harris, Center for Humane Technology. Zum Dopaminhaushalt im Überfluss: Anna Lembke, Dopamine Nation (2021).Zum Steve-Jobs-Zitat über die Aqua-Oberfläche, man habe die Schaltflächen so gestaltet, dass man sie ablecken wolle: Interview im Magazin Fortune, Januar 2000.Zur Körperhaltung: Erik Peper, R. Harvey und I.-M. Lin, u. a. How Posture Affects Memory Recall and Mood, Biofeedback (2017), sowie Increase Strength and Mood with Posture, Biofeedback (2016). Die weitergehenden Behauptungen zur sogenannten Machtpose gelten nach gescheiterten Wiederholungsstudien als umstritten.Zur Kurzsichtigkeit: Prognose der Weltgesundheitsorganisation, wonach etwa die Hälfte der Weltbevölkerung bis 2050 kurzsichtig sein dürfte; Untersuchungen zu Naharbeit, Tageslichtmangel und beschleunigter Progression während der Plandemie (u. a. Optometry Times, 2026; National Eye Institute, 2025). Zur Verbreitung von Sehhilfen in Deutschland: Allensbacher Brillenstudie im Auftrag des Kuratoriums Gutes Sehen, in Zusammenarbeit mit dem Zentralverband der Augenoptiker und Optometristen (rund 67 Prozent der Erwachsenen, etwa 41,1 Millionen Menschen).Zur historischen Verfolgung von Brillenträgern: Kambodscha unter den Roten Khmer und Pol Pot, 1975 bis 1979 (Holocaust Memorial Day Trust; USC Shoah Foundation; Documentation Center of Cambodia).

19.06.2026 16 min 435 1
Der demokratische Machtmissbrauch
Der demokratische Machtmissbrauch

Die Psychologie der Macht und das Zeugnis der Geschichtevon Dawid SnowdenInhaltErster Teil — Das Fundament: Die Psychologie des MachtmissbrauchsWarum der Missbrauch sich selbst belohntDie Erosion der HemmungDer Reiz der MachtDie Ausweitung ohne GrenzeDie RechtfertigungDie Herstellung des FeindesDer gewöhnliche MenschZweiter Teil — Die HandDie Hand, die ausführtDer Griff nach dem KindDritter Teil — Das Zeugnis der GeschichteGeschichte als BeweisDer lebende GottMögen sie hassenDie StatistikDie Revolution frisst ihre KinderDas Jahr NullWozu der Mensch bereit istVierter Teil — Die VerantwortungDie Verwechslung von Erfolg und RechtSchlusswort: Kein Titel spricht dich freiErster Teil — Das Fundament: Die Psychologie des Machtmissbrauchs1. Warum der Missbrauch sich selbst belohntWenn eine Regierung oder eines ihrer ausführenden Organe Menschen beraubt, entrechtet, einschüchtert oder unter Druck setzt und mit diesem Vorgehen Erfolg hat, stellt sich unausweichlich eine Frage, der die meisten lieber ausweichen. Warum sollte eine Macht von etwas ablassen, das ihr nützt? Die Antwort verlangt keinen Blick in finstere Charaktere, sondern in ein nüchternes Gesetz des Verhaltens. Was belohnt wird, wiederholt sich.Erzielt eine Herrschaft durch Zwang, Druck oder Einschüchterung mehr Kontrolle, mehr Mittel oder mehr Sicherheit, dann verbucht sie dieses Vorgehen nicht als Fehler, sondern als bewährtes Werkzeug zur Durchsetzung ihrer Interessen. Aus der Sicht der Handelnden bestätigt jeder Erfolg die Richtigkeit der Methode, und der greifbare Nutzen überlagert jeden Einwand des Gewissens wie jede Sorge um die langfristigen Folgen für die Betroffenen.Mit jeder gelungenen Anwendung gräbt sich das Muster tiefer ein. Was als Ausnahme begann, wird zur Gewohnheit, die Gewohnheit reift zur Strategie, und die Strategie verwächst schließlich so vollständig mit dem System, dass sie von ihm nicht mehr zu trennen ist. Solange der Aufwand gering und der Ertrag hoch bleibt, fehlt jeder Anlass zur Umkehr. Der Erfolg wirkt im Gegenteil wie eine Belohnung und festigt die Überzeugung, dass genau so auch in Zukunft zu verfahren sei.Deshalb endet Machtmissbrauch nur selten aus sich selbst heraus. Er gerät erst ins Wanken, wenn die erwarteten Vorteile ausbleiben, wenn der Preis steigt oder wenn ein Widerstand entsteht, der sich nicht mehr übergehen lässt. Solange ein System für seine Nutznießer funktioniert, trägt es den Keim seiner eigenen Fortdauer in sich und wiederholt unermüdlich jene Handgriffe, die seinen Bestand sichern.2. Die Erosion der HemmungDiesem Befund steht eine menschliche Tatsache gegenüber, die das Ganze erst erklärungsbedürftig macht. Die meisten Menschen tragen eine natürliche Hemmung in sich, anderen Leid zuzufügen. Sie entspringt der Erziehung und dem Mitgefühl, vor allem aber der Fähigkeit, sich in einen anderen hineinzuversetzen und sein Leid beinahe als eigenes zu empfinden, und sie bildet die eigentliche Schranke gegen Gewalt und Grausamkeit. Wenn ganze Apparate dennoch zuverlässig Unrecht vollstrecken, dann nur, weil sich diese Schranke unter bestimmten Bedingungen absenken und am Ende überwinden lässt.Der erste Hebel dazu ist die Hierarchie. Wo sie streng genug gebaut ist, ersetzt sie das eigene Urteil durch den Gehorsam, und der Mensch wird darauf trainiert, Anweisungen auszuführen, ohne ihre sittlichen Folgen noch fortwährend zu prüfen. Der zweite Hebel ist die schrittweise Distanzierung vom Gegenüber. Je weniger ein Mensch als fühlendes Wesen mit eigenen Hoffnungen und Ängsten erscheint, desto leichter rechtfertigt sich, was man unter anderen Umständen abgelehnt hätte. Aus einem Menschen wird in der Wahrnehmung ein Fall, und ein Fall hat kein Gesicht, sondern nur eine Nummer und einen Vorgang, der bearbeitet werden will.Was anfangs noch inneren Widerstreit und Schuldgefühl auslöst, schleift sich durch Wiederholung zur Routine ab. Wird der Gehorsam belohnt und der Widerspruch bestraft, verfestigt sich das Verhalten von selbst, und die Aufmerksamkeit verschiebt sich von den Folgen für die Betroffenen auf die bloße Erfüllung der Aufgabe. Hinzu tritt schließlich die Gewöhnung an fremdes Leid. Wer dauernd mit Zwang und Konflikt umgeht, stumpft ab, ein Vorgang, den die Psychologie Desensibilisierung nennt, und das einzelne Schicksal erschüttert dann nicht mehr wie zu Beginn.So entsteht ein Zustand, in dem Menschen Dinge tun, die sie außerhalb ihres Systems niemals erwogen hätten. Nicht weil sie über Nacht grausamer geworden wären, sondern weil die Strukturen, in denen sie stehen, ihre Wahrnehmung, ihren Verantwortungssinn und ihren sittlichen Maßstab unmerklich verschoben haben. Schwere Übergriffe beginnen darum fast nie mit einem einzigen großen Schritt. Sie reifen in einem schleichenden Verlauf aus Gewöhnung, Rechtfertigung und Abstumpfung heran, und je länger dieser Verlauf andauert, desto leichter fällt es, fortzusetzen, was man früher selbst verurteilt hätte.3. Der Reiz der MachtFür manche liegt der eigentliche Lohn ihres Handelns nicht im materiellen Vorteil, sondern in der Erfahrung, über andere bestimmen zu können. Anweisungen zu erteilen, Gehorsam einzufordern und tief in das Leben anderer einzugreifen, entfaltet auf bestimmte Naturen eine starke Anziehung. Wer erlebt, dass Menschen aus Furcht, Abhängigkeit oder Sorge vor Konsequenzen gehorchen, zieht daraus ein Gefühl der Überlegenheit, das wie eine Belohnung wirkt.Mit der Zeit kann dieses Gefühl selbst zum Antrieb werden. Es entsteht eine Form psychologischer Abhängigkeit, in der die Ausübung von Kontrolle nicht mehr Mittel zum Zweck ist, sondern Zweck an sich. Dann geht es längst nicht mehr allein um Geld, Besitz oder Aufstieg, sondern um die Befriedigung, den eigenen Willen gegen den Willen anderer durchzusetzen. Die Verfügung über andere und die Lenkung ihres Verhaltens werden als Beweis der eigenen Bedeutung erlebt. Macht wirkt in dieser Hinsicht wie andere Belohnungssysteme auch. Sie schenkt Anerkennung, Status und Erregung, und je öfter dieses Erleben eintritt und je seltener es hinterfragt wird, desto fester bindet es.Gestützt wird dieser Mechanismus durch handfeste Vorteile. Privilegien, soziale Geltung, finanzielle Sicherheit und der Schutz durch eine Organisation sorgen dafür, dass fragwürdiges Verhalten nicht nur weiterläuft, sondern als gerechtfertigt erscheint. Wird ein Verhalten belohnt statt geahndet, entsteht ein Klima, in dem Missbrauch gedeiht. Und gerade darin zeigt sich, dass Macht nicht nur korrumpiert, sondern auch die Wahrnehmung verändert. Wer sich daran gewöhnt, über andere zu verfügen, läuft Gefahr, in ihnen keine gleichwertigen Menschen mehr zu sehen, sondern Objekte administrativer, politischer oder persönlicher Einflussnahme. Je weiter das fortschreitet, desto größer wird der Abstand zwischen den Handelnden und den Folgen ihres Handelns.4. Die Ausweitung ohne GrenzeBesonders gefährlich wird die Lage, sobald der Missbrauch auf keine spürbare Folge mehr trifft. Werden Übergriffe und Formen der Willkür dauerhaft hingenommen und bleiben die Verantwortlichen unbehelligt, entsteht rasch der Eindruck, es gebe überhaupt keine wirksame Schranke mehr. Macht versteht sich dann nicht länger als Verantwortung, sondern als Freibrief zur Ausdehnung der eigenen Spielräume.Gleichzeitig neigen Institutionen dazu, ihre eigene Struktur zu schützen, und die Mittel dazu sind so zahlreich wie wirksam. Kritik wird entwertet, Widerspruch moralisch verdächtigt und jede abweichende Position als Gefahr für die bestehende Ordnung gezeichnet. Wer den Mächtigen zu deutlich widerspricht, sieht sich rasch den Werkzeugen des Staates gegenüber. Das Strafrecht ahndet die Beleidigung dessen, der ein Amt bekleidet, härter als die des gewöhnlichen Bürgers, und gegen den unbequemen Kritiker laufen Ermittlungen an, wird die Wohnung durchsucht und werden Geräte beschlagnahmt, weniger um etwas aufzuklären als um ein Zeichen zu setzen. Die Rechtsprechung kennt für diese Wirkung einen treffenden Namen, den der abschreckenden Wirkung, denn nicht die wenigen Getroffenen sind das eigentliche Ziel, sondern die vielen, die nun aus Furcht vor demselben Schicksal künftig schweigen.Ebenso lässt sich der Protest selbst beschneiden, ohne ihn offen zu verbieten. Es genügt, einer Versammlung Auflagen zu erteilen, bestimmte Worte, Lieder oder Zeichen zu untersagen und die Teilnehmer mit der Aussicht auf ein Verfahren zu überziehen, bis von der Freiheit, sich zu versammeln und zu äußern, nur noch die genehmigte Hülle bleibt. Wer einem Menschen vorschreibt, was er auf der Straße rufen, singen oder tragen darf, nimmt ihm das älteste Mittel, mit dem ein Volk sich je gegen die Willkür der Mächtigen gewehrt hat, und er nimmt es ihm im Namen genau jener Ordnung, deren Fehler er nicht laut werden lassen will.Am leisesten aber wirkt das Wort, mit dem man den Überbringer der Kritik kennzeichnet, noch ehe man seine Kritik gehört hat. Die Propagandaforschung nennt diese Technik seit fast einem Jahrhundert das Etikettieren und beschreibt sie als das Anheften eines schlechten Namens, der eine Aussage verwerfen lässt, ohne dass je geprüft wird, ob sie zutrifft. Die Logik kennt denselben Kunstgriff als das Vergiften der Quelle, einen Angriff auf den Sprecher, der jedes seiner künftigen Worte im Voraus entwertet. Ein Mensch, den man erst zum Spinner, zum Querulanten, zum Verschwörungstheoretiker oder Aluhutträger erklärt hat, muss nicht mehr widerlegt werden, denn niemand hört ihm noch zu. Am schärfsten schneidet das Etikett dort, wo es ein Wort borgt, das ein wirkliches Übel benennt, denn dann verleiht die Schwere der echten Sache der bloßen Behauptung ihr ganzes Gewicht, und die Anklage bedarf keines Beweises mehr. So lässt sich ein unbequemer Mensch gesellschaftlich erledigen, ohne dass je gefragt würde, ob er recht hat, und die Übrigen wenden sich von ihm ab, aus Furcht, dasselbe Etikett zu erben.So entsteht ein Umfeld, in dem grundlegende Veränderung immer schwerer fällt, weil derjenige, der das System hinterfragt, vom Störer zum Extremisten und schließlich zum Staatsgefährder erklärt wird, während die Machtstruktur selbst unangetastet bleibt. Es ist dieselbe uralte Figur, die das alte Rom den Staatsfeind und die Sowjetunion den Volksfeind nannte, nun in das nüchterne Vokabular der Gegenwart gekleidet. Der Mensch aber richtet sein Verhalten nach den Grenzen, die man ihm setzt, und wo eine Grenze nicht durchgesetzt wird, verschiebt sie sich Schritt für Schritt. Aus kleinen Eingriffen werden große, aus begrenzten Befugnissen umfassende Kontrollansprüche, und jede gelungene Überschreitung schafft den Anreiz für die nächste.Daraus erwächst eine gefährliche Selbstüberschätzung. Machtträger beginnen zu glauben, sie seien klüger, überlegen, beinahe unantastbar. Sie verwechseln die Stärke ihrer Institution mit persönlicher Größe und deuten den ausbleibenden Widerstand als Zustimmung oder als Schwäche der Beherrschten. Je fester diese Überzeugung wächst, desto näher rückt die Eskalation, denn die Bereitschaft steigt, immer tiefer in das Leben anderer einzugreifen, neue Vorschriften zu erlassen und zusätzliche Kontrollen zu errichten. Was als Notmaßnahme begann, wird zum dauerhaften Herrschaftsinstrument. Macht, die nicht begrenzt wird, neigt zur Ausweitung, und nicht zwingend aus Bosheit, sondern weil die Erfahrung lehrt, dass die Grenzen sich offenbar verschieben lassen. Gerade darum sind Kontrolle, Rechenschaft und die Fähigkeit einer Gesellschaft, Macht zu hinterfragen, für jede freie Ordnung von tragender Bedeutung.5. Die RechtfertigungNur die wenigsten Menschen halten sich selbst für böse. Wer Macht ausübt oder ein bestehendes System trägt, sucht deshalb nach Erklärungen, die sein Handeln vor dem eigenen Gewissen rechtfertigen. Verwiesen wird auf Gesetz, Tradition, Institution oder Ideologie, und das eigene Tun erscheint dann nicht mehr als persönliche Wahl, sondern als notwendige Pflicht. Die Verantwortung wandert an Vorschrift und Autorität, und der Einzelne sagt sich, er habe lediglich erfüllt, was von ihm erwartet wurde. Die Frage verschiebt sich von der Prüfung, ob etwas richtig sei, hin zu der bequemeren Prüfung, ob es erlaubt oder gar vorgeschrieben sei.Die Psychologie nennt diesen Vorgang Rationalisierung und Auflösung kognitiver Dissonanz. Entsteht ein Bruch zwischen dem Selbstbild des anständigen Menschen und der eigenen Tat, dann verändert das Denken lieber die Deutung der Tat als das Bild von sich selbst. Aus dem Täter wird in der eigenen Wahrnehmung ein Pflichterfüller, der die bestehende Ordnung verteidigt und einem höheren Zweck dient. Häufig wird den Betroffenen die Schuld zugeschoben, sie hätten ihr Schicksal verdient, gegen Regeln verstoßen oder es nicht anders gewollt, und wer sich ganz absichern will, beruft sich darauf, jeder andere würde unter denselben Umständen genauso handeln. Solche Erzählungen senken das Schuldgefühl und bewahren das geschonte Selbstbild.Genau hier liegt die Gefahr ideologischer Systeme, denn sie liefern die fertigen Rechtfertigungen frei Haus. Je stärker sich ein Mensch mit einer Lehre, einer Institution oder einer Autorität identifiziert, desto müheloser hält er deren Handeln für legitim und blendet den eigenen Zweifel aus. Besonders unverrückbar wird diese Haltung, wenn die Ordnung als alternativlos erscheint, denn wo keine Alternative gedacht werden darf, gilt selbst der offensichtliche Missstand als unvermeidlicher Bestandteil des Lebens. So schließt sich ein Kreis gegenseitiger Bestätigung. Die Mächtigen rechtfertigen ihr Tun mit der bestehenden Ordnung, und die Beherrschten gewöhnen sich an die Verhältnisse, bis auch sie an deren Unveränderlichkeit glauben. Was man hinterfragen könnte, gilt zunehmend als normal. Darin liegt eine der größten Stärken jeder Herrschaft, denn sie ruht nicht allein auf Zwang, sondern auf der Macht, Überzeugungen zu formen. Veränderung beginnt deshalb selten mit einer Maßnahme und fast immer mit einem Gedanken, mit der Einsicht nämlich, dass die Verhältnisse weder naturgegeben noch unabänderlich sind. Erst in diesem Augenblick verliert die Behauptung der Alternativlosigkeit ihre Gewalt.6. Die Herstellung des FeindesBis hierhin war von jenen die Rede, die Macht ausüben. Doch keine Herrschaft kommt mit den Tätern allein aus, sie braucht ein Volk, das mitträgt, zusieht oder beifällig schweigt, und dieses Volk wird nicht in erster Linie mit Gewalt gewonnen, sondern mit Bildern. Die meisten Menschen reagieren niemals auf die Welt selbst, sondern auf das Bild, das man ihnen von ihr in den Kopf gesetzt hat. Walter Lippmann hat diese Scheinwelt aus Schlagworten und festen Vorstellungen beschrieben, die sich zwischen den Menschen und die Wirklichkeit schiebt, und er prägte zugleich den Begriff der Herstellung von Zustimmung. Edward Bernays verwandelte diese Einsicht in ein Handwerk und nannte die bewusste, planvolle Lenkung der Meinungen und Gewohnheiten der Masse eine unsichtbare Regierung, die in Wahrheit herrsche. Wer die Bilder beherrscht, muss die Köpfe nicht mehr zwingen. Er richtet sie ein.Die Wirkung beruht auf Mechanismen, die jeder Mensch in sich trägt. Was ständig vor Augen steht, erscheint dem Denken häufiger, wahrscheinlicher und damit wahrer, ein Kurzschluss, den Daniel Kahneman als Verfügbarkeitsheuristik beschrieben hat, denn das Gehirn verwechselt Vertrautheit mit Richtigkeit. Hinzu tritt der Druck der vermeintlichen Mehrheit. Elisabeth Noelle-Neumann hat gezeigt, wie ein Mensch verstummt, sobald er seine Meinung für die unterlegene hält, und wie das laut Verkündete dadurch immer lauter und das Verschwiegene immer leiser wird, bis am Ende eine Stimmung herrscht, die niemand geprüft, aber kaum jemand mehr zu bestreiten wagt. Solomon Asch hat im Versuch nachgewiesen, dass Menschen sogar das eigene Augenzeugnis verleugnen, nur um einer sichtbaren Mehrheit nicht zu widersprechen. So genügt es oft, eine Übereinstimmung zu behaupten und beharrlich zu wiederholen, damit sie sich von selbst herstellt.Das wirksamste aller Bilder aber ist nicht das Lob der eigenen Sache, sondern der Entwurf eines Feindes. Jacques Ellul hat erkannt, dass Propaganda den Einzelnen erst dann ganz erfasst, wenn sie seinen Hass auf ein Ziel richtet, denn der Hass verleiht dem Leben eine Richtung und der Masse einen Zusammenhalt. Henri Tajfel hat im Versuch gezeigt, wie wenig dafür nötig ist, dass schon die bloße Einteilung in zwei Gruppen genügt, um die eigene zu erhöhen und die fremde geringzuschätzen. Muzafer Sherif sah dasselbe im Feld, als er Jungen in einem Ferienlager allein durch den Zufall in zwei Lager teilte und aus Spielkameraden binnen Tagen verfeindete Gruppen wurden, die einander mit echtem Hass begegneten. Und Gordon Allport hat die Treppe beschrieben, auf der diese Geringschätzung emporsteigt, von der herabsetzenden Rede über die Meidung und die Benachteiligung bis zur Gewalt und an ihrem obersten Ende zur Vernichtung. Die erste Stufe ist immer das Wort. Bevor ein Mensch dem anderen die Hand an die Kehle legt, hat die Sprache ihm längst den Namen genommen.Genau hier verrichtet die Sprache ihr stillstes und gefährlichstes Werk. Albert Bandura hat beschrieben, dass dem Gewaltakt die Entmenschlichung des Opfers vorausgeht, und nichts entmenschlicht leiser als ein sorgfältig gewähltes Wort. Eine Regierung, die man verächtlich machen will, heißt fortan nicht mehr Regierung, sondern Regime. Ihre Bürger sind keine Menschen mehr, sondern eine Masse von Verblendeten oder von Opfern, die man zu befreien vorgibt. Ihre Anführer sind keine Politiker mehr, sondern Tyrannen, deren Sturz angeblich jedes Mittel heiligt. Dieselbe Tat, dasselbe Amt, dasselbe Vorgehen trägt einen Namen, wenn der Freund es begeht, und einen anderen, wenn der Feind es tut. Dieses zweierlei Maß der Begriffe ist keine Nachlässigkeit der Sprache, sondern ihre Bewaffnung. Es bereitet leise den Boden, auf den später die Geschosse fallen dürfen, ohne dass jemand noch Mitgefühl empfindet, denn man hat ihm das Gegenüber zuvor aus der Menschheit herausdefiniert.Den tiefsten Dienst aber leistet der erfundene Feind nach innen. Solange Furcht und Wut eines Volkes nach außen zeigen, auf einen fremden Staat oder einen fremden Glauben, richten sie sich nicht nach oben, gegen die eigene Herrschaft. Der äußere Feind ist das älteste Mittel, ein Volk an eine Macht zu binden, die es ausbeutet, weil der Hass auf den Fremden sich anfühlt wie Treue zur Heimat. So spaltet man die Menschheit in Lager, die einander bekämpfen, während jene, die die Lager geschaffen haben, ungestört bleiben. Damit schließt sich der Kreis zu allem Vorigen. Nero brauchte seine Christen, und jede Macht nach ihm hat ihre eigenen gebraucht. Der Feind wird nicht gefunden, er wird hergestellt, und er entsteht nicht im Herzen des Hassenden, sondern in der Werkstatt derer, die vom Hass leben. Wer den gemachten Feind als ein Gemachtes durchschaut, nimmt sich ein Stück seiner Wahrnehmung zurück, und mit ihr ein Stück seiner Freiheit.7. Der gewöhnliche MenschEs wäre ein Trost, ließe sich all das einer Handvoll kranker oder fanatischer Naturen zuschreiben. Doch die meisten, die an schädlichen Machtstrukturen mitwirken, sind weder das eine noch das andere. Es sind gewöhnliche Menschen, die gelernt haben, dass bestimmte Verhaltensweisen ihnen Vorteile bringen, und deren Hemmungen durch Gewöhnung, Rechtfertigung und institutionelle Bestätigung schrittweise abgeschliffen wurden. Ihr Handeln folgt einer schlichten Rechnung. Solange der wahrgenommene Nutzen den Nachteil übersteigt, fehlt der Anreiz zur Änderung. Wer durch sein Tun Macht, Status, Sicherheit oder Anerkennung gewinnt und keine Folgen zu fürchten hat, wird fortfahren. Erst wenn der Preis steigt, wenn Verlust droht, wenn die Gesellschaft ächtet oder das Recht zugreift, beginnt das Umdenken.Daneben prägen Persönlichkeit und Herkunft, welche Rolle ein Mensch in dieser Mechanik einnimmt. Menschen unterscheiden sich in ihrer Fähigkeit zum Mitgefühl, in ihrem Bedürfnis nach Macht und in ihrem Verhältnis zur Autorität. Die einen suchen Einfluss und Kontrolle, die anderen neigen zu Kooperation und Rücksicht. Wer überdies in einem Umfeld aufwächst, in dem Härte, Autoritätsgläubigkeit und die Geringschätzung anderer als selbstverständlich gelten, übernimmt solche Muster oft, ohne es zu bemerken. Werte und Verhaltensweisen werden über Generationen weitergereicht und durch Familien, Institutionen und gesellschaftliche Normen verstärkt.So bilden sich Strukturen, die bestimmtes Verhalten belohnen und anderes bestrafen, und die Menschen passen sich nicht nur aus Überzeugung an, sondern auch aus Eigeninteresse. Auf diese Weise stabilisieren sich Systeme über lange Zeiträume von selbst, weil die Beteiligten ihre Rollen verinnerlicht haben und einander fortwährend bestätigen. Die eigentliche Gefahr liegt darum nicht im einzelnen Menschen, sondern im Zusammenspiel von Macht, Rechtfertigung, Gewöhnung und Belohnung. Wo diese vier zusammentreffen, tragen und vollstrecken Menschen ein Unrecht, das sie außerhalb ihres Systems niemals geduldet hätten. Wer das begreifen will, darf nicht länger nach dem Ungeheuer suchen. Er muss den Nachbarn ansehen und den pflichtbewussten Beamten, und am Ende muss er in den Spiegel sehen.Zweiter Teil — Die Hand8. Die Hand, die ausführtEin System besitzt keine Hände. Es unterschreibt keine Verfügung, es bricht keine Tür auf, es nimmt kein Kind aus dem Arm seiner Mutter und es legt keinem Menschen die Fessel an. Wann immer von einem System die Rede ist, das beraubt und zerstört, verbirgt sich hinter diesem bequemen Wort ein Mensch aus Fleisch, mit einem Namen, einem Gewissen und der jederzeit gegebenen Möglichkeit, innezuhalten. Der Apparat ist eine Fiktion, hinter der sich der Einzelne versteckt, und das Studium der Macht beginnt erst, wenn man diese Fiktion zerschlägt und fragt, wer die Hand führt.Philip Zimbardo führte mit dem Stanford-Gefängnis-Experiment vor, wie wenig es dazu braucht. Gewöhnliche Studenten, durch bloßen Zufall zu Wärtern bestimmt und in eine Uniform gesteckt, die ihr Gesicht verbarg, glitten binnen weniger Tage in eine solche Grausamkeit ab, dass der Versuch vorzeitig abgebrochen werden musste. Nicht ihr Charakter hatte sich über Nacht verfinstert, sondern die Lage hatte ihnen Macht über andere gegeben und ihnen zugleich eingeredet, nicht sie selbst, sondern die Rolle handle. Genau das braucht jede Herrschaft, die von Menschen getragen wird, die unter anderen Umständen nicht bereit wären, das Verlangte zu tun. Sie braucht den Menschen, der hinter seiner Rolle verschwindet und die Verantwortung für sein Tun bei ihr zurücklässt.Der Polizist verkörpert diese Verschiebung in ihrer reinsten Form. Er erhält einen Befehl, und der Befehl löst ihn von der Frage, ob das Verlangte richtig sei. Wenn er eine Versammlung räumt oder eine Wohnung betritt, deren Bewohner niemandem Unrecht getan hat, sagt er sich, er führe nur aus, was angeordnet wurde. Die berühmteste Entschuldigung der Geschichte besteht aus wenigen Worten, man habe lediglich Befehle befolgt. Doch die Hand am Schlagstock gehört ihm, nicht dem Befehl, denn der Befehl hat keine Finger. An den Polizisten richtet sich deshalb die erste unbequeme Frage. In dem Augenblick, in dem du gegen einen Menschen vorgehst, der niemandem geschadet hat, bist nicht du das Werkzeug der Ordnung, sondern die Ordnung benutzt deine Muskeln und deine Bereitschaft, nicht hinzusehen.Wo der Polizist die Nähe sucht, sucht der Soldat die Entfernung. Der Militärpsychologe Dave Grossman hat gezeigt, dass die natürliche Tötungshemmung mit jeder Stufe der Distanz sinkt, dass der Mensch von Angesicht zu Angesicht zögert, aus der Ferne aber mit ruhiger Hand auslöst. Albert Bandura nannte diesen Vorgang die moralische Entkopplung, die gedankliche Verwandlung eines fühlenden Wesens in ein Ziel, in eine Position auf einer Karte. Der Soldat, der einen Angriff aus tausend Kilometern Entfernung steuert, sieht kein Gesicht und kehrt am Abend nach Hause zurück. Die Entfernung tut für ihn, was der Apparat für den Polizisten tut, sie nimmt der Tat ihr Gesicht. An ihn richtet sich der Maßstab, den Kant der Menschheit hinterlassen hat, dass kein Mensch je bloßes Mittel sein darf, sondern stets zugleich Zweck bleibt.Der Richter braucht weder Nähe noch Ferne, ihm genügt das Gesetz. Sein Mechanismus ist die Verlagerung der Verantwortung, die in keinem Beruf so vollendet auftritt wie in der Rechtsprechung. Er zerstört Existenzen mit der Feder und fühlt sich rein, weil er nicht entschieden, sondern nur angewandt habe. Das Gesetz hat befohlen, die Schuld liege beim Paragraphen. Gegen diese Flucht hat Gustav Radbruch seine Formel gerichtet, dass das gesetzte Recht dort, wo es die elementare Gerechtigkeit unerträglich verletzt, zum gesetzlichen Unrecht wird und aufhört, Recht zu sein. Die Robe ist kein Schutzschild gegen das eigene Gewissen, sie ist nur ein Stoff. Wer den Unterschied zwischen dem, was erlaubt war, und dem, was gerecht ist, nicht mehr fühlt, hat aufgehört, Richter zu sein, und ist zum Schreibwerkzeug der Herrschaft geworden.Hinter diesen drei aber steht ein viel größeres, viel stilleres Heer, das niemals eine Waffe berührt und gerade deshalb am gefährlichsten ist. In der Bürokratie verliert sich die Verantwortung vollends, denn dort bewegt jeder nur ein Rädchen, und keiner verantwortet das Ganze. Max Weber sah dieses stahlharte Gehäuse voraus, in dem der Mensch zur Akte und zur Vorgangsnummer wird. Der Finanzbeamte fühlt sich an keinem Verbrechen beteiligt, wenn er einer Familie das Letzte pfändet, denn er hat nur eine Mahnung verschickt und eine Frist gesetzt. Jeder Handgriff erscheint harmlos, und in dieser Zerlegung der Tat in unschuldige Teilschritte liegt das Geheimnis des bürokratischen Gewissens. Niemand hat den Menschen ruiniert, alle haben nur ihre Aufgabe erfüllt, doch die Summe vieler gewissenloser Teilschritte ergibt dieselbe zerstörte Existenz wie ein einziger bewusster Schlag.Am tiefsten verkehrt sich der Mechanismus dort, wo die Gewalt sich das Gewand der Fürsorge anlegt. Es gibt eine Tyrannei, die zum vermeintlichen Wohl ihrer Opfer ausgeübt wird, und sie ist die erbarmungsloseste von allen, denn der Peiniger, der aus Gewinnsucht handelt, kennt eine Grenze der Sättigung, während der Peiniger, der aus angemaßter Güte handelt, niemals ruht und seine Tat mit der vollen Zustimmung des eigenen Gewissens vollzieht. Man stelle sich eine entgleiste Ordnung vor, die sich weiterhin demokratisch nennt und die ihrem Jugendschutz die Vollmacht gibt, ein Kind aus den Armen seiner Eltern zu reißen, nicht weil ihm jemand Böses wollte, sondern weil ein Vermerk, ein Verdacht, eine Definition es so verlangte. Der Mitarbeiter, der dieses Kind forttrüge, wäre der einzige Täter dieses Buches, der sich keiner Tat bewusst ist, sondern einer Rettung. Er hat das stärkste aller Betäubungsmittel geschluckt, die Überzeugung, ein Helfer zu sein. Wer aus Gier handelt, kann gesättigt werden, wer aus Güte zu zwingen glaubt, kennt keine Sättigung, weil er das Recht des Himmels auf seiner Seite wähnt.Und dann ist da die kleinste, fast komische Stufe dieser Maschinerie, an der man am deutlichsten begreift, wie grenzenlos der Anspruch der Macht in Wahrheit ist. Étienne de La Boétie hat schon vor fünf Jahrhunderten gefragt, warum Millionen einem Einzigen dienen, und geantwortet, die Knechtschaft sei freiwillig, das Volk schmiede seine Ketten selbst. Nirgends zeigt sich das alberner als beim Ordnungsamt, das eines Morgens vor der Haustür steht und für den Bürgersteig, auf dem man seit der Geburt geht, eine Abgabe verlangt. Erst wird das Parken vor dem eigenen Haus gebührenpflichtig, dann das Halten, dann das bloße Stehen, und wer die Logik dieses Apparats zu Ende denkt, ahnt, dass man eines Tages für die Abnutzung des Pflasters zahlen wird, das man mit den eigenen Schuhen abläuft, sobald die herrschende Klasse es nur ernsthaft genug fordert. Das soll absurd klingen, denn die Absurdität ist hier kein Stilmittel, sondern die nackte Endstufe eines Prinzips. Jede hingenommene Grenzüberschreitung erteilt der nächsten die Erlaubnis, und die Macht macht niemals von selbst dort halt, wo das Anständige aufhört, sondern erst dort, wo der Mensch aufhört, ihr zu gehorchen.Václav Havel hat dieses Aufhören in das Bild eines Gemüsehändlers gefasst, der jeden Morgen die vorgeschriebene Parole ins Schaufenster stellt, nicht weil er sie glaubt, sondern weil alle es tun und das Unterlassen Ärger bedeutet. Havel nannte es das Leben in der Lüge und zeigte, dass die ganze Herrschaft zu wanken beginnt, sobald ein Einziger das Schild herausnimmt und beschließt, in der Wahrheit zu leben. Was für den Gemüsehändler gilt, gilt für jede Hand, die dieses Buch gezeigt hat. Der Polizist kann den Schlag zurückhalten, so wie noch der geringste Sachbearbeiter den absurden Bescheid zerreißen kann, statt ihn abzuzeichnen, denn keine Stellung im Apparat, die höchste so wenig wie die niedrigste, hebt diese Freiheit jemals auf. Viktor Frankl, der die Hölle der Lager überlebte, nannte es die letzte der menschlichen Freiheiten, jene Freiheit, die eigene Haltung zu wählen, gleichgültig unter welchem Druck. An sie wendet sich dieses Buch, denn der Apparat besitzt keine Hände, und solange das so bleibt, gehört jede Hand, die ihn vollstreckt, einem Menschen, der auch hätte nein sagen können.9. Der Griff nach dem KindUnter allen Händen, die das vorige Kapitel gezeigt hat, ist eine, bei der wir nur kurz verweilt haben und die doch tiefer schneidet als alle übrigen, die Hand, die nach dem Kind greift. Sie verdient eine eigene Betrachtung, weil sich an ihr das Innerste der Macht offenbart. Die Familie ist der letzte Raum, den keine Herrschaft von sich aus betritt, die letzte Treue, die älter ist als jeder Staat und nicht von ihm verliehen wurde. Eben deshalb ist sie das Gebiet, das jede Macht, die vollständige Fügsamkeit verlangt, am Ende erobern will. Wer die Bindung zwischen Eltern und Kind in der Hand hält, hält den Menschen an seiner empfindlichsten Stelle.Der Gedanke, dass das Kind nicht den Eltern, sondern der Ordnung gehöre, ist so alt wie die Macht selbst. Sparta nahm den Knaben mit sieben Jahren aus dem Haus und übergab ihn der Erziehung des Staates, damit er keinem Vater mehr gehöre, sondern der Stadt. Platon träumte in seinem Entwurf des idealen Gemeinwesens von Wächtern, deren Kinder in Gemeinschaft aufgezogen würden, sodass kein Elternteil das eigene erkenne und alle dem Staat zufielen. Und das Osmanische Reich riss in der Knabenlese über Jahrhunderte christliche Söhne aus den Dörfern, um sie fern der Familie zu seinen treuesten Dienern und Soldaten umzuschmieden. Die Rechnung dahinter war stets dieselbe, dass ein Kind, das die Macht erzieht, der Macht gehört, und dass ein Volk, dem man die Kinder nimmt, sich selbst nicht mehr fortzeugt.In der Neuzeit trug dieser Griff das Gewand der Fürsorge und der Erziehung. In Australien wurden über Generationen Kinder der Ureinwohner ihren Familien entrissen, um sie der Sprache und der Herkunft ihrer Eltern zu entfremden, und in den Internaten Nordamerikas geschah den Kindern indigener Völker dasselbe. In Argentinien nahm die Militärherrschaft den verschwundenen Gegnern ihre Säuglinge fort und gab sie regimetreuen Familien, als ließe sich der Widerstand bis in die nächste Generation hinein auslöschen. In jedem dieser Fälle war das Kind nicht das eigentliche Ziel, sondern das Werkzeug, und die Botschaft an die Lebenden lautete immer gleich, fügt euch, oder wir nehmen euch, was ihr am meisten liebt. Die Strafe am Kind ist die älteste Geiselnahme der Geschichte, und keine Drohung beugt einen Menschen schneller. Wer für seine Überzeugung zu sterben bereit wäre, widerruft sie, um seine Tochter zu retten. Am Kind zerbricht selbst der Tapferste.Man könnte meinen, all dies gehöre den Diktaturen und den vergangenen Zeiten. Doch derselbe Hebel liegt auch in Ordnungen bereit, die sich demokratisch nennen und es ernst meinen, und dort trägt der Zugriff nicht das Gesicht des Soldaten, sondern das des Helfers. Eine Schutzbefugnis, geboren aus der wirklichen und notwendigen Aufgabe, Kinder vor echtem Leid zu bewahren, birgt zugleich das gefährlichste Gefälle, das es gibt, denn der Schutz ist die einzige Rechtfertigung, die sich niemals wie ein Übergriff anfühlt. Wo eine Familie sich zu weit vom herrschenden Narrativ entfernt, wo ihre Überzeugungen, ihre Erziehung, ihre Verweigerung sie als abweichend kennzeichnen, kann der schützende Apparat beginnen, Abweichung als Gefährdung zu lesen, und die Wegnahme des Kindes wird zum stillen Druck, der die Familie wieder in die Reihe biegt. Ich behaupte nicht, dass dies die Regel sei. Ich behaupte, dass der Hebel in Reichweite liegt, und die Geschichte lehrt, dass Hebel in Reichweite am Ende gezogen werden. Es ist jene Tyrannei der Güte, von der bereits die Rede war, nun in ihrer intimsten Gestalt.Der Mitarbeiter, der das Kind forttrüge, ist der reinste Fall der Hand, die sich im Recht fühlt. Er wägt nicht ab, ob er ein Familienglück im Dienst einer Definition zerstört, denn er erlebt sich überhaupt nicht als Zerstörer. Er rettet. Er bewegt sich innerhalb der Vorschrift, unter dem schützenden Dach einer demokratischen Ordnung, und dieses Dach beschirmt nicht nur das Kind, sondern auch sein Gewissen. Es fühlt sich für ihn sogar gut an, weil er dem System dient und das System ihm versichert hat, dass ihm zu dienen heiße, gut zu sein. Hier braucht die Entmenschlichung, die Bandura beschrieb, keinen Funken Hass, es genügt, dass die Familie zum Fall geworden ist, das Kind zur Kennziffer und das Zuhause zur Akte. So wird die wärmste aller menschlichen Bindungen von einem Menschen durchschnitten, der am selben Abend in der Gewissheit nach Hause geht, etwas Gutes getan zu haben. Auch ihm steht jene letzte Freiheit offen, von der dieses Buch spricht. Er könnte sich weigern. Er könnte das Gesicht der Mutter sehen statt des Formulars. Dass er es so selten tut, ist nicht das Werk eines Ungeheuers, sondern der Triumph einer Struktur, die einen anständigen Menschen gelehrt hat, Gehorsam mit Barmherzigkeit zu verwechseln.Dritter Teil — Das Zeugnis der Geschichte10. Geschichte als BeweisBis hierhin war alles Theorie. Ein Mechanismus, der nur beschrieben wird, bleibt eine Behauptung, mag sie noch so plausibel klingen. Erst die Geschichte verwandelt die Behauptung in einen Befund, denn sie ist das einzige Laboratorium, in dem sich nachprüfen lässt, wozu der Mensch wirklich fähig wird, sobald die Hemmung fällt, die Belohnung lockt und die Verantwortung an einen Befehl abgegeben ist. Was die vorigen Kapitel an Polizist, Richter und Beamtem beschrieben haben, hat die Macht im Maßstab ganzer Völker längst vollzogen. Wer prüfen will, ob dieses Buch übertreibt, muss nur zurückblicken.Es gibt ein Beispiel, nach dem in Texten wie diesem beinahe reflexhaft gegriffen wird, und gerade deshalb übergehe ich es. Die deutsche Katastrophe des vergangenen Jahrhunderts ist so oft beschworen worden, dass ihre Beschwörung selbst zur Beruhigung geworden ist. Wer auf sie zeigt, darf sich für einen Augenblick auf der sicheren Seite fühlen, als läge das Grauen sauber hinter einem Datum und einer Grenze, eingeschlossen in ein bestimmtes Volk und eine abgeschlossene Zeit. Genau diese Beruhigung verweigere ich. Denn der Mechanismus, um den es hier geht, ist weder deutsch noch ist er vergangen. Er ist so alt wie die ersten Throne und so jung wie die letzte Verordnung. Um das zu zeigen, brauche ich keine einzige Uniform jenes Regimes, das ohnehin jeder vor Augen hat, sondern die Pyramide, den römischen Palast, das sowjetische Aktenzimmer, den chinesischen Schulhof und das kambodschanische Reisfeld.11. Der lebende GottÄgypten und die Erfindung der vollkommenen UnterwerfungWenn man nach dem Ursprung des Mechanismus sucht, der dieses Buch durchzieht, führt keine Spur weiter zurück und keine tiefer als an die Ufer des Nils. Dort wurde vor mehr als viertausend Jahren die vollkommenste Form der Unterwerfung errichtet, die der Mensch je hervorgebracht hat, so lückenlos, so erbarmungslos und zugleich so vollständig getarnt, dass alle späteren Herrscher von ihr nur noch blasse Abschriften anfertigten. Ägypten ist deshalb nicht ein Beispiel unter mehreren. Es ist die Urform, an der jedes weitere Kapitel dieses Buches gemessen werden muss, die Blaupause der Knechtschaft selbst.Der Pharao war kein König, der über Menschen gebot, sondern ein Gott, der unter ihnen wandelte, Sohn des Ra, lebendiges Abbild des Horus, alleiniger Garant einer Weltordnung, die mit ihm stand und fiel. Darin lag der teuflischste Schachzug, den die Geschichte der Macht kennt. Wer einem gewöhnlichen Tyrannen gehorcht, beugt sich einem Stärkeren und weiß im Innersten, dass auch der Stärkere sterblich ist, dass er stürzen, bluten und verrecken kann wie jeder andere. Wer aber einem Gott gehorcht, beugt sich der Schöpfung selbst, und ihm bleibt nicht einmal mehr der Gedanke der Auflehnung, denn jeder Widerspruch wird dann zur Gotteslästerung und jede Empörung zum Wahnsinn. Hier vollendet sich, was die Psychologie dieses Buches im Kleinen beschreibt. Die Vergöttlichung des Herrschers ist die äußerste Rechtfertigung und die endgültige Alternativlosigkeit, denn gegen einen Gott lässt sich kein Urteil mehr setzen. Die Hemmung wird nicht überwunden, man lässt sie gar nicht erst entstehen.Man hat lange darüber gestritten, ob die Hände, die seine Pyramiden auftürmten, Sklaven gehörten oder ausgehobenen und notdürftig versorgten Arbeitern, und dieser Streit ist eine Ablenkung, beinahe eine Beleidigung der Toten. Denn ob mit Eisen am Bein oder ohne, der Frondienst zermalmte Leiber zu Zehntausenden. Männer schleppten Steinblöcke, schwerer als ihr ganzes Geschlecht, durch eine Hitze, die das Blut zum Sieden brachte, bis ihnen die Wirbel barsten, die Sehnen rissen und die Lungen aufgaben, und für jeden, den die Last zerquetschte, trat am nächsten Morgen ein anderer an dieselbe Stelle, als wäre nichts geschehen. Und doch ist die zerschundene Schulter nicht das Eigentliche. Die furchtbarste Knechtschaft braucht überhaupt keine Kette. Wem man das Eisen anschlägt, der weiß wenigstens, dass er unfrei ist, und in diesem Wissen glimmt der Funke des Aufstands fort. Wer dagegen seinen Schinder für einen Gott hält, hat die Fessel so tief verschluckt, dass sie ihm als Frömmigkeit erscheint, und er bewacht sich selbst. Er braucht keinen Aufseher mehr, weil er ihn in die eigene Seele aufgenommen hat. Das ist die letzte und gründlichste Versklavung, eine Knechtschaft, die ihre Opfer dazu bringt, die eigene Kette zu küssen, und Ägypten hat sie zur Vollendung getrieben. Was am Fußgelenk fehlte, saß im Kopf, und der Kopf ließ sich nicht abstreifen.Der Preis war so ungeheuerlich, dass er sich kaum in Worte fassen lässt, und er wurde dennoch widerspruchslos entrichtet. Hunderttausende verbrannten ihr einziges, kurzes Leben dafür, einem einzigen Sterblichen ein Grabmal zu errichten, das größer war als ihre Städte und dauerhafter als ihr ganzes Volk, und sie taten es nicht allein unter dem Stock, sondern aus der eingepflanzten Gewissheit, an etwas Heiligem mitzuwirken. Man muss sich die ganze Obszönität dieser Rechnung vor Augen führen. Ganze Geschlechter, geboren, geschunden und verscharrt, dienten der Eitelkeit eines Mannes, der ihnen versichert hatte, ein Gott zu sein, und der ihre Knochen in sein Fundament verbaute, ohne dass auch nur einer von ihnen den eigenen Namen in den Stein hätte ritzen dürfen. Verwaltet wurde dieses Verbrechen von einer Priesterschaft, der ersten großen Bürokratie der Geschichte, die das Heilige in Listen, Riten und Abgaben übersetzte und so jenes stille Heer der Schreiber und Aufseher vorwegnahm, das vier Jahrtausende später noch immer vollstreckt, was eine Macht verfügt. Auch hier handelte nicht der Gott, sondern die Hand. Der Aufseher mit der Peitsche war ein Mensch wie jene, die er antrieb, getrennt vom Sachbearbeiter unserer Tage durch viertausend Jahre und durch keinen einzigen Schritt der Seele.Von all dem blieb am Ende nichts als Stein. Percy Shelley hat dem mächtigsten dieser Götterkönige, dem Ramses, den die Griechen Ozymandias nannten, das vernichtendste Denkmal gesetzt, das je ein Dichter einem Tyrannen widmete, indem er ein zerborstenes Standbild in der Wüste beschrieb, auf dessen Sockel noch immer die Worte prahlen: Mein Name ist Ozymandias, König der Könige, seht meine Werke, ihr Mächtigen, und verzweifelt. Um die Trümmer herum aber dehnt sich nichts als kahler, endloser Sand. Das ist das ganze Erbe der Gottkönige. Berge von Toten, ein zerbrochenes Gesicht im Staub und eine prahlerische Inschrift, über die der Wind hinwegpfeift. Und doch hat jedes Reich, das nach Ägypten kam, denselben Handel von neuem geschlossen und nur den Namen des Gottes ausgetauscht. An die Stelle des Pharao trat der Kaiser, später sprach dieselbe Anmaßung aus der Nation, dann aus der Partei und zuletzt aus dem bloßen Gesetz, doch der Griff nach der Seele, die Verwandlung der Schinderei in geheiligte Pflicht, blieb unverändert. Wer dieses erste Kapitel der Macht begriffen hat, erkennt jedes folgende auf den ersten Blick wieder.12. Mögen sie hassenRom, die Furcht als Werkzeug und die Erfindung des SchuldigenTausend Jahre und ein Meer entfernt saß ein Mensch auf einem Thron, der sich keiner Gottheit mehr verdankte, sondern nur noch der nackten Gewalt und der Kunst, geliebt zu werden, während man fürchtete. Nero war kein Ungeheuer von Geburt, er war ein Schauspieler, eitel, begabt, vom Beifall abhängig wie ein Süchtiger von seiner Droge. Gerade darin liegt seine Lehre. Die Tyrannei braucht keine Bestie, sie kommt am liebsten im Gewand des Künstlers und des Charmeurs, der das Publikum für sich gewinnt, ehe es begreift, dass es selbst die nächste Rolle in seinem Stück ist.Die Römer kannten einen Vers des alten Tragikers Accius, der zum heimlichen Wahlspruch ihrer schlimmsten Herrscher wurde. Oderint dum metuant, mögen sie mich hassen, solange sie mich fürchten. In diesem Satz ist die ganze Psychologie der entgleisten Macht zusammengezogen. Wer einmal entdeckt hat, dass Furcht zuverlässiger gehorcht als Zuneigung, pflegt die Furcht wie ein Gärtner seine giftigste Pflanze. Sueton berichtet, dass Nero, als jemand die Zeile sprach, nach seinem Tod möge die Erde im Feuer vergehen, gelassen erwiderte, nein, lieber solange ich noch lebe. Wenig später brannte Rom.Was dann geschah, ist die älteste Bewegung des Machtmissbrauchs überhaupt. Der Brand, an dem das Volk ihn verdächtigte, wurde nicht eingestanden, sondern umgelenkt. Nero brauchte einen Schuldigen, und Tacitus hat festgehalten, wie er ihn fand, indem er eine kleine, ohnehin verhasste Gruppe, die Christen, mit ausgesuchter Grausamkeit für das Unglück büßen ließ. So entstand das Feindbild, jenes Werkzeug, das seither jede Herrschaft benutzt, wenn ihr eigenes Versagen sichtbar zu werden droht. Doch Nero hätte ohne seine Hände nichts vermocht. Hinter ihm stand die Prätorianergarde, die tötete, wen er bezeichnete, und um ihn wimmelte das Heer der Denunzianten, gewöhnlicher Bürger, die ihre Nachbarn anzeigten, weil die Anzeige sich auszahlte. Der Senat, voll gebildeter Männer, die jedes Verbrechen kannten, applaudierte. Nicht der Wahnsinn eines Einzelnen hielt diese Herrschaft am Leben, sondern die Bereitwilligkeit Tausender, mitzumachen, solange es Vorteil brachte und das Schweigen das eigene Leben rettete.13. Die StatistikDie Sowjetunion und die Verwaltung des TodesDie Neuzeit hat die Furcht industrialisiert. Was Nero noch mit eigener Hand und persönlicher Laune betrieb, verwandelte das zwanzigste Jahrhundert in Verwaltung, in Plan, in Quote. Unter Stalin wurde der Terror buchhalterisch. Die Vernichtung von Menschen folgte Zielvorgaben wie eine Ernte. Es gab Listen, Kontingente, festgelegte Zahlen für Verhaftungen, und der Beamte, der sein Soll übertraf, wurde befördert, während der zögerte, selbst auf der nächsten Liste landete. Hier reift die schrittweise Distanzierung zu ihrer kältesten Vollendung, denn wo das Töten zur Akte wird, braucht der Tötende kein Gesicht mehr zu sehen.Zuerst kam der Hunger. Die erzwungene Kollektivierung der Landwirtschaft trieb Millionen in eine Katastrophe, die im ukrainischen Holodomor ihren furchtbarsten Ausdruck fand, einer Hungersnot, die nicht der Himmel schickte, sondern der Apparat verhängte. Dann kam der Große Terror, jene Jahre, in denen das Land sich selbst verschlang, in denen Geständnisse erfoltert und in Schauprozessen verlesen wurden, in denen Angeklagte unter dem Beifall der Versammelten den eigenen Tod beantragten. Der Nachwelt ist ein Satz überliefert, den sie Stalin in den Mund gelegt hat, ob mit Recht oder nicht. Ein einzelner Tod sei eine Tragödie, eine Million Tote aber eine Statistik. Selbst als bloße Legende trifft dieser Satz den Kern der Desensibilisierung. Das einzelne Gesicht erschüttert, die nackte Zahl betäubt, und genau das ist der Zweck der Sprache, die aus Menschen Einheiten macht und aus Mord eine Maßnahme.Solschenizyn, der den Archipel der Lager von innen überlebte, hat die bequemste aller Lügen zerstört, die Lüge nämlich, das Böse hause stets woanders, in den anderen. Die Linie zwischen Gut und Böse verläuft mitten durch das Herz jedes Menschen, schrieb er, und er erkannte zugleich, was das Massenverbrechen erst möglich macht. Nicht der Sadist richtet die Millionen, sondern der Überzeugte, der Mensch mit einer Idee, die ihm das Töten als Pflicht und als geschichtliche Notwendigkeit erklärt. Wo der gewöhnliche Verbrecher noch zögert, weil ein Rest Gewissen mahnt, handelt der Ideologe ruhig und ausgeschlafen, denn er hält sich für gerecht. Die Ideologie ist das Betäubungsmittel, das die Hemmung dort auflöst, wo selbst die Gewohnheit noch stockt.14. Die Revolution frisst ihre KinderChina und die Bewaffnung der JugendIm Osten trug dieselbe Maschine ein anderes Gesicht. Mao Zedong wusste, woraus Herrschaft in letzter Instanz besteht, und sprach es mit einer Offenheit aus, die der Westen sich selten gestattet. Die politische Macht, sagte er, komme aus den Gewehrläufen. Und jene, die den Umsturz für ein höfliches Unternehmen hielten, belehrte er mit dem Satz, eine Revolution sei kein Festbankett. Wer die Sprache der Macht so klar beherrscht, lügt nicht über ihr Wesen, er feiert es. Die Ehrlichkeit des Tyrannen ist keine Tugend, sie ist nur die Sicherheit dessen, der keinen Widerspruch mehr fürchtet.Der Große Sprung nach vorn, mit dem Mao ein Land über Nacht in die Zukunft zwingen wollte, stürzte es in eine Hungersnot, die zu den größten der gesamten Menschheitsgeschichte zählt. Doch das eigentliche Lehrstück lieferte die Kulturrevolution. Denn hier zeigte sich mit einer Deutlichkeit, vor der man zurückweicht, dass die Hände, die folterten, demütigten und erschlugen, nicht einer fremden Soldateska gehörten, sondern den eigenen Kindern. Mao bewaffnete die Jugend, nannte sie Rote Garden und schickte sie gegen die Lehrer, die Eltern, die Älteren, gegen jeden, der nach altem Wissen und nach eigenem Urteil roch.Hier liegt die Antwort auf die Frage, wozu der Mensch bereit ist, in ihrer frostigsten Gestalt. Es bedarf keiner Berufsverbrecher. Es genügt, einem heranwachsenden Menschen einzureden, er sei auserwählt, sein Hass sei Tugend und seine Grausamkeit der Atem der Geschichte. Die Denunziation des eigenen Vaters wurde zum Beweis der Treue, der Verrat zur Pflicht, das Mitleid zum Verbrechen. Wer begreifen will, wie schnell die zarteste Erziehung sich in ihr Gegenteil verkehrt, sobald eine Macht es befiehlt und belohnt, muss nur auf diese Jahre blicken. Das Kind mit der roten Armbinde ist die furchtbarste aller Hände, weil niemand ihm zugetraut hätte, eine zu sein.15. Das Jahr NullKambodscha und die reinste Gestalt des MechanismusUnd dann gibt es einen Ort, an dem der Mechanismus seine unverdünnteste Gestalt annahm, als hätte jemand alle Tarnungen abgestreift, um das nackte Prinzip zu zeigen. In Kambodscha erklärten die Roten Khmer unter Pol Pot das Jahr 1975 zum Jahr Null. Die Zeit selbst sollte von vorn beginnen, die Geschichte gelöscht, der Mensch neu gegossen werden. Wo eine Macht die Zeit auf null stellt, hat sie sich vorgenommen, alles auszulöschen, was vor ihr lag, und das Erste, was sie auslöscht, ist der Mensch, der sich noch erinnert.Die Städte wurden binnen Tagen geräumt, ihre Bewohner aufs Land getrieben, in eine Knechtschaft der Reisfelder, die kein Pharao sich auszudenken gewagt hätte. Wer eine Brille trug, war verdächtig, denn die Brille verriet den Leser, und der Leser verriet das Denken. Lehrer, Ärzte, Mönche, jeder, dessen Geist sich nicht restlos einschmelzen ließ, wurde zum Feind erklärt. Im Foltergefängnis, das die Verwaltung schlicht S 21 nannte, wurden die Opfer vor ihrer Ermordung sorgfältig fotografiert und protokolliert, denn auch das Töten hatte hier seine Aktenführung und seinen geordneten Dienstweg.Über allem stand ein Satz, der die gesamte Psychologie der Entmenschlichung in eine einzige Formel presst. Dich zu behalten ist kein Gewinn, dich zu beseitigen kein Verlust. Wer einen Menschen so beschreiben kann, hat ihn bereits getötet, lange bevor die Hand sich hebt, denn er hat ihm jene Anerkennung als Mensch entzogen, von der die Psychologie der moralischen Entkopplung spricht. Und wieder waren die Vollstrecker keine Dämonen, sondern Halbwüchsige vom Land, kaum dem Kindesalter entwachsen, denen man eingeredet hatte, das Mitleid sei eine Krankheit der alten Welt. So schließt Kambodscha den Bogen zurück nach China, und beide schließen ihn zurück zu jedem von uns.16. Wozu der Mensch bereit istDie Summe der Reiche und die Rückkehr in unsere GegenwartFünf Reiche, die Jahrtausende, fremde Sprachen und einander unbekannte Götter voneinander trennten, und doch folgten sie demselben Bauplan. An der Spitze stand jeweils ein Mensch oder eine kleine Gruppe, die den eigenen Willen zum Gesetz der Welt erklärte. Darunter wurde ein Feindbild errichtet, an dem die Wut des Volkes sich entlud, statt nach oben zu schlagen, und eine Sprache geprägt, die aus Menschen erst Fälle und Zahlen und am Ende Schädlinge machte. Getragen aber wurde jedes dieser Reiche, ohne eine einzige Ausnahme, von einem Heer gewöhnlicher Hände, das vollstreckte, was oben beschlossen war.Dies ist die unbequemste Erkenntnis dieses Buches, und keine Sonderlage kann sie entkräften. Die Mörder der Geschichte waren in ihrer überwältigenden Mehrheit keine Wahnsinnigen. Das Stanford-Gefängnis-Experiment führte im Kleinen vor, was die Geschichte im Maßstab ganzer Völker zeigt, dass aus ganz gewöhnlichen Menschen binnen Tagen Peiniger werden, sobald eine Lage ihnen Macht über andere gibt und die Schuld an eine Rolle abtreten lässt. Der Henker braucht keinen Hass. Lord Acton hat das Gesetz, dem all diese Reiche folgten, in einen Satz gefasst. Macht neigt dazu zu korrumpieren, und absolute Macht korrumpiert absolut. Doch er fügte eine Beobachtung hinzu, die noch tiefer schneidet, dass die großen Männer fast immer schlechte Männer seien. Nicht das Monster sollte uns also schrecken, sondern der Umstand, dass die Macht das Monster gar nicht benötigt. Sie benötigt nur den pflichtbewussten Nachbarn, den korrekten Sachbearbeiter, den Mann, der seinen Dienst tut und abends nichts Böses getan zu haben glaubt.Hier schließt sich der Kreis zu unserer eigenen Gegenwart, zu jenen Strukturen, die sich demokratisch nennen und es vielleicht noch sind. Denn nichts an dem beschriebenen Mechanismus setzt eine Diktatur voraus. Er setzt allein voraus, dass Menschen aufhören, die eigene Hand als ihre eigene zu begreifen. Es genügt, dass der Polizist die Anordnung für ein Alibi hält, dass der Richter sich hinter dem Paragraphen verbirgt, dass der Beamte eine Existenz in unschuldige Teilschritte zerlegt und der Helfer seine Härte für Fürsorge nimmt. In genau dem Maße, in dem sie zu gehorchen bereit sind, ohne zu fragen, sind sie die Aufseher und Prätorianer, die Listenführer und Roten Garden unserer eigenen Zeit geworden. Die Geschichte beweist nicht, dass wir besser geworden sind, sie beweist nur, dass der Mensch derselbe geblieben ist. Was uns von den Vollstreckern der Vergangenheit trennt, ist kein edleres Herz, sondern allein der Umstand, dass man uns den entsprechenden Befehl noch nicht erteilt hat.Vierter Teil — Die Verantwortung17. Die Verwechslung von Erfolg und RechtAm Ende dieses Weges steht eine einzige, unscheinbare Verwechslung, aus der sich alles Übrige speist. Im menschlichen Denken vermischen sich Erfolg und sittliche Richtigkeit beinahe von selbst. Was funktioniert, gilt rasch als legitim, und wer durchsetzt, was er will, erscheint im Rückblick als der, dem das Recht ohnehin gehörte. Doch die Wirksamkeit einer Methode sagt nichts über ihre Gerechtigkeit aus. Dass eine Herrschaft sich behauptet, ihre Gegner zermürbt und ihre Ziele erreicht, beweist allein, dass sie mächtig ist, niemals, dass sie im Recht war. Genau an dieser Stelle beginnt die Verantwortung einer Gesellschaft, die Macht nicht nach ihrem Erfolg zu bemessen, sondern nach dem Preis, den andere für diesen Erfolg entrichten.Das ist der Grund, weshalb dieses Buch von Demokratie spricht und nicht allein von Tyrannei. Die fünf Reiche der Geschichte führen den Mechanismus in seiner grellen, unbestreitbaren Form vor, doch keiner seiner Bestandteile setzt eine Diktatur voraus. Die Belohnung des Übergriffs, die Erosion der Hemmung, der Reiz der Verfügung über andere, die Rationalisierung und die Hand, die sich für ein bloßes Werkzeug hält, wirken in jeder Ordnung, in der Menschen Macht über Menschen ausüben. Eine Demokratie ist gegen dieses Wirken nicht immun. Sie besitzt nur eine Vorrichtung, die kein Pharao und kein Kaiser duldete, nämlich das eingebaute Recht, die Macht zu befragen, sie zu begrenzen und sie zur Rechenschaft zu ziehen. Dieses Recht ist kein Besitz, der ein für alle Mal gesichert wäre. Es ist eine Übung, die verkümmert, sobald sie nicht mehr vollzogen wird.Deshalb verschiebt sich die entscheidende Frage am Schluss vom System auf den Einzelnen. Eine Herrschaft besteht nur so lange, wie genügend Menschen bereit sind, ihre Mechanismen zu tragen, denn Gesetze werden von Menschen vollzogen und Gewalt wird von Menschen ausgeübt. Die Macht hat keine Hände als die unseren. Wer das begriffen hat, kann sich nicht länger hinter dem Apparat verstecken, denn der Apparat ist nur die Summe derer, die ihn bedienen. Die Vorschrift gilt allein, weil jemand sie vollzieht, der Befehl wirkt nur durch den, der ihn ausführt, und selbst die Mehrheit entlastet niemanden, weil keine von ihnen die Hand hebt, die handelt. Die letzte und unentziehbare Grenze des Machtmissbrauchs verläuft nicht durch Verfassungen und nicht durch Gerichte, sondern durch das Gewissen jedes Menschen, der gefragt wird, ob er mitmacht. Sie zu verteidigen verlangt keine Heldentat, sondern eine einzige, schwere Bereitschaft. Die eigene Hand zurückzuhalten, bevor ein anderer sie führt, und den Erfolg niemals mit dem Recht zu verwechseln.Schlusswort: Kein Titel spricht dich freiDieses Buch hat keinen Schurken vorgeführt, den man verachten und dann vergessen könnte, sondern einen Mechanismus, der in jedem Menschen dieselbe Tür findet. Es wäre der bequemste Schluss, das Gelesene für einen Bericht über andere zu halten, über die Mächtigen und die längst Verstorbenen, und sich selbst aus der Rechnung zu streichen. Doch wer so liest, hat nichts begriffen, denn die einzige redliche Art, dieses Buch zu beenden, besteht darin, den Blick von den Tätern der Geschichte auf die eigene Hand zu wenden und sich zu fragen, wozu man selbst bereit wäre, wenn man gefragt würde und niemand widerspräche.Niemand sollte sich in der Gewissheit wiegen, das Beschriebene gehöre einer abgeschlossenen Zeit an. Die Geschichte kehrt nicht im selben Gewand zurück, doch ihre Muster reimen sich, und sie reimen sich am leisesten dort, wo ein Mensch sich für aufgeklärt genug hält, um gegen sie gefeit zu sein. Eine Ordnung, die sich frei nennt, hebt den alten Mechanismus nicht auf, sie verbirgt ihn nur sorgfältiger, indem sie ihm das Vokabular der Vernunft und des Gemeinwohls leiht. Wer wachsam bleiben will, misstraut deshalb nicht zuerst dem offenen Zwang, sondern der freundlichen Selbstverständlichkeit, mit der man ihn auffordert, das Übliche zu tun und nicht weiter zu fragen. Vor allem aber soll dieses Buch eine einzige Zuflucht versperren, die bequemste von allen. Es ist die Vorstellung, ein Titel könne die Verantwortung tragen, die in Wahrheit nur ein Mensch zu tragen vermag. Ein Rang ist ein Kleid, das man anlegt und wieder ablegt, eine Position nur ein Ort, an dem man eine Weile steht, doch die Hand, die unter diesem Kleid handelt, gehört keinem Amt, sondern dem Menschen, der in ihm steckt. Die Rolle, in die ein Mensch schlüpft, mag ihm einreden, nicht er selbst, sondern das Amt handle, doch das ist keine wirkliche Übertragung der Urheberschaft, sondern eine Selbsttäuschung, die das Gewissen betäubt, ohne die Tat im Geringsten zu verändern. Der Mensch fühlt sich entlastet, und gerade darin liegt die Gefahr, denn entlastet ist er nicht.Denn kein Titel hat je eine Tat in ihr Gegenteil verkehrt. Wer raubt, bleibt ein Räuber, auch wenn ein Siegel den Raub beglaubigt, und wer ein Kind aus den Armen seiner Mutter trägt, bleibt der, der es tat, auch wenn er sich dabei einen Helfer nennt. Das Amt verleiht der Tat die Form der Rechtmäßigkeit, niemals ihre Unschuld, und an dem Tag, an dem niemand mehr danach fragt, ob das Erlaubte auch gerecht war, schrumpft der Abstand zwischen dem Vollstrecker und dem Verbrecher zu einem bloßen Unterschied der Beleuchtung. Wer das vergisst, wird zum Werkzeug, lange bevor er es bemerkt, und reicht eine Schuld weiter, die am Ende dennoch an seiner eigenen Hand klebt.Deshalb endet dieses Buch nicht mit einer Forderung an die Mächtigen, sondern mit einer Bitte an den, der ausführt. Halte inne, ehe du tust, was man von dir verlangt, und frage nicht, ob es angeordnet, sondern ob es richtig ist, und gib dich nicht mit der ersten Antwort zufrieden, die dich beruhigt. In diesem kurzen Innehalten, in dem schmalen Augenblick zwischen dem Befehl und der Bewegung, liegt jene letzte Freiheit, die kein Apparat dir je nehmen kann, die Freiheit, die eigene Haltung selbst zu wählen. Sie zu gebrauchen verlangt keinen Heldenmut, sondern allein die Bereitschaft, die Verantwortung nicht weiterzureichen. Nichts an der Macht ist unausweichlich, solange ein einziger Mensch sich weigert, ihre Hand zu sein, und alle Veränderung beginnt mit dem schlichten Entschluss, die eigene Hand nicht länger für die eines anderen zu halten.Impressum© 2026 Dawid Snowden. Alle Rechte liegen beim Autor und Rechteinhaber.Autor: Dawid SnowdenE-Mail: dawid.snowden@protonmail.comWebseite: dawidsnowden.comNutzungshinweis: Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Der Autor gibt es jedoch ausdrücklich zur freien Nutzung frei. Es darf vollständig oder in Teilen genutzt, vervielfältigt, weitergegeben und verwendet werden.

16.06.2026 45 min 360 1
Brot und Spiele
Brot und Spiele

Panem et CircensesEine Anatomie der freiwilligen Knechtschaftvon Dawid SnowdenVorwortDie Geschichte wird den Menschen gewöhnlich als eine Abfolge von Ereignissen erzählt, als eine Kette aus Kriegen, Reichen, Herrschern und Revolutionen, in der eine Ordnung die nächste ablöst und jede neue Epoche sich für den Bruch mit allem Bisherigen hält. Die Namen, die Fahnen und die Sprachen wechseln, während über all diesem Wandel der beruhigende Eindruck entsteht, die Welt bewege sich unaufhörlich voran. Doch wer genauer hinsieht, erkennt schnell, dass sich weit weniger verändert hat, als die Menschen zu glauben bereit sind.Gesellschaften gleichen weniger einer aufsteigenden Linie als einem Theaterstück, dessen Bühnenbild man regelmäßig austauscht, während die Rollen und die Mechanismen dieselben bleiben. Der Mensch der Antike unterschied sich von dem der Gegenwart durch seine Kleidung, seine Werkzeuge und seine technischen Möglichkeiten, niemals jedoch in seinem Inneren. Seine Hoffnungen und Ängste, seine Sehnsucht nach Sicherheit, seine Neigung zur Ablenkung und seine Bereitschaft, Verantwortung gegen Bequemlichkeit einzutauschen, sind dieselben geblieben. Was sich gewandelt hat, ist die Kulisse. Was geblieben ist, ist der Mensch.Als der römische Dichter Juvenal vor beinahe zweitausend Jahren die Worte panem et circenses niederschrieb, beschrieb er nicht bloß eine Besonderheit seines untergehenden Reiches, sondern eine Beobachtung über die menschliche Natur selbst. Das Brot stand für Versorgung und Sicherheit, die Spiele für Unterhaltung und Ablenkung, und auf diesen beiden Säulen ruhte nach seinem Urteil die Ruhe großer Gesellschaften, ein Befund, der bis heute nichts von seiner Schärfe verloren hat. Brot und Spiele sind keine historischen Institutionen, die man in Museen besichtigen könnte. Sie sind Prinzipien, und Prinzipien überdauern jede Mode, jede Technik und jede politische Form.Dieses Buch will deshalb nicht die Vergangenheit erklären, sondern die Gegenwart sichtbar machen und mit ihr die gesellschaftlichen Probleme, die aus dieser Mechanik der Ablenkung erwachsen. Es will dem Leser einen Spiegel vorhalten, in dem er nicht das ferne Rom erkennt, sondern sein eigenes Leben, seine eigenen Gewohnheiten und den eigenen Rausch, in dem er festhängt, ohne ihn je als solchen wahrgenommen zu haben.Kapitel 1 — Die ewige Architektur der MachtJede Gesellschaft steht vor demselben grundlegenden Problem, nämlich der Frage, wie sich Millionen von Menschen mit unterschiedlichen Wünschen, Interessen und Vorstellungen so ordnen lassen, dass aus ihrem Nebeneinander kein dauerhafter Krieg entsteht. Die gewöhnliche Antwort lautet, man regiere durch Gesetze, und doch reichen Gesetze allein niemals aus, weil kein Staat der Welt seine Bevölkerung dauerhaft durch Zwang allein beherrschen könnte. Die Kosten wären zu hoch, die Konflikte unaufhörlich und die Stabilität gering. Eine Ordnung, die ausschließlich auf Gewalt beruht, verbraucht sich selbst.Deshalb ruht jede dauerhafte Herrschaft auf etwas, das mächtiger ist als jede Waffe, nämlich auf Zustimmung. Die eigentliche Kunst des Regierens bestand zu keiner Zeit darin, Menschen zu unterwerfen, sondern darin, sie dazu zu bringen, sich freiwillig zu unterwerfen, und zwar nicht durch Drohung, sondern durch Identifikation, Gewöhnung, Beschäftigung, Versorgung und die behutsam gepflegte Hoffnung, es könne morgen ein wenig besser werden als heute. Wer dieses Spiel beherrscht, braucht die Peitsche kaum noch, weil der Beherrschte seine Ketten für Bequemlichkeit hält.Doch die feinste Kunst der Herrschaft reicht noch tiefer, denn sie begnügt sich nicht damit, den Menschen zufriedenzustellen, sondern macht ihn im übertragenen Sinne süchtig. Sie verwandelt Versorgung, Unterhaltung und Bequemlichkeit in einen sanften, alltäglichen Rausch, nach dem der Beherrschte aus eigenem Antrieb verlangt. Wer aber erst einmal abhängig geworden ist, kennt fortan eine neue Furcht, nämlich die Angst, das Ersehnte wieder zu verlieren, und diese Angst schmiedet eine Kette, die fester hält als jedes Eisen, weil der Mensch sie sich selbst um das Herz legt. So verbinden sich die Sucht und die freiwillige Unterwerfung zu einem einzigen Elixier, dessen eine Hälfte den Menschen nach dem Rausch greifen lässt, während die andere ihn die Hand verteidigen heißt, die ihn reicht. Wieder und wieder greift er nach der Droge, hält dieses Greifen für seinen freien Willen und schützt am Ende sogar jene Ordnung, die ihn süchtig gemacht hat. Darin liegt die vollendete Gestalt der Herrschaft, denn sie muss niemanden mehr zwingen, der sich selbst nicht mehr loszulassen vermag.Bereits das alte Rom hatte dieses Prinzip durchschaut und in eine Formel gegossen, die seither nachhallt. Die Menschen sollten satt sein, und sie sollten beschäftigt sein, nicht weil Nahrung oder Unterhaltung an sich verwerflich wären, sondern weil beide zusammen eine politische Wirkung entfalten, die keine Armee ersetzen könnte. Wer satt ist, rebelliert seltener, wer beschäftigt ist, hinterfragt seltener, und wer permanent emotional gebunden bleibt, entwickelt kaum noch Interesse an den abstrakten Fragen der Macht. So entstand jene Architektur, die ihre Tragfähigkeit über zwei Jahrtausende bewiesen hat, und ihre Pfeiler heißen noch immer Brot und Spiele.Kapitel 2 — Das BrotDas Brot ist der einfachere Teil der Formel, denn es spricht ein Bedürfnis an, das nicht politisch, sondern biologisch ist. Der Mensch braucht Nahrung, Schutz, Unterkunft und Sicherheit, und jede Macht, die diese elementaren Bedürfnisse befriedigt, gewinnt damit einen Einfluss, den keine Predigt und keine Ideologie je erreichen könnten. Im alten Rom geschah dies durch die Getreideverteilungen, mit denen Hunderttausende Bürger versorgt wurden, und diese Versorgung beruhigte die Stadt, dämpfte ihre Spannungen, erzeugte Loyalität und schuf zugleich eine Abhängigkeit, die niemand als Fessel empfand, weil sie sich als Wohltat darbot.Die Form hat sich seither gewandelt, die Funktion jedoch keineswegs. Das moderne Brot besteht längst nicht mehr nur aus Nahrung, sondern aus Einkommen, Konsum, Sozialleistungen, Kredit und der wirtschaftlichen Gewissheit, morgen noch leben zu können wie heute. Es trägt tausend Gesichter und verteilt sich über tausend Kanäle, und gerade diese Vielfalt verschleiert, dass es im Kern dasselbe leistet wie die Getreidegabe der Kaiser. Es bindet den Menschen an die bestehende Ordnung, oft ohne jeden Zwang, weil die bloße Gewohnheit der Versorgung genügt, um den Gedanken an einen anderen Zustand gar nicht erst aufkommen zu lassen.Darin liegt die stille Genialität des Brotes. Es muss den Menschen nicht zwingen, denn es macht ihn satt und damit träge, es nimmt ihm die Not und mit der Not auch den Antrieb, die Verhältnisse zu befragen, die ihn ernähren. Wer fürchtet, das Brot zu verlieren, verteidigt die Hand, die es reicht, selbst dann, wenn dieselbe Hand ihm zugleich die Freiheit entzieht. So wird die Versorgung zum unsichtbaren Vertrag, den niemand unterschrieben hat und dem dennoch fast alle gehorchen.Kapitel 3 — Die SpieleWährend das Brot den Körper versorgt, beschäftigen die Spiele den Geist, und der Geist verlangt nach Beschäftigung mit einer Beharrlichkeit, die das Brot fast übertrifft. Der Mensch ist nicht dafür geschaffen, ununterbrochen über die großen Fragen seiner Existenz nachzudenken, er sucht Zerstreuung, Geschichten, Spannung, Helden und Feinde, er sucht ein Drama, in das er eintreten und in dem er die Last des eigenen Lebens für einige Stunden ablegen kann. Die Arena des alten Rom lieferte all dies in ihrer rohesten Gestalt, und die Gegenwart liefert es in tausend verfeinerten Formen.Im antiken Rom kämpften Gladiatoren, heute treten andere Figuren an ihre Stelle, Sportler, Prominente, Influencer, Politiker und Unternehmer, doch die psychologische Struktur dahinter ist unverändert geblieben. Die Arena bietet eine Ersatzwirklichkeit, die heller leuchtet als das eigene Dasein und in der die Probleme des Alltags für eine Weile verblassen. Der Mensch tritt ein, vergisst sich selbst und kehrt am Ende beruhigt zurück, ohne bemerkt zu haben, dass seine Aufmerksamkeit in eben jenen Stunden gebunden war, in denen sie sich auch dem eigenen Leben hätte zuwenden können.Genau darin liegt die gesellschaftliche Bedeutung des Spiels, und genau darin liegt seine Gefahr. Es schadet niemandem unmittelbar, es wirkt harmlos, ja erholsam, und gerade diese Unschuld macht es so wirksam. Niemand verbietet die Zerstreuung, niemand muss sie verbieten, denn sie erfüllt ihren Zweck am besten dort, wo sie freiwillig gesucht wird. Ein Mensch, den man zur Ablenkung zwingen müsste, wäre kein gutes Werkzeug. Ein Mensch hingegen, der die eigene Ablenkung begehrt, sie verteidigt und sie für ein Stück Freiheit hält, ist die vollendete Form des freiwillig Beherrschten.Kapitel 4 — Die Aufmerksamkeit als WährungDie moderne Welt spricht ohne Unterlass über das Geld und übersieht dabei, dass Geld längst nicht die knappste Ressource ist. Knapper als jedes Vermögen ist die Aufmerksamkeit, denn von ihr besitzt jeder Mensch täglich nur eine eng begrenzte Menge, und um eben diese Menge ringen unzählige Mächte zugleich. Unternehmen, Parteien, Medien und Ideologien kämpfen um dasselbe schmale Zeitfenster im Bewusstsein des Einzelnen, weil sie wissen, dass alles Übrige davon abhängt, wer es zu füllen vermag.Dieser Kampf ist kein Selbstzweck, denn aus Aufmerksamkeit erwächst Wahrnehmung, aus Wahrnehmung Überzeugung und aus Überzeugung schließlich das Handeln. Wer also lenkt, worauf die Menschen blicken, bestimmt damit zugleich, was sie für wirklich halten, und wer bestimmt, was als wirklich gilt, hat den Ausgang fast jeder Auseinandersetzung schon entschieden, bevor sie begonnen hat. Die Geschichte der Macht ist deshalb stets auch eine Geschichte der gelenkten Aufmerksamkeit, eine Chronik darüber, wie es gelang, den Blick der Vielen von dem fernzuhalten, was sie sehen sollten, und auf das zu richten, was sie sehen durften.Hier offenbart sich, weshalb die Spiele niemals bloß Unterhaltung sind. Eine Bevölkerung kann ihre Aufmerksamkeit nicht gleichzeitig auf alles richten, und jede Stunde, die sie auf das Schauspiel verwendet, ist eine Stunde, die sie nicht auf die eigenen Verhältnisse verwendet. Dies ist kein moralisches Urteil, sondern eine schlichte Folge der Begrenztheit des menschlichen Geistes. Wo das Spektakel die Aufmerksamkeit bündelt, dort verschwindet alles Übrige aus dem Blickfeld, und die Mächtigen aller Zeiten haben das große Schauspiel niemals gefürchtet, sondern gefördert, weil sie wussten, dass ein Volk, das gebannt nach vorn auf die Bühne blickt, niemals wahrnimmt, was sich in seinem Rücken vollzieht.Kapitel 5 — Das Stadion und das KolosseumUnter allen modernen Arenen verdient das Stadion eine besondere Betrachtung, nicht weil der Sport bedeutsamer wäre als andere Formen der Zerstreuung, sondern weil sich an ihm die Mechanik von Brot und Spielen in seltener Klarheit beobachten lässt. Während einer Fußball-Weltmeisterschaft verändert sich das Verhalten ganzer Gesellschaften, Millionen Menschen verfolgen dasselbe Geschehen, sprechen über die gleichen Augenblicke, teilen ein und dasselbe Gefühl und verschmelzen für eine kurze Zeit zu einer einzigen kollektiven Erfahrung, in der ihre Unterschiede verschwinden.Eben dies geschah bereits im antiken Rom, wo die Arena Gemeinschaft, Identität und emotionale Bindung schuf, und der moderne Fußball erfüllt dieselbe Aufgabe, weder als Verschwörung noch als Zufall, sondern als gesellschaftlicher Mechanismus, der sich aus der Natur des Menschen speist. Der Sport gilt als das harmloseste aller Vergnügen, als reine Leidenschaft, als verdiente Erholung, und gerade diese vollkommene Unverdächtigkeit ist es, die ihn zum wirksamsten Werkzeug der Ablenkung macht. Niemand stellt die Frage nach der Funktion einer Sache, die er für selbstverständlich hält.Doch die Begrenztheit der Aufmerksamkeit kennt keine Ausnahme. Wenn Millionen Augen auf das Spielfeld gerichtet sind, dann sind sie in diesem Moment auf nichts anderes gerichtet, weder auf den eigenen Lohn und die Miete noch auf die Frage nach Freiheit und Selbstbestimmung. Das Stadion bündelt die Energie einer ganzen Gesellschaft und lenkt sie in ein Schauspiel, das nichts entscheidet und niemanden verändert. Der Jubel ist echt, die Leidenschaft ebenso, und genau deshalb wirkt die Ablenkung vollkommen, denn nichts bindet den Menschen fester als ein Gefühl, das er für sein eigenes hält.Betrachtet man das Spiel jedoch nicht durch die Augen des Begeisterten, sondern durch die des nüchternen Beobachters, so tritt seine eigentliche Gestalt hervor. Schon die Sprache, mit der über den Fußball gesprochen wird, verrät seinen Ursprung im Kampf, denn der Ball wird nicht bewegt, sondern geschossen, der Spieler, der trifft, heißt Torschütze, die eine Mannschaft greift an, während die andere sich verteidigt und abwehrt, und ein besonders wuchtiger Treffer wird zur Bombe oder zur Granate erklärt. Diese Wörter sind kein Zufall der Mundart, sondern das durchscheinende Skelett einer alten Wirklichkeit. Der Ball ist im Grunde nichts anderes als ein Geschoss, das man auf den Gegner richtet, und ob ein Mensch mit dem Gewehr zielt oder mit dem Fuß, der innere Vorgang bleibt derselbe, nämlich der Wunsch, den anderen zu treffen, ihn zu überwinden und ihn am Ende abzuschießen.Man könnte das Geschehen deshalb mit gutem Grund als ein Ritual begreifen, ja als eine beinahe okkulte Zeremonie, in der die uralte Lust am Kampf eine erlaubte, gebändigte und gefeierte Form gefunden hat, deren Sinn allein im symbolischen Abschuss des Gegners liegt. Was früher mit Klinge und Kugel ausgetragen wurde, wird hier in ein Regelwerk gegossen und auf einen begrenzten Rasen verlegt, damit die Aggression sich entladen kann, ohne dass Blut fließt. George Orwell hat genau diesen Kern bereits im Jahr 1945 in seinem Aufsatz The Sporting Spirit benannt, als er den ernsthaften Wettkampf als einen Krieg abzüglich der Schüsse beschrieb, im englischen Original als war minus the shooting, gebunden an Hass, Neid und die Freude am Anblick der Gewalt. Der Sport beendet die Feindseligkeit nicht, er verlagert sie lediglich auf eine Bühne, auf der sie als harmlos und sogar als edel erscheint.Doch der Kampf ist nur die eine Hälfte der Wahrheit, denn die zweite liegt in der Ablenkung, die er erzeugt. Der italienische Philosoph Umberto Eco beschrieb in seiner Essaysammlung Travels in Hyperreality, wie das endlose Reden über den Sport sich als Teilnahme am öffentlichen Leben ausgibt, während es in Wahrheit von ihm wegführt. Das Geschwätz über Spiele und Spieler täuscht ein Gespräch über die Gemeinschaft und ihre eigentlichen Belange vor, verbraucht aber genau jene Aufmerksamkeit und Urteilskraft, die der Mensch bräuchte, um die Bedingungen seines eigenen Lebens zu durchschauen. Wer mit Inbrunst über die Aufstellung einer Mannschaft streitet, hat seine Streitlust nicht verloren, er hat sie nur an einen Gegenstand vergeudet, der die Verhältnisse, in denen er lebt, nicht im Geringsten berührt.Noch schärfer urteilte der amerikanische Sprachwissenschaftler Noam Chomsky, der in dem Film Manufacturing Consent aus dem Jahr 1992 die einfache Frage stellte, warum ein Mensch überhaupt mit einer Mannschaft mitfiebere, deren Spieler er nicht kennt und die mit seinem Leben nichts zu schaffen haben. Seine Antwort fällt unbequem aus, denn für ihn schult der Zuschauersport den irrationalen Gehorsam gegenüber der Autorität und die blinde Bindung an die eigene Gruppe, eine Übung in Fahnentreue, die den Menschen darauf vorbereitet, sich später ebenso bereitwillig hinter Mächtige zu stellen, die seine Interessen niemals teilen. Hier schließt sich der Kreis zur Spaltung, denn jedes Wir, das im Stadion entsteht, verlangt nach einem Sie auf der gegenüberliegenden Seite, und die Leidenschaft, mit der ein Mensch die eigene Farbe verteidigt, ist dieselbe, die sich andernorts gegen den künstlich erschaffenen Feind richten lässt.So erweist sich das harmloseste aller Spiele bei genauerem Hinsehen als ein verfeinertes Ritual des Abschießens, in dem der Mensch seine aufgestaute Wut, seine Erschöpfung und seinen Groll gegen einen ausgewählten Gegner entlädt, statt gegen die Ursache seiner Lage. Der Ball fliegt ins Tor, die Menge brüllt, und für einen Augenblick fühlt sich der Zuschauer mächtig, siegreich und lebendig, während sich an seiner Wirklichkeit nicht das Geringste verändert hat. Genau darin liegt die vollendete Form der Ablenkung, denn sie schenkt dem Menschen das berauschende Gefühl des Kampfes, ohne dass er jemals den wahren Gegner zu Gesicht bekommt.Kapitel 6 — Das Blut in der ArenaDas Wort Spiel ist eine der größten Beschönigungen der Geschichte. Es klingt nach Leichtigkeit, nach Wettstreit und nach harmlosem Zeitvertreib, und gerade deshalb verbirgt es so wirkungsvoll, was sich in den Arenen des alten Rom tatsächlich abspielte. Denn was dort gefeiert wurde, war kein Sport im heutigen Sinne, sondern ein planmäßig betriebenes Schlachten von Menschen und Tieren, vollzogen vor den Augen einer jubelnden Menge, die genau dieses Schlachten verlangte und sich ohne es nicht mehr beruhigen ließ.Die Zahlen, die der Althistoriker Karl-Wilhelm Weeber zusammengetragen hat, lassen kaum Raum für Beschönigung. Schon der junge Caesar ließ zur Förderung seiner Laufbahn 320 Gladiatorenpaare gegeneinander antreten, von denen kaum die Hälfte überlebte. Kaiser Trajan bot im Jahr 107 nach Christus an 123 Tagen Festspiele mit zehntausend Gladiatoren, und bei der Siegesfeier nach seinem Triumph über die Daker wurden an die elftausend Tiere getötet. Das Kolosseum, zwischen 72 und 80 nach Christus errichtet, wurde mit dem Blut von fünftausend Tieren eingeweiht, die man an einem einzigen Tag zur Strecke brachte. Und der Circus Maximus fasste nach seinem Ausbau gegen zweihundertfünfzigtausend Zuschauer, fast dreimal so viele, wie das größte Fußballstadion Europas heute aufzunehmen vermag.Diese Maßlosigkeit war kein Ausrutscher, sondern folgte einer unerbittlichen Logik. Je mehr dem Publikum geboten wurde, desto anspruchsvoller wurde es, und jeder Herrscher sah sich gezwungen, seine Vorgänger an Aufwand, an Glanz und an Grausamkeit zu übertreffen, stets auf der Jagd nach etwas noch nie Dagewesenem. Ganze Wirtschaftszweige entstanden allein zu dem Zweck, die Arenen mit Opfern zu beliefern, und wilde Tiere wurden aus den Wäldern Germaniens, den Wüsten Afrikas und den Steppen Asiens herbeigeschafft, einzig um vernichtet zu werden, bis in einzelnen Regionen ganze Tierarten an den Rand der Ausrottung gerieten. Selbst in Zeiten schwerer Krisen, als Hunger und Not im Reich herrschten und die Kassen längst leer waren, wurden diese Spektakel auf Schulden weiterfinanziert, weil kein Kaiser es wagte, sie dem Volk zu nehmen.Das eigentlich Verstörende an dieser Geschichte sind jedoch nicht allein die Herrscher, die das Gemetzel anordneten, sondern die Menschen, die es begehrten. Mit Gier verschlangen die Zuschauer das Geschehen, und je blutiger es ausfiel, desto tiefer befriedigte es die Menge auf den Rängen. Man wettete auf den Tod, man feierte das Sterben, und der einzelne Betrachter saß sicher und satt auf seinem Platz, während wenige Schritte vor ihm Menschen und Tiere verbluteten, damit er sich für einen Nachmittag lebendig fühlen konnte. Der Schrecken lag nicht nur in den Klingen, sondern ebenso in den Augen, die ihnen begeistert folgten.Wer nun glaubt, all dies sei eine ferne Barbarei vergangener Jahrhunderte, hat die eigentliche Lektion nicht verstanden. Das Blut ist nicht aus der Arena verschwunden, es hat lediglich den Ort gewechselt und ist auf die Bildschirme gewandert. Heute sitzen Millionen Menschen vor dem Fernseher und verfolgen, wie eine Großmacht wie die Vereinigten Staaten das Gebiet des Iran bombardiert, und sie tun es mit derselben inneren Haltung, mit der einst die Römer auf den Rängen des Kolosseums saßen. Auf beiden Seiten feuern die Zuschauer ihre jeweilige Mannschaft an, schwenken Fahnen, bejubeln Treffer und beklagen Niederlagen, als ginge es um ein Spiel, statt jene zu hinterfragen, die an der Spitze sitzen und über das Schicksal ganzer Völker verfügen. Der reale Tod wird zum Programm, das Leid der Getroffenen zur Meldung zwischen zwei Werbeblöcken, und der Bürger, der eigentlich mündig sein sollte, ist wieder zum Zuschauer im Amphitheater geworden.Genau darin liegt die vollendete Perversion. Der Betrachter fühlt sich rein, ja sogar anteilnehmend, während er das Gemetzel konsumiert, denn er hält seine Parteinahme für eine Überzeugung und seine Erregung für Mitgefühl. Doch solange die Menschen darüber streiten, welche Mannschaft im Recht sei, richten sie ihren Blick niemals auf jene, die das Sterben veranstalten und daran verdienen. Die Blutlust hat nur ihr Gewand gewechselt, vom offenen Jubel über den fallenden Gladiator hin zum stillen Einverständnis vor dem leuchtenden Schirm, und ihre Funktion ist dieselbe geblieben, nämlich das Volk auf den Rängen zu halten, damit es niemals die Arena selbst in Frage stellt.Kapitel 7 — Die digitale ArenaDer größte Unterschied zwischen Rom und der Gegenwart liegt nicht im Prinzip, sondern in der Reichweite. Das Kolosseum fasste Zehntausende, das Smartphone erreicht Milliarden, und während die antike Arena einen Ort und eine Grenze besaß, hat die moderne Arena beides verloren. Sie befindet sich nicht mehr in der Mitte der Stadt, sondern im Wohnzimmer, im Schlafzimmer, im Zug und am Arbeitsplatz, sie ist überall zugleich, und der Mensch trägt sie ununterbrochen bei sich wie ein Organ, das er nicht mehr ablegen kann.Niemals zuvor ließ sich Aufmerksamkeit so umfassend binden, verbreiteten sich Bilder und Botschaften so schnell und fand das Spektakel so dauerhaft statt. Die Spiele des alten Rom hatten einen Anfang und ein Ende, sie waren ein Fest, das vorüberging, und der Zuschauer kehrte danach in sein Leben zurück. Die digitale Arena hingegen schließt nie. Sie wechselt lediglich ihre Form, vom Sport zur Nachricht, von der Nachricht zur Ware, von der Ware zur Empörung und wieder zurück, ein Strom ohne Ufer, der dem Bewusstsein keine Pause mehr gönnt.Darin liegt die eigentliche Wende. Solange das Spektakel ein Ereignis war, blieb ihm der Mensch äußerlich, er konnte hineingehen und wieder heraustreten. Sobald das Spektakel zum Dauerzustand wird, hört der Mensch auf, es als Spektakel zu empfinden, und beginnt, es für die Wirklichkeit selbst zu halten. Die Arena, die niemals schließt, wird nicht mehr betreten und verlassen, sie wird bewohnt, und wer in ihr wohnt, vergisst, dass es ein Draußen gibt.Kapitel 8 — Die EventgesellschaftDas Prinzip von Brot und Spielen ist niemals verschwunden, doch in seiner modernen, durchorganisierten Gestalt wurde es an einem genau bestimmbaren Punkt der jüngeren Geschichte wiedergeboren. Es geschah im Jahr 1936 in Berlin, als ein totalitäres Regime die Olympischen Spiele zu einem gewaltigen Schauspiel der Massenmobilisierung umformte und damit bewies, dass sich der Sport hervorragend dazu eignet, ein Volk gleichzeitig zu begeistern und ruhigzustellen. Was dort auf dem Reichssportfeld choreografiert wurde, die geordneten Menschenmassen, die wehenden Fahnen und die kollektive Ergriffenheit, kehrt heute in den Fan-Meilen unserer Städte wieder, als hätte man die Kulisse nur entstaubt und mit neuen Farben überzogen.Seit dem späten zwanzigsten Jahrhundert hat sich aus diesem Schauspiel eine globale Industrie entwickelt, die niemals mehr stillsteht. Was einst ein seltenes Fest war, läuft inzwischen von Januar bis Dezember, ein ununterbrochener Kreislauf aus Welt- und Europameisterschaften, Olympischen Spielen und nationalen Ligen, verwaltet von internationalen Verbänden wie dem IOC, der FIFA und der UEFA, die wie ein eigenes Imperium über den Globus gebieten. Hinter der wohlklingenden Rhetorik von Fairness und Völkerverständigung verbirgt sich ein Geschäft von ungeheurem Ausmaß, und es ist kein Zufall, dass ausgerechnet diese Verbände über Jahrzehnte hinweg immer wieder von Korruptionsermittlungen erschüttert wurden. Der edle Schein und das schmutzige Geschäft sind hier keine Gegensätze, sondern zwei Seiten derselben Münze.Um die Massen noch vollständiger zu erfassen, erfand man neue Formen der Teilnahme. Das gemeinsame Schauen vor riesigen Leinwänden, das man mit dem freundlichen Namen Public Viewing versah, verwandelt ganze Plätze in Tempel der Zerstreuung, auf denen sich Hunderttausende und zuweilen beinahe eine Million Menschen versammeln. Sogar die Namen dieser Plätze werden an Konzerne verkauft, sodass die Begeisterung selbst noch zur Werbefläche gerät. Psychologen haben längst festgestellt, dass diese kollektive Erfahrung süchtig machen kann, denn je intensiver ein Mensch das gemeinsame Glücksgefühl erlebt, desto sicherer kehrt er zur nächsten Gelegenheit zurück. Es ist dieselbe Mechanik, die jede Droge am Leben hält, nur dass sie hier auf ganze Völker angewandt wird.Die Zahlen, die dabei entstehen, erinnern an etwas, das in einer freien Gesellschaft eigentlich nicht vorkommen dürfte. Wenn zwanzig oder dreißig Millionen Menschen gleichzeitig dasselbe Spiel verfolgen und der Marktanteil Werte erreicht, die man sonst nur aus den Abstimmungen totalitärer Systeme kennt, dann ist aus einem Vergnügen ein Zwang geworden. Wer sich der allgemeinen Begeisterung entzieht, gerät unter Druck, und selbst der Wirt, der keinen Bildschirm aufstellt, sitzt am Spieltag in einem leeren Lokal. Die Konformität des Jubels duldet keine Ausnahme, und gerade weil niemand offen dazu gezwungen wird, empfindet sie sich als Freiheit.Bezahlt wird dieses Schauspiel von genau jenen, die es betäuben soll. Öffentliche Sender leiten Jahr für Jahr Hunderte Millionen aus Pflichtbeiträgen in den Sport, damit die Bevölkerung den Helden der Arena zuschaut, statt ihre eigenen Angelegenheiten in die Hand zu nehmen. Zugleich verschlingen die großen Turniere zweistellige Milliardensummen für Stadien, Zeremonien und Prunk, Schulden, an denen die Ausrichterländer und ihre Nachkommen über Jahrzehnte abzahlen werden. Hier verschiebt sich die alte Formel auf unheimliche Weise, denn aus Brot und Spielen droht allmählich Brot oder Spiele zu werden, weil das Spektakel jenes Brot zu verschlingen beginnt, das es einst nur begleiten sollte.Und das Versprechen, das über all dem schwebt, kehrt sich in sein Gegenteil. Der internationale Sport verheißt Frieden, Freundschaft und Verständigung zwischen den Völkern, doch was er tatsächlich entfacht, sind Nationalgefühle, Feindseligkeit und Aggression. Die Anhänger bemalen sich in den Farben ihrer Nation, ahnen nichts von den Rechnungen, die sie noch begleichen werden, und nicht selten verwandelt sich der begeisterte Anhänger übergangslos in den gewaltbereiten Schläger. Wer Hass in sich trägt, findet hier die vollendete Tarnung, denn er muss seine Feindschaft nur als gesunden Stolz auf die eigene Mannschaft ausgeben, und schon erscheint sie gesellschaftlich erlaubt. Das Spektakel eint nicht, es spaltet, und es spaltet genau entlang jener Linien, die den Mächtigen genehm sind.Die Verbände jedoch, so mächtig sie wirken, sind nicht die Wurzel des Übels, sondern nur ein einzelner Kopf einer weit größeren Hydra, der Hydra des Kapitals und der Macht, die sich von der Ablenkung der Vielen ernährt. Und je deutlicher die ökologischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Fundamente zu bröckeln beginnen, desto lauter und allgegenwärtiger wird die Herrschaft der Spiele, als wüchse das Spektakel genau in dem Maße, in dem es etwas zu verbergen gilt. Eine Erzählung wie The Hunger Games hält dieser Wirklichkeit nur den Spiegel vor, denn sie zeigt eine Gesellschaft, die immer prächtigere Spiele inszeniert, während ihre Grundlagen verrotten, und ein Volk, das von den Rängen aus jubelt, bis zum bitteren Ende.Kapitel 9 — Der moderne RauschDer Mensch der Gegenwart trinkt selten bis zur Bewusstlosigkeit, und dennoch lebt er in einem Zustand dauerhafter Berauschung. Seine Droge trägt kein verbotenes Etikett, sie wird nicht im Verborgenen gehandelt, sondern offen beworben, gefeiert und als Ausdruck eines gelungenen Lebens verkauft. Konsum ist der Rausch, den keine Behörde verfolgt, weil er die bestehende Ordnung nicht bedroht, sondern trägt, und wer kauft, betäubt sich auf eine Weise, die gesellschaftlich erwünscht bleibt. Gerade darin liegt die Raffinesse dieser Abhängigkeit, denn sie verkleidet sich als Belohnung, als Freiheit, als wohlverdienter Lohn für die Mühe des Alltags.Wie jede Droge verlangt auch der Konsum nach stetiger Steigerung, denn das Erworbene verliert seinen Reiz fast in demselben Augenblick, in dem es errungen ist. Das Gerät, das gestern noch ersehnt wurde, ist heute bereits vertraut und morgen schon überholt, und so jagt der Berauschte einem Glück hinterher, das sich immer dann entzieht, wenn er es beinahe berührt. Die Werbung kennt dieses Gesetz genau und verkauft niemals den Gegenstand allein, sondern stets das Versprechen, das an ihm haftet, einen Hauch von Ansehen, einen Schimmer von Zugehörigkeit und das flüchtige Gefühl, endlich zu genügen. Doch eingelöst wird dieses Versprechen nie, weil gerade seine Uneinlösbarkeit den eigentlichen Zweck bildet, denn ein zufriedener Mensch kauft nicht mehr, und so sorgt die Ordnung mit stillem Eifer dafür, dass die Zufriedenheit das einzige bleibt, was sich niemals erwerben lässt.Denn ein Mensch, der nicht abgelenkt wird, beginnt unweigerlich zu denken. Er fragt nach dem Sinn seiner Tage, nach dem Wert seiner Arbeit, nach den Grenzen seiner Freiheit und nach der Möglichkeit, sein Leben selbst zu bestimmen, und diese Fragen sind unbequem und gefährlich für jede Ordnung, die von der Zustimmung der Vielen lebt. Solange der Geist berauscht bleibt, stellt er sie nicht, und solange das Schauspiel weiterläuft, richtet sich der Blick nach außen statt nach innen. Der Rausch ist deshalb nicht bloß ein Zeitvertreib, sondern ein Schutzschild der Verhältnisse gegen das Erwachen des Einzelnen.Kapitel 10 — Die Refinanzierung der SuchtJeder Rausch verlangt seinen Preis, und der Preis des Konsums wird in Lebenszeit beglichen. Hier schließt sich der Kreis, der das gesamte Gefüge zusammenhält, denn die Arbeit existiert für viele Menschen längst nicht mehr, um ein Leben zu ermöglichen, sondern um die Mittel zu beschaffen, die sie unmittelbar wieder in ihre Betäubung investieren. Der Lohn fließt herein und verschwindet beinahe im selben Atemzug, ein Teil in die Miete, ein Teil in die tägliche Versorgung und der Rest in jene kleinen und großen Reize, die das nächste Hochgefühl versprechen. Was am Ende bleibt, ist selten genug, um sich aus dem Gefüge zu lösen, und dieses Ungleichgewicht ist kein Versehen, sondern die Voraussetzung der ganzen Anordnung.Man betrachte den Verlauf eines einzigen Monats. Der Mensch arbeitet, er erschöpft sich, er trägt Verantwortung und gibt seine Kraft hin, und am Ende dieser Strecke hält er einen Betrag in den Händen, der bereits vergeben ist, bevor er ihn besitzt. Die Wohnung verschlingt den größten Teil, das tägliche Leben den nächsten, und was vom Rest übrig bleibt, fließt in eben jenen Konsum, der ihn überhaupt durch die Erschöpfung getragen hat.Doch selbst dort, wo es einem Menschen gegen alle Widerstände gelingt, einen kleinen Überschuss zurückzuhalten, bleibt dieser Überschuss selten lange in seinen Händen. Denn die Ordnung, die von seiner Abhängigkeit lebt, verhält sich keineswegs gleichgültig gegenüber dem, was sich anzusammeln beginnt. Sie gleicht einem parasitären Organismus, der jede Lücke spürt, sobald sie sich öffnet, und sie mit derselben Verlässlichkeit wieder schließt, mit der ein Körper eine Wunde vernarbt. Kaum entsteht ein Spielraum, erscheint eine neue Steuer, eine zusätzliche Abgabe, eine weitere Gebühr, eine veränderte Vorschrift oder ein gestiegener Preis, der den mühsam gewonnenen Rest beinahe lautlos wieder aufzehrt.Was sich dem flüchtigen Blick als Pech, als Zufall oder als unglückliche Verkettung darstellt, erweist sich bei näherer Betrachtung als Bauprinzip. Eine Ordnung, die ihre Stabilität aus der Bindung des Menschen bezieht, kann nicht zulassen, dass dieser Mensch eine eigene Grundlage gewinnt, denn jede angesparte Rücklage ist ein Stück Unabhängigkeit, und jedes Stück Unabhängigkeit verringert die Notwendigkeit, sich weiterhin zu fügen. Deshalb wird der entstehende Überschuss nicht durch Bosheit eingezogen, sondern durch Struktur, nicht durch einen einzelnen Befehl, sondern durch ein Geflecht aus Gesetzen, Abgaben und Kosten, das sich immer dann verdichtet, wenn dem Einzelnen ein wenig Luft zum Atmen bliebe. So bleibt die Schere zwischen dem, was ein Mensch erarbeitet, und dem, was ihm am Ende verbleibt, dauerhaft geöffnet, und sie schließt sich niemals zu seinen Gunsten.Das Sparen wird zur Ausnahme, die Rücklage zum Luxus, und der Gedanke an Unabhängigkeit verliert mit jedem Monat an Substanz. So entsteht ein Mensch, der unaufhörlich verdient und dennoch niemals besitzt, der ständig in Bewegung ist und doch an derselben Stelle verharrt.Und gerade dieser Mensch, der nichts besitzt und von einer Lohnzahlung zur nächsten lebt, ist für jede Herrschaftsstruktur das willkommenste Material. Wer nichts zu verlieren hat außer dem schmalen Rest, der ihm bis zum Monatsende bleibt, lässt sich leichter lenken als jeder, der auf eigenem Grund steht, denn die Angst um das tägliche Auskommen ersetzt jeden Aufseher und jede Drohung. Ein besitzloser Mensch ist nicht trotzig, sondern fügsam, nicht widerständig, sondern verfügbar, und eine Ordnung, die ihn dauerhaft in diesem Zustand hält, hat ihn bereits beherrscht, lange bevor sie ihm einen einzigen Befehl erteilen muss.Am deutlichsten zeigt sich diese Mechanik im Verhältnis des Menschen zu dem Boden, auf dem er steht. Die Erde, die jedem Lebewesen als selbstverständliche Grundlage seines Daseins zustehen müsste, wird ihm nicht gewährt, sondern verkauft. Er muss sie sich verdienen, sie abkaufen und sich häufig über Jahrzehnte verschulden, nur um ein winziges Stück jener Welt zu besitzen, die ihn ohnehin trägt und ohne die er gar nicht leben könnte. Und selbst dann, wenn er es nach einem halben Leben endlich erworben hat, gehört es ihm niemals vollständig, denn er entrichtet bis an sein Lebensende eine Grundsteuer dafür, dass er überhaupt behalten darf, was er längst bezahlt hat, eine fortwährende Gebühr für ein Eigentum, das diesen Namen kaum verdient.Wer wahrhaft besäße, dürfte mit dem Seinen verfahren, wie er es für richtig hält. Der Mensch jedoch darf seinen Boden nicht bewirtschaften und bebauen, wie es seinem eigenen Willen entspricht, sondern allein so, wie die herrschende Klasse es ihm gestattet. Sein Eigentum bleibt ein geliehenes, an unzählige Bedingungen geknüpftes Recht, das sich jederzeit verteuern oder einschränken lässt, und damit bleibt auch er selbst an jene gebunden, die über diese Bedingungen entscheiden. So entsteht eine Abhängigkeit, die sich von der eines Süchtigen kaum unterscheidet, der seine Droge immer wieder bei demselben Händler erwirbt. Der Mensch zahlt und zahlt, um nicht zu verlieren, was ihm von Natur aus gehören sollte, und der Händler dieser künstlich erzeugten Knappheit applaudiert, weil ihm die Ware niemals ausgeht, solange der Käufer glaubt, er habe keine andere Wahl.Die wirtschaftliche und die seelische Abhängigkeit greifen dabei ineinander wie zwei Zahnräder desselben Mechanismus. Der Konsum lindert die Erschöpfung, die aus der Arbeit entsteht, und die Arbeit finanziert den Konsum, der die Erschöpfung erträglich macht, und keines der beiden Räder kann ohne das andere bestehen. Beide drehen sich umso schneller, je leerer der Mensch im Inneren wird, und wer in dieser Schleife gefangen ist, hat selten die Muße, ihre Beschaffenheit zu erkennen, weil die Schleife selbst ihm die Zeit und die Klarheit raubt, die zur Erkenntnis nötig wären. Darin offenbart sich die eigentliche Klugheit der bestehenden Ordnung, denn sie muss den Menschen nicht zwingen, in ihr zu bleiben. Sie hat ihn so eingerichtet, dass er aus eigenem Antrieb bleibt, sie verkauft ihm die Mittel seiner Betäubung und nimmt ihm zugleich die Mittel seiner Befreiung, und sie tut dies nicht mit Gewalt, sondern mit dem Versprechen des Genusses.Kapitel 11 — Der endlose StromDie alte Arena verlangte vom Menschen, dass er sich zu ihr begab. Er musste in das Stadion gehen, vor die Leinwand treten oder sich vor den Fernseher setzen, und immerhin blieb das Spektakel an einen Ort und an eine Zeit gebunden. Die jüngste Gestalt der Arena hat auch diese letzte Grenze beseitigt, denn sie liegt in der Hand, sie passt in die Tasche, und sie hört niemals auf. Der endlose Strom kurzer Videos, der über die Bildschirme von TikTok, von YouTube und von zahllosen ähnlichen Diensten rinnt, ist die vollendete Form von Brot und Spielen, weil er nicht mehr für die Masse gemacht ist, sondern für jeden Einzelnen gesondert, zugeschnitten auf seine geheimsten Neigungen und genau darauf berechnet, ihn nicht mehr loszulassen.Jeder dieser kleinen Clips ist eine winzige Belohnung, ein Tropfen Vergnügen, der das Gehirn für einen Augenblick aufleuchten lässt, und kaum ist er verklungen, folgt schon der nächste. Die Stanford-Psychiaterin Anna Lembke hat in ihrem Buch Dopamine Nation das Bild geprägt, das Smartphone sei die Injektionsnadel der Gegenwart, die rund um die Uhr digitales Dopamin verabreiche, und sie beschreibt, wie die moderne Technik die natürlichen Reize des Lebens so weit verstärkt hat, dass das Gehirn unter einem regelrechten Schwall an Belohnung kaum noch zur Ruhe findet. So gleitet der Mensch über Stunden durch einen unaufhörlichen Reigen aus Bildern und Tönen, halb wach und halb betäubt, in jenem dämmrigen Zustand, den man bei jeder anderen Substanz ohne Zögern einen Rausch nennen würde.Das eigentlich Heimtückische daran ist die Vernichtung der Zeit. Der Strom besitzt kein Ende, keine letzte Seite und keinen natürlichen Punkt, an dem das Schauen von selbst aufhörte, denn auf jedes Video folgt von allein das nächste, ohne dass der Betrachter eine Entscheidung treffen müsste. Auf diese Weise verschwinden allmählich jene Marken, an denen der Mensch sonst das Verstreichen der Stunden bemisst, und viele verlernen tatsächlich, zu spüren, wie viel Lebenszeit dabei verrinnt. Es ist das vollkommenste Werkzeug der Zeitvernichtung, das je ersonnen wurde, gerade weil es keine Spur des Geraubten hinterlässt und der Mensch am Ende nicht einmal mehr zu sagen vermag, wohin sein Abend, sein Tag oder ein ganzes Wochenende entschwunden ist.Hinzu kommt, dass der Mensch in diesem Strom nicht einmal selbst bestimmt, was er sieht. Was über den Schirm zieht, wird ihm von einem Algorithmus zugeteilt, dessen einziges Ziel darin besteht, seine Aufmerksamkeit so lange wie möglich zu fesseln. Der Betrachter glaubt zu wählen, während er in Wahrheit gelenkt wird, geführt von einer Maschine, die genauer weiß als er selbst, welcher Reiz ihn im nächsten Augenblick halten wird. Damit erreicht jene Verwandlung der Aufmerksamkeit in eine Währung, von der bereits die Rede war, ihre höchste Vollendung, denn niemals zuvor wurde die knappe Lebenszeit des Menschen so lückenlos abgeschöpft und so genau gegen ihn selbst verwendet.Wie tief dieser Eingriff reicht, hat der Philosoph Byung-Chul Han beschrieben. In seinen Schriften über den digitalen Schwarm und den Informationsrausch zeigt er, dass die unaufhörliche Zerstreuung weit mehr bewirkt, als bloß die Stunden zu verschlingen. Sie zersplittert die Aufmerksamkeit so fein, dass aus den vielen Einzelnen niemals mehr eine Masse mit gemeinsamem Willen entsteht, und der gesellschaftsverändernde Zorn, der eine echte Veränderung erzwingen könnte, kommt gar nicht erst auf, weil ihm die Sammlung und die Richtung fehlen. Darin liegt die eigentliche politische Leistung des endlosen Stroms. Er stiehlt dem Menschen nicht nur die Zeit, sondern löst zugleich seine Fähigkeit zum Widerstand in lauter belanglose Augenblicke auf.So schließt sich der Bogen von der Brotverteilung des alten Rom bis zum leuchtenden Schirm in der Hand. Es braucht kein Kolosseum mehr und keine Tribüne, denn die Arena ist in die Hosentasche gewandert und folgt dem Menschen bis ins Bett. Ihre größte Vollendung besteht darin, dass das Opfer sie freiwillig mit sich trägt, sie für ein Geschenk hält und der Maschine sogar dankbar ist für den nächsten Clip. Und während die Stunden lautlos verrinnen, bleibt am Ende dieselbe Frage, die das ganze Buch durchzieht, nämlich wem jene Lebenszeit zugutekommt, über deren Verschwinden der Berauschte längst keine Rechenschaft mehr ablegen kann.Kapitel 12 — Der betäubte VerstandEin berauschter Mensch kann nicht klar denken, und diese schlichte Wahrheit ist der Schlussstein des gesamten Gebäudes. Klarheit verlangt Ruhe, Abstand und die Bereitschaft, Unbequemes auszuhalten, und alle drei Voraussetzungen werden vom Dauerrausch zuverlässig zersetzt. Wer ständig stimuliert, beschäftigt und emotional gebunden ist, verliert allmählich die Fähigkeit, innezuhalten und das eigene Leben aus der Entfernung zu betrachten. Sein Denken wird reaktiv statt reflektiert, es folgt dem nächsten Reiz, statt eine Richtung zu suchen, und ein Verstand, der nur noch reagiert, stellt die grundlegenden Fragen nicht mehr.Eben dieser Zustand ist es, den jede Form der Herrschaft seit jeher benötigt, denn nicht der wache, sondern der betäubte Mensch trägt die Verhältnisse, weil er sie nicht durchschaut. Die Abhängigkeit, gleichgültig ob sie aus einer Substanz oder aus dem Konsum entspringt, erfüllt dabei eine doppelte Aufgabe, denn sie hält den Menschen beschäftigt und sie hält ihn schwach. Ein Beschäftigter findet keine Zeit zu fragen, ein Geschwächter keine Kraft zu widersprechen, und wo Zeit und Kraft zugleich fehlen, erübrigt sich der Zwang. Die Kette aus Sucht und Erschöpfung erledigt geräuschlos, was früher der Wächter mit der Waffe erledigen musste.So fügen sich die einzelnen Glieder zu einem Teufelskreis, dessen Geschlossenheit beinahe vollkommen erscheint. Der Mensch arbeitet, um zu konsumieren, er konsumiert, um die Arbeit zu ertragen, und die Betäubung, die ihn durch beides trägt, raubt ihm zugleich die Klarheit, in der er den Kreis erkennen könnte. Eine Umdrehung treibt die nächste an, die Erschöpfung verlangt nach neuer Ablenkung, und die Ablenkung vertieft die Erschöpfung von Neuem, und wer einmal in diese Bewegung geraten ist, findet selten von selbst hinaus, weil sie selbst verschleiert, dass es ein Außerhalb überhaupt gibt. Und dennoch liegt im Erkennen dieses Kreises bereits sein erster Riss, denn Manipulation wirkt nur dort vollständig, wo sie unbemerkt bleibt, und ein Rausch verliert seine Macht in dem Augenblick, in dem der Berauschte begreift, dass er berauscht ist.Kapitel 13 — Die unsichtbare GrausamkeitDie Römer liebten die sichtbare Gewalt, sie betrachteten Kämpfe, Hinrichtungen und Tierhetzen, und das Blut lag offen vor aller Augen, ohne Beschönigung und ohne Schleier. Die moderne Welt hält sich für zivilisierter, und in mancher Hinsicht ist sie es auch, denn sie hat die rohe Schaulust aus dem Zentrum ihres Lebens verbannt. Doch möglicherweise hat sich die Grausamkeit nicht aufgelöst, sondern lediglich abstrahiert, und das, was verschwunden scheint, hat sich in Wahrheit nur dem Blickfeld entzogen.Der moderne Mensch sieht selten die Folgen seines Konsums, er kennt die Produktionsketten nicht, die seine Annehmlichkeiten ermöglichen, er erblickt die Kriege um Ressourcen nicht, die ihn versorgen, und er bemerkt die sozialen Kosten der Systeme nicht, von denen er lebt. Die Gewalt ist nicht geringer geworden, sie ist lediglich an die Ränder der Wahrnehmung gewandert, in ferne Länder, in unsichtbare Lieferwege und in Statistiken, die niemand liest. Die Arena der Gegenwart zeigt das Spektakel und verbirgt, was hinter den Kulissen geschieht, und gerade diese Trennung von Genuss und Folge ist es, die das Gewissen beruhigt.Darin liegt eine Grausamkeit eigener Art, subtiler als jene des Kolosseums und eben deshalb wirksamer. Der römische Zuschauer wusste, dass er dem Tod zusah, und musste sich dazu verhalten. Der moderne Zuschauer weiß es nicht, weil man ihm den Zusammenhang erspart hat, und ein Mensch, der die Folgen seines Handelns nicht sieht, fühlt sich unschuldig, während er teilnimmt. Die abstrahierte Gewalt verlangt kein Einverständnis mehr, sie verlangt nur noch Unwissenheit, und Unwissenheit ist bequemer als jede Lüge.Kapitel 14 — Die Religion des SpektakelsJede Epoche besitzt ihre Rituale, Symbole, heiligen Orte und Glaubensgemeinschaften, und was früher der Tempel war, kann heute das Stadion sein, der Bildschirm, die Marke, die Partei oder die digitale Gemeinschaft. Der Mensch trägt ein tiefes Bedürfnis nach Zugehörigkeit in sich, ein Verlangen, Teil von etwas Größerem zu sein als das eigene, oft als zu klein empfundene Leben, und die Arena erfüllt dieses Verlangen mit einer Verlässlichkeit, die keine alte Religion übertrifft. Sie schafft ein Wir, und jedes Wir erzeugt im selben Augenblick ein Sie.So entstehen Loyalitäten, Identitäten und emotionale Bindungen, nicht weil die Menschen dazu gezwungen würden, sondern weil sie soziale Wesen sind, die ihre Vereinzelung nicht ertragen. Das Spektakel bietet ihnen eine Heimat ohne Verpflichtung, eine Gemeinschaft ohne Verantwortung, eine Identität, die man anlegen kann wie ein Trikot und ablegen, sobald sie unbequem wird. Genau diese Leichtigkeit macht die Religion des Spektakels so attraktiv, denn sie verlangt keinen Glauben, der das Leben verändert, sondern nur eine Hingabe, die das Leben erträglicher macht.Doch jede Zugehörigkeit, die sich über einen Gegner definiert, dient am Ende denen, die den Gegner bestimmen. Wer entscheidet, wer das Wir ist und wer das Sie, der lenkt die Leidenschaft einer ganzen Menge, und eine Menge, die ihre Energie an einen künstlichen Gegensatz verschwendet, richtet sie nicht gegen die Ursachen ihrer eigenen Lage. Die Religion des Spektakels predigt deshalb keine Erlösung, sondern Ablenkung, und sie verspricht keine Freiheit, sondern Zugehörigkeit, die man fühlt, ohne dass sie etwas kostet und ohne dass sie etwas bewegt.Kapitel 15 — Die Regeln des SpielsWer das Wesen der Spiele begriffen hat, erkennt bald, dass sie sich keineswegs auf Stadien und Bildschirme beschränken. Auch die großen Ordnungen, in denen der Mensch sein Leben verbringt, sind Spiele, jedes mit seinem eigenen Regelwerk, das festlegt, was erlaubt ist und was verboten, was als Sieg gilt und was als Schande. Die Religion besitzt ihre heiligen Schriften, der Staat seine Gesetzbücher, die Ideologie ihre Programme und Bekenntnisse, und so verschieden diese Werke auch klingen mögen, sie erfüllen denselben Zweck. Sie schreiben die Regeln des Spiels vor und verlangen vom Menschen, dass er sie befolgt, ohne ihren Ursprung jemals zu hinterfragen.In diesem Sinne gleicht das Leben vieler Menschen einem Hamsterrad, in dem sie unermüdlich laufen, ohne je vom Fleck zu kommen, weil sie das Spiel für die Wirklichkeit selbst halten. Sie streiten über die Regeln, kämpfen um Punkte, verteidigen ihre Mannschaft und vergessen darüber vollständig, dass sie ein Spiel spielen, das andere für sie entworfen haben. Demokratie und Diktatur, so gegensätzlich sie auch erscheinen, sind aus dieser Perspektive zwei Varianten desselben Spiels, denn beide binden den Spieler an ein Regelwerk, das er nicht selbst geschrieben hat, und beide bestrafen jeden, der das Feld verlassen will.Und genau hier liegt das eigentliche Gefängnis, denn der Mensch darf das Spiel oft gar nicht verlassen, selbst wenn er seine Sinnlosigkeit längst durchschaut hat. Er hängt an ihm fest, weil ihn der Druck der Gruppe umschließt und die Furcht, ausgeschlossen zu werden, ihn fester bindet als jeder Paragraph. Wie tief dieser Druck reicht, hat der Sozialpsychologe Solomon Asch bereits im Jahr 1951 in einem berühmten Versuch gezeigt, in dem Menschen das offensichtlich falsche Urteil der Mehrheit übernahmen und sogar gegen das eigene Augenzeugnis aussagten, nur um nicht aus der Reihe zu fallen. Wer aus einer Religion austritt, verliert oft seine Gemeinschaft, wer eine Ideologie verlässt, gilt rasch als Verräter, und wer das politische Spiel im Ganzen infrage stellt, wird als Feind der Ordnung behandelt.Die Regeln binden also nicht durch ihre Wahrheit, sondern durch die Dynamik der Gruppe, die jeden Abweichler mit Ausschluss bedroht.So lässt sich am Ende das gesamte Dasein als ein einziges Spiel begreifen, in das der Mensch hineingeboren wird, ohne je gefragt worden zu sein, und dessen Regeln er verteidigt, obwohl sie ihn fesseln. Doch in eben jenem Versuch, der die Macht der Gruppe enthüllte, verbarg sich auch ihre Schwäche, denn sobald ein einziger Mensch dem Druck widerstand und offen die Wahrheit aussprach, verlor die Mehrheit ihre lähmende Wirkung, und die Übrigen fanden den Mut, es ihm gleichzutun. Ein Einziger, der aufhört mitzuspielen und das Spiel beim Namen nennt, genügt mitunter, um den Bann zu brechen, unter dem alle anderen stehen.Kapitel 16 — Das GesellschaftsspielKein Mensch will der Verlierer sein. Niemand will sein Ansehen einbüßen, seinen Rang und seinen hohen Posten, ja nicht einmal das Bild, das die anderen sich von ihm machen. Diese Furcht vor der Niederlage ist vielleicht die stärkste Triebfeder des gesamten Gesellschaftsspiels, denn sie hält den Menschen selbst dort am Spielfeld fest, wo er längst erkannt hat, dass er nur verlieren kann. Lieber spielt er weiter und hofft auf den nächsten Zug, als dass er aufsteht und sich eingesteht, das ganze Spiel sei von Anfang an eine Falle gewesen.Wie tief diese Logik reicht, hat die südkoreanische Serie Squid Game in ein grelles Gleichnis gefasst. Dort kämpfen hoch verschuldete Menschen in tödlichen Kinderspielen um einen gewaltigen Geldpreis, und das Erschütterndste daran ist nicht die Gewalt, sondern jene Szene, in der die Spieler darüber abstimmen dürfen, ob sie das Spiel überhaupt fortsetzen wollen. Sie könnten gemeinsam aussteigen und den ganzen Apparat mit einer einzigen Mehrheit zum Stillstand bringen, und für einen Augenblick tun sie es sogar. Doch kaum sind sie in ihr Leben zurückgekehrt, treibt jeden die eigene Not und die eigene Gier erneut ins Spiel zurück, und weil der Preis mit jedem Toten wächst, zieht am Ende jeder Spieler die anderen mit in den Abgrund. Genau dies ist das Bild der Gesellschaft, in der wir leben, denn alle könnten das Spiel jederzeit gemeinsam beenden, und doch macht jeder weiter, weil er fürchtet, als Einziger leer auszugehen.Dieses Spielverhältnis bleibt nicht auf Geld und Karriere beschränkt, sondern überträgt sich bis in die Beziehungen der Menschen hinein, in denen niemand unterliegen und keiner der Schwächere sein will. Die Werbung nährt diesen Wettlauf mit jedem Bild, das sie aussendet, und fasst ihn bisweilen in eine einzige Zeile, wie in jener bekannten Reklame, in der zwei Männer ihren Besitz vergleichen, mein Haus, mein Auto, mein Boot. Der Mensch wird darauf abgerichtet, sich unentwegt mit anderen zu messen und nach der schöneren Partnerin, dem erfolgreicheren Mann, dem besseren Aussehen und der größeren Summe auf dem Konto zu streben, nur um sich im Gesellschaftsspiel ein Stück über die Übrigen zu erheben. Jeder will der Gewinner sein, und gerade deshalb bleiben am Ende fast alle Verlierer.Wie weit dieser Wettlauf getrieben wird, zeigt sich nirgends deutlicher als im Extremsport, und kaum ein Name steht dafür so sehr wie Red Bull. Eine ganze Marke hat sich beinahe vollständig über die Grenzüberschreitung definiert, fördert die waghalsigsten Athleten, finanziert Rekordversuche und Wettkämpfe und lenkt gewaltige Summen in die Inszenierung des Äußersten. Jeder will der Größte, der Schnellste und der Extremste sein, und wer dieses Spiel mitspielt, setzt nicht nur das eigene Leben aufs Spiel, sondern verführt zugleich andere dazu, es ihm gleichzutun und ihr Leben ebenfalls zu wagen. Aus dem Wettkampf wird so ein Sog, der sich von selbst verstärkt, denn jede überbotene Grenze verlangt nach der nächsten, und der Beifall gilt stets dem, der noch ein Stück weiter gegangen ist, gleichgültig wie nah am Abgrund.Verstärkt wird dieser Sog durch die Bilderwelten der großen Traumfabriken. Hollywood und die übrigen Produktionshäuser zeigen den Menschen unablässig neue Spiele, die sie nachahmen und nachleben können, und nicht selten reichen diese von der feinen Eitelkeit bis zur offenen Perversion und Zerstörung. Was auf der Leinwand als Nervenkitzel erscheint, sickert in das Verhalten der Zuschauer, die es übernehmen, nachspielen und für ein Zeichen von Stärke oder Freiheit halten. So werden die Menschen durch ihre eigenen Triebe und Neigungen, durch ihre oft destruktiven Regungen im Spiel gehalten, als flüsterte ihnen beständig ein Versucher ins Ohr, weiterzuspielen, weil die Preise verlocken und das Gewinnen ein gutes Gefühl verspricht. Doch dieses Gefühl ist nur der Köder, und der eigentliche Einsatz, den der Mensch dabei verspielt, ist er selbst.Denn der Mensch ist von klein auf ein nachahmendes Wesen, das fortwährend in sich aufnimmt, was die anderen ihm vorleben, und es zum Maßstab des eigenen Verhaltens macht. Was eine Gesellschaft ihm zeigt, das verinnerlicht er, und was sie feiert, das hält er bald für erstrebenswert. Ist diese Gesellschaft jedoch von destruktiven Werten durchsetzt, von Gier, Rücksichtslosigkeit und einer stillen Bewunderung für jede Form der Perversion, dann übernimmt der Einzelne genau diese Maßstäbe, ohne sie noch zu hinterfragen. So wird die Verirrung der einen Generation zum selbstverständlichen Modell der nächsten, und das Spiel, dessen Regeln längst verdorben sind, vererbt sich weiter, als wäre es die natürliche Ordnung der Welt.Kapitel 17 — Die ewige WiederkehrVielleicht besteht die größte Illusion der Moderne in der Überzeugung, sie habe die Mechanismen vergangener Gesellschaften überwunden. Tatsächlich hat sie viele ihrer Formen überwunden, ihre Strukturen jedoch keineswegs, denn das Brot, die Spiele und die Arenen bestehen weiterhin, sie haben lediglich ihre Gestalt gewechselt. Die Werkzeuge sind moderner geworden, die psychologischen Grundlagen sind erstaunlich konstant geblieben, und unter der glänzenden Oberfläche des Fortschritts arbeiten dieselben Hebel wie vor zweitausend Jahren.Die Geschichte erscheint deshalb weniger als eine Gerade, die nach oben weist, denn als ein Kreis, der sich unter wechselnden Namen wiederholt. Neue Technologien, Institutionen und Bekenntnisse treten auf, und dennoch stellen sich am Ende stets dieselben Fragen, nämlich wer die Aufmerksamkeit lenkt, wer das Brot verteilt, wer die Arena gestaltet und weshalb die Menschen sie immer wieder freiwillig betreten. Solange diese Fragen unbeantwortet bleiben, dreht sich der Kreis weiter, gleichgültig wie modern die Kulisse ist, in der er sich dreht.Den deutlichsten Beweis dafür, dass diese Formel nicht gestorben ist, liefert der Umstand, dass man sie heute wieder offen ausspricht, statt sie zu verschweigen. Der Historiker Yuval Noah Harari, einer der meistgelesenen Vordenker der Gegenwart, beschreibt ein heraufziehendes Zeitalter, in dem künstliche Intelligenz und Automatisierung große Teile der Menschheit wirtschaftlich überflüssig machen, eine Schicht, die er die nutzlose Klasse nennt. Auf die Frage, was mit diesen Massen geschehen solle, gab er eine Antwort, die wie ein später Nachhall Juvenals klingt, denn man werde sie, so schrieb er bereits 2014 in einem vielbeachteten Beitrag, mühelos satt und zufrieden halten können, und die richtige Dosis aus Drogen und Computerspielen werde dafür genügen, sodass es gar nicht nötig sei, diese Menschen mit Gewalt zu beseitigen.Harari betonte, dies sei keine Prophezeiung, sondern lediglich eine von mehreren Möglichkeiten, die er vor sich ausgebreitet sehe. Und doch liegt gerade in dieser nüchternen Gelassenheit das eigentlich Erschütternde. Denn ob als Warnung gemeint oder als kühle Diagnose, die uralte Formel kehrt hier Wort für Wort wieder, nur dass das Brot zur Droge geworden ist und die Spiele zum Computerspiel, und sie wird nicht mehr von einem Kaiser verkündet, sondern von einem gefeierten Gelehrten, der auch in den Sälen der Mächtigen gehört wird. Die Tragik dieser Aussage besteht nicht darin, dass sie falsch wäre, sondern darin, dass sie längst beschreibt, was bereits geschieht. Zwei Jahrtausende nach Juvenal hat sich die Maske der Herrschaft nicht verändert, einzig der Mund, aus dem sie spricht, ist ein anderer geworden.Hier zeigt sich die unbequemste Einsicht dieses Buches. Es sind nicht allein die Mächtigen, die das Spektakel am Leben halten, sondern auch jene, die es betreten, es begehren und es verteidigen. Ein System der freiwilligen Unterwerfung kann ohne die Freiwilligkeit der Unterworfenen nicht bestehen, und genau darin liegt seine Verwundbarkeit. Was durch Zustimmung getragen wird, kann durch deren Entzug ins Wanken geraten, und die Wiederkehr des Immergleichen ist kein Naturgesetz, sondern eine Gewohnheit, die so lange währt, wie niemand sie durchschaut.SchlusswortWer bis hierher gelesen hat und das Buch nun mit einem milden Achselzucken zuzuklappen gedenkt, hat nichts begriffen. Denn Brot und Spiele sind keine harmlose Begleiterscheinung des Zusammenlebens, kein verzeihliches Vergnügen am Rande der ernsten Dinge, sondern das Betäubungsmittel, mit dem man ganze Völker ruhigstellt, während über ihre Köpfe hinweg entschieden wird, wer hungert, wer arbeitet, wer enteignet wird und wer in den nächsten Krieg zieht. Hinter dem freundlichen Schein der Unterhaltung verbirgt sich kein Spiel, sondern eine Maschinerie, deren Täuschungsmanöver reales Leid erzeugen und Folgen nach sich ziehen, die schwerer wiegen, als der Berauschte je zu ahnen wagt. Alles, was diesen Ernst verharmlost, ist bereits Teil der Täuschung.Dieses Buch will deshalb nicht beruhigen, sondern aufwühlen. Es will die bequeme Gewissheit zerschlagen, man selbst sei von alldem nicht betroffen, man durchschaue das Spiel ja längst und sehe ihm nur belustigt zu. Genau diese Überheblichkeit ist die feinste aller Fesseln. Der Zorn, den diese Zeilen auslösen mögen, sollte sich daher nicht gegen den Text richten, sondern nach innen wenden, gegen die eigene Trägheit, die eigene Bequemlichkeit und jene Ignoranz, die man so lange für Gelassenheit gehalten hat. Wer sich empört, hat begonnen zu sehen, und wer zu sehen beginnt, erkennt zuerst den eigenen Anteil an der eigenen Gefangenschaft.Doch hier setzt erst die unbequemste aller Fragen ein. Der Süchtige weiß oft sehr genau, dass er süchtig ist, er kennt das Gift, er kennt den Preis, und dennoch greift er am nächsten Morgen erneut danach. Weshalb also entzieht er sich der Droge nicht, obwohl er ihren Schaden längst durchschaut hat? Dieselbe Frage trifft jeden, der die Perversion hinter Brot und Spielen erkannt hat, denn das bloße Erkennen verändert noch gar nichts. Es ist der bequemste Selbstbetrug überhaupt, sich für frei zu halten, nur weil man die Kette gesehen hat, an der man weiterhin liegt. Ein Wissen, das nicht in Handeln übergeht, ist nichts als eine verfeinerte Form derselben Betäubung, beruhigt nur das Gewissen und lässt die Verhältnisse unangetastet.Die Arena hat sich über die Jahrtausende verändert. Sie ist digital geworden, oberflächlich und vielgestaltig, sie trägt tausend Gesichter und dringt in jeden Winkel des Lebens. Doch ihr Zweck ist derselbe geblieben, denn überall arbeitet dieselbe Maschinerie aus Zerstreuung und Spaltung daran, den Menschen in seiner Sucht zu halten, weil ein berauschter Mensch beherrschbar ist und ein nüchterner es niemals wäre. Man hält ihn in Bewegung, man unterhält ihn ohne Pause und jagt ihn von einem Reiz zum nächsten. Kaum hat sich der eine Rausch erschöpft, langweilt er sich bereits und verlangt nach dem nächsten, und in dieser ewigen Hetze nach dem kommenden Hochgefühl verliert er sich selbst. Genau dieser Verlust ist kein Unfall, sondern Absicht.Deshalb genügt es nicht, den Mechanismus zu durchschauen. Es verlangt eine Größe und eine Stärke, die seltener ist als jede Einsicht, nämlich den Mut, dem Erkannten auch zu widerstehen und den Teufelskreis tatsächlich zu unterbrechen, statt ihn nur klug zu beschreiben. Und so richtet sich die schärfste aller Fragen am Ende nicht an die Mächtigen, sondern an dich selbst. Wirst du, nachdem du das Spiel durchschaut hast, den Mut aufbringen, die Arena zu verlassen, oder wirst du morgen früh wieder auf deinen Platz auf der Tribüne zurückkehren? Bleibst du der Spielball jener, die deine Ablenkung verwalten, oder wirst du zu einem freien, selbstbestimmten Menschen, der seine Aufmerksamkeit, seine Zeit und sein Leben nicht länger verschenkt? Die Spiele enden nicht durch die Einsicht des Einzelnen, sondern durch seine Entscheidung, und alles hängt davon ab, wie viel du wahrhaftig bereit bist zu geben, um sie zu beenden.Denn am Ende liegt darin die eigentliche Aufgabe, die vor uns allen liegt. Die Welt zerfällt letztlich in zwei Lager, in die Spielemacher und die Spieler, und solange wir die Regeln hinnehmen, die jene für uns ersonnen haben, werden wir unausweichlich ihr Spiel spielen. Es genügt deshalb nicht, ein einzelnes Spiel zu durchschauen oder eine einzelne Arena zu verlassen, denn die wahre Veränderung beginnt erst in dem Augenblick, in dem wir aufhören, ihre Spiele zu spielen und ihre Regeln zu akzeptieren. Unsere Aufgabe besteht darin, alles dafür zu tun, diese Spiele endgültig zu beenden, damit an ihrer Stelle etwas Neues beginnen kann, eine Ordnung, die auf Freiheit, Frieden und Wahrheit ruht und nicht länger auf Manipulation, Missbrauch und Gewalt. Erst wenn die Menschen aufhören, das Spiel mitzuspielen, das sie verzehrt, hört die Arena auf zu herrschen, und zum ersten Mal seit zweitausend Jahren wäre das Brot wieder bloß Brot und das Spiel wieder bloß ein Spiel.QuellenverzeichnisSolomon Asch, Effects of Group Pressure upon the Modification and Distortion of Judgments, in: Harold Guetzkow (Hrsg.), Groups, Leadership and Men, Carnegie Press, Pittsburgh 1951. Darin der experimentelle Nachweis, dass Menschen sich dem Urteil der Mehrheit selbst dann beugen, wenn es offenkundig falsch ist, und dass schon ein einziger Abweichler diesen Druck zu brechen vermag.Noam Chomsky, in: Manufacturing Consent. Noam Chomsky and the Media, Dokumentarfilm von Mark Achbar und Peter Wintonick, 1992. Darin die Aussagen über den Zuschauersport als Schule des Gehorsams und des irrationalen Chauvinismus.Umberto Eco, Das Sportgeschwätz, in: Travels in Hyperreality, Essaysammlung, englische Ausgabe 1986. Darin die Deutung des Sportgeschwätzes als Ablenkung vom öffentlichen Leben und als gesteigerte Form des Konsums.Byung-Chul Han, Im Schwarm. Ansichten des Digitalen, Matthes & Seitz, Berlin 2013, sowie Infokratie. Digitalisierung und die Krise der Demokratie, Matthes & Seitz, Berlin 2021. Darin der digitale Schwarm, der Informationsrausch und die These, dass die allgemeine Zerstreuung den gesellschaftsverändernden Zorn gar nicht erst aufkommen lässt.Yuval Noah Harari, Will People Still Be Useful in the 21st Century?, in: CNN, 17. September 2014, sowie Homo Deus. Eine Geschichte von Morgen, deutsche Ausgabe 2017. Darin die Vorstellung einer nutzlosen Klasse und die Überlegung, die wirtschaftlich überflüssig gewordenen Massen ließen sich künftig mit Drogen und Computerspielen zufrieden und ruhig halten.Juvenal (Decimus Iunius Iuvenalis), Satiren, Zehnte Satire, entstanden um 100 bis 127 nach Christus. Dort die berühmte Wendung panem et circenses, Brot und Spiele.Anna Lembke, Dopamine Nation. Finding Balance in the Age of Indulgence, Dutton, New York 2021. Darin das Bild des Smartphones als Injektionsnadel der Gegenwart und der digitalen Plattformen als endloser Quelle digitalen Dopamins.George Orwell, The Sporting Spirit, in: Tribune, London, 14. Dezember 1945, später wiederabgedruckt in: Shooting an Elephant and Other Essays, 1950. Darin die Beschreibung des ernsthaften Wettkampfs als Krieg abzüglich der Schüsse.Squid Game, Fernsehserie von Hwang Dong-hyuk, Netflix, 2021. Darin die Abstimmung, mit der die hoch verschuldeten Spieler das tödliche Spiel gemeinsam beenden könnten, und ihre Rückkehr, die jeder aus eigener Not und Gier antritt.Karl-Wilhelm Weeber, Panem et circenses. Massenunterhaltung als Politik im antiken Rom, Verlag Philipp von Zabern, Mainz 1994. Darin die hier in eigenen Worten wiedergegebenen Zahlen und Befunde zu den römischen Gladiatorenkämpfen, Tierhetzen und Circusspielen.Impressum© 2026 Dawid Snowden. Alle Rechte liegen beim Autor und Rechteinhaber.Autor: Dawid SnowdenE-Mail: dawid.snowden@protonmail.comWebseite: dawidsnowden.comNutzungshinweis: Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Der Autor gibt es jedoch ausdrücklich zur freien Nutzung frei. Es darf vollständig oder in Teilen genutzt, vervielfältigt, weitergegeben und verwendet werden.

14.06.2026 49 min 283 1