Digitales Geld, totale Kontrolle und die Bequemlichkeit, mit der wir unsere Freiheit verkaufen - von Dawid Snowden
Inhalt
- Vorwort
- I. Der Köder
- II. Die Stückelung als Waffe
- III. Der stille Krieg gegen das Bargeld
- IV. Die absolute Kontrolle
- V. Das Versprechen und das Misstrauen
- VI. Der durchleuchtete Mensch
- VII. Die Kette aus Bequemlichkeit
- VIII. Der Tag, an dem das Netz schweigt
- IX. Die Zonen
- X. Keine Partei wird uns retten
- XI. Am Geldautomaten
- Quellenverzeichnis
- Impressum
Vorwort
Ich schreibe dieses Buch nicht als Theoretiker, sondern als jemand, der die Technik, von der hier die Rede ist, von innen kennt. Ich verbringe mein halbes Leben im Reparaturgeschäft, ich habe Zehntausende Geräte zerlegt, vom Saugroboter über das Smartphone bis zur Kamera, und ich bin selbst in die Entwicklung von Hardware eingebunden. Ich weiß daher recht genau, was in diesen Geräten steckt, wozu sie fähig sind und wie leicht sich ihre Fähigkeiten gegen den Menschen wenden lassen, der sie zu besitzen glaubt.
Aus dieser Nähe ist die Überzeugung gewachsen, die ich auf den folgenden Seiten ausbreite. Sie lautet, dass uns die Freiheit nicht mit einem Schlag genommen wird, sondern dass man sie uns in tausend kleinen, bequemen Schritten abkauft, bis wir sie eines Tages vermissen und begreifen, dass wir sie selbst hergegeben haben. Das Bargeld und der große Schein am Automaten sind dabei nur der Anfang einer längeren Kette, und ich will zeigen, wie diese Kette geschmiedet wird, Glied für Glied.
Ich bitte dich nicht, mir zu glauben. Ich bitte dich, selbst zu prüfen, was ich beschreibe, und dir am Ende dein eigenes Urteil zu bilden.
I. Der Köder
Jede Falle beginnt nicht mit dem Eisen, sondern mit dem Köder. Niemand spannt eine Schlinge und hofft, das Wild liefe hinein, weil es die Schlinge liebt. Man legt einen Köder hinein, der mit seinem Duft ein Versprechen vortäuscht, und das Eisen wartet geduldig dahinter. Genau so verhält es sich mit der digitalen Entmündigung, die ich auf den folgenden Seiten beschreibe. Sie tritt nicht als Befehl auf, nicht als Drohung und nicht als Uniform, sondern als Bequemlichkeit. Sie sagt nicht, gib deine Freiheit her, sondern sie flüstert, mach es dir doch leichter.
Und tatsächlich ist sie bequem. Ich will das nicht beschönigen und auch nicht verschweigen, denn wer eine Gefahr nur halb beschreibt, wird nicht ernst genommen. Wer mit der Smartwatch bzw. der smarten Wanze am Handgelenk oder mit einem Blick in die Kamera bezahlt, erlebt einen Vorgang, der schnell und reibungslos abläuft, ohne den Moment des Kramens und ohne das Warten auf das Wechselgeld. Die Bequemlichkeit ist real, und gerade darin liegt ihre Macht. Man fürchtet sich nicht vor einem Geschenk.
Doch Bequemlichkeit ist kein Naturzustand, sie wird hergestellt. Die Verhaltensforschung kennt dafür einen nüchternen Begriff. Richard Thaler und Cass Sunstein haben beschrieben, wie sich Menschen lenken lassen, ohne dass man ihnen etwas verbietet, allein dadurch, dass man den einen Weg mühelos und den anderen mühsam macht. Sie nannten es das Anstupsen, das sanfte Schubsen in eine vorbestimmte Richtung. Niemand wird gezwungen, niemand wird bestraft, und dennoch tut am Ende fast jeder, was vorgesehen war, weil der vorgesehene Weg der Weg des geringsten Widerstandes ist. Wer die Bequemlichkeit kontrolliert, kontrolliert das Verhalten, und er kontrolliert es gründlicher als jeder Befehl, weil das Opfer glaubt, es habe selbst gewählt.
Das ist der erste und wichtigste Gedanke dieses Buches. Die Kette, die man uns anlegt, ist nicht aus Eisen, sondern aus Komfort. Sie scheuert nicht, sie drückt nicht, und sie glänzt sogar. Man trägt sie freiwillig und hält sie für ein trendiges Stück Technik oder ein modisches Accessoire. Dass es überhaupt eine Kette ist, bemerkt man erst, wenn man sie wieder ablegen will, und in diesem Augenblick zeigt sich, dass sie keinen Verschluss besitzt, den man selbst öffnen könnte.
II. Die Stückelung als Waffe
Wer verstehen will, wie man einem Volk das Bargeld entzieht, ohne es jemals zu verbieten, muss ein einziges, unscheinbares Wort begreifen, das Wort Stückelung. Es trägt einen doppelten Sinn in sich, und beide Bedeutungen beschreiben dieselbe Methode. Stückelung meint die Größe der Scheine, in denen das Geld ausgegeben wird, und Stückelung meint zugleich das Verfahren, eine große Veränderung in so viele winzige Schritte zu zerlegen, dass keiner von ihnen Widerstand verdient.
Beginnen wir beim Greifbaren, beim Geldautomaten. Wer heute, im Jahr 2026, hundert Euro abheben möchte, erhält in den meisten Fällen einen einzigen Schein. Auf den ersten Blick wirkt das harmlos, beinahe ordentlich, ganz so, wie es der Deutsche sagen würde: „Ordnung muss sein.“ Doch mit diesem Schein kauft man weder ein Brötchen vor der Arbeit noch einen Kaffee in der Pause noch ein Stück Kuchen am Nachmittag, denn an jeder Theke wird man mit demselben Satz empfangen, dass der Schein zu groß und das Wechselgeld zu knapp sei. Möchte man kleinere Scheine oder Münzen, verlangen manche Banken dafür ein Entgelt, als wäre das eigene Geld in handlicher Form eine Sonderleistung, für die man zu zahlen hat. So wird das Bargeld nicht abgeschafft. Man macht den Umgang damit nur Stück für Stück so lästig und so teuer, dass die Menschen am Ende von selbst zur Karte greifen und sich dabei auch noch für vernünftig halten.
Hier verrichtet die Stückelung im ersten Sinn ihr Werk, und hier greift bereits der zweite Sinn. Denn keine dieser Maßnahmen kommt als großer Schlag. Sie kommen einzeln, klein und scheinbar belanglos. Zuerst verschwinden die kleinen Scheine aus dem Automaten. Dann kostet das Wechselgeld eine Gebühr, und bei manchem Institut zahlt man am Ende sogar für die Auszahlung selbst. Andere bieten die Barauszahlung überhaupt nicht mehr an, allen voran die reinen Internetbanken, bei denen jede Leistung kostenlos und mit einem Fingertipp erledigt ist, nur dass sich das eigene Geld dort nicht mehr in Scheinen abheben lässt. Dann folgen die Geschäfte, die nur noch die Karte akzeptieren, und zuletzt verschwindet der nächste große Schein aus dem Umlauf, angeblich weil ihn ohnehin nur Kriminelle gebrauchen könnten. Genau hier wird aus der Gebühr ein Gefühl. Wer noch in Scheinen zahlt, soll sich fragen, ob er denn mit Kriminellen in einen Topf geworfen werden möchte, und greift schon aus Scham zur Karte. Reicht das nicht, erfindet man die nächste Kulisse und erklärt, das Bargeld übertrage Viren schneller und gründlicher als jede andere Zahlung, sodass der Verzicht mit einem Mal wie Vernunft und Hygiene aussieht. Man macht es den Opfern so einleuchtend, dass sie es am Ende freiwillig unterlassen und den Verzicht für ihre eigene Einsicht halten. Jeder einzelne Schritt lässt sich somit rechtfertigen, jeder einzelne lässt sich hinnehmen, und gerade weil man jeden einzelnen hinnimmt, ist die Strecke am Ende zurückgelegt, ohne dass je eine Entscheidung gefallen wäre. Das ist die eigentliche Kunst. Man fragt den Menschen niemals, ob er das Bargeld aufgeben will, denn die Antwort wäre höchstwahrscheinlich nein.
Ich nenne dieses Verfahren beim Namen, weil es das mächtigste Werkzeug der leisen Herrschaft überhaupt ist. Man kann einem Menschen alles nehmen, wenn man es ihm nur in genügend kleinen Stücken nimmt. Eine Grenze, die nicht verteidigt wird, verschiebt sich, und jede gelungene Verschiebung erteilt der nächsten die Erlaubnis. Was als Ausnahme begann, wird zur Regel, die Regel wird zur Gewohnheit, und die Gewohnheit wird schließlich für Natur gehalten. Der Frosch, sagt ein altes Bild, springt aus dem kochenden Wasser, doch im langsam erwärmten bleibt er sitzen, bis es zu spät ist. Die Stückelung ist die Methode, also das Wasser langsam zu erhitzen.
Carl-Ludwig Thiele, lange im Vorstand der Deutschen Bundesbank, verteidigte das Bargeld mit einem abgewandelten Wort Dostojewskis und nannte es geprägte Freiheit. Dostojewski selbst, der seine Jahre im sibirischen Straflager verbrachte und den Wert der Freiheit kannte wie wenige, hatte vom Geld als geprägter Freiheit gesprochen. Thiele verteidigte damit die Bezahlung in Scheinen und Münzen, weil sie die Privatsphäre schützt, weil sie ohne Technik funktioniert und weil sie in Krisenzeiten bleibt, wenn alles andere ausfällt. Man halte sich vor Augen, was das bedeutet. Selbst aus dem Inneren der Notenbank kam die Warnung, dass die Abschaffung des Bargeldes den Menschen gläsern macht und sein Recht auf informationelle Selbstbestimmung beschneidet. Wer also das Bargeld in kleinen Stücken madig macht, verdrängt in kleinen Stücken die Freiheit, und er tut es so leise, dass kaum jemand den Zusammenhang bemerkt.
III. Der stille Krieg gegen das Bargeld
Der Köder allein genügt nicht, denn es gibt Menschen, die der Bequemlichkeit misstrauen und beim Vertrauten bleiben. Gegen sie wird der stille Krieg mit anderen Mitteln geführt. Immer mehr Geschäfte nehmen nur noch Karte, immer mehr Kassen kennen nur noch das kontaktlose Tippen, und wer mit Schein und Münze kommt, wird behandelt wie ein Mensch aus einer vergangenen Zeit. Was als modern und futuristisch angepriesen wird, ist in Wahrheit eine Verengung der Wahl, bis am Ende keine Wahl mehr übrig bleibt.
Besonders deutlich tritt diese Härte dort hervor, wo das Bargeld noch fließt, in den Betrieben mit einer Barkasse. Wer eine solche Kasse führt, lebt unter der ständigen Drohung der Prüfung durch das Finanzamt. Eine fehlende Buchung, eine falsche Zahl, und schon steht man im Fadenkreuz des Systems. In den Morgenstunden oder mitten am Tag rücken die Prüfer ein, begleitet von bewaffneter Polizei, nehmen Bücher, Rechner und Unterlagen mit, als gehörten sie längst dem Staat, und zwingen ein gesundes Geschäft binnen Stunden in die Knie, weil sich angeblich eine Unregelmäßigkeit in der Buchführung fand. Ein Staat, der von der Abgabe jedes Cents lebt, selbst keine Ressourcen bereitstellt und die Menschen in dauerhafter Enteignung hält, ein Staat, in dem sie über die Verwendung dieser Abgaben nicht das geringste Mitspracherecht besitzen, sondern der Willkür der Verwaltung restlos ausgeliefert bleiben, empfindet das Bargeld als blinden Fleck und sucht ihn mit allen Mitteln auszuleuchten.
Dabei ist das Bargeld gelebte Freiheit. Wenn ich an der Kasse stehe, werde ich nicht nach meinem Kontostand bewertet und nicht nach einem Punktestand, wie ihn China unter dem Namen Sozialkredit bereits erprobt, wo der Zugang zu bestimmten Leistungen vom Wohlverhalten abhängen kann. Ich werde behandelt wie jeder andere Mensch. Ob ich eine zerrissene Hose trage oder eine Krawatte, vor dem Schein und der Münze sind alle gleich. Die digitale Zahlung dagegen lässt sich jederzeit abwählen und an Bedingungen knüpfen. Wie viele Menschen standen schon mit vollem Einkaufswagen an der Kasse, gerade jene, die als systemkritisch gelten, weil die Bank in genau diesem Augenblick nein sagte, etwa nachdem ein Richter eine Kontopfändung angeordnet hatte.
Bargeld ist die letzte Zahlung, die niemand mitliest, und genau deshalb ist es der herrschenden Verwaltung ein Dorn im Auge, weil sie es nicht restlos kontrollieren kann. Sie hätte auch die letzten Rücklagen gern, die sich die Menschen mühsam zusammengespart oder im Stillen beiseitegelegt haben, um sie für ihre Kriege und ihren Machterhalt einzusetzen, während dieselben Menschen im eigenen Land nicht einmal das Geburtsrecht besitzen, ein Stück Erde kostenlos zu erhalten, um es zu bebauen oder darauf ein Haus für ihre Familie zu errichten. Alles ist an Abhängigkeiten und demokratische Zwänge gebunden, an Pflichten, die niemals enden und bei denen die Menschen nicht mitbestimmen dürfen, jedenfalls nicht in einem Maß, das es erlauben würde, von ihrem Land oder ihrer Heimat zu sprechen. So werden sie zu bloßen Ressourcen degradiert, zu Nutzmenschen, die alles hinzunehmen haben, was man ihnen aufzwingt oder in Pflichten verpackt und mit Staatsgewalt als Sicherheit hinterlegt.
Besonders bitter zeigt sich der Verlust des Bargeldes bei den Obdachlosen. Je weniger Menschen noch Münzen oder kleine Scheine bei sich tragen, desto weniger bleibt, was sie mit denen teilen könnten, die am Rand sitzen und von der Politik in die Existenzvernichtung entlassen wurden. Man male sich die Szene aus, in die das führt, den Obdachlosen, der mit einem Kartenlesegerät vor der Tür kauert und um digitale Verrechnungseinheiten bettelt. An Absurdität und Perversion ist das kaum noch zu überbieten. Man kann sich an dieser Stelle sofort fragen, ob dieser Mensch überhaupt obdachlos wäre, wenn auch er das Geburtsrecht besäße, ein Stück Erde sein Eigen zu nennen. Säße er dann noch vor einer fremden Tür und bettelte, oder baute er auf eigenem Grund und Boden eine Scheune, eine Hütte oder ein Haus, zöge dort vielleicht sogar seine Nahrung und hielte sich Tiere? Menschen, die in Abhängigkeit leben, sind dazu verdonnert, jede Freiheit zu verlieren. Wer sich von dieser Entwicklung jedoch vollständig hat vereinnahmen lassen, hält auch das noch für einen Fortschritt.
Man muss diesen Punkt scharf sehen, um die folgenden Kapitel zu verstehen. Solange Bargeld existiert, gibt es einen Raum, in dem der Mensch frei handeln kann, ohne dass ein Dritter zusieht, mitschreibt und im Zweifel eingreift. Dieser Raum ist klein, doch er ist der letzte seiner Art. Jede Münze, die ich von Hand zu Hand gebe, ist eine Handlung, die kein Algorithmus genehmigt und kein Konzern protokolliert. Wer diesen Raum verteidigt, verteidigt nicht das Geld, sondern das Prinzip, dass nicht jede Regung des Lebens der Erlaubnis einer höheren Instanz bedarf. Und wer ihn räumt, räumt mehr als ein Zahlungsmittel, er räumt die letzte Nische, in der Freiheit noch ohne Bedingung gilt.
IV. Die absolute Kontrolle
Nun komme ich zum Kern, zu jenem Punkt, an dem die Bequemlichkeit ihr wahres Gesicht zeigt. Was am Ende des Weges steht, trägt einen sperrigen Namen, das digitale Zentralbankgeld, in der Sprache der Fachleute die CBDC. Es ist kein Bargeld in elektronischer Hülle, sondern etwas grundlegend anderes, und der Unterschied entscheidet über die Freiheit ganzer Gesellschaften.
Man muss diese Wahrheit nicht von Kritikern borgen, denn die Mächtigen selbst haben sie mit erstaunlicher Offenheit ausgesprochen. Agustín Carstens, Generaldirektor der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, also der Zentralbank der Zentralbanken, erklärte im Oktober 2020 auf einer Tagung den entscheidenden Unterschied zwischen Bargeld und digitalem Geld. Beim Schein, sagte er sinngemäß, wisse niemand, wer ihn gerade benutze. Beim digitalen Geld hingegen habe die Zentralbank, ich zitiere, die absolute Kontrolle über die Regeln, und sie besitze überdies die Technik, diese durchzusetzen. Man lese diesen Satz langsam und ein zweites Mal. Hier spricht kein Gegner des Systems, hier spricht seine höchste Instanz, und sie nennt das Ziel beim Namen. Absolute Kontrolle und die Technik, sie durchzusetzen.
Was diese Kontrolle in der Praxis bedeutet, hat ein anderer hoher Beamter ebenso freimütig ausgeführt. Bo Li, stellvertretender Direktor des Internationalen Währungsfonds und zuvor in der chinesischen Zentralbank tätig, erklärte 2022, digitales Geld lasse sich programmieren, sodass sich genau festlegen lasse, wer es besitzen und wofür es verwendet werden dürfe. Er nannte Beispiele, die harmlos klingen sollen, etwa Sozialleistungen oder Gutscheine, die nur für bestimmte Zwecke ausgegeben werden können. Doch man denke den Gedanken zu Ende. Geld, das weiß, wofür es ausgegeben werden darf, ist Geld, das mir etwas verbieten kann. Es kann verfallen wie ein Joghurt mit Mindesthaltbarkeit, sich an einen einzigen Ort fesseln lassen oder die eine Ware erlauben, während es die andere verweigert, und all das nicht in Tagen, sondern in dem Bruchteil einer Sekunde, in dem eine Bedingung geprüft und ein Schalter umgelegt wird.
Damit verschiebt sich die ganze Natur des Geldes. Heute kann ein Staat ein Konto sperren, und schon das ist eine schwere Maßnahme, doch sie ist langsam, sichtbar und an ein Verfahren gebunden. Im digitalen Geld geschieht dasselbe ohne Verfahren, ohne Vorwarnung und ohne Aufschub. Ein Mensch, dessen Verhalten als unerwünscht eingestuft wird, verliert nicht nach Wochen, sondern in dem Augenblick, in dem ein automatischer Vertrag, ein sogenannter Smart Contract, die festgelegte Bedingung als verletzt erkennt. Was vorher ein langwieriger Akt der Macht war, wird zum Reflex einer künstlichen Intelligenz, die einem Algorithmus folgt, den die Herrschenden bestimmt haben und nicht die Menschen selbst. Die Strafe braucht keinen Richter mehr, sie braucht nur eine Regel und ein System, das sie auslöst.
Man muss diese Kette aus Digitalisierung und Repression zu Ende denken, denn die einzelnen Werkzeuge, die für sich genommen schon gefährlich sind, entfalten ihre volle Wucht erst in der Verbindung. Firmen wie Palantir führen gewaltige Mengen an Daten über uns zusammen, und es ist eine berechtigte Sorge, dass solche Profile am Ende auch in ausländischen Datenbanken landen. Verknüpft man diese Datenmacht mit dem programmierbaren Geld, dann genügt ein als unerwünscht markierter Geldfluss oder der Handel mit einem Land, das ein herrschendes Regime gerade verboten hat, und schon lässt sich nichts mehr überweisen und kein Geschäft mehr abschließen. Der Mensch wird damit nicht nur überwacht, sondern jederzeit sabotierbar gemacht.
Dazu sollte man die Robotik im Blick behalten, an der weltweit mit Hochdruck gearbeitet wird und die in den nächsten Jahren das Straßenbild prägen dürfte. Rüstet man diese Maschinen mit Waffentechnik und mit Algorithmen aus, dann ziehen sie womöglich im Auftrag einer Technokratie, einer neuen digitalen Aristokratie, durch die Straßen und erniedrigen die Menschen, unterdrücken sie oder berauben sie ihrer Freiheit. Das ist die Dystopie, die uns Filme und Serien längst vorgeführt haben, von Terminator über Demolition Man bis zu Black Mirror und Songbird. Ich zeichne dieses Bild nicht, weil es feststeht, sondern weil die Bausteine dafür bereits gebaut werden.
Und hier schließt sich der Kreis zur Stückelung. Damit dieses Geld, das in Europa unter dem Namen digitaler Euro längst vorangetrieben wird, zur einzigen Möglichkeit wird, muss zuvor das Bargeld verschwinden, denn solange ich in Münzen und Scheinen zahlen kann, entkomme ich dem Schalter, der mir gegebenenfalls das Essen, die Reise oder den Flug verbietet. Der zuständige Wirtschafts- und Währungsausschuss des Europäischen Parlaments, kurz ECON, hat seine Verhandlungsposition im Juni 2026 angenommen, woraufhin der abschließende Trilog zwischen Parlament, Rat und Kommission noch im selben Jahr zu einem fertigen Gesetz führen soll. Eine Pilotphase ist ab Mitte 2027 vorgesehen, und eine erste Ausgabe an die Bürger gilt frühestens für das Jahr 2029 als möglich. Deshalb gehören der Geldautomat, der nur noch große Scheine ausspuckt, und die absolute Kontrolle zusammen wie zwei chemische Stoffe, die einzeln harmlos wirken und zusammen explodieren.
Denn je mehr Betriebe, Restaurants und Dienstleister ausschließlich Kartenzahlung akzeptieren, desto weniger Menschen tragen überhaupt noch Bargeld bei sich, weil sie ohnehin mit der Karte zahlen können. Genau darin liegt die psychologische Strategie. Der Mensch ist von Natur aus bequem, er wählt fast immer den Weg des geringsten Widerstands und übernimmt die Standardoption, die man ihm vorlegt, ohne sie zu hinterfragen. Macht man das bargeldlose Zahlen zur Selbstverständlichkeit, dann folgt er dem bequemen Köder ganz von allein. Und wenn am Ende nur noch eine verschwindende Minderheit an Geschäften, Firmen und Gastronomiebetrieben überhaupt Bargeld annimmt, löst sich das Problem von allein. Es bedarf keines Verbots mehr. Die Menschen verwenden es schlicht nicht mehr, und weil es kaum noch jemand entgegennimmt, wird es nach und nach verdrängt, entwertet und stillschweigend abgeschafft. Es wird nicht verboten, es wird nur überflüssig gemacht, bis es mangels Gebrauch von selbst verschwindet.
Das heißt, man treibt die Betroffenen zuerst in genau diese Lage, in der sie das Bargeld kaum noch einsetzen. Zugleich gerät unter Druck, wer an der Quelle steht, also die Unternehmen selbst. Wer weiterhin mit Bargeld arbeitet, sieht sich Betriebsprüfungen ausgesetzt, die mit einer Härte auftreten, die an Einschüchterung grenzt, und an deren Ende oft Steuernachforderungen oder Schätzungen in exorbitanter Höhe stehen, gegen die sich der Einzelne kaum noch wehren kann. Kein Unternehmer will sich diese Repression freiwillig antun, und so meidet er das Bargeld, lange bevor ein Gesetz es ihm untersagt. Auf diese Weise greifen alle diese Mechanismen ineinander. Der eine bereitet vor, was der andere vollendet. Wer das Bargeld verteidigt, verteidigt nicht die Vergangenheit, sondern den Notausgang.
V. Das Versprechen und das Misstrauen
An dieser Stelle wird man mir die offizielle Beruhigung entgegenhalten, und ich will sie nicht unterschlagen, denn ich fürchte das Gegenargument nicht, ich nehme es ernst. Die Europäische Zentralbank versichert, der digitale Euro werde, ich gebe ihre Formulierung wieder, niemals programmierbares Geld sein. Es werde keine eingebauten Beschränkungen geben, wo, wann und wofür man ihn nutze. Doch diese Beteuerung ist ungefähr so haltbar wie jene berühmte Versicherung, die der DDR-Staats- und Parteichef Walter Ulbricht am 15. Juni 1961 auf einer internationalen Pressekonferenz in Ost-Berlin auf die gezielte Nachfrage einer Journalistin gab: „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten." Keine zwei Monate später stand sie. Sie gleicht dem Versprechen, es werde keine Ausgangsbeschränkungen geben, und so vielen Zusagen der Geschichte, die sich später, einmal fest etabliert, doch als Wirklichkeit erwiesen.
Auch die Offline-Zahlung solle, so heißt es, ebenso privat sein wie Bargeld, die Nutzung freiwillig bleiben und das Bargeld erhalten werden. Ernst nehmen lässt sich das kaum, denn die Bargeldakzeptanz sinkt ohnehin von Jahr zu Jahr, und immer mehr Unternehmer verzichten darauf, sei es wegen der erwähnten Repressionen durch die Finanzbehörden, sei es, weil die Kundschaft längst mit Karte zahlt. Welche Garantie haben die Menschen, dass man sich an diese Erzählung hält, dass das Geld nicht doch steuerbar, nicht kontrollierbar und nicht mit geografischen Sperren versehen wird, wie sie bei Mastercard und Visa längst möglich sind, wo sich Zahlungen für bestimmte Länder unterbinden lassen? Und warum sollte sich dasselbe nicht eines Tages auf regionaler Ebene oder für einzelne Zonen innerhalb einer Stadt einrichten lassen, sobald die herrschenden Politiker es so bestimmen? Sicherheiten gibt es keine, und nach meiner Überzeugung wird es sie auch niemals geben.
Der parlamentarische Prozess dazu läuft, wie ich im vierten Kapitel beschrieben habe, doch eine erste Ausgabe wird nicht vor dem Ende des Jahrzehnts erwartet, und der Streit um die Einzelheiten ist offen. So weit das Versprechen.
Ich glaube diesem Versprechen nicht, und ich will genau sagen, warum, denn mein Misstrauen ist kein Bauchgefühl, sondern ein Schluss, gestützt auf das, was sich in meinem Umfeld und darüber hinaus beobachten lässt, sofern man nicht blind durch die Welt geht. Erstens steht das Versprechen im Widerspruch zu dem, was die höchsten Stellen des internationalen Geldwesens als Vorzug der neuen Währung gepriesen haben. Wenn die Zentralbank der Zentralbanken die absolute Kontrolle und die Technik zu ihrer Durchsetzung als den entscheidenden Unterschied zum Bargeld feiert, dann ist die Kontrolle nicht ein versehentlicher Nebeneffekt, den man später abstellen kann, sondern der eigentliche Zweck der Sache.
Zweitens unterscheidet die offizielle Sprache fein zwischen dem, was technisch möglich, und dem, was rechtlich vorgesehen ist. Doch ein Werkzeug, das die Beschränkung kann, wird die Beschränkung eines Tages tun, sobald die Lage es nahezulegen scheint, und die Lage lässt sich herstellen. Mir drängt sich dazu eine Analogie auf. Vor einigen Jahren wurde eine Rechtsgrundlage geschaffen, die es erlaubte, mutmaßlich kriminellen Familienclans das Vermögen zu entziehen, ihnen Häuser und Autos zu nehmen oder Konten einzufrieren. Die Mehrheit beklatschte das mit dem Argument, nun greife der Rechtsstaat endlich durch. Doch ein Instrument, das einmal existiert, bleibt selten auf seinen ursprünglichen Zweck beschränkt, und ich bin überzeugt, dass die Jahre der Pandemie gezeigt haben, wie rasch sich solche Mittel auch gegen jene wenden lassen, die den Maßnahmen kritisch gegenüberstanden. Wer ein Beispiel verlangt, findet es in den Protestbewegungen jener Jahre. Beim australischen „Convoy to Canberra" zu Beginn des Jahres 2022 fror die private Spendenplattform GoFundMe über einhundertsechzigtausend australische Dollar an Unterstützergeldern ein und annullierte die Kampagne wenig später ganz, und im verwandten kanadischen Protest derselben Zeit gingen die Behörden noch weiter, indem sie unter einem Notstandsgesetz Dutzende Bankkonten von Teilnehmern und Unterstützern einfrieren ließen. Es brauchte kein Strafurteil, es genügte die Nähe zu einer unerwünschten Meinung. Warum also sollte eine Technik, die bereits installiert ist, nicht eines Tages gegen die Menschen selbst gerichtet werden, um Macht zu sichern? Und damit steht die Frage im Raum, die sich jeder Leser stellen sollte. Vertraust du der Politik? Wenn nicht, dann kann es für dich keine Option sein, das hinzunehmen, was dort für uns vorbereitet wird.
Drittens lehrt die ganze Geschichte der Macht, dass eine Vollmacht, die einmal in Reichweite liegt, am Ende ergriffen wird. Ein Hebel, der bereitliegt, wird gezogen.
Darum verschiebt sich die entscheidende Frage. Sie lautet nicht, ob die Technik missbraucht werden kann, denn das kann sie zweifellos. Sie lautet, ob wir denen vertrauen, in deren Hand wir den Hebel legen. Vertraue ich einer Regierung, die mich in Konflikte und in Kriege treibt, so weit, dass ich ihr die Echtzeitverfügung über mein Geld überlasse? Vertraue ich einem Konzern, dessen Geschäft das Sammeln meiner Daten ist, so weit, dass ich ihn über meine Zahlungen wachen lasse? Das Versprechen, die Macht nicht zu missbrauchen, ist niemals so viel wert wie die Macht selbst. Wer mir die Beschränkung verspricht, könnte mir auch einfach die Technik zur Beschränkung vorenthalten. Solange er sie baut und behält, ist sein Versprechen nur ein Wort, und Worte lassen sich zurücknehmen, Strukturen nicht.
VI. Der durchleuchtete Mensch
Die absolute Kontrolle über das Geld wäre stumpf, hätte ihr Träger nicht zugleich das Wissen, gegen wen er sie richten soll. Dieses Wissen liefert die zweite Säule der neuen Ordnung, die vollständige Durchleuchtung des Menschen. Hier verbindet sich das digitale Geld mit etwas, das längst gebaut ist, mit dem riesigen Apparat der Datensammlung und der Verhaltensvorhersage.
Man betrachte allein, was sich am Endgerät zusammenbraut. Regierungen arbeiten an Gesetzen, die es erlauben sollen, private Chatverläufe noch vor ihrer Verschlüsselung mitzulesen und automatisch zu durchsuchen, ein Vorhaben, das längst unter dem Stichwort der Chatkontrolle verhandelt wird. Zugleich beginnen die Betriebssysteme selbst, ihre Nutzer zu beobachten. Microsoft hat mit der Funktion Recall ein Werkzeug vorgestellt, das im Sekundentakt Aufnahmen des gesamten Bildschirms anfertigt, sie durchsuchbar macht und ein vollständiges Bildgedächtnis dessen anlegt, was ein Mensch an seinem Rechner tut. Der Aufschrei war so groß, dass Microsoft die Einführung verschieben musste, doch das Prinzip ist in der Welt. Sicherheitsforscher nannten diese lokal gespeicherte Sammlung eine Goldgrube für Strafverfolgung und Angreifer gleichermaßen, und sie haben recht, denn was ein Gerät einmal lückenlos aufzeichnet, lässt sich später abrufen, gleichgültig, was man heute verspricht. Es bedarf wenig Fantasie, sich vorzustellen, dass solche Aufnahmen eines Tages nicht mehr nur auf der Festplatte ruhen, sondern auf dem Tisch einer Ermittlungsbehörde landen.
Im öffentlichen Raum wächst dieselbe Logik in Gestalt der Überwachungskameras, die sich über Straßen, Plätze und Bahnhöfe ziehen. Ich bin überzeugt, dass dieses Netz erst im Schatten der Migrationspolitik so ungehindert wuchern konnte. Erst häuften sich die Berichte über Gewalt im öffentlichen Raum, über Menschen, die an Bahnsteigen vor einfahrende Züge gestoßen wurden, über Übergriffe, die das Sicherheitsgefühl vieler erschütterten, und genau in diesem Klima präsentierte man die lückenlose Beobachtung als die naheliegende Lösung. Mehr noch, ich halte es für denkbar, dass man die Zustände, aus denen diese Eskalation erwuchs, in Kauf nahm oder begünstigte, weil sie den willkommenen Vorwand lieferten, jene Überwachungsinfrastruktur überhaupt erst zu errichten, die man andernfalls niemals hätte durchsetzen können.
An dieser Stelle darf ein Name erneut nicht fehlen, der Name Palantir. Dieses Unternehmen hat seine Software ursprünglich für den Krieg und die Sicherheitsapparate entwickelt, und sein Mitgründer und Vorstandsvorsitzender Alex Karp räumte in einem Interview offen ein, die Technik werde gelegentlich eingesetzt, um Menschen zu töten, gemeint waren gezielt aufgespürte Terroristen. Doch wer darüber bestimmt, wer als Terrorist gilt, ist niemals das Opfer selbst. Darüber entscheiden Regierungen und mitunter skrupellose Psychopathen, die sich das Recht herausnehmen, fremde Länder zu überfallen und dort Menschen zu töten, sei es, weil sie nach deren Ressourcen greifen, sei es, weil sie noch finsterere Beweggründe in sich tragen. Man stelle sich nun vor, ein System, das im Drohnenkrieg dazu diente, aus Datenspuren Feindprofile zu errechnen, werde auf die gesamte Zivilbevölkerung angewandt. Die Perversion, die darin liegt, lässt sich kaum in Worte fassen, denn dann wird jeder Bürger mit demselben Instrument vermessen, das einst dazu gebaut wurde, ein Ziel zu bestimmen.
Und das ist keine ferne Möglichkeit, sondern bereits gelebte Wirklichkeit. In Deutschland arbeitet die Polizei mehrerer Bundesländer längst mit dieser Software, in Hessen unter dem Namen HessenData seit dem Jahr 2017, in Bayern als VeRA, in Nordrhein-Westfalen als DAR, und Baden-Württemberg hat die rechtliche Grundlage geschaffen, um im Jahr 2026 nachzuziehen. Allein in Bayern wurden dafür nach Angaben der Datenschutzaufsicht rund neununddreißig Millionen Personendatensätze durchkämmt, und die Aufseher betonen, dass davon nicht nur Verdächtige erfasst werden, sondern ebenso Zeugen, Geschädigte und vollkommen Unbeteiligte. Niemand von uns wurde gefragt, niemand hat je eine Zustimmung unterschrieben, und hinter den unverfänglich klingenden Landesnamen verbirgt sich dasselbe System, das anderswo Soldaten und Geheimdienste bedient. Nicht anders verhält es sich in England, wo ein von Palantir geführtes Konsortium die zentrale Datenplattform des staatlichen Gesundheitsdienstes betreibt und die Krankenakten der Bürger in dieselbe Datenkrake einspeist. Auch dort wurde die Bevölkerung nicht um Erlaubnis gebeten, und als bekannt wurde, dass Mitarbeiter des Konzerns Zugriff auf identifizierbare Patientendaten erhalten sollten, formierte sich erbitterter Protest. Schon das allein sollte jeden Menschen ins Nachdenken bringen.
Niemand hat diesen Apparat schärfer beschrieben als die Harvard-Ökonomin Shoshana Zuboff. Sie nannte das herrschende Geschäftsmodell der digitalen Welt den Überwachungskapitalismus und beschrieb es als die einseitige Aneignung menschlicher Erfahrung als kostenloses Rohmaterial. Aus unserem Verhalten, aus jedem Klick, jedem Weg und jedem Wort werden Daten, aus den Daten werden Vorhersagen, und mit den Vorhersagen wird gehandelt. Das Ziel, schreibt Zuboff, habe sich verschoben, vom bloßen Wissen über uns hin zum Lenken unseres Verhaltens, und sie belegt diesen Vorgang mit einem Wort, das ich aus meinen früheren Schriften wiedererkenne. Sie nennt dieses System parasitär, ein Gebilde, das sich vom Leben des Wirtes nährt und ihn nur so lange am Leben hält, wie es sich von ihm ernähren kann. Wer meine bisherigen Bücher gelesen hat, weiß, weshalb mir dieses Wort wie ein Echo erscheint.
Was Zuboff für die Konzerne beschrieb, greift der Staat dankbar auf, und für die Verschmelzung beider liegen die Werkzeuge bereit. Firmen wie das genannte Palantir führen Daten aus zahllosen Quellen zu einem einzigen Bild zusammen und verleihen einer Regierung damit die Fähigkeit, aus verstreuten Spuren ein Profil zu errichten, das mehr über einen Menschen weiß, als dieser über sich selbst. Man verbinde dieses Profil mit dem programmierbaren Geld, und man erhält etwas, das in der Geschichte ohne Beispiel ist. Eine Macht, die in Echtzeit weiß, wer du bist, was du denkst und was du als Nächstes tun wirst, und die zugleich in Echtzeit darüber verfügt, ob deine Zahlung durchgeht. Das Profil benennt den Abweichler, und das Geld bestraft ihn, beides ohne Verfahren und beides in dem Bruchteil einer Sekunde, in dem eine Bedingung erfüllt oder verletzt ist.
Eine beunruhigende Frage drängt sich mir an dieser Stelle auf, und ich gebe sie als Vermutung weiter, nicht als Gewissheit. Warum dulden ausgerechnet jene Plattformen, die sich der Zensur am stärksten verweigern, etwa der Dienst Telegram des Gründers Pawel Durow, nahezu jede Äußerung? Es wäre denkbar, dass gerade solche scheinbar freien Räume eine verborgene Funktion erfüllen, indem sich dort die Wut, die Unzufriedenheit und der Widerspruch der Menschen ungefiltert sammeln. Und wo sich diese Stimmungen bündeln, lassen sie sich auch auslesen, in Modelle überführen und auswerten, bis eine Macht die Gefühlslage ganzer Bevölkerungen ablesen und womöglich ihre Entscheidungen daran ausrichten kann. So betrachtet wären solche Überdruckventile keine Freiräume, sondern Messstationen, an denen man lernt, wie sich Unzufriedenheit dämpfen, einschüchtern oder umlenken lässt. Schwerer noch wiegt ein anderer Gedanke. Eben jene Unzufriedenen, die sich in solchen Räumen Luft machen, lassen sich zu Feindprofilen verdichten, ganz so, wie Palantir sie einst für den Krieg errechnete, und sobald die Technik eine weitere Entwicklungsstufe erreicht hat, ließe sich mit diesen Profilen gezielt und massiv gegen jene vorgehen, die sie tragen.
Denn die lernenden Modelle bedienen sich längst aus allen Wissensquellen zugleich, aus der Psychologie, der Verhaltensforschung und der Hirnforschung. Damit wächst den Herrschenden von heute und den möglichen Herrschern von morgen, den Psychopathen und Despoten künftiger Zeiten, ein Arsenal zu, das immer feiner darauf zugeschnitten ist, Völker zu lenken, zu kontrollieren und auszubeuten. Was frühere Gewaltherrscher noch mühsam mit Spitzeln und Karteikarten zusammentrugen, liefert nun eine Maschine in Echtzeit.
Und sind erst alle Systeme miteinander verwoben, wird die alte, unkontrollierte Hardware verschwinden, weil die neuen Betriebssysteme sich weigern, auf ihr zu laufen. Was dann bleibt, ist eine Umgebung, die ihre eigenen Regeln selbsttätig durchsetzt. Schon heute lässt sich denken, dass ein Betriebssystem nach Maßgabe sogenannter Gemeinschaftsrichtlinien bestimmte Inhalte gar nicht mehr anklickbar macht, bestimmte Bilder nicht mehr anzeigt und im äußersten Fall missliebige Dateien, kritische Texte und Dokumente von sich aus entfernt. Die Technik dafür müsste niemand erst erfinden. Eine schlichte Prüfsumme, ein digitaler Fingerabdruck einer Datei, wie er heute der bloßen Fehlererkennung dient, genügte bereits. Man stelle sich vor, das System startet, baut die Verbindung ins Netz auf und gleicht die Fingerabdrücke aller Bilder, Texte und PDF-Dokumente mit einer zentralen Liste ab. Findet sich eine Übereinstimmung, wird die Datei im selben Augenblick vom Rechner getilgt. Nichts wäre einfacher, und unter dem Stichwort des geräteseitigen Abgleichs wird genau diese Möglichkeit längst diskutiert.
Man sage mir nicht, das sei Schwarzmalerei. Die Bausteine liegen offen sichtbar bereit, der eine bei den Konzernen, der andere bei den Zentralbanken. Es fehlt allein der Wille, sie zusammenzufügen, und der Wille ist die unzuverlässigste Schranke, die es gibt, denn er ändert sich mit jeder Krise und mit jeder Regierung. Eine Freiheit, die nur deshalb fortbesteht, weil man den vorhandenen Hebel gerade nicht zieht, ist keine Freiheit, sondern eine Frist.
VII. Die Kette aus Bequemlichkeit
Wer glaubt, dies betreffe allein das Geld, hat das Muster noch nicht durchschaut. Dieselbe Bewegung vollzieht sich überall dort, wo wir die Verfügung über unser Leben aus der Hand geben, weil eine App es bequemer macht. Ich nenne einige Beispiele, nicht um sie aufzuzählen, sondern um zu zeigen, dass es ein einziges Muster ist, das in vielen Gestalten wiederkehrt.
Man kaufe heute irgendein Ding der vernetzten Welt, einen Staubsauger, der von selbst durch die Wohnung fährt, ein E-Bike, einen Elektroroller oder eine Kamera. Vieles davon gehorcht nicht mehr dem Käufer allein, sondern einer fernen Wolke und der dazugehörigen Anwendung, die nicht selten in China schwebt. Ohne die App, heißt es, lasse sich das Gerät nicht nutzen. Geht der Konzern hinter der App zugrunde, verschwindet der Dienst oder kündigt man dem Nutzer den Zugang, dann liegt dort ein teurer Briefbeschwerer, ein totes Stück Technik, das man besitzt und doch nicht benutzen darf. Das Eigentum ist zur Leihgabe geworden, widerruflich von einer Stelle, die ich weder kenne noch erreiche.
Anstatt für diese teuer bezahlte Technik wenigstens die Schaltpläne, die technischen Daten und die nötigen Unterlagen offenzulegen, damit andere das Gerät reparieren und weiterbetreiben könnten, statt es im Müll enden zu lassen, geschieht das Gegenteil. Niemand in den herrschenden Kreisen macht ernsthaft Anstalten, ein totgeweihtes Gerät auf diese Weise zu retten. Und das hat seinen Grund, denn wer vom Profit und seiner endlosen Anhäufung lebt, hat kein Interesse daran, Probleme zu lösen, sondern daran, sie zu erzeugen und am Leben zu halten, weil sich daraus bekanntlich am meisten Gewinn schlagen lässt.
Und nun denke man diesen Gedanken zu Ende. Eines Tages könnten Regierungen den Zugriff auf diese Dienste erlangen und einem Menschen schlicht verbieten, sein Fahrrad zu bewegen oder sein Auto zu starten, sofern es in Zukunft überhaupt noch Autos gibt, die wir selbst fahren dürfen.
Dazu fügt sich eine Entwicklung, die man unter dem freundlichen Namen der Fünfzehn-Minuten-Stadt vorantreibt. Was als Idee der kurzen Wege beginnt, in der alles Nötige binnen einer Viertelstunde erreichbar ist, kann ebenso zur Verdichtung und zur lückenlosen Beobachtung führen, wenn die Menschen immer enger zusammengezogen und ihre Bewegungen immer vollständiger erfasst werden. Ich beobachte mit Sorge, dass weltweit Stadtprojekte entstehen, in denen die Durchleuchtung des Alltags bereits zum Bauplan gehört, wie man es etwa in Dubai studieren kann. Bequemlichkeit und Kontrolle wohnen hier dicht beieinander, und die Grenze zwischen dem Komfort der Nähe und dem Käfig der Enge ist schmaler, als die Werbung es glauben macht.
Man vergesse auch das digitale Grenzsystem nicht, das Ein- und Ausreisesystem der Europäischen Union, kurz EES, das seit dem Herbst 2025 schrittweise eingeführt und seit dem Frühjahr 2026 vollständig betrieben wird. Es ersetzt den Stempel im Pass durch die digitale Erfassung, nimmt das Gesichtsbild und die Fingerabdrücke des Reisenden und speichert jede Bewegung über die Außengrenze. Noch trifft es allein die Reisenden aus Staaten außerhalb der Union, doch eine Infrastruktur, einmal errichtet, setzt den Maßstab für alles Weitere, und Bürgerrechtler warnen bereits vor Systemen, die Gesichter, Fingerabdrücke und sogar den Gang eines Menschen aus der Entfernung und im Vorbeigehen erfassen sollen. Man male sich aus, der Algorithmus an der Schranke entscheide eines Tages, dass jemand nicht weiterreisen darf, und halte ihn fest, bis er abgeholt wird. Das klingt nach einer Dystopie, die sich heute kaum jemand vorstellen mag, weil er entweder nicht reist oder sich nicht dafür interessiert, doch spürbar wird sie genau dann, wenn es zu spät ist.
Doch auch hier muss ich enttäuschen, denn in Teilen ist das bereits Wirklichkeit. Die Bundespolizei hat wiederholt Menschen an deutschen Flughäfen festgehalten und ihnen die Ausreise zu Konferenzen oder Protesten im Ausland untersagt, gestützt auf vage Bestimmungen des Passgesetzes und nicht selten mit der Begründung, ihre Teilnahme könne dem Ansehen der Bundesrepublik schaden. Betroffen waren Aktivisten höchst unterschiedlicher Lager, denen die Reise zu einer Konferenz oder Protestkundgebung im Ausland verwehrt wurde, und in mindestens einem dieser Fälle hat ein Gericht das Verbot später für rechtswidrig erklärt. Hinzu treten Einreiseverbote gegen einzelne Redner, die man im Land nicht auftreten lassen wollte. Wer am Gate aus der Schlange gezogen, stundenlang verhört und mit einer Meldeauflage oder einer sogenannten Gefährderansprache wieder entlassen wird, erlebt genau jenen Mechanismus, den ich eben noch als ferne Dystopie beschrieben habe. Das sind keine Zustände aus einem fernen Unrechtsstaat, sondern aus Deutschland.
Wie real diese Mechanik ist, zeigt der Fall des Berliner Journalisten Hüseyin Doğru. Er hatte mit seiner Plattform intensiv über den Krieg in Gaza und über die propalästinensischen Proteste berichtet und das Vorgehen Israels scharf kritisiert. Im Mai 2025 setzte ihn die Europäische Union auf eine Sanktionsliste, offiziell nicht wegen dieser Berichterstattung, sondern wegen angeblicher Verbindungen zu russischer Informationsmanipulation, ein Vorwurf, den er bestreitet und für den die vorgelegten Belege im Wesentlichen aus seinen eigenen Beiträgen bestanden. Die Folgen trafen ihn ohne Strafurteil und ohne Gerichtsverfahren mit voller Wucht. Sämtliche Konten wurden eingefroren, ein Berufsverbot und ein EU-weites Ein- und Ausreiseverbot verhängt, und es blieb ihm nur ein knappes, behördlich genehmigtes Existenzminimum, von dem er eine Familie mit mehreren Kindern ernähren musste. Im Frühjahr 2026 sperrten die Behörden zusätzlich die Konten seiner Ehefrau, die selbst auf keiner Liste steht, bis ein Gericht diese Ausweitung wieder aufhob. Genau das ist der zivile Tod, von dem dieses Buch spricht, das Abschneiden eines Menschen vom Geld und damit vom Leben, vollzogen durch einen bloßen Verwaltungsakt, ohne Richter und ohne Urteil.
Dasselbe Muster kehrt bei der digitalen Identität wieder. Unter Kürzeln wie eID und eIDAS, der europäischen Verordnung für die elektronische Identität, entsteht ein dichtes Geflecht von Standards, das fortwährend ausgebaut wird. Dazu gehört die BundID, das zentrale Bürgerkonto des Bundes, das künftig unter dem Namen DeutschlandID alle bisherigen Länderlösungen ablösen soll, sodass am Ende ein einziges Konto den Zugang zu sämtlichen Behörden eröffnet. Das Bürgerkonto ist dabei der rechtliche Rahmen, das Nutzerkonto nach dem Onlinezugangsgesetz, während die BundID die konkrete technische Gestalt ist, in der der Bund dieses Konto bereitstellt, und angemeldet wird man über den elektronischen Ausweis.
Und ohne diesen Ausweis wird man bald kein Konto mehr eröffnen, keinen Vertrag mehr schließen und nichts mehr ummelden können. Damit setzt man dem Menschen die Pistole auf die Brust und erpresst ihn auf stille Weise, das alles hinzunehmen. Während die Behörden zugleich ihr Personal abbauen, sodass die Wartezeiten ins Unermessliche wachsen und mancher Wochen oder Monate auf einen Termin warten muss, greift hier genau derselbe Mechanismus wie beim Bargeld und den großen Scheinen am Automaten. Man erschwert den gewohnten Weg so lange und macht ihn so mühsam, bis die Menschen sich am Ende von selbst den digitalen Ausweis holen oder ihn auf die neue Stufe heben, nur um die Online-Funktion endlich nutzen zu können.
Hinzu treten der Online-Ausweis selbst, das digitale Rezept und all die weiteren Bürgerkennungen, die man uns als Fortschritt verkauft. Ebenso gehört das neue Verfahren für das digitale Ausweisfoto dazu, das seit Mai 2025 vorgeschrieben ist. Das Lichtbild wird nur noch digital aufgenommen, auf einem gesicherten Weg über eine zertifizierte Cloud an die Behörde übermittelt und biometrisch ausgewertet, offiziell, um Fälschungen durch das Verschmelzen mehrerer Gesichter zu verhindern. Eines der Systeme, die dafür in den Ämtern eingesetzt werden, trägt den Namen Biometric Go und stammt von der dänischen Firma Biometric Solutions. Es ist ein kleines Handgerät, mit dem die Sachbearbeiter das Foto unmittelbar aufnehmen und über einen zentralen Server, der in einer Cloud der Deutschen Telekom liegt, direkt in den Ausweisantrag überspielen. So wird das Gesicht des Bürgers Punkt für Punkt kartografiert und in die Infrastruktur des Staates eingespeist, von wo es später anderen Diensten wie Palantir bereitgestellt werden könnte, vielleicht sogar bereits wird. Das schreibe ich ausdrücklich als Vermutung, nicht als erwiesene Tatsache.
Jede einzelne dieser Bequemlichkeiten ist für sich genommen verlockend, und jede einzelne verlagert ein Stück meiner Selbstbestimmung in ein System, das ich nicht kontrolliere. Die Technik selbst ist dabei nicht der Feind, das will ich mit Nachdruck sagen, denn die Verwechslung von Werkzeug und Hand ist ein bequemer Irrtum. Das Messer ist nicht böse, es kommt darauf an, wer es führt. Das Problem ist nicht die Vernetzung, sondern die Frage, in wessen Hand die Steuerung liegt und wie leicht sie sich gegen mich wenden lässt. Wer alles an eine ferne Stelle bindet, begibt sich in eine Abhängigkeit, die ihm im entscheidenden Augenblick das Genick brechen kann, und dieser Augenblick kommt selten angekündigt.
Und so kehrt auch hier dieselbe Erinnerung wieder. Vertraust du deiner Regierung? Vertraust du den Politikern? Was haben dir die vergangenen zehn Jahre gezeigt? Haben sie Politik für die Menschen gemacht oder gegen sie? Haben sie dir Ruhe und Sicherheit gebracht oder Chaos, Panik und Krieg? Haben sie dich mit mehr Steuern, mehr Regeln, mehr Pflichten und mehr Zwängen überzogen oder mit dem Gegenteil?
An dieser Stelle entscheidest du, und diese Frage sollte man sich immer vor Augen halten. Vertrauen wir Menschen, die so oft gegen uns gehandelt haben? Würden wir unser Kind einem beliebigen Politiker in die Arme legen? Wohl kaum. Warum also vertrauen wir unsere Kinder Institutionen an, die von eben jenen Kreisen beherrscht werden? Es sind einfache Fragen, und doch trägt jeder die Antwort bereits in sich, sobald er bereit ist, sie sich ehrlich zu stellen.
VIII. Der Tag, an dem das Netz schweigt
Es gibt einen Gedanken, vor dem die meisten zurückweichen, und gerade deshalb spreche ich ihn aus. Man stelle sich vor, das Internet fiele aus, nicht für eine Stunde, sondern für Tage. Fast alles läuft heute über das Netz, das Bezahlen, der Handel und die Versorgung. Selbst die Industrieanlagen hängen an digitalen Verbindungen, und die Stromnetze werden digital synchronisiert, damit sich die Last besser steuern und verteilen lässt. Verschwindet das Netz, sei es durch einen technischen Zusammenbruch oder durch einen Angriff auf die digitale Infrastruktur, dann verschwindet mit ihm die Fähigkeit, das Nötigste zu kaufen. In einer Welt ohne Bargeld bekäme der Mensch von einem Tag auf den anderen weder etwas zu essen noch etwas zu trinken, weil die einzige verbliebene Form des Bezahlens stillstünde.
Wie sollten die Industrieanlagen weiterlaufen, die unsere Nahrung verarbeiten, wenn ihre Steuerungen in immer kürzeren Abständen ein Lizenzzertifikat von einem fernen Server anfordern und ohne dessen Antwort den Dienst verweigern? Sie kämen zum Stillstand. Und was geschähe mit den Mietwagen der Carsharing-Dienste, die man heute im Abonnement bucht und die ihre Fahrbereitschaft erst über das Mobilfunknetz bestätigen lassen? Ohne 5G und ohne das in Vorbereitung befindliche 6G ließe sich kein einziger von ihnen mehr starten. Sie würden, wie ich es im vorigen Kapitel bereits beschrieben habe, binnen Stunden zu teuren Briefbeschwerern, zu totem Blech ohne jeden Zweck.
Dass dieses Bild keine Erfindung ist, zeigt der nüchterne Blick auf die Gegenwart. Angriffe auf Krankenhäuser, auf Versorger und auf die Finanztechnik geschehen längst, Erpressungssoftware legt mit schöner Regelmäßigkeit ganze Einrichtungen lahm, und es haben Übungen stattgefunden, in denen der großflächige Ausfall der digitalen Infrastruktur durchgespielt wurde.
Je tiefer diese Netze in unser Leben vordringen, desto größer wird die Angriffsfläche und desto zahlreicher werden die Schwachstellen. Schwerer aber wiegt etwas anderes. Die herrschenden Strukturen, ob in Demokratien oder in Diktaturen, drängen, locken und nötigen die Menschen geradezu, an diesem System mitzuwirken, bis ihnen am Ende kaum noch ein Entkommen bleibt. Ich sage es erneut, die Technik selbst ist nicht der Gegner. Ich schätze sie, denn sie macht das Leben in vielem leichter und erträglicher. Es geht allein um den Missbrauch und um den Zwang, der dahintersteht.
Ich lese diese Übungen nicht als harmlos, und das ist meine erklärte Überzeugung. Wer den Zusammenbruch probt, hat zumindest erkannt, wie verwundbar wir uns gemacht haben, und wer eine Verwundbarkeit kennt, besitzt damit ein Druckmittel. Eine Gesellschaft, die ihr letztes Ausweichmittel abgeschafft hat, ist erpressbar geworden, und sie hat sich im Namen der Bequemlichkeit selbst dazu gemacht.
Das Verkehrteste, was ein Mensch tun kann, ist daher, einem einzigen Großkonzern die gesamte digitale Infrastruktur zu überlassen. Dezentrale, lokale und offline tragfähige Netze sind weit widerstandsfähiger und lassen sich nach einer Störung in kürzester Zeit wieder instand setzen, anders als ein zentral überwachtes System, das mit seinem Knotenpunkt steht und fällt. In mehreren ärmeren Regionen der Welt haben Menschen längst eigene Funknetze auf Basis der sogenannten Long-Range-Technik, kurz LoRa, errichtet, die mit verschwindend geringer Sendeleistung auskommen und über die sich kostenlos Textnachrichten austauschen lassen. Solche Netze sind vielfach redundant angelegt, jeder einzelne Knoten lässt sich mühelos ersetzen oder ergänzen, und genau darin liegt ihre Stärke. Auch die Zukunft unserer digitalen Infrastruktur gehört deshalb in die Hände der Menschen und nicht in die der Konzerne.
Doch wo die Macht bei jenen liegt, die nach Kontrolle gieren und denen die Folgen für den Einzelnen gleichgültig sind, geschieht das Gegenteil. Statt offen mit den Bürgern zu besprechen, welche Weichen man zu stellen gedenkt, etwa im Rahmen weitreichender Programme wie der Agenda 2030 der Vereinten Nationen, werden die entscheidenden Linien in Gremien und auf Konferenzen gezogen, zu denen die Bevölkerung keinen Zutritt hat und bei denen sie nichts mitzuentscheiden bekommt. So entsteht ein steter Prozess, in dem die Menschen Schritt für Schritt entmündigt werden, ohne dass man sie je gefragt hätte.
Hier rächt sich, was die früheren Kapitel beschrieben haben. Das Bargeld war nicht nur ein Hort der Freiheit, es war zugleich der Notvorrat des Systems selbst, die Rückfallebene, die ohne Strom und ohne Netz funktioniert. Wer sie schleift, baut ein Haus ohne Ausgang und nennt es Fortschritt. Solange die Maschinen laufen, fällt es nicht auf. Doch die Stunde, in der sie schweigen, ist die Stunde, in der man begreift, was man weggegeben hat, und dann ist es zu spät, es zurückzuholen.
Und genau hier schließt sich der Kreis. Ein Volk, das sein Bargeld aufgibt, seine Geräte an ferne Wolken bindet und seine Identität in die Hand des Staates legt, behält am Ende keinen einzigen Hebel mehr in der eigenen Hand. Es hat sich die Tür von innen verriegelt und den Schlüssel jenen überreicht, denen sein Schicksal gleichgültig ist. Solange der Strom fließt und die Server antworten, wird man uns versichern, all das sei Fortschritt, Sicherheit und Bequemlichkeit. Doch an dem Tag, an dem das Netz schweigt, wird sich zeigen, dass wir nicht freier geworden sind, sondern abhängiger als jeder Mensch vor uns. Dann werden wir vor dunklen Bildschirmen und stummen Automaten stehen und begreifen, dass die größte Macht über einen Menschen nie darin lag, ihm etwas mit Gewalt zu nehmen, sondern ihn dahin zu bringen, dass er es freiwillig hergibt und sich dafür auch noch bedankt. Noch ist es nicht zu spät, das zu durchschauen. Aber die Uhr läuft, und sie läuft nicht für uns.
IX. Die Zonen
Ich nähere mich nun jenem Teil meiner Überzeugung, der am weitesten in die Zukunft greift, und ich kennzeichne ihn ausdrücklich als das, was er ist, als Warnung und nicht als Bericht. Ich behaupte nicht, dass das Folgende beschlossene Sache wäre, denn noch können wir in diese Entwicklungen eingreifen, wann immer wir es ernsthaft wollen. Ich behaupte nur, dass die Bausteine längst bereitliegen und dass Hebel, die einmal in Reichweite sind, am Ende auch gezogen werden. Warum sollten sie es nicht, wenn sich mit ihnen mehr Macht für die herrschende Schicht gewinnen lässt? Menschen, die schon heute kaum noch etwas zu sagen haben, die im eigenen Land über die Gesetze nicht mitbestimmen dürfen und immer wieder vor vollendete Tatsachen gestellt werden, hält man mit Pressekonferenzen und parteipolitischem Schauspiel bei Laune, das ihnen vorgaukelt, es verändere sich etwas. Doch hat sich wirklich irgendetwas zu unseren Gunsten verändert?
Haben wir mehr Geld, mehr Selbstbestimmung, mehr Gesundheit, mehr Freiheit oder mehr Frieden? Dürfen wir im eigenen Land über unser Leben selbst bestimmen, oder sind wir längst zur Verfügungsmasse geworden, zu einer Ressource, die man eines Tages gar nicht mehr braucht, weil Robotik und künstliche Intelligenz sie ersetzen? Und während wir noch darüber nachdenken, entstehen bereits die Zonen, in denen man uns später zusammenführen wird, lückenlos überwacht, mit Sensoren umstellt und mit Nummern versehen wie das Federvieh im Stall. Dürfen wir dann nur noch das, was man uns ausdrücklich erlaubt?
Betrachten wir, wie der Raum um uns herum vermessen wird. Was wir heute harmlos als Parkzonen wahrnehmen, ist in Wahrheit die Einübung eines Prinzips, der Einteilung des Lebens in vermessene, bepreiste und überwachte Bereiche. Auch hier gewöhnt man den Menschen Grad um Grad an das Kommende, so behutsam, dass er die Steigerung nie als Bruch empfindet. Zuerst hat man die Städte in Bezirke zerlegt, das war der erste Schritt, und dann kamen die Zonen, die man für etwas vollkommen Harmloses hält, für bloße Parkflächen. Doch es ist die Vorbereitung auf etwas weit Größeres.
Die Rede ist von der sogenannten 15-Minuten-Stadt. Ihr Urheber, der Pariser Stadtforscher Carlos Moreno, beschreibt sie als ein freundliches Konzept, in dem alles, was man zum Leben braucht, die Arbeit, der Einkauf, die Schule und der Arzt, binnen einer Viertelstunde zu Fuß oder mit dem Rad erreichbar sein soll. Seine Anhänger betonen, es gehe um kurze Wege und um Wahlfreiheit und nicht darum, irgendjemanden einzusperren. So weit die Verheißung. Im englischen Oxford jedoch verband sich das Vorhaben mit sogenannten Verkehrsfiltern, bei denen Kameras die Nummernschilder erfassen und die Durchfahrt auf bestimmten Straßen zu bestimmten Tageszeiten nur noch mit Genehmigung gestatten. Genau an diesem Punkt beginnt meine Sorge. Dieselbe Technik, die uns kurze Wege verschaffen soll, lässt sich mühelos in ein Werkzeug verwandeln, das diese Wege kontrolliert. Würde es uns gefallen, eines Tages eine Sondergenehmigung zu benötigen, nur um von der einen Zone in die andere zu gelangen, weil wir zu einem Geburtstag eingeladen sind?
Solange die Menschen sich über Parkplätze nicht aufregen, weil das Ganze scheinbar nur die Autofahrer betrifft und wer kein Auto besitzt sich nicht angesprochen fühlt, lässt sich der Umbau geräuschlos vollziehen. Und hier liegt das größte Problem, in der Betroffenheit. Was uns nicht selbst trifft, rührt uns kaum, denn unser Verstand misst dem eigenen, unmittelbaren Nachteil ein weit größeres Gewicht bei als einem fernen Schaden, der vorerst nur andere trifft. So arbeitet die schleichende Gewöhnung, jede einzelne Stufe erscheint zu klein, um sich dagegen aufzulehnen, und in der Summe steht man am Ende dort, wohin man niemals gehen wollte. Hinzu kommt die Verteilung der Verantwortung, denn wenn alle nur zusehen, fühlt sich niemand zuständig, und je mehr Menschen schweigen, desto selbstverständlicher erscheint das Schweigen.
Wie kann man es überhaupt zulassen, dass eine ganze Stadt in Zonen zerschnitten wird? Haben wir die Zonengrenzen und die Mauern der DDR nicht hinter uns gelassen? Warum wird schon wieder mit Zonen gearbeitet, warum treibt man die Menschen erneut in eine Dystopie, und warum schweigen sie erneut?
Zunächst wird das Parken vor dem eigenen Haus gebührenpflichtig. Es ist dasselbe Modell, das einst nur in den Innenstädten galt, damit dort jeder die Gelegenheit zum Einkaufen bekam, und nun hat man es auf die ganze Stadt und am Ende auf das ganze Land ausgedehnt, als zusätzliche Einnahmequelle und als eine weitere Steuer. Denkt man diese Logik konsequent zu Ende, landet man eines Tages bei einer Abnutzungsgebühr für den Bürgersteig, denn warum eigentlich nicht? Erst wird das Parken bepreist, dann das Halten, dann das bloße Stehen, und wer diese Kette weiterdenkt, ahnt, wohin die Reise geht.
An jeder Ecke hängt bereits eine Kamera, und schon bald werden Sensoren hinzukommen, die unser Verhalten erfassen und einordnen. In einem Szenario, das ich für durchaus denkbar halte, meldet ein solches System auffälliges Verhalten an eine Auswertungsstelle wie Palantir, von wo aus dann Einsatzkräfte ausrücken, um die Betroffenen zur Ordnung zu rufen. In jeder Straße ein Sensor, sei es eine Kamera, sei es ein Mikrofonfeld, das angeblich nur die Lautstärke oder die Luftqualität misst. Jedes dieser Werkzeuge wirkt für sich genommen harmlos, und gerade darin liegt die Gefahr, denn die wahre Dimension zeigt sich erst, wenn man all diese Bausteine miteinander verknüpft und gegen die Menschen in Stellung bringt.
Dazu gehört auch das vernetzte Gerät in der Wohnung, der Sprachassistent, das Smartphone oder der Smart-Fernseher, von dem viele überzeugt sind, dass er ununterbrochen mithört. Belegt ist, dass solche Geräte auf ein Weckwort lauschen, die anschließenden Aufnahmen in die Cloud senden und dass Mitarbeiter der Hersteller Stichproben davon abhören, und ebenso, dass diese Daten in die Werbeprofile der Konzerne einfließen. Ob das Mikrofon darüber hinaus ganze Gespräche belauscht, ist nicht bewiesen oder zumindest nicht öffentlich bestätigt, doch der Effekt bleibt derselbe, denn kaum hat man über eine Sache gesprochen, erscheint wie von Geisterhand die passende Werbung auf dem Bildschirm. Hinzu kommt eine Technik, die kaum jemand auf dem Schirm hat, das sogenannte WLAN-Sensing. Schon ein gewöhnlicher Router mit mehreren Antennen kann aus den Veränderungen seiner Funkwellen ablesen, ob sich jemand im Raum bewegt, wie viele Personen anwesend sind und unter Umständen sogar, wie sie atmen, und an dieser Fähigkeit wird im kommenden WLAN-Standard ausdrücklich weitergearbeitet. Verbindet man diese Vermessung des Raumes über die Geräte und das Funknetz mit der Durchleuchtung des Menschen und mit der Verfügung über sein Geld, dann entsteht das Bild einer Ordnung, in der sich kein Schritt mehr tun lässt, den nicht eine Stelle bemerkt, bewertet und im Zweifel bestraft.
Man wird mir vorwerfen, ich male eine Dystopie. Doch wie ich eingangs gesagt habe, verbringe ich mein halbes Leben im Reparaturgeschäft und zerlege tagein, tagaus Geräte aller Art, von Saugrobotern, Beamern und Drohnen über Smartphones, Tablets und Kameras mit ihren Objektiven bis hin zu Laptops und Computern. Ich habe Zehntausende dieser Geräte von innen gesehen und weiß sehr genau, was in ihnen steckt und wozu sie fähig sind, und ich bin überdies selbst in die Hardwareentwicklung eingebunden. Ich denke mir das also nicht aus, sondern ich erkenne die Möglichkeiten, die den Missbrauch so deutlich vorzeichnen. Und ich antworte, dass jede Dystopie einmal als haltlose Übertreibung galt, bis sie Wirklichkeit wurde, und dass die Aufgabe des kritischen Geistes nicht darin besteht, das Schlimmste für unmöglich zu erklären, sondern es so deutlich zu beschreiben, dass es gar nicht erst eintritt.
Hier kommt ein weiterer Mechanismus ins Spiel. Wenn genügend Druck entsteht, lässt sich eine Entwicklung aufhalten. Tritt das Befürchtete dann nicht ein, heißt es schnell, all die gezeichneten Schreckensbilder seien Unsinn gewesen, denn es sei ja nichts geschehen. Doch genau darin liegt die Falle, weil das, was man durch den Widerstand verhindert hat, niemals als verhinderte Gefahr sichtbar wird.
Ich male diese Zukunft nicht, weil ich sie herbeisehne oder für gewiss halte, sondern weil ich sie verhindern will. Eine Warnung, die eintrifft, hat versagt. Eine Warnung, die ungehört verhallt und sich dennoch bewahrheitet, ist die bitterste Form, recht zu behalten.
X. Keine Partei wird uns retten
An dieser Stelle wendet sich mancher Leser hoffnungsvoll der Politik zu und erwartet, eine andere Regierung oder eine andere Partei werde das Ruder schon herumreißen. Man müsse nur die richtige Partei wählen, den richtigen Politiker oder das richtige Staatsoberhaupt vorschicken, und dann werde alles wieder gut. Doch wer die Geschichte der Menschheit ehrlich betrachtet und sich vorwagt in die alten Bücher, in das, was Vordenker und Zeitzeugen über ihre Zeit niedergeschrieben haben, dem dreht sich der Magen um. Und zwar nicht allein wegen der Verbrechen und der Not, die damals herrschten, sondern weil die Menschen dieselben Fehler wieder und wieder begehen.
Es fällt ihnen schwer, die Verantwortung für das eigene Leben zu tragen, denn es ist bequemer, sie an andere abzugeben, damit diese die Probleme an ihrer Stelle lösen. Sie sind ohnehin zu sehr mit dem beschäftigt, was man heute einen Arbeitsplatz nennt und was für viele eher einer Beschäftigungstherapie gleicht, einem Schuften von morgens bis abends, nur um die Wohnung und die Miete bezahlen zu können. Wer das nicht schafft, steht schnell auf der Straße. Also ist es das Einfachste, an Helfer zu glauben, an Parteien wie die AfD, das Bündnis Sahra Wagenknecht, dieBasis oder andere Spielarten desselben Systems, und dabei doch nur in eben diesem System zu verbleiben.
Und das ist meine feste Überzeugung, ich beharre darauf, dass sich keine einzige dieser Parteien wirklich für die Menschen interessiert, weil sie allesamt nur ein und dasselbe gleichgeschaltete System abbilden, nur eine andere Geschmacksrichtung desselben Produkts. Es ist wie bei einem großen Getränkekonzern mit seinen vielen Marken, der, sobald die Leute eine Sorte nicht mehr kaufen, einfach eine neue Geschmacksrichtung erfindet und das Marketing verstärkt, damit die Kundschaft erhalten bleibt. Genauso erhofft sich heute mancher von der einen Partei das blaue Wunder und wird am Ende doch nur die blaue Illusion erleben, denn jede Partei leitet ihren Teil des Missbrauchs ein und wird, wenn sie verschlissen ist, durch die nächste ersetzt. Man muss nur zurückblicken, was nach dem Urteil vieler die CDU diesem Land zugemutet hat und was die Grünen ihm zugemutet haben, und so fort. Nun ist die AfD an der Reihe, mit neuen Narrativen und neuem Marketing, und sie bedient sich sogar der reichweitenstärksten Stimmen im Netz, die über sie berichten und so einen Aufschaukelungseffekt erzeugen, durch den immer mehr Menschen auf dieselbe Hoffnung hereinfallen.
Mit der Hoffnung der Menschen, es werde sich endlich etwas zu ihren Gunsten ändern, wird auf das Geschickteste gespielt. Diese Hoffnung muss nur am Leben gehalten werden. Denn solange die Menschen darauf warten, dass eine Partei sie rettet, bleiben sie selbst untätig, weil ja ein anderer die Lösung verkörpert und sie nichts zu bewegen brauchen. Das ist die Psychologie dahinter, die Erleichterung, selbst nichts tun zu müssen, denn der Mensch ist im Grunde ein bequemes Wesen.
Und jene, die von diesem System leben, in den Ämtern, den Verwaltungen, den Behörden und der Politik, haben das geringste Interesse daran, dass sich etwas ändert, denn sie sind die Nutznießer der bestehenden Missbrauchsordnung. Dass anderen ihre Freiheit, ihr Boden und ihre Selbstbestimmung genommen werden, lässt sie kalt, und niemals würden sie einer Veränderung zustimmen, die den Menschen mehr Freiheit gäbe. Man stelle sich nur vor, man überließe jeder Familie ein Stück Land, das Grundfundament des Lebens, damit sie sich darauf verwirklichen, sich selbst versorgen und unabhängig leben könnte. Eben das würde man niemals zulassen, weil die Menschen in diesem Augenblick nicht mehr angreifbar wären. Sie würden sich verselbständigen, sie bräuchten den Staat und seine Strukturen nicht mehr, sie könnten auf autarke Systeme und eigene Lösungen zurückgreifen, die sie frei machen. Selbst wer heute Land oder ein Haus besitzt, darf oft nicht das Letzte daraus holen, weil die Grundstücke knapp bemessen sind und die Vorschriften enge Grenzen ziehen. Nicht einmal über die eigene Garage darf man frei verfügen, ob aus ihr ein Bastelraum, eine Sauna oder eben eine Garage werden soll, denn eine solche Umnutzung gilt baurechtlich als genehmigungspflichtige Zweckentfremdung und wird mit Bußgeldern bedroht, deren Rahmen je nach Bundesland bis in den fünfstelligen Bereich reicht. So ist dafür gesorgt, dass kein großer Wurf gelingt und die Menschen in ihrer Stagnation verharren, nichts verändern und nur hoffen, so wie die Anhänger einer Sekte inständig darum beten, dass bald der Regen komme oder die große Sonnenfinsternis ausbleibe, und die, wenn sie doch eintritt, ihre Priesterklasse mit üppigen Speisen und schönen Frauen besänftigen, damit sie gnädig gestimmt bleibe. Genauso pervers und perfide ist das Ganze. Es bräuchte also eine gewaltige Umverteilung, bei der die Familien so viel Land erhielten, dass sie unabhängig, frei und selbstbestimmt darauf leben könnten. Das würde die Bindung innerhalb der Familien stärken und sie unangreifbar machen, weil die Angehörigen wieder beieinander wohnten, vergleichbar mit großen, eng zusammenhaltenden Sippen, die sich von außen nichts vorschreiben lassen. Sie würden enger zusammenwachsen und sich um die eigenen Alten kümmern, statt sie in ein Heim abzuschieben, das man dann nur noch ein bis zweimal im Jahr betritt und spätestens am Tag der Beerdigung.
Doch all das lässt sich mühelos zerstören, indem man die Menschen in Wohnungen von fünfzig oder hundert Quadratmetern sperrt wie in kleine Käfige, sie dort vor sich hin vegetieren lässt und, sobald sie Nachwuchs bekommen, gleich den nächsten Käfig danebenstellt, statt ihnen ein Anwesen zu lassen, auf dem die ganze Familie zusammenlebt, die Kinder miteinander aufwachsen und sich große Familienbündnisse bilden. Solche Bündnisse wären für jede autoritäre Struktur die größte denkbare Bedrohung, denn an ihnen würde jede Herrschaft zerbrechen. Eben deshalb ist die Macht so sehr darauf bedacht, die Menschen zu zersplittern, sie mit dem staatlichen Gewaltmonopol jederzeit überziehen zu können und ihnen so jeden Zwang und jede Pflicht aufzuerlegen.
Am Ende liegt es daher im Interesse der Politik, die Menschen dauerhaft an sich zu binden und von sich abhängig zu halten, denn nur so kann sie weiterhin von ihnen zehren.
Ich muss diese Hoffnung daher enttäuschen, die Hoffnung, irgendwelche Retter, Befreier oder politischen Führer würden uns jemals erlösen, und ich tue es nicht aus Bequemlichkeit, sondern aus Überzeugung. Wer als Lösung allein die Wahl einer anderen Mannschaft begreift, hat die Tiefe des Problems nicht erfasst, denn das Problem liegt nicht in den Gesichtern, sondern in der Struktur, und Strukturen überdauern jeden Wechsel der Gesichter.
Man betrachte nur, was alles im Namen der Demokratie geschieht. Ein Staat kann die Demokratie sogar im Namen tragen, wie die Demokratische Republik Kongo, und dennoch von Krieg, Folter und unermesslichem Leid gezeichnet sein. Das Wort allein verbürgt also gar nichts, und man sollte selbst prüfen, wie demokratisch die Strukturen wirklich handeln, die sich darauf berufen. Der Schleier der Demokratie suggeriert den Menschen, sie dürften mitbestimmen und mitentscheiden. Doch das Einzige, worüber sie wirklich entscheiden, ist der Kugelschreiber, mit dem sie ihr Kreuz setzen, während andere über ihr ganzes Leben verfügen, über sie und ihre Kinder, bis hin zu der Frage, in welchem Krieg und wann sie zu sterben haben.
Und wer sich weigert, diese Kriege zu führen oder zu finanzieren, wird von derselben Staatsmacht, die sich Freund und Helfer nennt, weggesperrt, enteignet oder finanziell ausgelöscht, und manchen, so wurde es mir berichtet, hat man sogar die Kinder genommen. Ich denke mir das nicht aus. Es ist das, was ich seit dem Jahr 2020 mit eigenen Augen verfolgt habe und was mir Betroffene geschildert haben, über die Abgründe, die diese angeblich demokratische Ordnung im eigenen Land auftut.
Sie liefern Waffen an Länder, mit denen wir nichts zu schaffen haben, und ziehen uns damit in einen Krieg hinein, den wir gar nicht wollen. Es ist, als bewerfe man einen Hund so lange mit Steinen, bis er knurrt und die Zähne fletscht, um dann zurückzutreten und zu erklären, das Tier sei gefährlich geworden und müsse eingeschläfert werden. Nach meiner Überzeugung verfährt Deutschland mit Russland nach genau diesem Muster, indem es das Land an allen Fronten reizt und beide Seiten, samt der Ukraine, in ein großes Schachspiel jener Mächte zwingt, die im Verborgenen die Fäden ziehen und in dem die Menschen nur die Figuren sind.
Auf diesem Brett werden Menschen gedemütigt, und sie sterben, und es tun sich Abgründe auf, die sich kaum in Worte fassen lassen. Die meisten glauben, hier führten schlicht zwei Länder Krieg gegeneinander, doch ich deute es anders. Für mich tragen solche Kriege die Züge eines Programms, das Menschen verheizt, gerade weil eine Schicht im Hintergrund sie immer weniger braucht, da Maschinen und künstliche Intelligenz ihre Arbeit übernehmen sollen. So lässt sich, wie ich vermute, leichter ein Krieg inszenieren, der die Menschen ohne Unterlass verbraucht, bis das Feld leer geräumt ist. Und dann stellt sich die Frage, wer all das erbt, was die Toten zurücklassen, die Bankguthaben, die eingezahlten Versicherungsbeiträge, die Häuser und die Grundstücke. Fällt es dem System zu? Fällt es der Regierung zu? Oder wird es großzügig an alle verteilt? Gewiss nicht.
All diese Fragen führen am Ende zum selben Punkt, dass jede Machtarchitektur dem Konflikt dient. Sie befeuern ihn und führen ihn am laufenden Band herbei, um davon zu profitieren, sie ziehen in Kriege und überschreiten Grenzen, und sie nennen es Verantwortung, während sie ganze Völker in diese Kriege treiben und für ihre Machtspiele opfern. Sie nehmen sich das Geld der Bürger über die Steuer, um diese Kriege zu bezahlen, während eben diese Bürger in den Mülleimern nach Pfandflaschen wühlen, nur um über den Monat zu kommen. Und im selben Land verkünden manche Politiker allen Ernstes, wir lebten in dem besten Deutschland, das es jemals gegeben hat. Während der Bundeskanzler Merz den Menschen zugleich vorhält, sie arbeiteten zu wenig und müssten mehr leisten, frage ich mich, für wen wir eigentlich arbeiten sollen. Für uns selbst? Oder für Kriegstreiber, Brandstifter und ein Missbrauchssystem, das die Menschen am Ende nur verzehrt?
Denn im Kern geht es um nicht weniger als um Leben und Tod. Menschen sterben, weil sich Machtstrukturen anmaßen, über andere Menschen und ganze Völker zu bestimmen. Wie können wir als Menschheit es überhaupt noch zulassen, dass uns skrupellose Psychopathen in ihre Kriege treiben und uns ausbeuten, und dass wir am Ende im eigenen Land nicht einmal eine Handbreit Erde unser Eigen nennen dürfen, nur weil eine herrschende Schicht sich das Recht herausnimmt, über das Leben aller anderen zu verfügen? Eine Gesellschaft, die sich frei nennt, sollte diese Verfügung weder mittragen noch mitfinanzieren noch länger als unantastbare Autorität verehren. Das ist kein Aufruf zum Chaos und keine Einladung zur Gewalt, sondern die schlichte Weigerung, das Unrecht weiter für normal zu halten.
Es gibt einen Werbespruch, mit dem sich ein Hersteller rühmt, seine Technik von Menschen für Menschen zu bauen. Ich borge mir dieses Bild, weil es genau das Gegenteil dessen benennt, worin wir leben. Wir haben kein von Menschen für Menschen, wir haben ein von Konzernen, Bankstern und Regierungen für Untertanen, und solange wir das nicht offen aussprechen, wird es so bleiben. Keine Partei wird uns retten, kein Anführer und kein Programm, denn die Rettung, die uns von außen versprochen wird, ist nichts als die nächste Abhängigkeit im neuen Gewand. Der einzige Ort, an dem die Veränderung wirklich beginnt, ist die eigene Wahrnehmung und die eigene Entscheidung, und genau dorthin führt der letzte Schritt dieses Buches.
XI. Am Geldautomaten
Es gibt einen Augenblick, in dem sich alles entscheidet, was ich auf diesen Seiten beschrieben habe, und dieser Augenblick ist klein, alltäglich und unscheinbar. Du stehst am Geldautomaten, um dir ein wenig Freiheit zu holen, ein Stück Bargeld, über das kein Algorithmus und kein Konzern bestimmt, ob es gilt. Du tippst deinen Betrag ein, und heraus kommt ein einziger großer Schein, mit dem du dir weder ein Brot noch einen Kaffee noch sonst eine Kleinigkeit des Tages kaufen kannst. Mit hoher Wahrscheinlichkeit wirst du an der nächsten Theke abgewiesen und wieder fortgeschickt, du fragst dich von Laden zu Laden, ob dir jemand den Schein wechseln kann, und am Ende will vielleicht sogar die Bank noch Geld dafür, dir eine andere Stückelung auszuzahlen.
Halte in diesem Augenblick inne. Denn dieser Schein, der zu groß ist für das Leben, ist kein Versehen und kein Zufall. Er ist die letzte, höfliche Form der Frage, ob du nicht endlich aufgeben willst, was dich noch frei macht. Es ist dieselbe stille Lenkung wie an der Selbstbedienungskasse, vor der du stehst, während die einzige besetzte Kasse geschlossen bleibt und eine Durchsage dich auffordert, doch bitte zu den Automaten hinüberzuwechseln, so, wie man es heute in manchem Supermarkt erlebt. Es ist der Köder am Haken, es ist der Frosch im Topf, dem das Wasser so langsam erwärmt wird, dass er die tödliche Hitze nicht kommen sieht, es ist die kleine Unbequemlichkeit, bei der du wie tausendmal zuvor denken sollst, ach, das bisschen, das tut doch nicht weh. Zahl mit der App, spar dir sogar ein paar Cent, sammle Punkte, lass dich für die eigenen digitalen Ketten auch noch belohnen. Und genau bei diesem ach, das bisschen schließt sich die Falle. Es ist ja nur die eine App, die du noch brauchst. Es ist ja nur eine kleine Anpassung. Es ist ja nur die rasche Erfassung deines Gesichts, und schon ist aus dem Stück Freiheit in deiner Hand ein digitaler Eintrag geworden, über den ein anderer verfügt.
Ich rufe dich nicht zur Rebellion gegen einzelne Menschen auf, denn das wäre nur neuer Hass im alten Kreislauf und würde allein die Gewaltapparate auf den Plan rufen, die uns ohnehin schon einschüchtern und einkesseln. Der Weg, den ich meine, muss durchdacht und klar sein. Man muss nur in die Geschichtsbücher schauen, um zu sehen, was jenen geschah, die sich einer autoritären Macht entziehen wollten. Sie wurden geschlagen, gefoltert und getötet, nicht selten vor den Augen der anderen, vor den Augen der eigenen Brüder und Schwestern. Eben deshalb halte ich Machtarchitekturen für so gefährlich, gleich ob sie sich Demokratie oder Diktatur nennen, ob sie als Religion oder als kriminelle Organisation auftreten, denn in ihrem Kern wirken sie für mich gleich. Sie spielen mit den Köpfen der Menschen, sie lenken und manipulieren sie so weit, dass diese einander umbringen, und so ist, getrieben von Sucht, Perversion und der Verrohung einer entgleisten Menschheit, bis heute jedes Verbrechen möglich.
Ich rufe dich zu etwas Leiserem und zugleich Schwererem auf, zur bewussten Entscheidung. Sprich mit deiner Bank und sage ihr, dass dir die Stückelung nicht genügt und dass du die Wahl deiner Scheine zurückwillst, die einst selbstverständlich war. Bestehe darauf, mit Bargeld zu bezahlen, solange es das Bargeld noch gibt, nicht aus Trotz, sondern als Übung in Freiheit. Denn wenn du das Geld in der Tasche hast, kennst du deinen Spielraum ganz genau, du kannst nicht überziehen, du kannst nicht mehr ausgeben, als du besitzt, und du teilst dir ein, was du hast.
Bist du dagegen in der digitalen Sphäre unterwegs, mit dem Handy, der Smartwatch oder der Kreditkarte, neigst du schnell dazu, über deine Verhältnisse zu leben, und genau das macht sich das System zunutze. Halte dir den Notausgang offen, auch wenn du glaubst, ihn niemals zu brauchen, denn die Ausgänge, die man schließt, weil man sie nicht braucht, fehlen genau in der Stunde, in der man sie sucht.
Dostojewski nannte das Geld eine geprägte Freiheit, und er wusste, wovon er sprach, denn er hatte die Unfreiheit am eigenen Leib erfahren. Ich gebe dir am Ende dieses Buches einen einzigen Gedanken mit, und ich wünsche mir, dass er dir kalt den Rücken hinunterläuft. Eine Münze in deiner Hand ist eine Handlung, die niemand genehmigt. Ein Schein, den du weitergibst, ist eine Spur, die niemand liest. In dem Maße, in dem wir all das gegen die Bequemlichkeit eintauschen, geben wir das letzte Stück Leben her, das uns ganz allein gehört, und erhalten dafür den Komfort, in Bruchteilen einer Sekunde enteignet werden zu können. Die Kette, die man uns anlegt, glänzt und drückt nicht, und sie wird erst in dem Augenblick zur Kette, in dem wir sie ablegen wollen und feststellen, dass das Schloss von außen bedient wird. Noch hältst du den Schlüssel in der Hand. Er hat die Form einer Münze oder eines Scheins. Wirf ihn nicht weg, nur weil ein anderer dir verspricht, das Schloss für dich zu verwalten.
So bleibt am Ende die Frage, ob wir heute und morgen, in den kommenden Tagen, Wochen, Monaten und Jahren, eine freie und selbstbestimmte Welt gestalten oder ob wir zusehen, wie diese Welt untergeht und sich, unter dem Banner einer Agenda wie jener von 2030, nach meiner Sorge in ein digitales Gefängnis verwandelt. Im Grunde gibt es nur zwei Wege. Entweder wir entscheiden uns für die Freiheit, für unser Leben und für ein selbstbestimmtes Dasein, oder wir fügen uns in ihr System und damit in seine Zwänge, seine Kriege, seinen Missbrauch und seine Unterdrückung. Wir haben die Wahl. Du hast die Wahl. Entscheide weise, ehe du eines Tages in einem digitalen Kerker erwachst, in dem du nichts mehr sagen darfst, was der herrschenden Schicht missfällt.
Jeder Mensch sollte das Geburtsrecht haben, seine eigene Welt so zu gestalten, wie er es für richtig hält, ohne dabei einem anderen zu schaden. Niemand sollte zu einer Ideologie, einer Religion oder einer Weltanschauung überredet, gedrängt oder genötigt werden, und niemand sollte sich Bildungs- oder Gesundheitsnormen unterwerfen müssen, die man ihm gegen seinen Willen auferlegt. Und jeder sollte sein Leben so führen dürfen, wie er möchte, solange er dabei sein Land nicht vergiftet und keinen anderen demütigt, quält oder terrorisiert. Es ist bezeichnend, dass gerade dies die Dinge sind, die Regierungen am laufenden Band tun.
Lösen wir uns deshalb so früh und so entschlossen wie möglich von diesen autoritären Strukturen, arbeiten wir an eigenen Konzepten, an neuen menschlichen Lösungen und vor allem am eigenen Leben. Das ist der einzige Rat, den ich dir wirklich mit auf den Weg geben kann, ohne dass du in die nächste Scheiße tappst und dich hinterher wunderst, warum es allmählich zu stinken beginnt.
Und nun lege dieses Buch aus der Hand. Geh hinaus, sieh dich um und prüfe selbst, ob das, was ich beschrieben habe, mit dem übereinstimmt, was du um dich herum wahrnimmst. Misstraue ruhig auch mir, denn ich will nicht, dass du mir blind glaubst, sondern dass du wieder anfängst, selbst zu denken. Trag den Gedanken weiter, sprich darüber und gib das Gelesene an jene weiter, die dir wichtig sind, denn ein Gedanke, der einmal wandert, lässt sich nicht mehr einsperren. Und wenn du das nächste Mal am Geldautomaten stehst und der große Schein in deiner Hand liegt, dann weißt du, dass du selbst in diesem kleinen, unscheinbaren Augenblick eine Wahl hast. Triff sie. Noch kannst du es.
Quellenverzeichnis
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