20. February 2026
Schuld, Vergebung und die Illusion der Absolution

Schuld, Vergebung und die Illusion der Absolution

20.02.2026 4 min 41

Absolution erteilen oder eine Entschuldigung annehmen. Das klingt nach Menschlichkeit, nach Größe, nach einem moralischen Aufstieg über das eigene verletzte Ego. Die Gesellschaft liebt diese Rituale. Man reicht sich die Hand, murmelt ein „Es tut mir leid“, und schon soll der Riss im Gefüge gekittet sein. Doch wer genauer hinsieht, erkennt: Zwischen Reue und Verantwortung klafft ein Abgrund.


Wer glaubt, dass Worte allein einen Wandel garantieren, der hat sie schlicht nicht mehr alle. Ein Mörder, der verspricht, nie wieder zu töten, bleibt dennoch jemand, der bereits getötet hat. Ein Täter, der Reue formuliert, löscht damit nicht die Tat, sondern beschreibt sie nur neu. Selbst wenn er schwört, es nie wieder zu tun – wer kontrolliert das? Wer trägt das Risiko, wenn er das Versprechen bricht? Und wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass er es wieder tut?


Nehmen wir die Zeit der sogenannten Fake-Pandemie: Wie hoch und wie wahrscheinlich ist es, dass Menschen andere Menschen im Staatsdienst erneut terrorisieren würden, wenn man uns wieder ein solches Theater vorspielt? Wie viele werden auf ihre Gehälter und Pensionsansprüche verzichten, wenn das Verprügeln von Kritikern oder das Beschießen von Demonstranten mit Wasserwerfern ihre Pensionsansprüche stärkt? Diese Fragen müssten immer wieder gestellt werden.


Die Gesellschaft liebt die Erzählung vom zweiten Anfang - von der aufrichtigen Entschuldigung. Sie braucht sie, weil sie sonst anerkennen müsste, dass manche Strukturen nicht auf Irrtum beruhen, sondern auf Kalkül. Dass manche Gewalten keine Ausrutscher sind, sondern Funktionen eines verbrecherischen Missbrauchssystems.


Schauen wir kurz auf die politische Macht. Wenn staatliche Institutionen Fehlentscheidungen treffen, wenn Grundrechte eingeschränkt, Kinder entführt, Menschen systematisch beraubt, Existenzen zerstört und Menschen kriminalisiert werden, wenn sie Verbrechen kritisieren, dann folgt im Optimalfall irgendwann eine Entschuldigung. Vielleicht ein Untersuchungsausschuss, vielleicht ein paar warme Worte im zwangsfinanzierten Fernsehen. Doch die entscheidende Frage lautet nicht: „Tut es euch leid?“ Die entscheidende Frage lautet: „Welche strukturellen Konsequenzen zieht ihr daraus?“


Nehmen wir als Beispiel den amtierenden Bundeskanzler Friedrich Merz, dessen frühere Tätigkeit bei BlackRock öffentlich dokumentiert ist die in der Rüstungsindustrie investiert ist. Wenn politische Entscheidungen Rüstungsinvestitionen, geopolitische Eskalationen oder wirtschaftliche Machtkonzentration begünstigen, dann reicht es nicht, im Nachhinein moralische Beteuerungen abzugeben – erst recht nicht, wenn Entwicklungen außer Kontrolle geraten und ganze Regionen in Konflikte gestürzt werden.


Die Gesellschaft muss präventiv fragen: Wo verlaufen Interessenkonflikte? Wer profitiert vom Krieg? Welche wirtschaftlichen oder strategischen Netzwerke stehen im Hintergrund politischer Entscheidungen?


Geht es am Ende darum, Millionen Menschen in Risiken zu treiben, um später auf Entschuldigung zu hoffen, damit das eigene Gewissen beruhigt ist? Und was geschieht in fünfzig Jahren, wenn der nächste politische Akteur den nächsten Krieg befeuert, wieder Menschen geopfert werden und man erneut sagt: „Es war nicht so gemeint“?


Genau hier entscheidet sich, ob Verantwortung ernst gemeint ist – oder nur eine rhetorische Beruhigungspille für die Öffentlichkeit.


Wer wirklich bereut, tritt zurück. Wer wirklich verstanden hat, legt sein Amt nieder und wird nie wieder in einer verantwortungsvollen Position eingestellt. Alles andere ist ein Kreislauf aus Tat, Empörung, Entschuldigung und Vergessen – bis zur nächsten Eskalation oder zum nächsten Verbrechen.


Vergebung ist eine individuelle Entscheidung. Absolution jedoch ist ein gesellschaftlicher Mechanismus. Und dieser Mechanismus kann missbraucht werden. Wenn wir jede Grenzüberschreitung mit einem moralischen Feigenblatt bedecken, konditionieren wir uns selbst zur Wiederholung.


Man stelle sich eine misshandelte Frau vor, deren Peiniger mit Blumen erscheint und schwört, es nie wieder zu tun. Die Worte mögen aufrichtig klingen. Doch solange die Machtverhältnisse unverändert bleiben, bleibt die Bedrohung bestehen. Reue ohne Entmachtung ist nur eine Pause im Missbrauch.


Deshalb braucht eine funktionierende Gesellschaft mehr als Entschuldigungen. Sie braucht Regeln, die nicht vom Wohlwollen der Täter abhängen. Sie braucht Transparenz, unabhängige Kontrolle und echte Konsequenzen für alle Verbrecher – auch die im Amt, in Verwaltungen und Behörden. Und sie braucht Menschen, die nicht jedes Mal erleichtert aufatmen, sobald jemand „Es tut mir leid“ sagt, sondern kritisch bleiben.


Denn die eigentliche Frage lautet nicht, ob jemand bereut.


Die eigentliche Frage lautet: Was ändert sich konkret, damit es nie wieder geschieht?


Und nur als Randbemerkung: Wir stehen erneut vor einem Krieg, gegebenenfalls sogar vor einem dritten Weltkrieg, der von denselben Brandstiftern und Ideologen angeleiert wird und Millionen von Menschen gefährdet. Was kommt danach, wenn wieder eine neue Generation von Trümmerfrauen den Schutt wegräumt? Ein „Sorry? War nicht so gemeint. Wer hätte das kommen sehen, dass Menschen sterben?“


Wenn darauf keine klare Antwort folgt, die gezielt an die Täter adressiert ist, dann ist die Entschuldigung nichts wert und nur ein Muster, das sich ständig wiederholt und keinen Wert hat. Und wer Muster nicht bricht, sondern nur neu etikettiert, darf sich nicht wundern, wenn sie zurückkehren.

0 Kommentare
Alle Essays anzeigen
SilentHunter493 · 11.07.2026

Danke fürs Hochladen. Hab ich ja schon auf YouTube gesehen. Wird überall geteilt wo es geht. 👍

Der Demokrator - Teil 1
Dawid Snowden · 29.06.2026

:D

Der demokratische Machtmissbrauch
SupiDoofi ✌️😋👻🦔🦆🦔🐀 · 28.06.2026

HuHu ✌️😃👻🦔🐀🦔🦆 wir Sechs machen gerade absolut undemokratisch Frühstück. 🥖🍯☝️😋🍔🦔🍦🐀👻🧀🦔🥚🦆

Der demokratische Machtmissbrauch
anon-7ce24872 · 19.06.2026

ich hab was vergessen, das ich auch noch wichtig finde und zwar zu Dawids Überlegung, ob das Regulieren der Ängste, eine der wichtigsten Lebensaufgaben ist. ich denke ja. nicht nur Angst, sondern alle Gefühlslagen, die wir Menschen empfinden. mit denen hier über viele Generationen dieses schmutzige Spiel gespielt wird. das meine ich mit dem Streben des menschlichen Systems, nach Ausgewogenheit, die derzeit meist nur Schein ist. wenn wir es erreichen alles, was über- oder unterreguliert ist, in ein ausgewogenes Verhältnis zu bringen, werden wir in der Lage sein, sozusagen angemessen zu handeln und zu reagieren. in den Essays kann man sich ein umfangreiches Bild von vielen verschiedenen Bereichen machen, in denen unsere Gefühlswelten und Wahrnehmungen manipuliert wurden. Wut, Glücklichsein, streben nach Eigentum und Schaffen, Liebe usw. alle diese Dinge sind im Ungleichgewicht, sie in ein, für sich selbst, förderliches Gleichgewicht zu bringen wäre sinnvoll. keine Überdrehtheiten, keine Minderwertigkeitskomplexe, kein Neid usw

Sechs Merkmale von Menschen, die sich ni…
anon-7ce24872 · 19.06.2026

dann noch kurz zum Profi. der Profi hat's voll raus mit der Mustererkennung. der Profi sollte auch immer im Hinterkopf haben, dass die Souveränität, mit der er, zu Recht, in ein Muster einordnet, dazu führen kann, Unterschiede zu übersehen. Unterschiede, die hinter Vertrautem verborgen sind.

Sechs Merkmale von Menschen, die sich ni…
anon-7ce24872 · 19.06.2026

ich stimme zu, dass eine gut ausgeprägte Fähigkeit Muster zu erkennen, viele Bereiche des Menschseins stärkt und bereichert. im Text wird auch Bezug auf die Verbindung zu greifbaren Dingen genommen, um den klaren Verstand zu bewahren. die Hand lehrt auch dem Hirn - ja auf jeden Fall. hier die Verbindung zu meinen Fragen. ich will hier natürlicherweise dringend die gute alte Intuition ins Spiel bringen, die in meinem Selbst an sich schon rin Muster ist. das Muster habe ich früh angelegt, zwischendurch habe ich ihm nanchmal nicht vertraut - äußerst ungünstige Auswirkungen. also was sagt uns in einer unbekannten Situation, das etwas im Busch ist - die Intuition (postiv oder negativ), ich kann also das Muster ablegen "immer wenn ich dieses Gefühl habe, tue ich besser was, um etwas zu verhindern oder eher herbeizuführen", wenn die Erfahrung umbekannt ist, tut der Verstand gut daran kreativ (das finde ich total intelligent 😀) zu reagieren. das rein kognitive Muster kann dann angelegt werden, wenn die kreative Handlung geschehen. so kann man doch meinen, dass die Intuition auch so etwas wie die Hand für's Hirn ist. darin sind wir jeder noch so ausgetüftelten KI überlegen, behaupte ich jetzt mal. Vielleicht werden die Aspekte in uns uns einmal den Arsch retten. die Intuition ist nicht greifbar (das ist Denken auch nicht), sie ist erfahrbar und begreibar, so wie Gedanken und andere nicht messbare Dinge. es wäre fatal, würden wir uns auf Empathielose reduzieren. für mich ist Intuition ein Aspekt der Empathie.

Sechs Merkmale von Menschen, die sich ni…
Alle Essays als Paket

164 Essays als ZIP – je Essay PDF + Medien.

Du kannst gerne alles herunterladen – dafür ist nur eine kostenlose Registrierung nötig.