24. June 2026
Wie aus Nachbarn Feinde werden

Wie aus Nachbarn Feinde werden

24.06.2026 50 min 249

Die Psychologie des Feindbildes und die Mechanik der Spaltung

von Dawid Snowden

Tiefenanalyse
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Inhalt

I. Der gewöhnliche Frieden

II. Die Erfindung des Wir

III. Die Werkstatt der Furcht

IV. Die Wahrheit der Wiederholung

V. Das Wort vor dem Schlag

VI. Die Hand, die niemand gewesen sein will

VII. Die Spirale des Schweigens

VIII. Den Menschen wiedersehen

IX. Der ideologische Nullpunkt

Quellen und weiterführende Literatur

Impressum

I. Der gewöhnliche Frieden

Niemand kommt als Feind zur Welt. Diese Aussage ist richtig, und sie ist es bis zu einem ganz bestimmten Punkt, den ich gleich zu Beginn offen benennen will. Sie stimmt, solange der Mensch unter seinesgleichen bleibt. In dem Augenblick aber, in dem Ideologien in das Leben der Menschen treten, ändert sich alles schlagartig. Wo eine Gemeinschaft einer gemeinsamen Strömung angehört und ein gemeinsames Bekenntnis oder eine gemeinsame Kultur teilt, herrscht oft eine erstaunliche Reibungslosigkeit, weil niemand das Weltbild des anderen in Frage stellt. Treten jedoch Fremde hinzu, deren ideologisches Fundament sich mit dem vorhandenen nicht deckt, weil sie schlicht anders denken, glauben oder leben, so entstehen früher oder später Spannungen. Genau hier liegt das Kernproblem, und genau dieses Problem will ich am Anfang dieses Buches mit voller Deutlichkeit hinstellen, ehe ich es Schritt für Schritt zerlege.


Menschen können Tür an Tür leben und miteinander Handel treiben, und das gelingt ihnen am ehesten, solange jeder seine Ideologie, seine Religion oder welche Überzeugung auch immer nicht wie ein Banner vor sich herträgt. Blieben all diese Bekenntnisse privat, statt nach außen getrieben und zur Schau gestellt zu werden, so fiele die geistige Unverträglichkeit kaum ins Gewicht. Man wäre einander gedanklich vielleicht nicht nahe, doch aus der bloßen Verschiedenheit würde kein Streitfall, weil ihr die öffentliche Bühne fehlte, auf der sie sich erst zum Konflikt auswachsen kann.


Über die längsten Strecken der Geschichte hinweg haben Menschen verschiedener Herkunft, Sprache oder Glaubensrichtung Tür an Tür gelebt, miteinander gehandelt, einander geheiratet und ihre Kinder auf demselben Hof spielen lassen. Wer jedoch die Grausamkeiten betrachtet, die Menschen einander zugefügt haben, die Folter, die Kriege, die Kreuzzüge, die Völkermorde und die Scheiterhaufen, der erkennt, dass über all dem das Erleben von Schmerz liegt und dass jene Mechanismen, die im Namen einer Ideologie wirken, nicht den Zusammenhalt stiften, sondern die Spaltung.


Man muss an dieser Stelle gerecht bleiben. Eine religiöse Strömung erzeugt durchaus Zusammenhalt, solange sie innerhalb einer geschlossenen Gruppe gelebt wird, denn sie gibt ihren Angehörigen Halt, Sinn und ein gemeinsames Maß. Doch sobald ein Fremder diese Gemeinschaft betritt, wird er nicht ohne Weiteres als einer der Ihren behandelt, und sobald sich jemand an die Spitze einer solchen Strömung setzt und sie korrumpiert, kann aus dem inneren Halt ein äußerer Krieg werden. Ruft ein solcher Mensch erst den Glaubenskrieg aus, dann werden ganze Völker, die unter derselben Ideologie stehen, ans Messer geliefert, und der Zusammenhalt der einen verkehrt sich in die Vernichtung der anderen.


Was ich damit sagen will, ist dies. Völker können bedingt nebeneinander bestehen, solange sie sich ideologisch ähneln, doch in dem Maße, in dem die Unterschiede zu groß werden, neigen sie dazu, einander zu bekämpfen, zu beneiden oder sich gegeneinanderzustellen, statt zusammenzuhalten. Die Welt ist voller solcher Unterschiede, der Religionen, der Parteien und der Ideologien, dazu der Hautfarben und der Trennung in Arm und Reich, und gerade diese Vielfalt der Trennlinien verhindert, dass die Menschen sich auf jenem einzigen Punkt treffen, an dem sie alle miteinander verträglich wären, dem Punkt einer Freiheit, die keiner Fahne mehr bedarf. Statt zusammenzuarbeiten und eine gerechtere Welt zu gestalten, konkurrieren und bekriegen sie sich über ihre Unterschiede.


Und hat man erst genügend Kriegstreiber und Brandstifter, die Menschen über ihre bereits vorhandenen Ideologien gegeneinander hetzen können, dann entstehen Panik und Chaos und nicht selten auch der Tod. Es bedarf dazu keiner neuen Feindschaft, sondern nur der geschickten Hand, welche die alten Trennlinien entzündet.


Wer einen gewöhnlichen Werktag betrachtet, findet darin selten den Krieg, sondern die Arbeit, die Familie und das schlichte Verlangen nach Sicherheit. Der Mensch will in Frieden und in Sicherheit leben, das ist sein eigentlicher Anspruch an das Dasein.


Doch das Leben, das er führt, ist selten das Leben, das er sich selbst ausgesucht oder aufgebaut hat. Es ruht auf ideologischen Grundmustern, auf politischen Entscheidungen und auf gesellschaftlichen Zwängen, und so bleibt dem Einzelnen kaum etwas anderes übrig, als sich einem Missbrauchssystem anzubiedern und sich ihm zu unterwerfen, gleichgültig, welcher Ideologie dieses System gerade folgt. Fast jeder von uns ist in diesen rituellen Eifer eingespannt, in feste Strukturen und vorgezeichnete Abläufe, die sein Überleben sichern, und eben diese Abhängigkeit wird ausgenutzt. Man bedient sich seiner Ängste und zieht die Spaltung hinzu, um politische Entscheidungen durchzusetzen, die er bei klarem Verstand nie gebilligt hätte. Dahinter steht kein echtes Verlangen nach Sicherheit, sondern eine Selbstverständlichkeit, über die kaum jemand noch nachdenkt, denn Sicherheit ist etwas Fundamentales, genau wie Familie, Liebe, Glück und Kameradschaft, und gerade dieses Fundamentale wird von den herrschenden Kreisen immer wieder zerstört und sabotiert.

Der Mensch will im Regelfall nicht kämpfen, er will leben. Er will, genauer gesagt, in Ruhe gelassen werden. Das Unglück besteht darin, dass beinahe alle Mächtigen dieser Welt, alle Ideologien und alle Religionen den Menschen zu ihrem Untertanen und Leibeigenen gemacht haben. Politische, ideologische, religiöse und sittliche Perversionen haben über die Jahrhunderte dafür gesorgt, dass Menschen einander bekämpften, und stets diente ihnen derselbe Vorwand, nämlich die vorhandenen Unterschiede.


Man stelle sich eine beliebige Straße vor, eine jener Straßen, wie es sie in jeder Stadt gibt. Im Erdgeschoss backt ein Mann Brot, dessen Großeltern aus einem anderen Land kamen. Zwei Häuser weiter repariert eine Frau Fahrräder, die einen anderen Gott anruft als ihr Nachbar. Die Kinder beider Familien sitzen in derselben Schulbank, leihen sich Stifte und streiten über ein Fußballspiel, nicht über ihre Abstammung. Solange diese Straße sich selbst überlassen bleibt, geschieht das Erstaunlichste, was eine Gesellschaft hervorbringen kann, nämlich nichts. Es herrscht der unscheinbare, der gewöhnliche Frieden, jener Zustand, der so selbstverständlich erscheint, dass kaum jemand ihn überhaupt bemerkt.


Diese Szenerie hielte sich von selbst, würden die Menschen nicht gegeneinander aufgehetzt und würden sie einander nicht ihre Ideologie unter die Nase reiben, statt sie für sich zu behalten. Mich kümmert es nicht, an welche Sekte oder Religion die Frau glaubt, die mein Fahrrad repariert. Mich kümmert allein, dass das Fahrrad wieder fährt und dass ich ihr für die Hilfe etwas gebe. So spielen diese Unterschiede im gewöhnlichen Leben keine Rolle. Werden sie aber von Propagandasendern und Staatsmedien aufgebaut, welche die Fehltritte einzelner Außenseiter zu einem Ballon aufblasen, dann entsteht der gesellschaftliche Konflikt wie von selbst. Plötzlich denkt der Mensch, alle müssten so sein wie jener eine Messerstecher oder jener eine Gewalttäter, und er begibt sich in die Konfrontation. Er verliert das Vertrauen zu einer ganzen Volksgruppe oder zu den Migranten, weil er vom Einzelnen auf alle schließt, und er vergisst dabei, dass auch er nur das Erzeugnis einer korrupten Herrschaft ist, erzogen und konditioniert, damit er so werde, wie er ist, und damit wir uns dauerhaft im Konflikt befinden und uns über Parteien, Religionen und Landesgrenzen zerstreiten.


Die Geschichte lehrt uns mit erschreckender Regelmäßigkeit, dass sich dieselbe Straße binnen weniger Monate verwandeln lässt. Aus dem Bäcker wird der Fremde, aus der Nachbarin die Verdächtige, aus dem Schulkameraden der Angehörige der anderen Seite. Menschen, die gestern noch ihr Werkzeug teilten, mustern einander plötzlich mit Misstrauen, und niemand von ihnen könnte genau sagen, wann die Verwandlung begann.


Wie schnell diese Verwandlung gelingt, hat sich zu Beginn des Krieges um die Krim und die Ukraine gezeigt. Beinahe über Nacht sahen sich in Deutschland Kinder mit russischen Wurzeln dem Misstrauen ausgesetzt, mancherorts sogar der Herabsetzung durch jene, die sie eigentlich hätten schützen sollen, und im Umgang mit allem Russischen schlug die frühere Selbstverständlichkeit in eine offene Ablehnung um, die bis heute nachwirkt. Ich führe dies als das an, was es nach meiner Überzeugung ist, ein Lehrstück medialer Kriegstreiberei, in dem weitgehend gleichgerichtete Leitmedien die Menschen Schritt für Schritt lehrten, einander zu verachten.


Die Frage, die mich beschäftigt, lautet deshalb nicht, warum Menschen friedlich zusammenleben können, denn der Frieden ist der Normalfall und bedarf keiner Erklärung. Die eigentliche, die beunruhigende Frage lautet anders. Wie gelingt es Machtstrukturen immer wieder, aus friedlichen Nachbarn Gegner zu formen? Wie verwandelt man einen Menschen, der niemandem etwas zuleide tun wollte, in einen, der den Hass für seine Pflicht hält?


Meine Überzeugung, die dieses Buch trägt, ist die folgende. Diese Verwandlung geschieht nicht von selbst, und sie entspringt keiner bösen Anlage im Menschen. Sie ist ein Handwerk, ein Verfahren mit nachvollziehbaren Schritten, das sich über die Jahrtausende kaum verändert hat. Wer dieses Verfahren kennt, erkennt es wieder, ob es nun von einem Thron, einer Kanzel, einem Parteibüro oder einem Bildschirm aus betrieben wird. Und wer es erkennt, ist der Erste, der sich ihm entziehen kann.


Unter allen Hebeln dieses Handwerks gibt es einen, der mächtiger wirkt als jeder andere, und es ist der ideologische. Eine Perversion sondergleichen entfaltet sich in dem Augenblick, in dem Weltanschauungen, Glaubenssysteme oder Parteien nicht mehr dem Menschen dienen, sondern als Werkzeuge der Macht und der Steuerung gegen ihn gerichtet werden, indem die einen ihre Gottheiten, ihre Bekenntnisse oder ihre Lehren über die der anderen erheben. Es geschieht stets nach demselben einfältigen Muster. Mein Gott sei besser als deiner, meine Partei reiner als deine und meine Überzeugung höher, während man dich selbst für rückständig erklärt, weil du der falschen Seite angehörst. In dieser Behauptung der eigenen Überlegenheit liegt der stärkste Sprengstoff, den die Geschichte kennt, denn sie verwandelt eine bloße Verschiedenheit in eine Rangordnung, und wo erst eine Rangordnung behauptet wird, ist der Streit um den ersten Platz bereits eröffnet.


Und gewiss trägt manche Religion neben ihrer guten auch eine zutiefst pervertierte Seite, die sich über Generationen kaum gewandelt hat und von Herrschern immer wieder missbraucht wird, damit Menschen sich bekriegen und spalten. Diese Spaltung begleitet uns überall. Wir werden über Parteien getrennt, über Sprachen, über Landesgrenzen, über Vereine und selbst über ein Fußballspiel. Und all das dient am Ende nicht dem edlen Wettstreit, in dem einer am anderen wächst, sondern dem gegenseitigen Bekriegen, dem Verachten und jenem stumpfen Drang, einander nach dem Spiel die Köpfe einzuschlagen. So wird der Kult um den Fußball wie um andere Sportarten zu einem dauerhaften Vorrat des Konflikts mit dem Gegenüber, statt dass an Konzepten gearbeitet würde, die uns verbinden und vereinen.


Dass gerade dieser Hebel so zuverlässig greift, hat einen tiefen Grund. Der Mensch verteidigt seine Gruppenzugehörigkeit nicht mit dem Verstand, sondern gegen ihn. Sie sitzt unterhalb des Nachdenkens, in jener Schicht, in der nicht geprüft, sondern gefühlt wird, und darum lässt sich gegen Hirn und Vernunft fast jederzeit ein Aufruhr entfachen, sobald man die Zugehörigkeit bedroht erscheinen lässt. Wer einem Menschen einredet, sein Glaube, seine Nation oder seine Herkunft werde verachtet, der muss ihm keine Beweise mehr liefern, denn die verletzte Zugehörigkeit denkt nicht, sie schlägt zurück.


Eben deshalb können ideologische Führer über den Umweg der Religionen, der Fahnen und der Bekenntnisse zu fast jeder Stunde Chaos stiften, und eben deshalb steht dieser Hebel am Anfang dieses Buches, denn wer ihn durchschaut, hat den gefährlichsten von allen entwaffnet.


Der amerikanische Psychologe Roy Baumeister hat nach jahrelanger Beschäftigung mit menschlicher Grausamkeit von einem Mythos des reinen Bösen gesprochen, von der bequemen Vorstellung, das Verbrechen gehe stets von einem genussvoll bösartigen Täter aus. In Wahrheit, so sein Befund, halten sich die wenigsten Gewalttäter für böse. Der Soldat, der eben noch einen Unschuldigen erschossen oder in die Luft gesprengt hat, betrachtet sich nicht als Mörder, und der Polizist, der in den Jahren der Fake-Pandemie auf wehrlose Menschen einschlug, weil sie eine Maske verweigerten oder sich den Anordnungen entzogen, hält sich für einen rechtschaffenen, mitfühlenden Diener des Rechts. Doch im Namen genau dieses Rechts sind zu allen Zeiten und in allen Strukturen dieser Welt Menschen misshandelt, massakriert und unterdrückt worden.


Hier stellt sich die Frage, warum der Täter sich selbst so selten als Täter erkennt. Die Antwort liegt in mehreren ineinandergreifenden Mechanismen der Seele. Der erste ist die Selbstrechtfertigung, die der Psychologe Leon Festinger als Auflösung der kognitiven Dissonanz beschrieben hat. Entsteht ein Widerspruch zwischen dem Bild des anständigen Menschen, das einer von sich hegt, und der Tat, die er begangen hat, dann ändert das Denken lieber die Deutung der Tat als das Bild von sich selbst. Aus dem Schläger wird in der eigenen Wahrnehmung ein Pflichterfüller und aus dem Opfer ein Schuldiger, der es nicht anders verdient habe. Der zweite Mechanismus ist die moralische Entkopplung, von der noch ausführlich die Rede sein wird, jene gedankliche Trennung, die das Gewissen für die Dauer der Tat stilllegt.


Der dritte und vielleicht unheimlichste Mechanismus aber ist die Macht der Lage selbst. Der Psychologe Philip Zimbardo wollte in seinem bekannten Gefängnisversuch an der Universität Stanford zeigen, wie rasch gewöhnliche Studenten, denen man die Rolle des Wärters oder des Häftlings zuwies, in eben dieser Rolle aufgingen, bis die einen quälten und die anderen litten. Der Versuch ist später zu Recht kritisiert worden, weil die Wärter teils angeleitet wurden und die Bedingungen das Ergebnis mitgeformt haben, weshalb ich ihn nur mit dem nötigen Vorbehalt anführe. Sein Kerngedanke jedoch hat sich auch in strengeren Untersuchungen bestätigt. Nicht der schlechte Charakter macht den Täter, sondern weit häufiger die Lage, die Rolle und die Autorität, die im Rücken steht und verspricht, die Verantwortung zu übernehmen. Wer wissen will, wozu der gewöhnliche Mensch fähig ist, sobald ein Vorgesetzter ihn deckt, findet die strengere Antwort später im Werk Stanley Milgrams, dem ich ein eigenes Kapitel widme.


Sie halten sich für Opfer, für Vergeltende oder für Diener einer guten Sache. Wenn aber der Täter sich selbst nicht als Täter empfindet, dann liegt der Schlüssel zur Gewalt nicht in seinem Charakter, sondern in den Geschichten, die man ihm über sich und über den anderen erzählt hat. Genau diesen Geschichten gilt die folgende Untersuchung.

II. Die Erfindung des Wir

Der erste Handgriff besteht stets darin, die natürliche Wahrnehmung des Menschen durch eine künstliche Zugehörigkeit zu ersetzen. Der Einzelne soll sich nicht länger zuerst als Mensch begreifen, sondern als Angehöriger einer Gruppe, als Mitglied einer Nation, einer Konfession, einer Partei oder eines Lagers. Sobald diese Zugehörigkeit schwerer wiegt als die geteilte Menschlichkeit, ist die Saat des Bösen gelegt.


Wer beobachten will, wie mühelos sich das Wir erfinden lässt, muss nicht in die Archive der Diplomatie steigen, sondern es genügt ein Blick auf einen beliebigen Schulhof. Man teile eine Klasse für ein Spiel in zwei Mannschaften, verteile rote und blaue Bänder, und binnen einer einzigen Pause sind aus Freunden Rivalen geworden. Die Roten finden die Blauen plötzlich unsportlich, die Blauen halten die Roten für eingebildet, und beide Seiten erinnern sich an Kränkungen, die es vor dem Verteilen der Bänder gar nicht gab. Dasselbe geschieht im größeren Maßstab in jedem Betrieb, in dem die Abteilung des Vertriebs auf die der Buchhaltung herabsieht, und es geschieht jeden Samstag in den Stadien, wenn zwei Männer, die werktags am selben Fließband stehen, sich am Wochenende in den Farben verfeindeter Vereine gegenüberstehen.


Der Sozialpsychologe Henri Tajfel hat dieses Phänomen in einer Reihe von Versuchen auf seinen Kern reduziert. Er teilte Versuchspersonen nach vollkommen belanglosen Merkmalen in Gruppen ein, etwa danach, ob sie die Bilder des einen oder des anderen Malers bevorzugten, und stellte fest, dass schon diese willkürliche Trennung genügte, damit die Probanden die eigene Gruppe begünstigten und der fremden weniger zugestanden. Es brauchte keine Geschichte gemeinsamen Leids, keinen alten Streit und keinen handfesten Anlass. Die bloße Einteilung in ein Wir und ein Sie reichte aus. Tajfel nannte dies das minimale Gruppenparadigma, und die Bezeichnung ist mit Bedacht gewählt, denn das Erschreckende liegt im Wort minimal. Fast nichts genügt.


Noch eindringlicher zeigt sich dies in einem Versuch, den Muzafer Sherif in den fünfziger Jahren in einem Ferienlager im Robbers-Cave-Park des amerikanischen Bundesstaates Oklahoma durchführte. Er brachte etwa zwei Dutzend unbescholtene, sorgfältig ausgewählte Jungen zusammen, gewöhnliche Kinder aus behüteten Verhältnissen, und teilte sie in zwei Gruppen, die sich bald die Klapperschlangen und die Adler nannten. Kaum hatte man die beiden Gruppen in einen Wettkampf um Preise und Anerkennung geschickt, schlug die anfängliche Unbekümmertheit in offene Feindschaft um. Die Jungen verbrannten die Fahnen der Gegenseite, überfielen deren Hütten und beschimpften einander mit einer Erbitterung, die niemand den Kindern zugetraut hätte. Es hatte keiner bösen Anlage bedurft, sondern allein einer Grenze und eines Wettbewerbs um knappe Güter. Sherif hatte aus harmlosen Ferienkindern binnen Tagen verfeindete Lager gemacht, und er hatte dafür nichts weiter benötigt als das, was jede Gesellschaft täglich bereithält.


Die Hirnforschung hat inzwischen gezeigt, wie tief dieser Hang in unserer Ausstattung verankert ist. Der Neurobiologe Robert Sapolsky beschreibt, dass das Gehirn vertraute und fremde Gesichter in Sekundenbruchteilen sortiert und dass die Mandelkerne, jene tief liegenden Schaltstellen der Wachsamkeit, auf das Bild eines als fremd empfundenen Menschen früher anspringen, als das bewusste Denken überhaupt einsetzt. Doch Sapolsky betont im selben Atemzug das Entscheidende. Die Grenzen dieser Gruppen sind nicht in Stein gemeißelt, sondern verschiebbar. Wen das Gehirn dem Wir zurechnet, hängt davon ab, welche Geschichten man ihm erzählt, und dieselbe Maschinerie, die eben noch trennte, lässt sich auf eine größere, umfassendere Zugehörigkeit umstellen. Das Werkzeug ist angeboren, die Feindschaft ist es nicht.


Damit ist auch erklärt, warum die Erfindung des Wir niemals beim Wir stehen bleibt. Der Soziologe Georg Simmel hat schon vor über einem Jahrhundert beschrieben, dass nichts eine Gruppe so fest zusammenschweißt wie der Gegner an ihrer Grenze. Der äußere Feind verleiht dem Inneren seinen Zusammenhalt, er macht aus einer losen Menge eine verschworene Gemeinschaft und erspart ihr die mühsame Frage, was sie eigentlich verbindet. Wer also ein Wir erschaffen will, das hält, der liefert ihm zugleich ein Sie. Und an dieser Stelle endet das harmlose Spiel der Bänder und Vereinsfarben, denn nun beginnt die eigentliche Arbeit der Macht, die aus dem Anderen den Feind macht.


Dass dieselbe Mechanik auch dort greift, wo eine Bewegung sich anfangs als reine Befreiung versteht, lässt sich an den jüngeren Auseinandersetzungen um Geschlecht und sexuelle Identität beobachten. Der Gedanke, jedem Menschen die Freiheit zu lassen, so zu leben, wie es ihm entspricht, ist im Kern achtenswert. Doch eine solche Freiheit verlangt die Zustimmung einer ganzen Gesellschaft, und wo diese Zustimmung nicht gewachsen, sondern eingefordert wird, kann aus dem befreienden Anliegen ein neues Schlachtfeld werden.


Ich erinnere daran, dass Schwule und Lesben in Deutschland über Jahrzehnte weitgehend unbehelligt lebten und Hand in Hand über die Straßen gingen, ohne dass sich jemand daran stieß. Erst seit diese Themen medial in alle Kanäle getrieben und in den sozialen Netzwerken zu lautstarken Kampagnen aufgeladen wurden, begannen viele Menschen, sich dagegen zu stellen, weil sie sich darin nicht wiederfinden und die ihnen aufgedrängte Sprache als Bevormundung empfinden. Das Ergebnis ist bitter, denn ausgerechnet jene, die zuvor in Ruhe gelassen wurden, sehen sich heute wieder dem Argwohn ausgesetzt. Es hat ihnen nichts genützt, sondern sie nur erneut zur Zielscheibe gemacht, und so diente auch hier die laute Inszenierung am Ende nicht der Freiheit, sondern allein der Spaltung.

III. Die Werkstatt der Furcht

Unterschiede allein erzeugen noch keinen Hass. Zwei Mannschaften auf dem Schulhof sind am Abend wieder Freunde, und die verfeindeten Abteilungen eines Betriebs gehen am Feierabend gemeinsam ein Bier trinken.


Was dabei leicht übersehen wird, ist allerdings dies. Solche harmlosen Rivalitäten verschwinden nicht spurlos, sie werden eingeübt und gleichsam in Bereitschaft gehalten. Der Mensch gewöhnt sich daran, dass es stets ein Gegenüber gibt, an dem er sich abarbeitet, so wie sich der Raucher an die Zigarette gewöhnt, bis das Bedürfnis von selbst wiederkehrt. Diese eingeschliffenen Muster des Wir gegen das Sie liegen danach bereit wie ein geladenes Werkzeug, und sie lassen sich später, wenn eine Ideologie es verlangt, mit einem einzigen Griff wieder scharfstellen.


Der Sozialpsychologe Daniel Bar-Tal hat für Gesellschaften, die lange in Konflikten stehen, beschrieben, wie sich in ihnen ein festes Vorratslager an Feindbildern, Rechtfertigungen und Erzählungen bildet, das er das Ethos des Konflikts nannte. Ist dieses Vorratslager erst angelegt, muss die Macht den Hass nicht jedes Mal neu erschaffen. Sie ruft nur ab, was längst bereitliegt, und genau deshalb wirkt die spätere Hetze so mühelos, weil sie auf einen Boden fällt, der über Jahre durch tausend kleine Rivalitäten vorbereitet wurde.


Damit aus dem Anderen ein Feind wird, muss ein Zweites hinzutreten, und dieses Zweite ist die Furcht. Der anderen Gruppe werden Eigenschaften zugeschrieben, die Angst auslösen sollen. Sie sei gefährlich, hinterhältig, sittenlos oder eine Bedrohung für alles, was einem teuer ist. Ob diese Zuschreibungen zutreffen, spielt dabei eine erstaunlich geringe Rolle. Entscheidend ist allein, dass sie wirken.


Jeder kennt die kleine Form dieses Vorgangs aus der eigenen Nachbarschaft. In ein Haus zieht eine Familie, über die man nichts weiß, und schon nach wenigen Tagen wird getuschelt und hinter dem Rücken geredet. Man macht die Neuen schlecht, ohne je ein Wort mit ihnen gewechselt zu haben. Ein schöneres Auto, als man selbst es fährt, eine Kleidung, die nicht der vertrauten Norm entspricht, und schon ist die Saat des Argwohns gestreut, denn zur bloßen Fremdheit gesellt sich der Neid. Irgendjemand will gehört haben, dort gehe es nicht mit rechten Dingen zu, niemand hat etwas gesehen, niemand kann etwas belegen, und doch grüßt man bald vorsichtiger, zieht die Kinder enger an sich und deutet jedes Geräusch aus jenem Haus im Licht der Erzählung. Die Familie hat nichts getan. Die Geschichte allein hat genügt, um aus Unbekannten Verdächtige zu machen.


Und genau diese Geschichten kehren im Großen wieder, in Demokratien wie in Diktaturen, in Religionen, in mafiösen Strukturen und in jeder anderen Perversion menschlicher Macht. Es ist am Ende die Geschichte, die darüber entscheidet, ob ein Mensch bereit ist, einen anderen zu töten, zu foltern, zu unterdrücken, ihm das Kind zu nehmen oder auf ihn einzuschlagen, bis kein Leben mehr in ihm ist. Wer die Geschichte liefert, liefert die Erlaubnis gleich mit.


Dass die Furcht ein so williges Werkzeug ist, hat tiefe biologische Gründe. Der Hirnforscher Joseph LeDoux hat nachgezeichnet, dass das Gehirn über eine schnelle, gleichsam abkürzende Bahn verfügt, die einen möglichen Gefahrenreiz an die wachsamen Mandelkerne meldet, lange bevor das langsamere, abwägende Denken ihn überhaupt geprüft hat. Diese Schaltung hat dem Menschen über Jahrhunderttausende das Leben gerettet, denn wer beim Rascheln im Gras erst in Ruhe überlegt, ob es ein Windhauch oder eine Schlange sei, hat im Zweifel keine Nachkommen hinterlassen. Was aber die Vorzeit belohnte, macht den Menschen der Gegenwart verführbar. Eine Botschaft, die Furcht weckt, erreicht ihn auf der schnellen Bahn und umgeht jene Instanz, die fragen würde, ob die Bedrohung überhaupt besteht.


Und ein Mensch in Furcht ist ein anderer Mensch. Er denkt weniger genau, er sucht Schutz, Ordnung und Führung, und er ist bereit, Maßnahmen hinzunehmen, gegen die er sich bei klarem Verstand gewehrt hätte. Darum arbeiten jene, die Feindschaft erzeugen wollen, nur ungern mit nüchternen Zahlen und Belegen. Sie arbeiten mit Bildern, mit Erzählungen und mit Gefühlen, weil das Bild auf der schnellen Bahn ankommt und das Argument erst auf der langsamen.


Der Publizist Walter Lippmann hat bereits in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts beschrieben, dass kein Mensch je auf die Welt selbst reagiert, sondern stets auf das Bild, das er sich von ihr macht oder das man ihm gemacht hat. Zwischen den Menschen und die Wirklichkeit schiebt sich eine Scheinwelt aus Vorstellungen, Schlagworten und festen Bildern, und der Mensch handelt nicht nach der Welt, sondern nach dieser Scheinwelt. Wer also die Bilder beherrscht, die in den Köpfen entstehen, muss die Menschen nicht mehr zwingen. Er hat sie bereits gelenkt, ehe sie zu handeln beginnen. Verwickelte Konflikte, in denen sich Schuld und Recht kaum entwirren lassen, werden auf diese Weise zu einfachen Erzählungen von Gut und Böse verkürzt, in denen die eigene Seite stets das Licht und die andere stets die Finsternis verkörpert.


Man könnte meinen, gegen all das helfe ein kühler Kopf, ein Mensch, der seine Gefühle einfach beiseiteschiebt und allein der Vernunft folgt. Doch der Neurologe Antonio Damasio hat gezeigt, dass eine solche saubere Trennung gar nicht existiert. Das Gefühl ist kein Störfaktor, der das Denken trübt, sondern ein untrennbarer Bestandteil jeder Entscheidung, die der Mensch trifft. Eben weil Furcht und Urteil so eng verwoben sind, lässt sich das Urteil über die Furcht so wirksam steuern. Wer das Gefühl besetzt, hat damit zugleich das Denken besetzt, und genau deshalb beginnt die Herstellung des Feindes nicht mit einem Beweis, sondern mit einer Angst.


Hierin liegt auch, warum sich selbst jene in die Spaltung ziehen lassen, die unter ihr leiden. Wer sich der vermeintlich bedrohten, der gerechten Seite zugehörig fühlt, empfindet diese Zugehörigkeit als Schutz, und der Schutz erscheint umso wertvoller, je größer die Furcht gemacht wird. So wird das Opfer der Angst zum Werber für die Angst, und der Kreis beginnt, sich von selbst zu drehen.

IV. Die Wahrheit der Wiederholung

Eine Behauptung muss nicht bewiesen werden, um zu wirken. Es genügt, sie zu wiederholen. Je häufiger ein Mensch eine Aussage hört, desto vertrauter klingt sie ihm, und desto eher hält er sie für wahr, ganz unabhängig davon, ob je ein Beleg für sie erbracht wurde. Die Vertrautheit verkleidet sich als Wahrheit, und die Wiederholung ist ihr Schneider.


Behauptet man den Menschen nur oft genug, es sei nicht genug Platz vorhanden, um jeder Familie ein Stück Erde zu geben, auf dem sie frei, unabhängig und selbstbestimmt leben könnte, so nehmen es die meisten hin und gehen der Sache nie weiter nach. Die Lüge muss nicht stimmen, sie muss nur unablässig wiederholt werden, bis sie sich tief in das neuronale Gefüge einwebt und dort als vermeintliche Selbstverständlichkeit ruht.


Man kennt das aus den Verteilern der Familie und des Bekanntenkreises. Eine Nachricht geht um, eine jener Botschaften, die zur Weitergabe auffordern und eine Empörung oder eine Warnung enthalten. Beim ersten Mal stutzt man und zweifelt. Beim dritten Mal, von einem anderen Absender, beginnt man zu schwanken. Hat man dieselbe Behauptung erst von einem halben Dutzend Menschen gehört, die man kennt und schätzt, so erscheint sie kaum noch bestreitbar, obwohl ihr seit der ersten Weitergabe kein einziger neuer Beweis hinzugefügt wurde. Es ist immer dieselbe unbelegte Behauptung, sie hat nur die Kleider gewechselt.


Der Psychologe Daniel Kahneman hat die Mechanik dahinter beschrieben. Das Gehirn verfügt über ein schnelles, müheloses Urteilen, das sich an der Leichtigkeit orientiert, mit der ihm etwas in den Sinn kommt. Was leicht abrufbar ist, weil man es oft gehört hat, erscheint diesem schnellen Urteil zugleich häufiger, wahrscheinlicher und wahrer. Kahneman nannte diese Abkürzung die Verfügbarkeitsheuristik, und sie erklärt, warum die bloße Geläufigkeit einer Aussage sich im Empfinden in deren Richtigkeit verwandelt. Das Gehirn verwechselt, was ihm vertraut ist, mit dem, was zutrifft, und diese Verwechslung lässt sich planmäßig erzeugen.


Die Forschung hat diesen Vorgang vielfach im Versuch bestätigt. Legt man Menschen Behauptungen vor und wiederholt einen Teil von ihnen später, so steigt allein durch die Wiederholung die Bereitschaft, sie für wahr zu halten, und zwar selbst dann, wenn die Versuchspersonen es eigentlich besser wissen müssten. Die Psychologie spricht vom Wahrheitseffekt der bloßen Wiederholung. Er ist der Grund, weshalb Propaganda niemals auf Vielfalt setzt, sondern auf Wiederkehr. Eine Parole, hundertfach wiederholt, schlägt jedes einmal vorgetragene Argument, denn das Argument muss verstanden werden, die Parole nur gehört.


Eben darum erleben wir, wie die Sprechpuppen des Systems unablässig wiederholen, die Russen seien ein Regime und ihr Land eine Diktatur, und wie dasselbe mit dem Iran und mit anderen Ländern geschieht, deren Menschen Schritt für Schritt zu Unmenschen erklärt und sprachlich entmenschlicht werden. Je öfter diese Etiketten fallen, desto mehr Hass und Verachtung lädt sich auf ganze Völker, und kaum jemand fragt noch, ob hinter dem Wort Regime nicht Millionen Menschen mit Gesichtern stehen.


Hinzu tritt ein weiterer Mechanismus, den der Psychologe Leon Festinger als kognitive Dissonanz beschrieben hat. Ich weiß, dass einige Leser diesem Begriff in meinen Schriften schon begegnet sind, doch er ist so entscheidend, dass ich ihn immer wieder heranziehen muss. Hat ein Mensch eine Überzeugung erst einmal übernommen und vielleicht sogar öffentlich vertreten, so erzeugt jeder Zweifel an ihr einen inneren Missklang, den er als quälend empfindet. Statt nun die Überzeugung zu prüfen und gegebenenfalls fallen zu lassen, was das eigene Urteil bloßstellen würde, neigt er dazu, die widersprechenden Tatsachen abzuwerten und an der Überzeugung erst recht festzuhalten. So wird aus dem, der eine Feindschaft anfangs nur nachgesprochen hat, mit der Zeit ihr überzeugter Anwalt, weil das Eingeständnis des Irrtums teurer erschiene als das Beharren.


In früheren Zeiten verlangte die Wiederholung noch erheblichen Aufwand, sie brauchte Plakate, Zeitungen und Redner. Heute besorgt sie eine Maschinerie, die niemand mehr eigens antreiben muss, und der Mensch ist ihr in einem Maße ausgeliefert, das frühere Zeiten nicht kannten. Rund um die Uhr, beinahe in Echtzeit und bis in die Benachrichtigung auf dem Sperrbildschirm hinein lässt sich ihm gezielt zuspielen, was die herrschenden Kreise ihm zuspielen wollen, sei es eine genaue Fehlinformation oder ein frei erfundenes Feindbild, gegen das er sich umgehend in Stellung bringen soll. Die Manipulation hat sich mit den digitalen Medien fortentwickelt wie ein Organismus, der gelernt hat, seinen Wirt immer feiner zu lenken.


Die Soziologin Shoshana Zuboff hat dieses Geschäftsmodell als Überwachungskapitalismus beschrieben, ein System, das menschliches Verhalten nicht nur vorhersagt, sondern in eine Richtung lenkt, die sich verkaufen lässt. Die Plattformen sind genau dafür gebaut, sie belohnen jede Erregung mit Aufmerksamkeit und füttern den Nutzer mit dem immer gleichen Stoff, der ihn fesselt, ganz ähnlich, wie ein Glücksspielautomat seine Belohnungen ausschüttet, damit die Hand am Hebel bleibt.


Die Empfehlungssysteme der digitalen Plattformen zeigen jedem Menschen bevorzugt das, was ihn ohnehin schon beschäftigt und erregt, und sie umgeben ihn dadurch mit immer denselben Bildern, Stimmen und Behauptungen. Was ihm dort tausendfach begegnet, hält er bald für die Stimmung der ganzen Welt, während es in Wahrheit nur das Echo seiner eigenen Kammer ist. Die Wiederholung, einst das Handwerk der Propagandisten, ist zur selbsttätigen Eigenschaft der Werkzeuge geworden, mit denen wir uns unterhalten und unterrichten.

V. Das Wort vor dem Schlag

Solange ein Mensch im anderen einen Menschen erkennt, fällt ihm die Gewalt schwer. Nicht von ungefähr werden Polizisten und Soldaten darauf geschult, im Gegenüber kein gleichwertiges Wesen zu sehen, sondern einen Vorgang, der abzuarbeiten ist, einen Widerstand, der sich zu unterwerfen hat. Wer so auf den anderen herabblickt, behandelt ihn nicht mehr als Menschen, sondern als Sache, die man wegschieben, niederringen oder zerbrechen darf.


Und man muss an dieser Stelle aussprechen, dass die größten Übel unserer Zeit politisch gemachte Übel sind, mit Absicht herbeigeführt, um anschließend die Lösung des selbst erzeugten Problems verkaufen zu können und als Machtarchitektur daran zu verdienen. Kriege werden inszeniert, um sie gegen ein anderes Land führen zu können und zugleich über die Gefallenen an Ländereien zu gelangen, an die man zuvor nicht herankam.


Im Grunde sind Kriege die größten Enteignungen der Menschheitsgeschichte, denn auf beiden Seiten sterben Menschen, und mit jedem Toten erlischt nicht nur ein Leben, sondern auch ein Kontoguthaben, eine eingezahlte Versicherung, ein Grundstück, ein Patent oder das Erbe einer ganzen Familie. Man muss sich ernsthaft fragen, wer all dies am Ende erhält, ob es an andere Menschen umverteilt oder von jenen einbehalten wird, die an der Spitze sitzen. Das sind keine müßigen, sondern höchst berechtigte Fragen.


Deshalb dienen Kriege nicht allein einem geopolitischen Streit, sondern ebenso der Anhäufung von Geld und dem Wiederaufbau, der nach jedem Konflikt folgt und erneut gewaltige Gewinne abwirft. Und das Schlimmste, was ich mir denken kann, tritt dort ein, wo Vertreter großer Investmenthäuser, wie sie etwa BlackRock oder Goldman Sachs darstellen, in Regierungen sitzen. Dann nämlich entscheiden ausgerechnet jene an höchster Stelle, die vom Krieg, von der Krankheit und vom Leid am unmittelbarsten profitieren. Das ist, so empfinde ich es, das Endstadium, hinter dem kaum noch eine Steigerung denkbar ist.


Das Mitgefühl, die Fähigkeit, im Gegenüber ein fühlendes Wesen mit eigenen Hoffnungen, Ängsten und Angehörigen zu sehen, ist die letzte und stärkste Hemmung gegen die Grausamkeit. Wer Feindschaft schüren will, muss daher zuerst diese Hemmung beseitigen, und das wirksamste Werkzeug dafür ist nicht die Waffe, sondern das Wort.


Der Psychologe Albert Bandura hat beschrieben, dass der Gewalttat in aller Regel die Entmenschlichung des Opfers vorausgeht. Bevor man einem Menschen Schaden zufügt, muss man ihn in der eigenen Wahrnehmung erst aus der Gemeinschaft der Menschen herauslösen, und nichts leistet das leiser und gründlicher als ein sorgfältig gewähltes Wort. Eben darum werden kritische Stimmen, zu denen ich auch die meine zähle, von vielen Seiten angegriffen und verleumdet, denn wer einen Menschen erst unglaubwürdig gemacht hat, muss seine Argumente nicht mehr widerlegen, weil ihm ohnehin niemand mehr zuhört. Es gehört zu den verlässlichsten Taktiken jeder Herrschaft, den Widerstand schon im Keim zu ersticken, indem sie den Überbringer beschädigt, statt die Botschaft zu prüfen.


Bandura nannte diesen inneren Vorgang die moralische Entkopplung, jene gedankliche Trennung, die es einem ansonsten anständigen Menschen erlaubt, das eigene Gewissen für die Dauer der Tat stillzustellen.


Diese Entkopplung beginnt im Sprachgebrauch der öffentlichen Auseinandersetzung, und sie verfährt nach einem immer gleichen Muster. Die Regierung, die man verächtlich machen will, heißt fortan nicht mehr Regierung, sondern Regime. Eine Glaubensgemeinschaft schrumpft zu einem abschätzigen Sammelbegriff, ein ganzes Volk wird auf das Bild seines Herrschers verkürzt, und aus Millionen einzelner Menschen mit Gesichtern wird der Russe, der Deutsche, der Amerikaner oder der Fremde, stets im trügerischen Singular, der das Viele zum bedrohlichen Einen verschmilzt. Es ist dabei gleichgültig, gegen wen sich dieser Singular gerade richtet, denn das Verfahren ist überall dasselbe. Jede Seite eines Konflikts bedient sich desselben Wörterbuchs, und jede hält die eigene Herabsetzung für eine bloße Beschreibung der Wahrheit, während sie in der des Gegners die nackte Hetze erkennt. Wer den Mechanismus durchschaut, erkennt ihn an beiden Ufern zugleich.


Am verräterischsten wird die Sprache dort, wo sie für dieselbe Handlung zweierlei Namen bereithält. Was bei den Unsrigen ein Befreier ist, heißt beim Gegner ein Terrorist. Was hier als entschlossene Verteidigung gilt, gilt dort als feiger Überfall. Dieselbe Tat, dasselbe Amt, dasselbe Vorgehen trägt einen Namen, wenn der Freund es begeht, und einen anderen, wenn der Feind es tut. Dieses zweierlei Maß ist keine Nachlässigkeit der Rede, sondern ihre Bewaffnung, denn es bereitet leise den Boden, auf dem später die Gewalt geschehen darf, ohne dass noch jemand Mitleid empfände.


Derselben Verformung bedienen sich auch staatliche Strukturen, wenn sie unbequeme Bürger zu Nazis, Antisemiten, Verschwörungstheoretikern oder Schwurblern erklären, um sie zu entmenschlichen und mundtot zu machen. Es ist genau dieselbe Bewegung, nur dass sie diesmal von oben kommt, und sie wirkt nach demselben Gesetz, das der folgende Gedanke beschreibt.


Der Sozialpsychologe Gordon Allport hat in seiner Untersuchung über das Wesen des Vorurteils die Stufenfolge beschrieben, auf der die Geringschätzung emporsteigt. Am Anfang steht stets das bloße Reden, die abfällige Bemerkung, der Spott im vertrauten Kreis. Darauf folgt das Meiden, dann die Benachteiligung, dann der tätliche Angriff, und an ihrem äußersten Ende steht die Vernichtung. Das Entscheidende an dieser Treppe ist, dass keine Stufe für sich genommen schon das Ende verlangt, dass aber jede Stufe die nächste vorbereitet und das Unvorstellbare in kleinen, je für sich harmlos erscheinenden Schritten erreichbar macht. Die erste Stufe ist immer das Wort. Ehe ein Mensch dem anderen Gewalt antut, hat die Sprache ihm längst den Namen und das Gesicht genommen.


Wer die unterste Stufe dieser Treppe in Reinform betrachten will, muss nur die Kommentarspalten der digitalen Öffentlichkeit aufschlagen. Dort schreiben Menschen über andere, die sie nie getroffen haben, Sätze, die sie keinem Gegenüber von Angesicht zu Angesicht zu sagen wagten. Die Entfernung des Bildschirms und der Schutz der halben Namenlosigkeit lösen dieselbe Hemmung, die im persönlichen Gespräch noch wirkt. Aus Menschen werden Konten, aus Meinungen Lager und aus dem Widerspruch die Beschimpfung. Es ist die kleine, alltägliche Werkstatt, in der das Wort vor dem Schlag eingeübt wird, und sie steht jedem offen, der ein Gerät in der Hand hält.

VI. Die Hand, die niemand gewesen sein will

Damit Feindschaft in Handlung umschlägt, bedarf es eines Letzten. Es genügt nicht, dass die Menschen sich fürchten und einander mit Worten herabsetzen. Irgendwann muss eine Hand sich heben, und das Bemerkenswerte ist, dass am Ende fast niemand diese Hand gewesen sein will. Nichts kommt der Macht dabei gelegener als eine Autorität, die jedes Verbrechen unter den Teppich kehrt und unter deren Dach sich der Einzelne von seiner Schuld freisprechen darf. Man habe ja nur Befehle befolgt, man habe nur den Rechtsstaat gestützt, man habe sich nur an die Regeln gehalten, und ehe man sich versieht, liegen Millionen Menschen unter der Erde, ohne dass sich auch nur einer als ihr Mörder begreift.


Stanley Milgram hat in seinen Versuchen zum Gehorsam beschrieben, was mit einem Menschen geschieht, der sich als bloßes Werkzeug eines fremden Willens begreift. Er nannte es den Zustand der Stellvertretung, einen inneren Umschaltvorgang, bei dem der Einzelne aufhört, sich als Urheber seines Tuns zu erleben. Die Handlung bleibt, doch das Gefühl der Verantwortung für sie verschwindet. Der Mensch führt weiter aus, was er ausführt, empfindet es aber nicht mehr als sein eigenes Werk, sondern als das Werk dessen, der den Befehl gab. In diesem Zustand sind gewöhnliche Menschen zu Dingen fähig, die sie aus eigenem Antrieb niemals erwogen hätten.


Dass dies kein Kunstprodukt des Labors ist, zeigte wenige Jahre später ein Versuch des Psychiaters Charles Hofling, der unter die Haut geht, weil er im wirklichen Krankenhaus stattfand. Eine unbekannte Stimme am Telefon, die sich als Arzt ausgab, wies Krankenschwestern an, einem Patienten eine offenkundig überhöhte und nicht ordnungsgemäß angeordnete Dosis eines Medikaments zu verabreichen. Beinahe alle waren bereit, der Anweisung zu folgen, obwohl sie gegen jede Vorschrift und gegen ihr eigenes Fachwissen verstieß, einzig weil eine vermeintliche Autorität sie erteilt hatte. Was Milgram im Versuchsraum nachwies, geschieht also auch dort, wo es um Leben und Tod geht, und es geschieht durch ausgebildete, gewissenhafte Menschen, sobald der Befehl von oben zu kommen scheint.


Man braucht für diesen Zustand keine Versuchsanordnung, er begegnet einem im Alltag an jedem Schalter. Wer je versucht hat, einer freundlichen Stimme am anderen Ende einer Telefonleitung ein offensichtliches Unrecht zu schildern, kennt die Antwort. Man könne da nichts machen, das sei nun einmal das System, die Vorschrift, die Anweisung von oben. Der Mensch, der dies sagt, ist kein Unmensch. Er hat ein Formular vor sich, eine Maske auf dem Bildschirm und ein Regelwerk im Rücken, und er hat gelernt, dass die Frage, ob etwas richtig sei, nicht zu seiner Aufgabe gehört, sondern allein die Frage, ob es den Vorschriften entspreche. Jeder einzelne Handgriff erscheint harmlos. Erst ihre Summe ergibt die zerstörte Existenz.


Verschärft wird dies durch einen Mechanismus, den die Sozialpsychologen John Darley und Bibb Latané in ihren Untersuchungen zur unterlassenen Hilfeleistung beschrieben haben. Je mehr Menschen einer Notlage beiwohnen, desto unwahrscheinlicher wird es, dass einer von ihnen eingreift, denn die Verantwortung verteilt sich auf viele Schultern, bis sie auf keiner mehr lastet. Jeder nimmt an, ein anderer werde schon handeln, und so handelt am Ende niemand. Große Machtapparate machen sich genau dieses Gesetz zunutze. Sie zerlegen jede Tat in so viele Teilschritte und verteilen diese auf so viele Hände, dass kein Einzelner sich noch für das Ganze verantwortlich fühlt. Der eine erlässt die Anordnung, ohne sie zu vollstrecken, der zweite vollstreckt sie, ohne sie erlassen zu haben, und der dritte hat lediglich ein Papier abgezeichnet.


Am sichtbarsten verkörpert sich diese Umschaltung im Beamten, der eine Versammlung räumt oder einkesselt, die der Obrigkeit nicht genehm war. Er erhält einen Befehl, und der Befehl löst ihn von der Frage, ob das Verlangte recht sei. Wenn er auf Menschen einschlägt, die niemandem etwas zuleide getan haben, sagt er sich, er führe nur aus, was angeordnet wurde. Doch die Hand am Schlagstock gehört ihm und nicht dem Befehl, denn der Befehl hat keine Finger. Die älteste Entschuldigung der Geschichte besteht aus wenigen Worten, man habe lediglich seine Pflicht getan, und sie war noch nie eine Entschuldigung, sondern stets nur eine Verschiebung. Wer gehorcht, bleibt der Urheber dessen, was seine Hand vollbringt.


Hinzu kommt schließlich die Furcht vor dem Ausschluss aus der eigenen Reihe, die oft schwerer wiegt als die Furcht vor dem Unrecht. Der Mensch ist ein geselliges Wesen, und die Aussicht, von den Seinen verstoßen zu werden, schreckt ihn mehr als die Aussicht, einem Fremden Unrecht zu tun. So schlägt mancher mit, nicht weil er hasst, sondern weil er dazugehören will, und er fürchtet den Spott der Kameraden mehr als die Stimme des eigenen Gewissens.

VII. Die Spirale des Schweigens

Bis hierhin könnte der Eindruck entstehen, die Spaltung gelinge nur, weil so viele Menschen sie aktiv betreiben. Doch das ist ein Irrtum, und es ist vielleicht der folgenreichste. Die meisten Verheerungen der Geschichte wurden nicht dadurch möglich, dass plötzlich Millionen Menschen von Hass ergriffen wurden. Sie wurden möglich, weil genügend Menschen schwiegen.


Der Psychologe Salomon Asch hat in einem berühmten Versuch gezeigt, wie weit dieses Schweigen reicht. Er legte einer Gruppe einfache Aufgaben vor, bei denen die Versuchspersonen die Länge von Linien vergleichen sollten, deren Lösung auf den ersten Blick eindeutig war. Doch die meisten Anwesenden waren eingeweiht und gaben einstimmig eine offensichtlich falsche Antwort. Ein erheblicher Teil der ahnungslosen Probanden schloss sich daraufhin der falschen Mehrheit an und verleugnete das Zeugnis der eigenen Augen, nur um nicht als Einziger zu widersprechen. Wenn der Mensch schon bei der Länge zweier Linien einknickt, sobald die Mehrheit etwas anderes behauptet, wie viel leichter gibt er dann sein Urteil über strittige Fragen preis, bei denen kein Lineal die Wahrheit verbürgt.


Die Meinungsforscherin Elisabeth Noelle-Neumann hat aus dieser Beobachtung ein gesellschaftliches Gesetz abgeleitet, das sie die Schweigespirale nannte. Wer den Eindruck gewinnt, mit seiner Meinung in der Minderheit zu stehen, neigt dazu, sie für sich zu behalten, aus Furcht vor Spott und Vereinzelung. Dadurch wird die scheinbar herrschende Meinung immer lauter und die scheinbar unterlegene immer leiser, ganz gleich, wie viele Menschen sie in Wahrheit teilen. Am Ende beherrscht eine Stimmung das Feld, die niemand geprüft hat und die kaum jemand mehr zu bestreiten wagt, weil jeder den anderen für überzeugt hält.


Daraus erwächst ein eigentümlicher Zustand, den die Sozialpsychologie pluralistische Ignoranz nennt. Es ist die Lage, in der die Mehrheit etwas innerlich ablehnt, aber jeder Einzelne glaubt, mit dieser Ablehnung allein zu sein, weil alle anderen schweigen. Jeder richtet sich nach einem Schein, den alle gemeinsam erzeugen und an den keiner wirklich glaubt. Man kennt das aus der Sitzung, in der ein fragwürdiger Beschluss gefasst wird, während ringsum alle nicken, obwohl mancher unter dem Tisch die Faust ballt. Man kennt es vom Familientisch, an dem ein Verwandter gehässige Sätze über eine ganze Menschengruppe spricht und die Übrigen betreten in ihre Teller blicken, nicht aus Zustimmung, sondern um des lieben Friedens willen. Jedes dieser Schweigen erscheint dem Schweigenden klein und entschuldbar. In ihrer Summe aber bilden sie das Schweigen, in dem die Spaltung gedeiht.


Im Aufruhr der Menge schließlich verstärkt sich all dies noch. Der frühe Beobachter der Massen, Gustave Le Bon, hat, bei aller Fragwürdigkeit mancher seiner weiteren Schlüsse, eine bleibende Beobachtung festgehalten. Im Sog der Menge sinkt das Verantwortungsgefühl des Einzelnen, weil er sich in der Vielzahl verbirgt und glaubt, das Gesetz der eigenen Person sei für die Dauer des Rausches außer Kraft gesetzt. Was niemand allein täte, tut die Menge, und hinterher will es keiner gewesen sein.


Hier liegt zugleich die hoffnungsvollste Einsicht dieses Kapitels verborgen. Wenn das System der Spaltung so sehr auf dem Schweigen beruht, dann besitzt jeder, der zu sprechen wagt, eine Macht, die er sich selten zutraut. Eine einzige Stimme, die der scheinbaren Mehrheit ruhig widerspricht, kann die Spirale zum Stehen bringen, denn sie zeigt allen übrigen Schweigenden, dass sie nicht allein sind. Der Mut des Einen macht den Mut des Zweiten möglich, und schon das Wissen, nicht der einzige Zweifler zu sein, löst die Zunge der Vielen.

VIII. Den Menschen wiedersehen

Wenn die Verwandlung des Nachbarn in den Feind ein Handwerk mit erkennbaren Schritten ist, dann gibt es auch ein Gegenhandwerk, und es beginnt nicht auf dem Schlachtfeld, sondern im Denken jedes Einzelnen.


Die erste und wichtigste Verteidigung besteht darin, das Verfahren als Verfahren zu durchschauen. Wer erkennt, dass die Einteilung in ein Wir und ein Sie künstlich erzeugt wurde, dass die Furcht geweckt und nicht gefunden, die Behauptung wiederholt und nicht bewiesen, der Name verächtlich gemacht und das Schweigen organisiert wurde, der ist nicht länger das willenlose Material dieses Handwerks. Er hat sich ein Stück seiner Wahrnehmung zurückgeholt, und mit ihr ein Stück seiner Freiheit.


Viktor Frankl, der die Hölle der Lager überlebte und dennoch nicht am Menschen verzweifelte, hat von der letzten der menschlichen Freiheiten gesprochen, die keine Macht dem Menschen zu nehmen vermag. Es ist die Freiheit, die eigene Haltung zu wählen, gleichgültig unter welchem Druck. Man kann einem Menschen vieles nehmen, seinen Besitz, seine Sicherheit und beinahe seine Würde, aber nicht die Entscheidung, wie er innerlich auf das antwortet, was ihm widerfährt. In dieser letzten Freiheit liegt der Keim allen Widerstands gegen die Spaltung, denn sie erlaubt es, im anderen einen Menschen zu sehen, auch wenn alle Stimmen ringsum verlangen, in ihm den Feind zu sehen.


Aleksandr Solschenizyn, der den Archipel der Lager von innen kannte, hat die bequemste aller Lügen zerstört, die Vorstellung nämlich, das Böse hause stets bei den anderen. Die Trennlinie zwischen Gut und Böse, so seine Erkenntnis, verläuft nicht zwischen Völkern, Parteien oder Lagern, sondern mitten durch das Herz jedes einzelnen Menschen. Wer das begreift, kann die Welt nicht länger sauber in Schuldige und Unschuldige zerlegen, und ihm wird das Feindbild von innen heraus brüchig, weil er weiß, dass der Mensch auf der anderen Seite ihm ähnlicher ist, als die Erzählung es zulassen will.


Es ist bezeichnend, dass jener Versuch im Ferienlager, der aus harmlosen Jungen verfeindete Lager gemacht hatte, am Ende auch den Weg aus der Feindschaft wies. Sherif stellte fest, dass weder gutes Zureden noch gemeinsames Feiern die Verhärtung löste. Was die Gruppen wieder zusammenführte, war eine Aufgabe, die keine von beiden allein bewältigen konnte. Als die Wasserversorgung des Lagers versagte und als ein steckengebliebener Wagen nur mit vereinten Kräften zu bewegen war, mussten die verfeindeten Jungen zusammenwirken, und über der gemeinsamen Mühe schmolz die Feindschaft dahin. Die Lehre daraus ist schlicht und doch folgenreich. Menschen, die an einem geteilten Werk arbeiten, hören auf, einander als Gegner zu sehen, denn das gemeinsame Ziel zeichnet ein neues, größeres Wir, in dem die alte Grenze keinen Sinn mehr ergibt.


Der Hirnforscher Joshua Greene hat beschrieben, dass das sittliche Empfinden des Menschen für die kleine, vertraute Gruppe gemacht ist, für das nahe Wir, und dass es vor der fremden Gruppe oft versagt. Die Aufgabe der Gegenwart bestehe deshalb darin, diesen angeborenen Kreis des Mitgefühls bewusst zu weiten, über die eigene Sippe, die eigene Fahne und das eigene Lager hinaus. Das geschieht nicht von selbst, denn es widerspricht einem alten Hang, und doch ist es möglich, weil dieselbe Maschinerie, die trennt, sich auch auf das Verbindende richten lässt.


Am Ende kehrt alles zu einer Einsicht zurück, die Étienne de La Boétie schon vor fast fünf Jahrhunderten aussprach. Keine Herrschaft, die Menschen gegeneinander treibt, besitzt eine Macht außer jener, die ihre Beherrschten ihr täglich leihen. Die Spaltung lebt von der Mitwirkung der Gespaltenen, und sie endet in dem Augenblick, in dem genügend Menschen ihr die Mitwirkung verweigern. Václav Havel hat dieses Verweigern in das Bild eines Händlers gefasst, der eines Tages aufhört, die vorgeschriebene Parole ins Schaufenster zu stellen, und beschließt, in der Wahrheit zu leben. Es ist eine kleine Geste, und doch beginnt mit ihr das ganze Gebäude der erzwungenen Übereinstimmung zu wanken.


So verschiebt sich die entscheidende Frage am Schluss von den Völkern und den Fahnen auf den einzelnen Menschen. Sie lautet nicht, welche Herkunft er hat, welchen Gott er anruft oder welcher Gruppe er sich zurechnet. Sie lautet allein, ob er bereit ist, im anderen weiterhin einen Menschen zu sehen. Solange diese Fähigkeit erhalten bleibt, wird es schwer sein, aus Nachbarn Feinde zu machen, und kein noch so geschicktes Handwerk der Spaltung wird vollständig gelingen. Geht sie aber verloren, dann wird selbst die friedlichste Straße verwundbar, und der gewöhnliche Frieden, von dem dieses Buch ausging, zerfällt zu Staub. Den Menschen im anderen wiederzusehen ist deshalb kein frommer Wunsch, sondern die letzte und wirksamste Form der Notwehr.

IX. Der ideologische Nullpunkt

Am Ende dieses Weges will ich die Linien zu einem letzten, tieferen Bild zusammenführen. Es ist möglich, dass Menschen innerhalb ihrer Gruppen friedlich zusammenleben, und es ist ebenso möglich, dass Menschen verschiedener Gruppen miteinander wirken, dass sie zwischen Ländern Handel treiben und Ressourcen tauschen. Solange diese Menschen unter sich bleiben, herrscht Frieden. Dringt jedoch eine fremde Ideologie oder eine fremde Religion in ein gewachsenes Gefüge ein, ohne sich ihm einzufügen, so führt das früher oder später zum Konflikt, und die Herrschenden wissen das genau.


Eben deshalb greifen die Herrschenden nicht selten zur Migration als Waffe, um Völker in Unordnung zu stürzen und aus dem entstehenden Chaos ihre geopolitischen Absichten zu verwirklichen. Religionen und Sekten arbeiten nach demselben Prinzip. Innerhalb einer tief gläubigen Gemeinschaft sind sich die Menschen einig, sie richten ihr ganzes Leben um das gemeinsame Bekenntnis herum und sind mit ihrem Eintritt zufrieden, doch sobald dieses Gefüge nach außen drängt oder von außen aufgebrochen wird, beginnt dieselbe Reibung von Neuem.


Und wenn man dies alles weiß, wenn man also begreift, dass gerade diese Unverträglichkeiten untereinander zu Chaos, Gewalt, Unsicherheit und Unzufriedenheit führen, und dennoch genau jene politischen Entscheidungen trifft, die solche Spannungen erzwingen, dann gleicht das einer Zwangsverheiratung zweier Menschen, die einander nie gewählt haben. Es ist zerstörerisch und führt zu nichts. Soll ein Zusammenwachsen überhaupt gelingen, so muss es ein dynamischer und natürlicher Vorgang sein, in dem der Mensch zuerst ein anderes Bewusstsein erreicht. Zwingt man die Menschen jedoch mit Gewalt in eine solche Perspektive hinein, so wird es nach hinten losgehen.


Mancher wird dann erneut einen Krieg entfachen, um die Menschen durch Not und Leid wenigstens für einen Augenblick zusammenzutreiben, so wie im bereits erwähnten Lager der Klapperschlangen und der Adler nach Muzafer Sherif erst eine gemeinsame Notlage die verfeindeten Gruppen wieder vereinte. Doch auch das hält nur für die Zeit des Wiederaufbaus und schlägt danach wieder um, weil jedes Volk seine Wurzeln und seinen Rückzugsort braucht, so wie der Ureinwohner den Stamm braucht, den er kennt.


Die eigentliche Frage aber, die am Schluss meiner Betrachtung steht, betrifft jene Menschen, die sich nicht spalten lassen wollen, die weder einer Religion noch einer Partei noch einem demokratischen oder diktatorischen Zwangssystem angehören mögen. Haben diese Menschen kein Recht auf Freiheit, kein Recht, ihr Leben selbst zu gestalten oder gar eine eigene Lebensform zu entwickeln? Warum sollen wir uns immer wieder den herrschenden Auswüchsen unterwerfen, uns in Kriege treiben lassen, die wir nicht wollen, einen Wehrzwang hinnehmen, also eine Wehrpflicht, an der wir nicht mitwirken wollen, und uns politischen Zwängen beugen, die nicht für uns, sondern gegen uns sprechen? Ich vermag nicht einzusehen, weshalb der Mensch dies alles widerspruchslos ertragen soll.


Denn ich bin überzeugt, dass wir nicht für Gottheiten, Ideologien, Regierungen oder Konzerne auf diese Welt gekommen sind. Wir sind nicht hier, um zu ideologischen Gefäßen für Machthaber und für machtbesessene Gestalten zu werden, die uns immer wieder in Kriege und Konflikte treiben. Wir leben auf einer Erde, die im Grunde ein Paradies sein könnte, und doch machen wir aus ihr eine Hölle und ein Gefängnis, in dem wir uns gegenseitig bekämpfen, in dem wir sogar die Strukturen finanzieren, die uns in diese Perversion treiben und darin halten, und in dem wir die Brandstifter bezahlen, die uns in Kriege und Konflikte führen, von denen sie leben.


Sollten wir wirklich den Anspruch haben, uns evolutionär weiterzuentwickeln, und nicht länger vorhaben, uns spalten zu lassen, sondern den aufrichtigen Drang verspüren, wieder füreinander zu fühlen und ernsthaft miteinander zu kooperieren, dann müssen wir einander auf dem ideologischen Nullpunkt begegnen, als Menschen und nicht als Träger einer von außen aufgezwungenen Perversion. Solange es Gottheiten, Ideologien, Religionen und Parteien gibt, an die wir unsere ganze Identität binden, werden wir immer wieder fallen, immer wieder gegeneinander ausgespielt und immer wieder in Kriege getrieben werden. Irgendwann muss der Mensch zur Vernunft kommen und sich eingestehen, dass allein die Freiheit und der Frieden von Bedeutung sind.


Begegnen wir einander als Menschen mit Gefühlen, mit Sehnsüchten und mit dem schlichten Wunsch, frei und selbstbestimmt zu leben, statt als Sektenmitglieder, als Sklaven oder als Opfer einer demokratischen Massenvergewaltigung, dann können wir aus dieser Welt jenes Paradies gestalten, das sie zu sein vermag. Begegnen wir einander dagegen weiterhin durch unsere Ideologien, also durch aufgezwungene Narrative, Dogmen und Bekenntnisse, so werden wir in einem fortwährenden Konflikt leben und den Frieden, den man uns verspricht, niemals erfahren, weil wir stets aufs Neue auf dieselben Brandstifter und Kriegstreiber hereinfallen, die davon profitieren, wenn wir dauerhaft in Konflikten und Krisen gehalten werden.


Auch in der gegenwärtigen Auseinandersetzung um die Migration ging es nach meiner Überzeugung nie darum, dem Migranten zu helfen oder ihn vor dem Krieg zu bewahren. Es ging darum, Menschen aufeinanderprallen zu lassen, die sich ideologisch und kulturell unterscheiden, um aus dieser Reibung die Konfliktpotenziale zu gewinnen und sie politisch nutzbar zu machen.


Die politischen Akteure wussten genau, dass es nicht gut ausgehen würde, doch gerade darin lag für sie die Gelegenheit, denn aus dem erzeugten Konflikt ließen sich neue Gesetze beschließen, die sich am Ende nicht allein gegen die Migranten richten, sondern gegen alle, und die sich ohne diese Zuspitzung niemals so leicht hätten durchsetzen lassen. Ohne die U-Bahn-Schubser, die Vergewaltigungen und die Messerstecher in den Schlagzeilen gäbe es keine neuen Überwachungsgesetze, keinen Einsatz von Analysesystemen wie Palantir und keine flächendeckende Überwachung. So wurde die Lage am Ende strategisch genutzt.


Doch kommen wir zum Schluss. Wir können auf jeden Fall miteinander kooperieren und uns friedlich begegnen, doch nur auf einer fairen, gerechten und von jeder Ideologie freien Fläche. Erst dort, wo wir die ideologischen Perversionen, die Religionen, die Bekenntnisse und die politischen Lager hinter uns lassen und im anderen nichts weiter erkennen als einen Menschen, hört das Handwerk des ständigen Konflikts, der ewigen Kriege und des Missbrauchs auf zu wirken, das aus Nachbarn Feinde macht.


Solange wir dauerhaft in Konkurrenz zueinander stehen und uns immer wieder spalten lassen, statt gemeinsam an etwas Fairem und Gerechtem zu arbeiten, das für uns alle wirkt, werden sich die Geschichte, das Leid und die Kriege immer und immer wieder wiederholen. Wir haben es in der Hand, eine bessere Welt zu gestalten, wenn wir es nur wirklich wollen, eine Welt ohne Herrscher, errichtet auf einem neuen Fundament, das nicht gegen uns arbeitet, sondern für uns und unsere Nachkommen.


Denn welches Erbe wollen wir sonst unseren Kindern und den nachfolgenden Generationen hinterlassen? Etwa Kriege, die von den Brandstiftern in der Politik immer wieder inszeniert und für uns vorbereitet werden, damit unsere Söhne und unsere Töchter darin sterben? Oder den Raub, bei dem wir von Regierungsstrukturen und ihren Behörden ausgeplündert und mit immer neuen Steuern und Abgaben überzogen werden, damit wir in diesem Teufelskreis aus Missbrauch gefangen bleiben und auch unsere Kinder schon bald dasselbe durchleiden müssen? 


Oder soll es die Enteignung und die ideologische Erpressung sein, bei der wir im eigenen Land nicht einmal ein Stück Erde besitzen dürfen, weil alles bis zur Besinnungslosigkeit besteuert wird und am Ende nur den Herrschenden gehört, sodass eine Familie nicht einmal das Geburtsrecht hat, ein Stück Boden in dem Land zu besitzen, in dem sie zur Welt gekommen ist? 


Wollen wir der nachfolgenden Generation wirklich eine demokratische oder ideologische Knechtschaft übergeben, die niemals endet, die mit Gewalt unterlegt ist und auf Spaltung und Konflikt beruht, ein System also, das sich allein davon nährt, dass wir uns ohne Unterlass bekämpfen?


Wollen wir den ewigen Wettstreit darüber, wessen Gott der größere, wessen Partei die bessere und wessen Konto das vollere ist, und mit ihm den niemals endenden Krieg? Soll das wirklich die Lösung sein? Soll das unsere Zukunft sein, dass wir uns von Brandstiftern und Kriegstreibern des Lebens berauben lassen? Wollen wir ausgerechnet das unseren Kindern hinterlassen, dieses Erbe? Ich frage es in vollem Ernst.


Niemand von uns ist als Feind zur Welt gekommen. Man hat uns erst dazu gemacht, Schritt für Schritt, mit Worten, mit Furcht, mit ewiger Spaltung und mit dem immer gleichen Lied vom Wir und vom Sie. Doch was machtbesessene Psychopathen uns angetan haben, das können wir auch wieder ungeschehen machen, und es beginnt in dem Augenblick, in dem ein Einziger sich weigert, länger mitzuspielen, „Nein“ sagt und im anderen wieder einen Menschen sieht, der, genau wie man selbst, nichts weiter will, als frei und selbstbestimmt zu leben. 


Die Brandstifter besitzen kein eigenes Feuer. Es sind wir, die es ihnen reichen und die Brände mit den eigenen Händen für sie legen. Sie selbst haben keine Macht, sie hatten sie noch nie. Wir sind es, die schon immer ihre Befehle befolgten, in ihren Kriegen kämpften und ihre Verbrechen ausführten. Doch was wir ihnen gegeben haben, also die Macht und den Glauben an ihre Autorität und an ihre erfundenen Religionen und Ideologien, das können wir ihnen jederzeit wieder nehmen. 


Nehmen wir es ihnen. Dann, und nur dann, enden die Kriegshetze, die mediale Spaltung, der ewige Krieg und der Missbrauch der Völker dieser Welt. Dann hören wir auf, einander zu Feinden zu machen, weil der Spaltung jede Grundlage fehlt, und die Erde, die wir zur Hölle gemacht haben, darf endlich das werden, was sie immer hätte sein können, ein Paradies für dich und deine Kinder, deine Enkel und deine Freunde.


Quellen und weiterführende Literatur

Die folgenden Werke bilden die geistige Grundlage dieses Buches. Auf sie stützen sich die genannten psychologischen, soziologischen und philosophischen Einsichten, ohne dass ich daraus wörtlich zitiere, denn die Gedanken sind durchweg in eigene Worte gefasst.

Allport, Gordon W.: The Nature of Prejudice. 1954. (deutsch: Die Natur des Vorurteils.)

Asch, Salomon E.: Opinions and Social Pressure. In: Scientific American, 1955. Sowie die Konformitätsversuche von 1951.

Bandura, Albert: Moral Disengagement. How People Do Harm and Live with Themselves. 2016. Sowie: Moral disengagement in the perpetration of inhumanities. In: Personality and Social Psychology Review, 1999.

Bar-Tal, Daniel: Intractable Conflicts. Socio-Psychological Foundations and Dynamics. 2013.

Baumeister, Roy F.: Evil. Inside Human Violence and Cruelty. 1997.

Damasio, Antonio R.: Descartes' Error. Emotion, Reason, and the Human Brain. 1994. (deutsch: Descartes' Irrtum.)

Darley, John M. und Latané, Bibb: Bystander Intervention in Emergencies. Diffusion of Responsibility. In: Journal of Personality and Social Psychology, 1968.

Festinger, Leon: A Theory of Cognitive Dissonance. 1957. (deutsch: Theorie der kognitiven Dissonanz.)

Frankl, Viktor E.: …trotzdem Ja zum Leben sagen. Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager. 1946.

Greene, Joshua: Moral Tribes. Emotion, Reason, and the Gap Between Us and Them. 2013.

Hasher, Lynn, Goldstein, David und Toppino, Thomas: Frequency and the Conference of Referential Validity. In: Journal of Verbal Learning and Verbal Behavior, 1977. (zum Wahrheitseffekt der bloßen Wiederholung)

Havel, Václav: Versuch, in der Wahrheit zu leben (Die Macht der Machtlosen). 1978.

Hofling, Charles K. und andere: An Experimental Study in Nurse-Physician Relationships. In: Journal of Nervous and Mental Disease, 1966.

Kahneman, Daniel: Thinking, Fast and Slow. 2011. (deutsch: Schnelles Denken, langsames Denken.)

La Boétie, Étienne de: Von der freiwilligen Knechtschaft (Discours de la servitude volontaire). um 1548.

Le Bon, Gustave: Psychologie der Massen (Psychologie des foules). 1895.

LeDoux, Joseph: The Emotional Brain. 1996. (deutsch: Das Netz der Gefühle.)

Le Texier, Thibault: Debunking the Stanford Prison Experiment. In: American Psychologist, 2019. (kritische Aufarbeitung des Stanford-Versuchs)

Lippmann, Walter: Public Opinion. 1922. (deutsch: Die öffentliche Meinung.)

Milgram, Stanley: Obedience to Authority. An Experimental View. 1974. (deutsch: Das Milgram-Experiment.)

Noelle-Neumann, Elisabeth: Die Schweigespirale. Öffentliche Meinung, unsere soziale Haut. 1980.

Sapolsky, Robert M.: Behave. The Biology of Humans at Our Best and Worst. 2017. (deutsch: Gewalt und Mitgefühl.)

Sherif, Muzafer und andere: The Robbers Cave Experiment. Intergroup Conflict and Cooperation. 1961.

Simmel, Georg: Soziologie. Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung. 1908.

Solschenizyn, Aleksandr: Der Archipel Gulag. 1973.

Tajfel, Henri: Experiments in Intergroup Discrimination. In: Scientific American, 1970. Sowie: Tajfel und Turner, An Integrative Theory of Intergroup Conflict. 1979.

Zimbardo, Philip: The Lucifer Effect. Understanding How Good People Turn Evil. 2007. (deutsch: Der Luzifer-Effekt.)

Zuboff, Shoshana: The Age of Surveillance Capitalism. 2019. (deutsch: Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus.)


Die in diesem Buch geäußerten Einschätzungen zu gegenwärtigen Ereignissen, etwa zur Pandemie, zum Krieg um die Ukraine, zum Iran, zu großen Investmenthäusern und zur Migration, geben meine persönliche Überzeugung und Deutung wieder.

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0 Kommentare
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SilentHunter493 · 11.07.2026

Danke fürs Hochladen. Hab ich ja schon auf YouTube gesehen. Wird überall geteilt wo es geht. 👍

Der Demokrator - Teil 1
Dawid Snowden · 29.06.2026

:D

Der demokratische Machtmissbrauch
SupiDoofi ✌️😋👻🦔🦆🦔🐀 · 28.06.2026

HuHu ✌️😃👻🦔🐀🦔🦆 wir Sechs machen gerade absolut undemokratisch Frühstück. 🥖🍯☝️😋🍔🦔🍦🐀👻🧀🦔🥚🦆

Der demokratische Machtmissbrauch
anon-7ce24872 · 19.06.2026

ich hab was vergessen, das ich auch noch wichtig finde und zwar zu Dawids Überlegung, ob das Regulieren der Ängste, eine der wichtigsten Lebensaufgaben ist. ich denke ja. nicht nur Angst, sondern alle Gefühlslagen, die wir Menschen empfinden. mit denen hier über viele Generationen dieses schmutzige Spiel gespielt wird. das meine ich mit dem Streben des menschlichen Systems, nach Ausgewogenheit, die derzeit meist nur Schein ist. wenn wir es erreichen alles, was über- oder unterreguliert ist, in ein ausgewogenes Verhältnis zu bringen, werden wir in der Lage sein, sozusagen angemessen zu handeln und zu reagieren. in den Essays kann man sich ein umfangreiches Bild von vielen verschiedenen Bereichen machen, in denen unsere Gefühlswelten und Wahrnehmungen manipuliert wurden. Wut, Glücklichsein, streben nach Eigentum und Schaffen, Liebe usw. alle diese Dinge sind im Ungleichgewicht, sie in ein, für sich selbst, förderliches Gleichgewicht zu bringen wäre sinnvoll. keine Überdrehtheiten, keine Minderwertigkeitskomplexe, kein Neid usw

Sechs Merkmale von Menschen, die sich ni…
anon-7ce24872 · 19.06.2026

dann noch kurz zum Profi. der Profi hat's voll raus mit der Mustererkennung. der Profi sollte auch immer im Hinterkopf haben, dass die Souveränität, mit der er, zu Recht, in ein Muster einordnet, dazu führen kann, Unterschiede zu übersehen. Unterschiede, die hinter Vertrautem verborgen sind.

Sechs Merkmale von Menschen, die sich ni…
anon-7ce24872 · 19.06.2026

ich stimme zu, dass eine gut ausgeprägte Fähigkeit Muster zu erkennen, viele Bereiche des Menschseins stärkt und bereichert. im Text wird auch Bezug auf die Verbindung zu greifbaren Dingen genommen, um den klaren Verstand zu bewahren. die Hand lehrt auch dem Hirn - ja auf jeden Fall. hier die Verbindung zu meinen Fragen. ich will hier natürlicherweise dringend die gute alte Intuition ins Spiel bringen, die in meinem Selbst an sich schon rin Muster ist. das Muster habe ich früh angelegt, zwischendurch habe ich ihm nanchmal nicht vertraut - äußerst ungünstige Auswirkungen. also was sagt uns in einer unbekannten Situation, das etwas im Busch ist - die Intuition (postiv oder negativ), ich kann also das Muster ablegen "immer wenn ich dieses Gefühl habe, tue ich besser was, um etwas zu verhindern oder eher herbeizuführen", wenn die Erfahrung umbekannt ist, tut der Verstand gut daran kreativ (das finde ich total intelligent 😀) zu reagieren. das rein kognitive Muster kann dann angelegt werden, wenn die kreative Handlung geschehen. so kann man doch meinen, dass die Intuition auch so etwas wie die Hand für's Hirn ist. darin sind wir jeder noch so ausgetüftelten KI überlegen, behaupte ich jetzt mal. Vielleicht werden die Aspekte in uns uns einmal den Arsch retten. die Intuition ist nicht greifbar (das ist Denken auch nicht), sie ist erfahrbar und begreibar, so wie Gedanken und andere nicht messbare Dinge. es wäre fatal, würden wir uns auf Empathielose reduzieren. für mich ist Intuition ein Aspekt der Empathie.

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